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Bayreuther Basketball: Beamtentum und volle Windeln

Wenn im Basketball Bayreuth auf Bamberg trifft, dann liegt eine ganz besondere Rivalität in der Luft. Vielleicht ist das auch auf ein Spiel zurückzuführen, das mittlerweile 40 Jahre zurückliegt, sich aber in das Gedächtnis der Bamberger eingebrannt haben muss. Die Bundesliga-Mannschaften damals hießen weder medi noch Brose, sondern Post SV und 1. FC und Jürgen Vogel, Zeitnehmer der Bayreuther, spielte damals eine ganze besondere Rolle, wie der Bayreuther Hobbyhistoriker Stephan Müller für das Bayreuther Tagblatt herausgefunden hat.

Die Lage für den Post SV Bayreuth war in der Saison 1978/79, dem dritten Spieljahr der „Post“ in der Basketball-Bundesliga, mehr als kritisch. Nach den 18 Spieltagen in der Hauptrunde mussten die Bayreuther mit nur zwölf Pluspunkten bei 24 Minuspunkten zusammen mit namhaften Gegnern wie BSC Saturn Köln,TUS Aschaffenburg und eben dem 1. FC Bamberg in die Abstiegsrunde. Am letzten Spieltag dieser Relegationsrunde kam es im Bayreuther Sportzentrum ausgerechnet zum Duell zwischen den beiden punktgleichen Konkurrenten aus Bayreuth und Bamberg. Jeweils 16:30 Punkte hatten die beiden oberfränkischen Teams auf dem Konto. Ein echtes Abstiegsduell stand an: Wer es verlieren sollte musste den Gang in Liga zwei antreten.

Jürgen Vogel (Mitte).

Das Spiel blieb bis zur Schlusssirene ein Krimi. Buchstäblich in der allerletzten Sekunde ließ Manfred Voigt, ein Bamberger im Bayreuther Trikot, im Fallen eine Verzweiflungswurf los – und traf.

Nun stellte sich unter dem ohrenbetäubenden Bayreuther Jubel die Frage, ob der vermeintlich siegbringende Korberfolg vor oder nach dem Schlusssignal gefallen war. Minutenlang wurde diskutiert, dann schlug die Stunde des Zeitnehmers. Jürgen Vogel, Bediensteter der Regierung von Oberfranken und später Chef der Wirtschaftsförderung, äußerte ruhig und standhaft gegenüber den Unparteiischen:

Ich bin bayerischer Beamter – der Korb war vor dem Signal.

(Jürgen Vogel, 1979, Zeitnehmer des Basketball-Bundesligisten Post SV Bayreuth)

Die Schiedsrichter entschieden: Bayreuth gewann 81:79. Bamberg musste den Gang in die Zweitklassigkeit antreten.

Übrigens: Am Ende der Basketball-Saison 1978/79 verteilten sich die erzielten Punkte der Spieler des Post-SV in Basketball-Bundesliga und Pokal wie folgt
  • Georg Kämpf (626 Punkte / 25 Spiele)
  • Manfred Voigt (461 Punkte / 25 Spiele)
  • John Chapman (404 Punkte / 25 Spiele)
  • Gottfried Oliwa (234 Punkte / 23 Spiele)
  • Karl-Heinz Graf (113 Punkte / 22 Spiele)
  • Peter Wagner (108 Punkte / 24 Spiele)
  • Thomas Kämpf (63 Punkte / 23 Spiele)
  • Wolfram Kämpf (57 Punkte / 24 Spiele)
  • Manfred Thaler (30 Punkte / 18 Spiele)
  • Norbert Nicklas (12 Punkte / 23 Spiele)
Dirk Vogel (rechts) im Sportzentrum Bayreuth.

Allerdings sollte der Name Vogel zehn Jahre später noch einmal am Spielfeldrand für Schlagzeilen sorgen. Beteiligt war dann aber nicht mehr Vater Jürgen, sondern Sohn Dirk. Der machte zunächst auf dem Feld Karriere. Während seines US-High-School-Aufenthalts spielte er vor bis zu 16.000 Zuschauern, mit Steiner Bayreuth holte er 1989 den Deutschen Meistertitel und war dann einige Jahre einer der Leistungsträger im Team der Wagnerstädter. Später ließ er es etwas ruhiger angehen und spielte mit der zweiten Mannschaft in der Regionalliga. Und zu dieser Zeit geschah es, dass sich der Sohn noch einmal ebenso vorbildlich verhielt wie der Vater. Bei einem Spiel im Sportzentrum riefen ihm seine Mitspieler kurz und knapp das Wort „Wechsel“ zu. Das ist im Sport sicher nichts Besonders, wenn nicht ein „Windelwechsel“ seines Sohnes gemeint gewesen wäre, den Dirk Vogel dann in aller Ruhe hinter der Ersatzbank und vor den Augen der Zuschauer vollzog.


Text und Fotos: Stephan Müller


Stephan MüllerStephan Müller (53) ist Stadtrat, Hobbyhistoriker, freiberuflicher Journalist und Autor zahlreicher Bücher zur Geschichte Bayreuths. Für das Bayreuther Tagblatt hat er sein Archiv geöffnet. Die besten Anekdoten gibt es immer wieder hier beim bt.


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