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An das allerliebste „Bäsle-Häsle“: Mozarts geheime, obszöne Briefe

Bayreuth ist bekanntlich die Stadt der Markgräfin Wilhelmine, Richard Wagner-Stadt und Jean Paul-Stadt. Viele Berühmtheiten haben ihre Spuren in der Stadt hinterlassen. Und so ist Bayreuth auch ein wenig Mozart-Stadt. Hobbyhistoriker Stephan Müller weiß warum.

Carl Maria von Weber, der Cousin von Mozarts Frau Constanze, sammelte als Kind in der Schauspieltruppe seines Vaters im „Theater im Reithaus“, dem heutigen „Friedrichsforum“ erste Erfahrungen auf der Bühne. Ebenfalls in Bayreuth, dem „Theater im Reithaus“ gleich gegenüber in der „Postei“, wohnte Marianne Thekla Mozart. Mozarts Cousine, das „Bäsle“, verbrachte hier ihre letzten Jahre.

Mozart und seine Cousine hatten ein intimes Verhältnis. Sie schrieben sich regelmäßig Briefe. Briefe, die lange im Verborgenen blieben, weil sie anal-erotisch, obszön und unappetitlich waren.

Neun sehr drastisch derbe Briefe von Wolfgang Amadeus Mozart an seine Base von 1777 bis 1781 sind heute noch erhalten. So schrieb Mozart an sein Bäsle:

Jetzt muß ich Ihnen eine traurige geschichte erzählen, die sich jetzt den augenblick ereignet hat. (…).wie ich aufstehe, so höre ich nur noch etwas ganz schwach – aber ich schmecke so was angebrandtes – wo ich hingehe, so stinckt es. wenn ich zum fenster hinaus sehe so verliert sich der geruch, sehe ich wieder herein, so nimmt der geruch wieder zu – endlich sagt Meine Mama zu mir: was wette ich, du hast einen gehen lassen? –  ich glaube nicht Mama. ja ja, es ist gewiss so. Ich mache die Probe, thue den ersten finger im arsch und dann zur Nase, und – Ecce Probatum est, die Mama hatte recht. Nun leben sie recht wohl, ich küsse sie 10000mahl und bin wie allzeit der alte junge Sauschwanz.

Meine Schwester gibt Ihnen tausend cousinische Küsse, und der Vetter gibt Ihnen das was er Ihnen nicht geben darf.

Jetzt wünsch ich eine gute nacht, scheissen sie ins bett dass es kracht; schlafens gesund, reckens den arsch zum mund, ich gehe izt nach schlaraffen, und thue ein wenig schlaffen.

Wie mir Mannheim gefällt? — so gut einen ein ort ohne bäsle gefallen kann. Verzeihen sie mir meine schlechte schrift, die feder ist schon alt, ich scheisse schon wirklich bald 22 jahr aus den nämlichen loch, und ist doch noch nicht verrissen! – und hab schon so oft geschissen — und mit den Zähnen den dreck abbissen.

Bevor ich Ihnen schreibe, muß ich aufs Häusel gehen — ietzt ist’s vorbey! ach! — nun ist mir wieder leichter ums Herz! – jetzt ist mir ein Stein vom Herzen – nun kann ich doch wieder schmausen! – nu, nu, wenn man sich halt ausgeleert hat, ist’s noch so gut leben.

In seinen Briefen an das „Bäsle-Häsle“ befreite sich Mozart für einen Moment vom beständigen Druck seiner ungewissen Zukunft. Hier lebte er auf und brachte die unernste, komische Seite seines Wesens zum Klingen. Nach der Veröffentlichung war die Mozart-Gemeinde entsetzt. Noch 1914 in der ersten kritischen Gesamtausgabe der Briefe wurden alle anstößigen Stellen eliminiert. Die vermutliche Liebesaffäre wurde von vielen Mozartverehrern in bewusster Verdunkelung als „kleine Liebelei“ bagatellisiert. Das „Bäsle“ aber wurde als Empfängerin der Briefe unsterblich.


Text: Stephan Müller


Stephan Müller


Stephan Müller (53) ist Stadtrat, Hobbyhistoriker, freiberuflicher Journalist und Autor zahlreicher Bücher zur Geschichte Bayreuths. Für das Bayreuther Tagblatt hat er sein Archiv geöffnet. Die besten Anekdoten gibt es immer wieder hier beim bt.

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