Anzeige


Freizeit

Bayreuther Kinder als „Nibelungenzwerge“ auf der großen Bühne

Seit es die Bayreuther Festspiele gibt, waren unzählige Kinder aus Bayreuth als „Nibelungenzwerge“ in den verschiedensten Inszenierungen des „Ring des Nibelungen“ zu sehen. Nur Richard Wagner selbst (1876) und Jürgen Flimm (ab 2000) setzten auf Erwachsene. Hobby-Historiker Stephan Müller sammelte Fotos von den Statisten.

2000: Inszenierung von Jürgen Flimm. Der Regisseur benötigte für eine aufwändige Choreografie erwachsene Statisten. Foto: Bayreuther Festspiele
2000: Inszenierung von Jürgen Flimm. Der Regisseur benötigte für eine aufwändige Choreografie erwachsene Statisten. Foto: Bayreuther Festspiele
2006: In der Inszenierung von Tankred Dorst wurden wieder Kinder benötigt. Foto: Stephan Müller
1984: Inszenierung Peter Hall. Foto: Jo Schumacher, langjähriger Verkehrsdirektor
1976: Inszenierung Patrice Chereau. Foto: Richard Beck
1958: Inszenierung Wieland Wagner: Das Foto aus "Rheingold" stammt von dem langjährigen Stadtrat Helmut "Oskar" Brückner.
1936 Rheingold-Statisten mit Helmut Künzel, Zweiter von rechts, der aus dem Jugendamt und als langjähriger Vorsitzender des Schwimmverein Bayreuth bekannt ist.
1953 mit Alberich Gustav Neidlinger.
Bayreuther Turner

Balletttänzer zu teuer

Zunächst war es gar nicht geplant, Bayreuther zu nehmen, Balletttänzer aus Berlin sollten es sein, die Richard Wagner aber mit einer Geldforderung kamen.

Im April 1876 – also gut vier Monate vor den ersten Festspielen – wird sich der Bayreuther Fotograf Hans Brand nicht schlecht gewundert haben, als jemand die Tür zu seinem Fotoatelier aufriss. In der Tür stand sein Nachbar Richard Wagner, der über die Straße gestürmt kam und nun erregt mit einem Brief fuchtelte:

Diese Narren, diese verfluchten Berliner Narren, die können mich alle miteinander! Geld zu verlangen für 25 Ballettmenschen, wer soll denn das bezahlen!

(Richard Wagner über die Tänzer aus Berlin)

Brand fragte ihn, ob in seinem „Ring des Nibelungen“ überhaupt ein Ballett vorkomme. Darauf Wagner: „Die Kerls sollen die Nibelungen darstellen, die haben in einer ganz kurzen Szene den Hort hereinzuschleppen und müssen schwere Goldschmiedearbeiten markieren und weiter nichts!“ Hans Brand hatte eine Lösung parat, wie wir aus einem Brief von Richard Wagner erfahren.

Turner statt Balletttänzer

Direkt aus dem Wirtshaus Angermann in der Kanzleistraße schrieb der noch immer verärgerte Meister an den Ballettmeister Richard Fricke nach Berlin, dass er 25 Turner als Nibelungen „geworben hat“:

Natürlich waren sie aufgeregt. Am 15. Mai 1876 sind die 25 Bayreuther Turner bei Richard Wagner bestellt. Als „Hartläufer“ würden sie ihm, so der Meister, erhebliche Kosten einsparen, die er sonst für ein Ballett hätte ausgeben müssen:

Meine Herren, ich danke ihnen für ihre bereitwillige Hilfe. Mein Ballettmeister Richard Fricke aus Dessau wird sie zunächst in den Abendstunden vorbereiten.

(Richard Wagner zu seinen Turnern)

Vielleicht hat er den braven Bayreuthern, die damals mit Sicherheit noch keine Wagner-Oper gesehen haben, noch erklärt, dass sich sein „Ring“ aus den Werken „Rheingold“, „Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ zusammen setzt und diese Tetralogie drei Mal über die Bühne des neu gebauten Festspielhauses gehen wird. Sie selbst werden in Nibelheim in der Oper „Rheingold“ benötigt. Dort knechtet der böse Zwerg Alberich die Nibelungen.

Lange wird die Ansprache des Meisters nicht gedauert haben. Zwei Tage später, am 17. Mai 1876 beginnt um 19 Uhr die Vorbereitung mit Frickes Ansprache an die Turner. Auch daran hat sich bis heute nichts geändert.

Die Turner erhielten einen kurzen Abriss über Sinn und Zweck ihrer künftigen Aufgaben. Sie werden bei den schwierigsten Stücken des Werkes dabei sein und es wird auf jeden Einzelnen ankommen:

Wichtig sind die genauen Auf- und Abgänge, Stellungen und Gruppierungen auf der Bühne und die genaue Ausführung der Choreografie und der Bühnenregie.

(Ballettmeister Richard Fricke zu den Turnern)

„Informanten“ vom Grünen Hügel

Durch die Turner, die ab Juni 1876 auch als Feuerwehrposten am Hügel tätig sind, wird das ganze Festspielunternehmen, das von den Einheimischen mit Argusaugen beobachtet wird, ohnehin viel transparenter. Man erfährt in der Stadt nun leichter von den Vorkommnissen auf dem Grünen Hügel.


Text: Stephan Müller

Stephan Müller (53) ist Stadtrat, Hobbyhistoriker, freiberuflicher Journalist und Autor zahlreicher Bücher zur Geschichte Bayreuths. Für das Bayreuther Tagblatt hat er sein Archiv geöffnet. Die besten Anekdoten gibt es immer wieder hier beim bt.

Stephan Müller


Lesen Sie auch: