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Lost Places

Lost Places Bayreuth: Der verschüttete Weiher

Verfallene Orte, vergessene Ruinen – seit Jahren nimmt das Interesse an sogenannten „Lost Places“ stetig zu. Insbesondere in der jungen Millennial-Generation ist ihr melancholisch-morbider Charme populär. Nur die wenigsten wissen jedoch, dass auch in unserem beschaulichen Bayreuth eine Vielzahl solcher verlassenen Stätten zu finden sind.

Unsere sechste Spurensuche führt uns zurück zur Stadtmauer und knüpft dort an, wo wir im herbstlichen November endeten – auf Bayreuths einzigem Boulevard, der Friedrichstraße. Von hier fällt das Straßenniveau zur Dammallee deutlich ab, das einstig sumpfige Tal des Sendelbachs diente der Stadt jahrhundertelang als natürliche Schutzbarriere gegen Angriffe aus Südost

Während der Bach aber zwischen hinterer Friedrichstraße und Wittelsbacherring noch weitgehend offen liegt, findet sich hier nun keine Spur mehr vom Wasserlauf. Kanalisiert und verrohrt fließt er versteckt unter der Bebauung bis hinter den Hohenzollernring. Wer kann schon erahnen, dass der kleine Sendelbach hier mal einen großen idyllischen Weiher samt Parkanlage speiste?

Das Dammwäldchen

Unten im Graben

Wir folgen der Kurve bis zur Kreuzung und erkennen zu unserer Rechten die Reste der mittelalterlichen Stadtmauer. Im 13. Jahrhundert auf der Anhöhe über dem Talgrund errichtet, thronte sie über den vom Bach gefüllten Unteren Graben, ein halbes Jahrtausend änderte sich hieran wenig. Nur wenige Meter von uns entfernt ragte zudem der mächtige Teufelsturm – einer der markantesten Wehrtürme – aus der Befestigung und wachte über anrückende Feinde. Im Garten des Steingraeber-Palais finden sich heute noch seine nahezu quadratischen Fundamente, das spätbarocke Palais selbst wurde ebenfalls auf Festungsresten erbaut.

Seit dem frühen 18. Jahrhundert gewann der freiheitliche Geist von Aufklärung und Entfestigung an Zugkraft, es sollte Schluss sein mit dem finsteren Mittelalter und seinen engen, dunklen Mauern. So wurde die alte Stadtmauer bis 1745 gänzlich an die Bürger:innen verkauft und in der Folge überbaut. Dieser pragmatische Ansatz konservierte die ursprüngliche Befestigung besonders gut, so dass die Wucht des alten Bollwerks hier bis heute deutlich spürbar ist. Fast kommt ein wenig Lost Places-Faszination auf – bis einem die vielen Autos auffallen, die diesen magischen Ort als Parkplatz nutzen.

Folgen wir der bebauten Festung weiter, so finden wir hier mit Sophienstraße 26 und 22 ein paar der ältesten Häuser Bayreuths, auch die malerische Von-Römer-Straße (früher Judengasse) mit ihren Sandsteinbauten ist erst durch die postbarocke Entfestigung entstanden. In beider Verbindungsgasse, von der Kämmereigasse kommend, floß ein Kanal des Stadtbächleins Tappert und spülte das Abwasser aus der mittelalterlichen Stadt – dort wo vor ein paar Jahren noch das französische Lokal “Miamiam Glouglou” ansässig war, befand sich sein kleiner Auslass.

Vom Graben aus entdecken wir hier am Gebäude zudem noch ein halbes Wappen, das an der Spitze eines Ravelins prangte – einem meist fünfeckigen Festungsbauwerk, dessen spezifischer Grundriss hier gleichfalls überdauert hat. Die kriegstechnischen Fortschritte jener Zeit machten viele Stadtbefestigungen jedoch bald militärisch nutzlos, auch der sumpfige Graben verlor seinen Zweck. Schon 1723 wurde deshalb zwischen ihm und der hoch aufragenden Mauer eine erste Begrünung geschaffen und auf seinem Damm eine mit Bäumen gesäumte Allee angelegt – die Dammallee.

Stadtpark am Wasser

Ganz im neuen Geiste wurde der alte Wehrgraben ab 1746 zu einem idyllischen Weiher umgestaltet. Allerdings verspätete sich die Fertigstellung deutlich, schon hier nimmt seine wechselhafte Geschichte ihren Lauf. Wie dem Stadtplan von 1758 zu entnehmen ist, wurde er anfangs in drei annähernd quadratische Wasserbecken geteilt – was jedoch die Strömung des Sendelbachs so stark verlangsamte, dass das Wasser zum Stehen kam und der Dammweiher kippte. Bereits damals gab es erste Pläne zur Planierung der gesamten Fläche und zur Anlage eines Exerzierplatzes, doch die hohen Kosten verhinderten dies vorerst.

Ab 1781 schuf man dann die Neue Anlage mit durchgehendem Bassin, zwei Inseln sowie steinernen Treppen zum Ufer hinab, auch ein übriggebliebenes Kriegsschiff aus dem sechs Jahre zuvor abgelassenen Brandenburger Weiher drehte hier seine Runden – im jetzigen Zustand eine geradezu unglaubliche Vorstellung! Schon 1789 wurden die Inseln aber wieder abgetragen um dauerhaft einen freien Durchfluss und somit bessere Wasser- und Luftqualität zu garantieren. Besonders in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der Stadtpark am Wasser nun zu einem beliebten Erholungsort und Treffpunkt der Gesellschaft. Gar ein Biergarten wurde im Dammwäldchen eingerichtet, dem einzigen Teil des Parks, der heute noch existiert.

Während das Ende des großen Weihers bei St. Georgen schon mit dem Niedergang unserer Residenzstadt kam, läutete erst die Industrialisierung das Ende des Dammweihers ein. Ausgerechnet das giftige Abwasser der neuen Gasfabrik ab 1852 – Erzeugerin der innovativen städtischen Gasbeleuchtung – verseuchte Sendelbach und Weiher irreversibel. Ein stinkender Nebel aus Teeröl, Ammoniak und Holzessig tötete alles Leben ab und machte die Parkanlage unbenutzbar. Dieser grüne Erholungsraum wurde ein erstes von vielen Opfern mutwilliger Umweltverschmutzung.

Seiner Aufenthaltsqualität beraubt wurde das zentral gelegene Areal schnell begehrtes Bauland für die industrielle Stadtexpansion. 1860, nur acht Jahre nach Inbetriebnahme der Gasfabrik, war der Dammweiher bereits verfüllt und zugeschüttet – übrig blieb nur der kanalisierte Sendelbach im Untergrund, von dem kaum noch jemand weiß. Die komplette Wasserfläche wurde rasch mit Fabriken, Wohnhäusern und der ersten Turnhalle der Stadt (heutiger RWG- Sportplatz) bebaut, insbesondere das kurz nach dem Bau abgesackte Gebäude Dammallee 21 zeigt jedoch wie instabil der künstlich verfüllte Baugrund lange war.

Nur die Uferpromenaden blieben erhalten – wo wir einst entlang des Wassers flanieren konnten, folgen wir heute der Jahnstraße (früher Hintere Dammallee) in eine Sackgasse. Nur ein kleiner Schleichweg eröffnet uns die Möglichkeit zurück quer “über den Weiher” und wer hier am Gullydeckel genau hinhört, kann das Rauschen des Sendelbachs noch wahrnehmen.

Zurück zur Natur!

Wieder zurück auf der Vorderen Dammallee folgen wir dem restlichen Festungsverlauf und entdecken noch den Schwertlesturm, den letzten erhalten Wehrturm der Stadtbefestigung. Während er früher frei über dem Gelände thronte, ist er heute zugebaut und eingezwängt zwischen mehr oder minder angemessener Architektur.

Am spurlos verschwundenen Unteren Tor, dort wo sich heute Dammallee und Maximilianstraße kreuzen, endet diesmal unser Spaziergang. Auch hier sind alle Ströme und Gräben verrohrt und verschüttet. Man mag es kaum glauben, doch Bayreuth war einst eine von Gewässern umspülte Stadt – mit Mühlkanal, Main und Sendelbach existierte fast schon ein geschlossener Wasserring. Doch einhundert Jahre Industrialisierung, Betonierung und Asphaltierung haben das Naturidyll verdrängt und zerstört.

Glücklicherweise wurde dieser Irrweg mittlerweile erkannt, postmoderne Entfestigung und Renaturierung setzen sich immer mehr durch. Was mit der Freilegung des Canale an Opernstraße und Schlossterrassen 1998 begonnen hat, muss sich nun auch hier am verschütteten Dammweiher fortsetzen. Stadtpark statt Parkplatz, Wasser statt Asphalt – zumindest am Dammwäldchen und zwischen Jahnstraße und Hohenzollernring sollten die Wasserläufe geöffnet werden, um an diesem verlorenen Ort doch wieder ein bisschen Erholung zu finden.

Florian André Unterburger

Florian André Unterburger

Florian André Unterburger ist Autor und Historiker, im Rahmen seines Buchprojekts „Der Zerfall der Alten Ordnung“ hat er seine Leidenschaft für Lost Places entdeckt. Regelmäßig forscht er neuen Spuren des Umbruchs nach. Für das Bayreuther Tagblatt hat er die aufregendsten Spurensuchen zum Nachspazieren niedergeschrieben..

Lost Places: Der letzte Turm© Unterburger
Lost Places Bayreuth: Der Ehrenhof des Alten Schlosses mit einem Standbild von König Maximilian II. Foto: Florian André UnterburgerLost Places Bayreuth: Der Ehrenhof des Alten Schlosses mit einem Standbild von König Maximilian II. Foto: Florian André Unterburger