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Der Oberbürgermeister, der in die Gewehrläufe blickte

Bayreuth hatte mal einen Oberbürgermeister, der unter Flugangst litt und der nach einer unbedachten Landung in einen Haufen Gewehrläufe blickte.

Nachzulesen ist die Geschichte in einem Buch des Piloten mit dem Titel „Luftsprünge in die Weltgeschichte“.

Für das bt ausgegraben hat die Geschichte der Bayreuther Hobby-Historiker Stephan Müller. Und dessen Erzählung geht so:

Hans Walter Wild, 1958 bis 1988 insgesamt 30 Jahre lang Oberbürgermeister von Bayreuth, startete am 23. Juni 1966 mit seinem Freund Adam Hereth in dessen einmotorigen Flugzeug zu einer Reise nach Paris. Dabei hatte der damals 46-Jährige Wild eine ausgeprägte Aversion gegen das Fliegen und soll das auch regelmäßig unterstrichen haben durch den Satz: „Man muss sein Leben nicht aufs Spiel setzen, wenn man die Verantwortung für Frau und Kinder hat.“

Hans Walter Wild im Jahr 1961. Foto: Archiv Bernd Mayer

Jedenfalls sollte Wild auf Einladung des Vorsitzenden des Pariser Stadtrats, Dr. Pierre Devraigne, im Theater Marigny auf den Champs Elyseès einen Vortrag über „Wagner und Bayreuth“ halten. Und Karl Schmitt, der Flugleiter auf dem Flugplatz Bindlacher Berg, überzeugte ihn schließlich, dass ein Direktflug von Bayreuth nach Paris völlig unproblematisch sei und er sich im Gegensatz zu der langen Autofahrt viel Zeit sparen würde.

Foto: Jelle Vandebeeck

Abflug Bindlach

So hob die kleine Maschine eines schönen Donnerstags bei Bilderbuch-Wetter ab. Wild und Hereth genossen die Ausblicke auf Bamberg und Würzburg, überquerten Neckar, Rhein und den Pfälzerwald, bis Hereth stutzig wurde: Am Horizont tauchte ein Tiefdruckgebiet auf. In der Nähe von Verdun erwogen die beiden schließlich umzukehren, weil ihre Sicht durch eine dicke Wolkendecke behindert war und in der Maschine keine Blindflug-Anlage installiert war. Da soll Wild gerufen haben: „Rechts von uns ist ein großer Flugplatz!“ Hereth muss eine Rechtskurve geflogen sein und schließlich den riesigen Flugplatz Étain-Rouvres erblickt haben – einen amerikanischen NATO-Flugplatz.

Dreimal um den Kontrollturm

Hereth bat die Amerikaner um Landeerlaubnis, erhielt aber keine Antwort. Um bemerkt zu werden, umflog er dreimal den Kontrollturm, der aber unbesetzt war. Dann landete er. Als Wild und Hereth gerade aus dem Flugzeug stiegen, ertönte ein sehr bestimmter, höchst unfreundlicher Ruf:

„Shut the door and stay inside!“

Wild und Hereth zogen sofort die Türen zu und sahen erst jetzt, dass auf beiden Seiten Soldaten mit schussbereiten Maschinenpistolen standen. Was folgte, war eine leise Unterhaltung im Cockpit. „Hast Du die bei der Landung gesehen?“ „Nein.“

„Du, ich glaube, die halten uns für Spione!“

Die Stimmung war gespannt und auch der innere Druck, der bei beiden eindeutig von der Blase kam, steigerte sich ins Unerträgliche.

Eine mehrstündige Untersuchung

Wild und Hereth durften die Maschine erst verlassen, als ein Sergeant erschien, der die Beiden abführte. Es folgte eine mehrstündige Untersuchung, in der Wild die näheren Umstände des Fluges schilderte und der Sergeant eine Kontaktaufnahme zum Flugplatz Bindlacher Berg veranlasste.

Das Ergebnis der Rückfrage befriedigte den US-Militär und seine Stimmung heiterte sich auf, als ihm Wild eine Zeitung unter die Nase hielt, in der ein großes Foto von ihm bei einer Amtshandlung als Oberbürgermeister mit Amtskette zu sehen war.

Hereth erinnert sich, was dann geschah: „Es gab Kaffee, der Sergeant verständigte ‚Paris-Control‘ über die Landung, lieferte die neuesten Wettermeldungen und bot sogar Benzin für den Weiterflug an“. Zum Schluss erfolgte eine herzliche Verabschiedung.

Zweites Verhör in Paris

Am frühen Nachmittag kamen sie endlich in Paris an. Doch statt Pierre Devraigne wurden Wild und Hereth von einem temperamentvollen französischen Zollbeamten in Empfang genommen, der lautstark gestikulierend Informationen über den Aufenthalt auf dem US-Stützpunkt wissen wollte. Die Zwischenlandung hätte die französischen Zollbestimmungen verletzt, erklärte der Mann, und Wild und Hereth wurden erneut zu einem Verhör abgeführt. Wild erklärte dort, dass die Lage ernst gewesen sei und man sich zwischen sicherem Tod und einer Notlandung unter Verletzung der französischen Zollbestimmungen habe entscheiden müssen. Dann trat Devraigne auf den Plan. „Er stürzte lautstark auf seinen Freund „Hans Walter“ zu und umarmte ihn herzlich.

Empfang im Rathaus von Paris: Hans Walter Wild und der Vorsitzende des Pariser Stadtrats, Pierre Devraigne. Foto: Archiv Bernd Mayer

Verbrieft ist ein Zitat von Hans Walter Wild:

„Das war wahrscheinlich mein letzter Flug.“


Text: Stephan Müller


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Stephan Müller

Stephan Müller (53) ist Stadtrat, Hobbyhistoriker, freiberuflicher Journalist und Autor zahlreicher Bücher zur Geschichte Bayreuths. Für das Bayreuther Tagblatt hat er sein Archiv geöffnet. Die besten Anekdoten gibt es künftig hier beim bt. Darunter Geschichten wie diese die bisher in keinem Buch veröffentlicht wurden.