In eigener Sache

Bayreuth: Die Rückseite einer Postkarte

Von meinem ersten Besuch in Bayreuth ist mir ein Straßenschild in Erinnerung, auf dem über einem Pfeil nach links “Schöne Aussicht” steht. Das wirkt wie ein gutes Omen, kommt man gerade von einem Vorstellungsgespräch. Nach nun sieben Monaten beim wiedererweckten Bayreuther Tagblatt und folglich auch sieben Monaten in Bayreuth selbst, denke ich darüber nach, ob das gestimmt hat, mit dem Omen.

„Und was wollen Sie dann in Bayreuth?“

Als Journalist kommt man zwangsläufig sehr schnell, mit sehr vielen, sehr unterschiedlichen Menschen in Kontakt. Entsprechend oft muss man sich auch selbst vorstellen. Und das klang in meinem Fall etwa so: “Ich bin erst vor Kurzem nach Bayreuth gezogen, um hier das Bayreuther Tagblatt mit zu gründen. Eigentlich komme ich aus Berlin.” In anderen Städten bekommt man dann oft eine verbale Willkommens-Ohrfeige mit lokalpatriotischem Handabdruck runtergehauen. Nicht so in Bayreuth. In skeptischem Ton und häufig saftigem Fränkisch lautete die Antwort meist: “Und was wollen Sie dann in Bayreuth?”

Selbst einige Politiker, die ich im Rahmen meiner Berichterstattung zur Landtagswahl traf, ließen kein gutes Haar an der sogenannten “Wagnerstadt”. “Tot” sagte eine der Kandidatenstimmen sogar. Natürlich nicht in die Kamera. Schnell drängte sich mir da die Frage auf, warum diese Menschen dann nicht einfach wegziehen. Bangkok, Hamburg oder auch nur Nürnberg: Für mich persönlich fühlt sich jeder Ort der Welt jederzeit erreichbar und erstrebenswert an, solange er eine spannende Aufgabe bereit hält. Und für den Moment war das eben Bayreuth und ein brandneues Onlinemagazin, das es zu entwickeln galt.

So versuchte ich zärtlich und behutsam die Stadt kennenzulernen, die die restliche Welt nur wegen Wagner oder vielleicht noch dem Bier kennt. Ziellose Spaziergänge folgten auf Pizzen beim Italiener nebenan, bald gab es das erste Bier zu viel. Zunächst glich mir Bayreuth im Sommer einer Postkarte: Biergärten, verwinkelte Altstadtgässchen und schicke Villen. Eigentlich eine feine Sache. Schlecht, dass das Bild einer Postkarte aber auch für den zweiten Blick eine gute Metapher ist. Denn es veränderte sich nichts. Hätte ich zehn Tage in Folge ein Foto der Fußgängerzone gemacht und die Bilder übereinander gelegt, herausgekommen wäre ein Ergebnis ohne Kanten.

Die Rückseite der Postkarte

Immer wieder besuchen mich Freunde in Berlin, deren Touri-Programm aus unzähligen Stunden am Alexanderplatz, drei Selfies vor dem Brandenburger Tor und Nichts-kaufen im Sony Center besteht. Bei der Abreise finden sie die Stadt dann so semi-nett. Genau wie in Berlin, liegt die wahre Größe Bayreuths nicht in den Vorzeigepromenaden, die den Bauchtaschen-Touristen die Fünfziger aus dem prallen Geldbeutel ziehen sollen. Das wirklich Spannende findet sich eben auf der Rückseite einer Postkarte. Und die ist meistens etwas verschmiert, schlecht zu entziffern und schrullig.

Dafür, dass selbst Urgesteine ihre Stadt oft schlecht machen, engagieren sie sich erstaunlich viel und oft. Seien es Bogenschützen, die mich für ihren Sport begeistern wollen, ein Verein, der ehrenamtlich tolle Bands in die Stadt holt, oder ein völlig irrer (im positiven Sinne!) Basketball-Fanclub: Hinter der pseudokulturellen Fassade, die, warum auch immer, um Wagner und Konsorten herum errichtet wurde, steckt das echte Bayreuth. Das scheinen die meisten gar nicht zu realisieren, aber trotzdem zu leben.

Bye Bayreuth!

Ich gehe nun zurück nach Hause, zurück nach Berlin. An den Ort, den ein bekannter Bayerischer Politiker jüngst als “Resterampe” Deutschlands bezeichnet hat, an einen Ort der immer hell ist, häufig schmutzig und jeden Tag anders. Ein Ort, der oft von Leuten besucht wird, die ihn nicht verstehen können und froh sind, wenn sie sich am Sonntagabend wieder in ihrem Häuschen vor der Welt verstecken können. So ging es mir mit Bayreuth.

Als das Schild damals die “Schöne Aussicht” zur linken Hand versprach, fuhr mein Bus weiter geradeaus. Bayreuth machte es mir also nicht ganz leicht. Aber vielleicht hätte ich auch einfach irgendwann aussteigen und selbst nach links gehen können.

Screenshot einer Instagram-Story des Autoren von seinem ersten Tag in Bayreuth
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