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Alter Brauch

Die Rauhnächte – Einkehr und Innenschau

Die Rauhnächte erleben seit einigen Jahren eine bemerkenswerte Wiederentdeckung. Immer mehr Menschen suchen in dieser besonderen Zeit zwischen den Jahren Ruhe, Besinnung und Orientierung.

Die Lichtermacherin Dinah Henke, die sich seit vielen Jahren intensiv mit der Tradition der Rauhnächte beschäftigt, verbindet überliefertes Wissen mit einer modernen, intuitiven Sichtweise. Ihre Erfahrungen zeigen, wie die Rauhnächte heute zu einer Phase bewusster Innenschau werden können, ohne starre Regeln oder strenge Vorgaben.

Die Bedeutung der Rauhnächte

Die zwölf Nächte zwischen Weihnachten und dem 6. Januar, häufig ergänzt durch einen dreizehnten Tag, gelten seit Jahrhunderten als Zeit außerhalb des Kalenders. Für Menschen zu vorindustriellen Zeiten war dies die dunkelste Phase des Jahres, geprägt von Rückzug, Wärme am Feuer und der Erwartung, dass die Sonne bald wieder an Kraft gewinnt. Dinah betont, dass diese Tage vor allem durch Stille, Reflexion und das langsame Wiedererwachen des Lichts bestimmt sind. Während früher lange Winternächte und harte Lebensbedingungen den Alltag prägten, dient die Zeit heute vielen Menschen dazu, das alte Jahr zu verabschieden und bewusst einen inneren Neubeginn zu setzen.

Alte Bräuche mit neuer Bedeutung

Zahlreiche Traditionen rund um die Rauhnächte sind tief im ländlichen Leben verankert. Dazu gehörte etwa das Räuchern der Häuser und Ställe, mit dem man glaubte, alte oder negative Energien zu vertreiben und die Luft zu reinigen. Dinah verweist darauf, dass dafür noch heute klassische Räucherstoffe wie Weihrauch, Rosenweihrauch, Myrrhe oder Kräuterbuschen verwendet werden, die im Sommer gesammelt wurden. In einer Zeit, in der kaum gelüftet wurde und die Luft in den alten Bauernhäusern stickig war, erfüllte das Räuchern eine ganz praktische Funktion. Heute steht es für viele als symbolische Geste des Klärens und Loslassens.

Die Symbolkraft des Lichts

Als Hauptberufliche Lichtmacherin, oder Wachsbildnerin, spielen in Dinah Henkes Arbeit Kerzen eine zentrale Rolle. Sie versteht sie als Sinnbild für Wärme, Orientierung und Zuversicht und gestaltet ihre Rituale rund um das Spiel von Dunkelheit und Helligkeit. Jede angezündete Flamme soll daran erinnern, dass das Leben selbst in den dunkelsten Momenten weitergeht. Die gezielt gefertigten Rauhnacht-Kerzen bestehen oft aus zwei Farbschichten und verbinden den dunklen Anteil des vergangenen Jahres mit dem hellen Licht des neuen. Für Dinah steht der Übergangsbereich zwischen beiden Farben, den sie Flowzone nennt, sinnbildlich für die eigene Wachstumszone: jenes Feld, in dem sich Licht und Schatten begegnen und aus dem innere Entwicklung entsteht.

Die zwölf Nächte und ihre Rituale

Traditionell wird jeder Rauhnacht ein Monat des kommenden Jahres zugeordnet. Beim Entzünden der jeweiligen Kerze bietet sich Raum, um über das Vergangene nachzudenken und zu spüren, welche Themen im neuen Jahr eine Rolle spielen könnten. Dinah empfiehlt, diese Zeit zu nutzen, um sich bewusst zu sammeln, Gedanken zu ordnen, Gewesenes abzuschließen und Neues willkommen zu heißen. Jede Kerze brennt rund eine halbe Stunde, ein konzentrierter Moment, in dem man sich selbst begegnen kann.

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Das 13-Wünsche-Ritual als moderner Begleiter

Besonders beliebt ist das von Dinah verwendete 13-Wünsche-Ritual. Dabei werden 13 Wünsche für das kommende Jahr formuliert und auf einzelne Zettel geschrieben. An jeder Rauhnacht wird einer dieser Wünsche dem Feuer übergeben, ohne vorher zu lesen, welcher es ist. Der letzte, dreizehnte Wunsch, der übrig bleibt, wird nicht verbrannt. Er gilt als jener Wunsch, für den man im neuen Jahr selbst Verantwortung übernimmt. Dinah versteht diesen Prozess als Einladung, für die eigene Freiheit und Gestaltungskraft einzustehen und bewusster auf das zu hören, was einen wirklich bewegt.

Die Sperrnächte als Zeit des Aufräumens

Schon vor den eigentlichen Rauhnächten beginnen die sogenannten Sperrnächte, die etwa vom 8. bis 20. Dezember reichen. Sie dienen dazu, das alte Jahr noch einmal Monat für Monat zu betrachten und innerlich abzuschließen. Für Dinah sind diese Tage wichtig, um nicht nur nach vorne, sondern auch bewusst zurückzublicken. Erst mit der Wintersonnenwende am 21. Dezember, dem dunkelsten Tag des Jahres, wendet sich symbolisch alles dem neuen Licht zu. Dieser Moment markiert den Neubeginn, der später in den Rauhnächten vertieft wird.

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Rituale für die Gegenwart

Für Dinah Henke ist entscheidend, dass die Rituale der Rauhnächte nicht dogmatisch verstanden werden. Sie ermutigt Menschen, auf die eigene Intuition zu hören und die Bräuche so zu gestalten, wie sie sich richtig anfühlen, ob mit Kerzen, Räucherwerken, Runen oder einem kleinen persönlichen Altar. Viele ihrer Kundinnen und Kunden integrieren die Rituale in den Alltag, gestalten Lichtplätze, ziehen tägliche Botschaften oder nutzen die Gelegenheit, gemeinsam mit Familie oder Partnern über Wünsche und Herausforderungen zu sprechen.

Lichtermacherin, Wachskünstlerin und Kerzenelfe

Dinah Henke lebt mit ihrer Familie und einigen Laufenten auf der idyllisch gelegenen Grundfarm in der Nähe von Weidenberg und betreibt dort ihre Kerzenwerkstatt als Familienbetrieb in zweiter Generation. Darüber hinaus hält sie VHS-Kurse und Workshops, die meist Themen wie Rituale oder DIY-Kerzen behandeln, und ist auf Social-Media aktiv. Auch Kindergeburtstage und Crafting-Kurse für Kinder richtet sie als Kerzen-Elfe aus. Die speziellen Rauhnachtskerzen oder auch Kerzen für andere Feiertage sowie individuelle Stücke wie Tauf- und Hochzeitskerzen können bei ihr im Online-Shop erworben werden.

„Der einzige Moment den wir haben ist immer (nur) das Jetzt“

Die Rauhnächte verbinden Vergangenheit und Gegenwart auf einzigartige Weise. Sie ermöglichen, innezuhalten und zugleich hoffnungsvoll nach vorn zu blicken. Dinah Henke zeigt, wie lebendig alte Traditionen werden können, wenn man sie mit Offenheit und persönlicher Achtsamkeit verbindet. Ihre Kerzen und Rituale führen zurück zum Wesentlichen: zum Licht, das wiederkehrt, und zur eigenen Kraft, das kommende Jahr bewusst zu gestalten.