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Stadttauben in Bayreuth: Wie kritisch ist die Lage wirklich?
Von der Maximilianstraße bis hin zur ZOH: Tauben gehören in Bayreuth zum Stadtbild. Doch während die einen die Tiere aus Mitgefühl füttern, klagen andere über ätzenden Kot und Lärmbelästigung. Wir haben mit Dr. Braunmiller vom Veterinäramt Bayreuth gesprochen, um zu klären: Wie kritisch ist die Lage wirklich?
Wildtaube vs. Stadttaube: Ein entscheidender Unterschied
Wer über Tauben in Bayreuth spricht, muss zunächst wissen, mit wem er es zu tun hat. Laut Dr. Braunmiller vom Veterinäramt Bayreuth ist die Unterscheidung zwischen Wild– und Stadttauben fundamental für das Verständnis der aktuellen Situation. Wildtauben sind die Variante, die man laut Dr. Braunmiller „am ehesten ertragen kann“. Ihr Verhalten ist natürlich und wenig invasiv: Sie brüten in Bäumen, sind saisonal präsent und verschwinden wieder, sobald die Aufzucht erledigt ist. „Man hört sie ab und zu, aber sie belasten das städtische Gefüge kaum“, so der Experte.
Ganz anders verhält es sich mit der Stadttaube. Sie ist ein Profiteur der modernen Architektur. Besonders beliebt sind Gebäude mit Photovoltaik–Anlagen. Warum? „Dort kann man drunter schlüpfen, sein Nest bauen und hat seine Ruhe“, erklärt Dr. Braunmiller. Die Südseite der Dächer bietet zudem eine wohlige Wärme, die die Reproduktion begünstigt. Und genau hier beginnt die mathematische Eskalation: Aus einem Pärchen werden schnell zwei, denn Stadttauben legen bis zu fünfmal im Jahr jeweils zwei Eier. Was als Duo beginnt, endet binnen kürzester Zeit als Schwarm, der nicht nur eine enorme Geräuschkulisse, sondern vor allem massive Verschmutzungen verursacht.
Als Laie lassen sich Wildtauben, wie die Ringeltaube, leicht von Stadttauben unterscheiden. Sie sind größer und kräftiger, einheitlich grau gefärbt mit weißen Halsflecken und breiten weißen Flügelbinden, die im Flug gut sichtbar sind. Stadttauben sind meist etwas kompakter, zeigen sehr variable Gefiederfarben (grau mit Flügelstreifen, weiß, schwarz oder gescheckt) und haben oft einen schillernd grün–violetten Hals ohne klare, weiße Halsflecken.
Hotspots in Bayreuth: Von der Commerzbank bis zum Meranierring
Das Problem ist im Bayreuther Stadtgebiet ungleich verteilt. In der Maximilianstraße, dem Herzen der Innenstadt, musste beispielsweise die Filiale der Commerzbank drastische Maßnahmen ergreifen. Die Verschmutzung durch einen dort ansässigen Schwarm war nicht mehr vertretbar. Die Lösung: Sogenannte Spikes auf den Simsen. „Dadurch wird verhindert, dass die Tauben anfliegen können“, erklärt Kai Braunmiller.
Doch er warnt auch: Spikes sind keine Universallösung. Ein Blick auf das Gebäude von Galeria zeigt das Dilemma. Während die Spikes am Eingangsbereich verhinderten, dass Passanten direkt mit den Vögel konfrontiert werden, verlagerten die Tiere ihre Sitzplätze schlichtweg einige Stockwerke höher in die Fensternischen. Das Problem wird also oft nur verschoben, nicht gelöst.
Große Populationen finden sich auch außerhalb der Fußgängerzone. Im Meranierring, nahe der Lidl-Filiale, sind nach Dr. Braunmillers Schätzung 80 bis 90 Tauben unterwegs. Der Grund ist pragmatisch: Die Nähe zur Biogasanlage in Richtung Heinersreuth. Dort finden die Tiere durch die Maissilage, die reich an Körnern ist, einen gut gedeckten Tisch und Wärme.
Schon gelesen? Steigende Anzahl an Tauben in Bayreuth.
„Ätzender“ Mythos oder bittere Realität?
Ein oft diskutiertes Thema ist die Schädlichkeit des Taubenkots. In Bayreuth herrscht eine fortlaufende Diskussion um das Taubenkot–Problem an einer der Hauptfilialen der Deutschen Post, dem Postgebäude nahe dem Bahnhof. Während Tierschützer oft argumentieren, dass die Schädlichkeit für Bausubstanz übertrieben dargestellt werde, sieht die technische Realität bei Photovoltaikanlagen anders aus.
Dr. Braunmiller bestätigt, dass die Verschmutzung ernsten Schaden anrichten kann – und zwar nicht nur ästhetisch. Es sei bereits vorgekommen, dass Photovoltaik-Anlagen durch Kurzschlüsse außer Betrieb gingen. Der Grund: Der Kot der Tauben wirkt aufgrund seiner chemischen Zusammensetzung ätzend und greift Komponenten der Anlagen an, wenn er nicht regelmäßig entfernt wird.
Historischer Hintergrund: Warum die Taube nicht weggeht
Um die Hartnäckigkeit der Tiere zu verstehen, muss man in der Geschichte zurückblicken. Die Stadttaube ist keine Wildart, sondern die verwilderte Form der Felsentaube (Columba livia). Bereits 4.500 vor Christus wurde sie in Mesopotamien domestiziert. Zunächst als Fleischlieferant, später als unverzichtbare Brieftaube.
Unsere heutigen Stadttauben sind also Nachfahren entlaufener oder ausgesetzter Haustiere. Ihr Instinkt sagt ihnen: Felsvorsprünge sind sicher. In der Stadt nutzen sie deshalb Fenstersimse, Brücken und Mauernischen. Sie sind genetisch darauf programmiert, in der Nähe des Menschen zu leben, was sie von echten Wildvögeln unterscheidet.
Strategien zur Bestandskontrolle: Warum Töten keine Lösung ist
Die Frage, wie man die Population dezimiert, ist hochemotional. Dr. Braunmiller stellt klar: „Grundlegend haben alle geschlüpften Tauben das Recht auf Leben.“ Eine Tötung ohne vernünftigen Grund ist rechtlich ausgeschlossen. Töten dürfe nur, wer sachkundig ist. Zusätzlich werden Tauben durch eine Regelung geschützt, die besagt, dass man zunächst mildere Mittel wie Vergrämungsmaßnahmen anwenden muss, wenn man sich einem Tauben-„Problem“ entledigen will.
Solche Vergrämungsmaßnahmen, wie zum Beispiel Rabenattrappen oder die Beschallung mit Greifvogelschreien, zeigen oft nur kurzfristig Wirkung. „Die Tauben lernen dazu und sind sehr kreativ, was das Umgehen der Maßnahmen anbelangt“, erklärt Dr. Braunmiller. Was also tun?
Das kontroverse Fütterungsverbot
In Bayreuth gilt ein striktes Fütterungsverbot, dessen Missachtung Bußgelder von bis zu 1.000 Euro nach sich ziehen kann. Es ist der wohl größte Zankapfel zwischen Behörden und Vogelschützern. Dr. Braunmiller, Leiter des Veterinäramts Bayreuth, verteidigt die Maßnahme entschlossen: Das Verbot basiere auf wissenschaftlichen Langzeitstudien und sei das „A und O“, um die Population nachhaltig zu reduzieren. Er sieht in den Tieren keine Haustiere, für die der Mensch verantwortlich ist: „Verwilderte Tauben sind für mich keine Haustauben. Wir behandeln die wie Wildvögel.“ Er zitiert den Biologen Daniel Haag-Wackernagel, demzufolge Tauben nicht verhungern, sondern schlicht den Ort wechseln, um Nahrung zu finden.
Dem widerspricht eine besorgte Bayreutherin in einer Stellungnahme per E–Mail an unsere Redaktion massiv. Sie hält das Fütterungsverbot nicht nur für grausam, sondern für fachlich falsch. „Ein Fütterungsverbot ändert absolut nichts an der Population“, schreibt sie. Im Gegenteil: Aufgrund ihrer Domestizierung seien Stadttauben genetisch darauf programmiert, ganzjährig zu brüten – völlig unabhängig vom Nahrungsangebot.
Hunger und Kälte würden die Tiere laut Tierschutzbund und PETA stattdessen dazu animieren, noch mehr Eier zu legen, um die hohe Sterblichkeitsrate auszugleichen. „Wo machen wir die Unterschiede, sind wir doch alle Lebewesen mit denselben Grundbedürfnissen?“, fragt sie und warnt zudem vor Krankheiten, die erst durch minderwertige Nahrung wie Abfälle an Imbissbuden gefördert würden.
Ein gemeinsamer Nenner: Das „Jenaer Modell“
Trotz der harten Fronten beim Fütterungsverbot gibt es eine überraschende Einigkeit beim Blick auf die Lösung des Problems: Die Etablierung eines professionellen Konzepts nach dem Vorbild der Stadt Jena.
Dr. Braunmiller plädiert bereits seit längerem für betreute Taubenschläge (wie den Container am Mühltürlein). Dort werden die Tiere kontrolliert gefüttert, um sie an den Schlag zu binden. Der entscheidende Schritt: Die gelegten Eier werden konsequent gegen Gipsattrappen ausgetauscht. „Nur mit Konzepten, wo ich dann einen hohen Anteil an Eiern austausche, kann ich den Bestand nivellieren“, erklärt der Leiter des Veterinäramts. Im Stadtrat habe er mit seinem Ruf nach mehr Taubencontainern leider nicht ausreichend Zustimmung erhalten. Dabei seien die Zahlen alarmierend – allein im Stadtteil Hammerstatt leben über 150 Tiere. Ohne Eingriff drohe eine „Katastrophe“, so Braunmiller.
In diesem Punkt findet er in der besorgten Taubenfreundin eine Verbündete. Auch sie sieht im kontrollierten Eieraustausch die einzige humane Lösung und verweist auf den Erfolg im benachbarten Kulmbach. Dort wurden unter der Regie von Jürgen Stündl seit 2017 bereits über 1.500 Eier ausgetauscht. Die Stadt Kulmbach unterstützt das Projekt finanziell.
Für Bayreuth bleibt die Frage: Kann der Erfolg in Kulmbach auch in Bayreuth dazu motivieren, mehr Taubencontainer aufzustellen? Während über das Fütterungsverbot weiter gestritten wird, scheint der Weg über die Gipseier die einzige Brücke zwischen dem Veterinäramt und den besorgten Taubenfreunden zu sein.











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„Die Hochzeit“ von Bertolt Brecht spielt in der Studiobühne. © Thomas Eberlein