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Interview

Kunst trotz Krieg: Bayreuther Band spielt in der Ukraine

Ende November 2025 ist die Speichersdorfer Band HÄMATOM in die Ukraine aufgebrochen, um dort zwei Benefizkonzerte zu spielen. Das Bayreuther Tagblatt hat mit den Bandmitgliedern SÜD und OST über ihre Erfahrungen gesprochen.

Erst Überlebensrucksäcke packen und Erste-Hilfe-Kurse absolvieren, dann die Reise antreten: So begann die Benefiztour der Band in die vom Krieg gezeichnete Ukraine.

„Wir standen an der Grenze und waren alle unglaublich aufgeregt, nervös und ängstlich.“

Auf Einladung reiste die Rock- und Metalband in das Land – zu Fans, von deren Existenz sie zuvor nichts wusste.
Die Band HÄMATOM aus Speichersdorf im Landkreis Bayreuth wurde 2004 gegründet und ist mittlerweile  in der Rock- und Metalszene wahrlich keine Unbekannte mehr. Die Musik der Band lässt sich zwischen neuer deutscher Härte und Metal einordnen.
Von Beginn an war die Band als audiovisuelles Gesamtkonzept angelegt, daher treten die Mitglieder stets maskiert und in einheitlicher Kleidung auf. Bekannt sind sie ausschließlich unter ihren Rollen: NORD (Gesang), OST (Gitarre), SÜD (Schlagzeug) und ROSE (Gitarre).
Im Interview mit dem Bayreuther Tagblatt berichten SÜD und OST von der Benefiztour Ende November 2025. Sie schildern, wie sehr der Alltag der Ukrainerinnen und Ukrainer weiterhin von Krieg und Angst geprägt ist – und zugleich, welche Kraft Live-Musik der Bevölkerung trotz allem geben kann.

bt: Warum seid ihr in die Ukraine gefahren? Was hat euch dazu bewogen? Was ist Sinn dieser Reise gewesen?

SÜD: Wir sind in Ukraine gefahren, weil wir einer Einladung gefolgt sind. Es gab eine Einladung einer Booking-Promo-Agentur aus der Ukraine; und die hat uns ganz konkret angesprochen:

„Liebe HÄMATOM, habt ihr lust zwei Konzerte in der Ukraine zu spielen?“

Wir selbst wären nie auf die Idee gekommen da zu spielen, dahin zu fahren. Wir wussten überhaupt nicht dass es möglich ist.

bt: OST, du hast sehr persönliche Bezüge zu der Region?

OST: Ich komme ursprünglich aus Polen, bin dort geboren und im Jahr 1989 im Alter von zehn Jahren aus Polen geflohen – drei Monate vor dem Mauerfall. Tatsächlich sind wir damals vor der russischen Vorherrschaft und aus dem sowjetischen Einflussbereich geflohen, genau drei Monate bevor die Mauer gefallen ist. Im Juli 1989 konnte sich niemand vorstellen, dass die Sowjetunion tatsächlich zusammenbrechen würde.

Die Flucht war durchaus gefährlich. Deshalb war ich, als ich zum ersten Mal von dem Angebot aus der Ukraine hörte, sofort Feuer und Flamme. Ich habe zwar etwa zehn Sekunden überlegt, aber uns war relativ schnell klar: Wenn wir das sicherheitstechnisch verantworten können, dann müssen wir es machen.

bt: Habt ihr denn viele Fans in der Ukraine?

SÜD: Wir wussten im Vorfeld nur sehr wenig darüber und waren ehrlich gesagt überrascht. Die Entscheidung, dorthin zu fahren, fiel mir nicht ganz so leicht. Während es für OST eine schnelle Entscheidung war, habe ich länger gebraucht. Die Angst hat zunächst überwogen, und wir hatten zuvor keinerlei Berührungspunkte mit der Ukraine. Auch vor dem Krieg waren wir nie dort. Dann kam jedoch eine sehr emotionale Nachricht von der Promofirma, in der unter anderem stand, wie sehr man sich über unseren Besuch freuen würde. Es gäbe viele Menschen, die auf uns warten und den Sound von HÄMATOM lieben und bereits hören.

Dass unsere Songs in der Ukraine gehört werden und wir dort Fans haben, war für mich persönlich völlig neu. Ich hatte keinerlei Wissen über unser musikalisches Dasein oder unsere Hörerschaft in der Ukraine.

bt: Was hat euch letztendlich bewogen, diese Reise zu machen?

Uns war wichtig zu zeigen, dass auch in Zeiten des Krieges Platz für Kunst, Kultur und Konzerte sein muss. Die Menschen, die seit vier Jahren unter dem Angriffskrieg Russlands leiden, haben genauso das Recht, weiterhin Musik zu hören, Kunst zu erleben, Theater zu besuchen und auf Konzerte zu gehen – zumindest in den Zeiten, in denen sie gerade nicht an der Front sind oder sich mitten im Kampf befinden.

Für viele, denen wir erzählt haben, dass wir in die Ukraine fahren, war die erste Reaktion: Wie kann man dort einfach ein Konzert spielen? Wir haben das ein wenig mit den Corona-Zeiten verglichen. Auch wir sind nach vier Wochen die Wände hochgegangen und hätten am liebsten alles stehen und liegen lassen, um Spaß zu haben, in die Diskothek zu gehen, tanzen, schreien und pogen zu können. Dieses Bedürfnis besteht natürlich auch in der Ukraine.

Auch das lässt sich nicht einfach auslöschen – selbst nicht durch einen Krieg. Das waren unsere Beweggründe. Über allem stand die Frage: Wie wichtig sind Kunst und Kultur in Zeiten des Krieges, und was können wir dafür tun, damit sie weiterhin aufrechterhalten werden?

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bt: Und Ende November ging es dann einfach los?

SÜD:  Gemeinsam mit dem gesamten Team, inklusive eines Dokumentationsteams, haben wir zunächst einen Erste-Hilfe-Kurs absolviert. Für viele war das ein Moment, in dem die Angst noch einmal deutlich größer wurde. Ich habe immer gesagt, das Ganze fühlt sich an wie eine Blackbox – niemand konnte wirklich sagen, was uns erwartet. Wie sieht Krieg im Jahr 2025 aus? Wie sieht der Krieg in der Ukraine aus?

OST: In diesem Erste-Hilfe-Kurs lernt man, mit schweren Verletzungen umzugehen: wie man abgesprengte Gliedmaßen abbinden muss, um zu verhindern, dass jemand innerhalb von Sekunden verblutet. Das war die erste harte Realität, mit der wir konfrontiert wurden. In diesem Moment wurde einem natürlich erst einmal anders.

Danach packt man seinen Überlebensrucksack, den man in der Ukraine immer bei sich tragen muss, egal wo man sich bewegt. Darin sind Standardsachen wie eine Powerbank oder eine Taschenlampe, aber auch Dinge wie Hundefutter. Falls das Haus oder der Keller, in dem man sich während eines Luftangriffs befindet, über einem zusammenbricht und man verschüttet wird, kann man damit Hunde schneller auf sich aufmerksam machen.

bt: Hattet ihr Angst?

OST: Und dann ging es tatsächlich in die Ukraine. Wir standen an der Grenze und waren alle unglaublich aufgeregt, nervös und ängstlich.

SÜD: Es war dunkel, neblig und kalt.

OST: Fast wie in einem James-Bond-Film aus den Achtzigern, einem Spionagefilm. An der Grenze selbst hat man dann aber schnell gemerkt: Das ist die westliche Grenze der Ukraine, nah an der EU und der NATO. Es war ganz anders, als wir es uns vielleicht vorgestellt hatten. Nicht in jedem Baum sitzt ein Scharfschütze und wartet darauf, uns zu attackieren – so war es überhaupt nicht.

Wir trafen auf relativ freundliche Grenzbeamte, die uns sogar kannten und sich Autogramme von der Band geholt haben. Danach ging es weiter Richtung Lwiw. Diese Weiterreise war, glaube ich, fast der aufregendste Teil, weil man über Landstraßen fährt und nicht weiß, was einen erwartet.

Wir hatten zwei Begleiter dabei, die sicherheitstechnisch ausgebildet waren und uns ein Stück weit die Angst genommen haben. Trotzdem musste man das selbst erleben. Man kann sich viel erzählen lassen, aber erst vor Ort merkt man, ob die Angst real ist oder nicht.

Es hat eine Weile gedauert, bis wir schließlich in Lwiw angekommen sind. Und als wir dort waren, war es erst einmal einfach eine ganz normale Stadt – eine wunderschöne, ganz normale Stadt.

SÜD: Wir wurden im Prinzip die ganze Zeit von einer Delegation aus der Ukraine begleitet. Diese Begleitung hat mir persönlich sehr schnell fast jede Angst genommen. Mit dabei war auch eine Dolmetscherin namens Victoria – eine kleine, zierliche, aber wahnsinnig straighte starke Frau.

Sie erzählte uns, dass sie aus der Nähe der Front kommt und in einem Dorf dort lebt. Für sie seien Städte wie Lwiw und Kyjiw fast schon Urlaub. Das hat sie ganz nüchtern gesagt. Sie hatte die Lage permanent im Blick, unter anderem über  Warn-Apps, und meinte immer wieder: „Wir haben alles im Griff. Ihr müsst euch keine Sorgen machen. Wir nehmen euch an die Hand, und ihr werdet merken, wenn es gefährlich wird.“

Tatsächlich gab es später einen Moment, in dem es für uns sehr gefährlich wurde – aber dazu kommen wir noch.

bt: Inwiefern habt ihr etwas vom Krieg mitbekommen?

SÜD: In Lwiw selbst war zunächst alles relativ normal. Wir waren sogar, geplant oder vielleicht auch zufällig passend, in einem mittelalterlichen Kellergewölbe essen. Unter der Erde fühlt man sich automatisch sicher, denn alles, was unterirdisch ist, gilt im Prinzip auch als Schutzraum. Man fühlt sich dort dann schon sicher und wohl.

Insgesamt war unser Aufenthalt in Lwiw sehr ruhig. Es gab nur wenige direkte Berührungspunkte mit dem Krieg – bis wir am nächsten Tag durch die Stadt gegangen sind und das erste große Mahnmal gesehen haben.

Dort waren gefallene und vermisste Soldaten aufgelistet, personalisiert mit Fotos. In diesem Moment wurde der Krieg für uns alle plötzlich real und greifbar.

Hart gesagt: Aus diesen Zahlen, die man hier in Deutschland in der Presse liest, wurden für uns auf einmal Personen. Und das war schon sehr ergreifend.

OST: Diese Gedenkplätze findest du überall in der Stadt. Überall siehst du Veteranen, die mit Beinprothesen oder im Rollstuhl das Stadtbild prägen – Das wird dir überall bewusst. Stromausfälle sind an der Tagesordnung, doch die Stadt ist sehr gut eingerichtet: Sobald der Strom ausfällt, wird sofort der Generator gestartet.

Abends sind wir in ein kleines Kulturzentrum gefahren und haben dort unsere Show gespielt. Es war wirklich toll! Das Publikum reichte vom fünfjährigen Kind mit seinen Eltern bis zu siebzigjährigen Veteranen, die voller Begeisterung mitgehüpft sind. Die Leute waren unglaublich dankbar, so sehr dass es uns fast schon peinlich war, weil man nicht vergessen darf, dass sie immer noch unsere Freiheit mit verteidigen in der Ukraine. Das war schon ein ganz besonderer Auftritt, wie wir es selten in unserer Karriere erlebt haben.

bt: Und danach ging es dann weiter nach Kyjiw?

SÜD: Danach ging es weiter nach Kyjiw. Wir kamen gegen Mitternacht an und machten noch einen kurzen Soundcheck in einer sehr großen Mall, in der wir am nächsten Tag spielen würden. Die Mall wurde bewusst ausgewählt, weil sie eine sehr große Tiefgarage hat, die im Falle eines Luftangriffs Schutz für mehrere tausend Zuschauer bietet.

Ab diesem Moment schliefen wir nicht mehr einzeln in unseren Zimmern, sondern zusammen. Jeder hatte inzwischen eine Warn-App auf dem Handy, aber falls man das Warnsignal verschlafen sollte, war es sicherer, sich gegenseitig wecken zu können.

OST: So war es dann: Gegen zwei oder vier Uhr nachts – ich weiß es nicht mehr genau – wurden wir senkrecht aus dem Schlaf gerissen, weil die App vor einem Luftangriff warnte.

Und dann wird einem schon anders. Das war das erste Mal in Kyjiw, dass man wirklich merkt, wie die Beine zittern. Sofort packt man seinen Survival-Rucksack und läuft in den Schutzbunker. Das haben wir während dieser eineinhalb Tage, die wir dort waren, mehrfach erlebt. Das ging Gott sei dank für uns ehr glimpflich aus.

Die Ukraine verfügt über eine sehr gut funktionierende Luftaufklärung. Sobald russische Flugzeuge starten, wird alles, was potenzielles Angriffsziel ist, gewarnt. So konnte man meist sehen, wohin die Raketen gehen – Richtung Donbas oder Westukraine – und Kyjiw wurde verschont.

Am nächsten Tag besuchten wir unter anderem den Maidan. Das war wirklich herzzerreißend. Der Maidan ist einer der wichtigsten Plätze Kyjiws, an dem sich mehrere Revolutionen abgespielt haben. Heute ist der Platz wie ein Denkmal für gefallene Soldaten. Überall sieht man hunderte, tausende Fotos der Gefallenen.

SÜD: Ein Meer von Bildern, ganz schrecklich, auch viele Bilder von achtzehn- oder neunzehnjährigen Soldaten, die vermisst oder gefallen sind. Ein riesiges Fahnenmeer. Es ist ein sehr ergreifender und zugleich trauriger Ort.

OST: Der traurigste, den ich je besucht habe. Wir haben uns auch zerstörte Gebäude im Stadtzentrum angeschaut. Beispielsweise einen großen Bahnhof, an dem Politiker, die Kyjiw besuchen, ankommen. In unmittelbarer Nähe stand ein riesiges ehemaliges Büro- oder Wirtschaftsgebäude, komplett zerbombt durch zwei Angriffe. Es ist ein sichtbares Zeichen der Stärke Russlands: Das erste, was man beim Aussteigen vom Bahnhof in Kyjiw sieht, sind die Spuren der Zerstörung.

Auch dort begegneten uns Luftalarme, und wir mussten in die U-Bahn fliehen und uns verstecken.

Während unserer Reise trafen wir uns zudem mit zwei Ärzten aus der Ukraine, die beide als Notärzte in der Notaufnahme eines Krankenhauses arbeiten. Wir haben uns ausgetauscht, mit vielen Menschen gesprochen und versucht zu verstehen, wie wichtig es ihnen ist, weiterhin Konzerte besuchen zu können – eine Vorstellung, die man von außen nur schwer nachempfinden kann.

Genau, sie haben auch ein bisschen aus ihrem Alltag berichtet. Das war sehr spannend und interessant.

SÜD: Danach ging es in die Mall, wo wir abends unsere Show hatten. Als wir ankamen, gab es ein bisschen Umbau, etwas zu essen und Soundcheck. Gleichzeitig gab es, glaube ich, schon den dritten Luftalarm des Tages. So etwas ist schrecklich – und man sucht sofort den Schutzraum auf.

Übrigens bekommt man bei jedem Ortswechsel den Schutzraum gezeigt, egal ob man ins Hotel eincheckt, in eine Mall geht oder zu einem Konzertort. Das ist ein großer Unterschied zum Alltag hier bei uns: Normalerweise checkt man ein, bekommt seinen Schlüssel und fertig. In der Ukraine heißt es zuerst: Willkommen, und als Zweites: Hier ist der Schutzraum.

In der Mall haben wir also erneut den Schutzraum aufgesucht. Alles zog sich in die Länge und war sehr belastend.

Aber es gibt auch diese schönen Momente trotz der schwierigen Bedingungen. Zum Beispiel war eine Pressekonferenz angesetzt. Die Zeit verging viel zu schnell, also improvisierten wir und hielten die Konferenz tatsächlich in einer Tiefgarage ab. Das war etwas Besonderes: Alle hielten zusammen, waren lösungsorientiert, ohne zu jammern. Die Pressekonferenz in der Tiefgarage wurde am Ende sogar teilweise richtig lustig und schön.

HÄMATOM auf Ukraine-Tour November 2025 ©Nico Scholl

HÄMATOM Benefizkonzerte in der Ukraine November 2025 ©Nico Scholl

HÄMATOM auf Ukraine-Tour November 2025 ©Nico Scholl
 
HÄMATOM auf Ukraine-Tour November 2025 ©Nico Scholl
 
HÄMATOM auf Ukraine-Tour November 2025 ©Nico Scholl
 
HÄMATOM auf Ukraine-Tour November 2025 ©Nico Scholl
 
HÄMATOM auf Ukraine-Tour November 2025 ©Nico Scholl
 
HÄMATOM auf Ukraine-Tour November 2025 ©Nico Scholl
 
HÄMATOM auf Ukraine-Tour November 2025 ©Nico Scholl
 
HÄMATOM auf Ukraine-Tour November 2025 ©Nico Scholl
 
HÄMATOM auf Ukraine-Tour November 2025 ©Nico Scholl
 

bt: Habt ihr in dieser Zeit auch mal das Gefühl oder den Gedanken gehabt: Ich muss wieder nach hause, das ist mir zu gefährlich?

OST: Nein.

SÜD: Wir sind in die Ukraine eingereist, und mit jedem Schritt Richtung Kyjiw spürten wir, wie die Ängste nachließen. Es war klar, wie alles funktioniert. Ich habe das irgendwann für mich mit einer Bergwanderung verglichen, ist natürlich viel viel schlimmer: Du hast eine Wetter-App, die dir sagt, dass ein Sturm aufzieht. Entsprechend hast du Zeit, dich vorzubereiten, hier in unserem Fall einen Schutzraum zu finden. Wenn man sich an diese Regeln hält, ist man eigentlich sehr sicher.

OST: Zumindest, wenn man nicht an der Front ist. Wir sprechen ja nach wie vor von Kyjiw und Luftangriffen. Bei mir war es auch nicht so, also alle, achtzig neunzig Prozent der Crew haben das unterstrichen. Nach der ersten Nacht in relativer Sicherheit in Polen hatten wir das innere Gefühl, sofort wieder zurückzugehen und etwas Sinnvolles zu tun – trotz der traurigen Ereignisse. Wir haben tatsächlich eine der längsten und schrecklichsten Angriffsnächte auf Kyjiw miterlebt.

Am Abend spielten wir unser Konzert in der Mall. Die Stimmung war großartig, die Halle voll, eine echte Bombenstimmung. Während der Show bemerkte ich jedoch immer mehr, dass die Gesichter der Menschen um uns herum ernst wurden und immer mehr Leute gingen. Als wir von der Bühne runter sind, wurde mir klar warum: Ich habe in die Gesichter unserer Begleiter geschaut, und es war das erste mal dass ich dort Angst und Besorgnis gesehen habe. Und es hieß: „Ok sofort zusammenpacken, es wird gleich Luftalarm geben, der ist dieses mal richtig ernst. Die Russen sind dabei einen Angriff zu starten. Deswegen sind auch schon viele Leute vorher gegangen, die wahrscheinlich von den Eltern oder so angerufen wurden: “ Hey schau dass du nach Hause kommst, sonst verbringst du die Nacht in der U-Bhan“.

Wir wurden sofort in den Schutzraum gebracht. Es dauerte ein bisschen, bis der Veranstalter weitere Informationen erhielt: Sechshundert Drohnen waren unterwegs Richtung Kyjiw, vermutlich auch Überschallraketen. Wir hatten zwei Möglichkeiten: Die ganze Nacht dort zu verbringen, in der kalte ohne Klo mit einem Kanister Wasser oder ins Hotel zu gelangen. Wir waren im diplomatischen Viertel untergebracht, das relativ sicher erschien.

Wir packten so schnell wie möglich alles ins Auto und fuhren durch die Stadt – über rote Ampeln, wie im wilden Westen –, um das Hotel zu erreichen. Vier Minuten bevor der Angriff losging, kamen wir an. Ich hatte noch die grandiose Idee, draußen eineu rauchen und hab mir ne Zigarette angezündet. In diesem Moment schlug eine Bombe in der Nähe ein. Ich habe sie nicht gesehen, aber gespürt und gehört und hab sofort die Zigarette weggeschmissen. Der Boden bebte, die Fensterscheiben des Hotels haben vibriert.

Die Luftabwehr begann Drohnen abzuschießen, und der Angriff dauerte insgesamt über zehn Stunden. Es gab drei Tote und über dreißig Verletzte. Große Schäden entstanden unter anderem an Kraftwerken und Infrastruktur. Der Angriff erfolgte in mehreren Phasen. Im Bunker spürte man die veränderte Stimmung sofort. Am Tag zuvor war der Bunker fast leer gewesen; diesmal war er komplett gefüllt.

SÜD: Es war schon heftig, und sind auch im Nachhinein auch irgendwie so surreale Momente. Ich habe den Bunker selbst auch nie verlassen, während andere noch zu rauchen draußen standen. Wenn man aber den Schutzraum hat, ist man eigentlich sicher – „normale“ Bomben können einem dort nichts anhaben.

OST: Um halb zehn morgens, als der Luftalarm aufgehoben wurde, standen wir bereit, gepackt und bereit zur Abfahrt. Es ging nicht darum, dass wir unbedingt raus wollten, sondern weil die Fahrer alles daran setzten, uns aus der Gefahrenzone sicher herauszubringen. Die Reise selbst war damit abgeschlossen, und wir hatten dieses intensive, hautnahe Erlebnis überstanden.

bt: Welche Erfahrung habt ihr aus dieser Reise mitgenommen?

OST: Auf eine komische Art war das total spannend und aufregend. Wir wollen das unbedingt wiederholen, wenn es sicherheitstechnisch möglich ist. Das Ankommen im Alltag war für mich zumindest hart.

SÜD: Solche Erlebnisse trägt man dauerhaft mit sich. Ich habe immer wieder Situationen verglichen: „Wow, ich kann jetzt in Ruhe dies oder das machen, während in der Ukraine vieles nur unter Einschränkungen möglich ist.“ Man kommt auf jeden Fall dankbarer zurück, als man losgereist ist.

Zum ersten Mal hat es für mich so richtig Sinn gemacht, Musik zu machen. Unsere „Waffen“ sind die Instrumente, das Musizieren – und damit konnten wir einen wirklich sinnvollen Beitrag leisten. Es war auch ein Zeichen der Solidarität.

Es gab auch Hater, die diese Reise alles andere als abgefeiert haben, für mich unverständlich. Aber es gab viel mehr Menschen, die uns angesprochen haben und sagten: „Toll, dass ihr da wart, toll, dass ihr es geschafft habt, die Ukraine näher zu bringen.“ Viele sind einfach müde, Informationen über diesen Krieg zu hören, das ist irgendwie so ein Ding was da so rumdümpelt, jetzt schon seit ein Paar Jahren. Wir konnten zumindest wieder etwas Bewegung in die Köpfe bringen und zeigen: Ja, der Krieg findet noch statt, und er ist wirklich schrecklich und auch wirklich einseitig zu bewerten. Damit haben wir auf jedenfalls was erreicht. Die Reise und das Musizieren haben für mich dadurch mal richtig Sinn ergeben.

OST: Genau, dem kann ich mich nur anschließen. Wir wollten den Blick dafür schärfen, welche Ungerechtigkeit seit vier Jahren in der Ukraine stattfindet. Wir haben alles mit eigenen Augen, Ohren und Leibern erlebt. Niemand will, dass die russische Armee weiter westlich steht, als sie es jetzt tut – und genau darauf sollten wir achten.