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Gesundheit

„Snus“ – Risiko für Jugendliche im Tabakfrei-Mantel

Nikotinbeutel wirken auf den ersten Blick wie eine harmlose Alternative zur Zigarette: kein Rauch, kein Tabak. Doch der Eindruck täuscht. Im Interview warnt Dr. Kerstin Hessenmöller, Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Bayreuth, vor den unterschätzten Risiken.

Nikotinbeutel werden in Bayreuth immer beliebter. Man sieht sie nicht nur in Social-Media-Videos auf TikTok, Instagram und Co., sondern auch im Alltag – liegend auf der Straße oder in Mülleimern: kleine weiße Stoffbeutelchen.

Spricht man Nutzerinnen und Nutzer an, oft Jugendliche, hört man schnell: „Sie sind viel besser als Tabak.“ Warum? Man müsse nichts rauchen – das Nikotin gelangt über die Mundschleimhaut in den Körper.

Das klingt interessant: ein Weg, Nikotin aufzunehmen, ohne dafür den hohen gesundheitlichen Preis des Rauchens zahlen zu müssen, oder?

Zwar werden sie im Alltag oft als „Snus“ bezeichnet, tatsächlich handelt es sich jedoch um ein anderes Produkt: Snus enthält Tabak, Nikotinbeutel nicht. Das Nikotin in den kleinen weißen Beuteln wird entweder synthetisch hergestellt oder aus der Tabakpflanze extrahiert.

Nikotinbeutel gegenüber Snus

Snus und Nikotinbeutel ähneln sich in der Anwendung, unterscheiden sich aber wesentlich in ihren Inhaltsstoffen. Beide werden als kleine Beutel unter die Oberlippe gelegt und geben dort Nikotin über die Mundschleimhaut ab.

Der große Unterschied liegt im Tabakgehalt: Snus enthält echten Tabak und hat dadurch einen typischen Tabakgeschmack sowie eine schnellere Nikotinfreisetzung. Nikotinbeutel hingegen sind tabakfrei, bestehen meist aus pflanzlichen Fasern und sind häufig aromatisiert. Sie geben das Nikotin langsamer und über längere Zeit ab.

Kleine Beutel, große Wirkung

Die kleinen, zwischen Lippe und Zahnfleisch platzierten Beutel enthalten teils extrem hohe Mengen Nikotin – oft mehr als Zigaretten und vergleichbar mit Snus.

Mit bis zu 50 Milligramm Nikotin pro Beutel, oft kombiniert mit fruchtigen oder frischen Aromen, enthalten Nikotinbeutel deutlich mehr Nikotin als herkömmliche Zigaretten, die etwa 8 bis 13 Milligramm aufweisen.

Stark unterscheiden sie sich von Zigaretten und Snus jedoch in der Aufnahmerate: Der Körper nimmt bei Nikotinbeuteln rund 50 Prozent des enthaltenen Nikotins auf, bei Snus etwa 30 Prozent (vgl. Seite 5 ff. des Berichts des Bundesinstituts für Risikobewertung). Bei Zigaretten liegt die Aufnahme bei rund 15 Prozent.

Produkt Nikotin in Milligramm Aufnahmerate
Nikotinbeutel 13 mg 6,5 mg
Snus 13 mg 3,9 mg
Zigarette 13 mg 1,95 mg

Vorausgesetzt, die Nikotinmenge ist gleich (wobei Nikotinbeutel oft mehr enthalten), müsste eine Person fast die doppelte Menge Snus oder mehr als drei Zigaretten konsumieren, um denselben Nikotinwert im Körper aufzunehmen wie mit einem Nikotinbeutel.

Rechtliche Grauzone in Deutschland

In der EU ist Snus – außer in Schweden – verboten. Nikotinbeutel fallen in Deutschland in eine rechtliche Grauzone: Da sie keinen Tabak enthalten, gelten sie nicht als Tabakerzeugnis und unterliegen nicht dem Tabakgesetz, sondern dem Lebensmittelrecht.

Nikotin darf in Lebensmitteln nur in minimalen, natürlich vorkommenden Spuren enthalten sein – etwa liegt der zulässige Höchstwert in Gewürzen bei 0,3 mg pro Kilogramm. Nikotinbeutel überschreiten diesen Wert jedoch um ein Vielfaches. Auch wenn es keine spezifische gesetzliche Regelung für sie gibt, macht genau dieser Umstand ihren Verkauf in Deutschland de facto illegal.

Da Nikotin jedoch kein zugelassener Lebensmittelzusatzstoff ist, dürfen Produkte mit einem so hohen Nikotingehalt nicht als Lebensmittel verkauft werden. De facto ist der Verkauf damit illegal, auch wenn es keine explizite Regelung gibt.

Trotzdem sind sie weiterhin leicht zu bekommen. Viele ausländische Online-Shops liefern nach Deutschland, und manche Kioske oder Tankstellen verkaufen sie „unter der Ladentheke“. Rechtlich ist das riskant – kontrolliert wird es jedoch kaum. Für Jugendliche bleibt der Zugang damit nahezu uneingeschränkt.

Gesundheitsrisiken und Suchtpotenzial

Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt vor akuter Vergiftungsgefahr, Belastung des Herz-Kreislauf-Systems und hohem Suchtpotenzial – insbesondere, weil die Produkte diskret und schnell konsumiert werden können.

Jugendliche sind besonders gefährdet: Minze-, Beeren- oder Cola-Geschmack machen die Beutel attraktiv, und der schnelle, kräftige Kick erhöht das Risiko für Gesundheitsschäden und Nikotinsucht.

Kerstin Hessenmöller ist Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie bei den Gesundheitseinrichtungen des Bezirks Oberfranken (GeBo) in Bayreuth. Im Interview warnt sie vor den unterschätzten Risiken der kleine Kraftpakete.

„Die Anbieter dieser Nikotinbeutel müssten sofort gestoppt werden – eigentlich bräuchten wir ganz klare, verbindliche Regelungen.“

Ein Gespräch mit Kerstin Hessenmöller

Woran erkennt man eine Sucht nach Nikotinbeuteln bei Jugendlichen?

Zunächst prüfen wir, ob die Suchtkriterien erfüllt sind. Die Kriterien sind bei Jugendlichen grundsätzlich dieselben wie bei Erwachsenen. Allerdings muss die Symptomatik über einen längeren Zeitraum bestehen – bei Jugendlichen ist das oft noch nicht der Fall. Dann sprechen wir eher von „schädlichem Gebrauch“.

Im ICD, der internationalen Klassifikation der Krankheiten, gibt es klare Kriterien, die eine Sucht definieren: schädlicher Gebrauch, Missbrauch, Abhängigkeit und akute Intoxikation. Diese Definitionen gelten für alle Süchte – auch für Stoffungebundene.

Bei einer Nikotinsucht kann der Konsument Beginn, Menge oder Ende des Konsums nicht mehr steuern. Entzugssymptome wie Gereiztheit, Unruhe oder Kreislaufprobleme verschwinden erst nach erneutem Konsum. Beim schädlichen Gebrauch besteht noch eine gewisse Kontrolle, aber der Konsum schädigt bereits die Gesundheit.

Viele Jugendliche mit Substanzkonsum – ob legal oder illegal – funktionieren im Alltag noch: Sie gehen zur Schule, machen Hausaufgaben, treiben Sport. Bei einer echten Sucht hingegen dreht sich der Alltag fast ausschließlich um Beschaffung und Konsum der Substanz. Bei Kindern und Jugendlichen bin ich mit dieser Diagnose zurückhaltend, aber gerade bei illegalen Drogen sehen wir klare Abhängigkeiten.

Führt der Gebrauch zwangsläufig zu einer Sucht?

Nein – nicht, wenn der Konsum früh genug gestoppt wird. Hält er jedoch über Jahre an, kann sich eine Sucht entwickeln. Wir sehen hier Jugendliche, die bereits mit 12 regelmäßig Cannabis, Tilidin oder Fentanyl konsumieren und mit 14 oder 15 Jahren deutliche Suchtsymptome zeigen.

Theoretisch ist das auch mit Nikotin möglich, besonders wenn schon mit 10 oder 11 Jahren hochdosierte Beutel konsumiert werden. Für ein Kind mit 30 Kilo Körpergewicht kann jedoch ein einzelner Beutel bereits gefährlich sein – zumal sie oft wie harmlose Kaugummis aussehen und aromatisiert sind.

Sind Nikotinbeutel für Jugendliche besonders gefährlich?

Ja. Jugendliche sind besonders gefährdet, weil ihr Gehirn noch reift. Das Steuerungszentrum im Frontallappen entwickelt sich zuletzt – dadurch sind Jugendliche impulsiver. Substanzen wie Nikotin aktivieren in dieser Phase das Belohnungs- und Suchtzentrum im Gehirn, was das Abhängigkeitsrisiko erhöht.

Bei Nikotinbeuteln kommt hinzu, dass sie oft extrem hohe und nicht standardisierte Nikotinmengen enthalten – teils zwischen 9 und 50 Milligramm pro Beutel. Zum Vergleich: Schon etwa 500 Milligramm Nikotin pro Tag können für Erwachsene tödlich sein. Für Kinder sind deutlich geringere Mengen gefährlich. Da die Beutel keinen Tabak enthalten, fallen sie nicht unter das Tabakgesetz, sondern unter das Lebensmittelrecht – obwohl sie gesundheitsschädlich sind.

Welche Folgen hat die Nutzung für Kinder und Jugendliche?

Neben der Abhängigkeit sehen wir oft Angststörungen und Depressionen. Nach dem Absetzen treten häufig Konzentrationsprobleme auf.

Akute Vergiftungen sind jedoch aus meiner Sicht die größte Gefahr: Manche Beutel enthalten bis zu 50 Milligramm Nikotin – mehrere davon bringen Jugendliche schnell in einen toxischen Bereich.

Kinder reagieren besonders empfindlich, da sie keine Gewöhnung wie erwachsene Raucher haben. Gefährdet sind auch Kinder mit ADHS – hier kann Nikotin kurzfristig die Konzentration verbessern, was das Risiko für wiederholten Konsum erhöht.

Nikotin bindet sich nicht an spezielle „Nikotinrezeptoren“ wie Cannabis an Cannabinoid-Rezeptoren, sondern wirkt unspezifischer – vor allem über das dopaminerge Belohnungssystem. Das kann übrigens auch durch Computerspiele aktiviert werden: kleine Erfolge, sofortige Glücksgefühle.

In geringen Mengen wirkt Nikotin entspannend, in höheren Mengen anregend – ähnlich wie Amphetamine. Für das sich entwickelnde Gehirn von Kindern und Jugendlichen ist das besonders riskant, weil die Sucht- und Emotionszentren im limbischen System beeinflusst werden.

Interviewer: Dopaminzentren werden also immer wieder stimuliert?

Genau. Dieser „Kick“ tritt sofort ein – vergleichbar mit dem Gefühl frisch verliebt zu sein. Das Problem: Man will ihn immer wieder erleben.

Nikotin wirkt etwa zwei Stunden, dann fällt der Spiegel ab – der Körper verlangt nach Nachschub. Da viele psychische Probleme im Jugendalter beginnen, suchen Jugendliche gezielt nach schnellen Stimmungsaufhellern. Das macht Nikotin so gefährlich – gerade, weil es leicht verfügbar ist.

Was ist das eigentliche Problem, wenn wir diese Zentren immer wieder stimulieren?

Das Problem ist, dass man diesen Zustand immer wieder erleben möchte – oft ungeachtet der schädlichen Auswirkungen auf Körper und Lebensweise.

Nikotin hat eine Halbwertszeit von etwa zwei Stunden. Danach fällt der Effekt ab, und man will das gute Gefühl zurückhaben – das ist der Trick an der Sache.

Und bedenken Sie: Etwa 50 Prozent aller psychischen Auffälligkeiten beginnen vor dem 14. Lebensjahr, 75 Prozent aller psychischen Erkrankungen vor dem 19. Lebensjahr. Wenn es Jugendlichen ohnehin nicht gut geht, suchen sie etwas, das ihr Wohlbefinden schnell verbessert. Das kann schnell zu einer Sucht führen.

Nikotin in hohen Dosen liefert diesen schnellen „Kick“.
Das ist das Drama bei allen Drogen – diesen Kick erreicht man nur selten anders. Maximal das akute Verliebtsein oder vielleicht ein Orgasmus könnten in diese Dimension kommen, aber sonst kaum etwas. Ein Jugendlicher, der konsumiert, erlebt diesen Effekt sofort: Die Welt ist anders, mir geht es gut – und das auf Knopfdruck.

Wie schätzen Sie Nikotin im Vergleich zu Alkohol ein?

Alkohol ist eines der stärksten Nervengifte überhaupt. Er wirkt ebenfalls auf Dopamin, schädigt aber das Nervensystem direkter.

Kann man eine „gesunde“ Beziehung zu Nikotin haben?

Ich halte das für fraglich – aber die Dose macht’s. Es gibt nicht umsonst ein Jugendschutzgesetz. Nikotin ist nicht harmlos: Es beeinflusst das Immunsystem negativ, kann Diabetes Typ 2 fördern und sogar Krebs auslösen.

Und wie kommt man davon los? Was können Eltern tun?

Wer den Konsum alleine nicht stoppen kann, sollte professionelle Hilfe suchen. Wir bei der GeBO bieten eine Station für substanzbezogene Probleme an. Auch Beratungsstellen wie die Caritas können unterstützen.

Wichtig ist, dass Eltern mit ihrem Kind offen sprechen: „Warum nimmst du das? Was gibt es dir?“ – ohne zu schimpfen, aber mit klarer Haltung.

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Vertrauliche und kostenfreie Beratung für Jugendliche

Diese Stellen bieten vertrauliche, kostenfreie Beratung und Unterstützung speziell für Jugendliche.