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Zugverkehr nach Nürnberg läuft wieder Neuer Imbiss „Stern“ öffnet am 15. September Berufsschule zum Schulstart doch noch nicht bezugsfertig

Zuletzt aktualisiert am 24. Februar 2026 | 16:30

Wagners Einfluss auf Hollywood

Einen Film mit den Ohren sehen – Bayreuths Einfluss auf Hollywood

von Michael Christensen

Seit einem Vortrag über Richard Wagner beim kontrast Filmfest höre ich Filme anders. Wie Leitmotive aus Bayreuth bis nach Hollywood wirken, zeigt sich nicht nur in „Final Destination 6“, sondern auch im Wüstenepos „Lawrence of Arabia“: ein neuer Blick auf das Kino für Filmliebhaberinnen und Filmliebhaber.

Lukas Geppert (rechts) bei seinem Vortrag beim kontrast Filmfest im Jubiläumsjahr „150 Jahre Bayreuther Festspiele“. © bt-Redaktion
Lukas Geppert (rechts) bei seinem Vortrag beim kontrast Filmfest im Jubiläumsjahr „150 Jahre Bayreuther Festspiele“. © bt-Redaktion

Man sitzt im Kino und glaubt, man sehe einen Film. Doch man hört ihn ebenso. Unter Bildern und Dialogen liegt eine zweite Ebene: eine, die warnt, täuscht, Hoffnung weckt. Oft bleibt sie unbewusst – bis man beginnt, genauer hinzuhören.

Beim kontrast Filmfest in Bayreuth sprach der Bayreuther Filmmusikproduzent Lukas Geppert über genau diese unsichtbare Erzählebene. Sein Vortrag „Vom Grünen Hügel nach Hollywood – Richard Wagner und die Filmmusik“ war Teil des Festivals und zugleich des Jubiläumsjahres „150 Jahre Bayreuther Festspiele“.

Geppert hatte sich lange nicht ausdrücklich mit Wagners Einfluss beschäftigt. Erst im Sommer 2025, als er gefragt wurde, wie sehr Richard Wagner seine Arbeit präge, begann er, darüber intensiver nachzudenken. Dabei wurde deutlich, dass er längst mit einer Technik arbeitet, die in Bayreuth ihren entscheidenden Impuls erhielt: Wagners Leitmotiv.

Musik, die Bedeutung trägt

Ein Leitmotiv ist eine klar erkennbare musikalische Figur – eine Tonfolge, ein Rhythmus, eine kleine Melodie, so Geppert. Sie wird mit einer Figur, einem Ort oder einer Idee verbunden. Und sie kehrt wieder.

Doch nicht unverändert. Sie erscheint in anderem Tempo, in neuer Harmonie, in anderer Instrumentierung. Ein Heldenthema kann triumphieren, zweifeln oder zerbrechen – je nachdem, in welchem musikalischen Rahmen es steht.

Wagner nutzte dieses Prinzip im „Ring des Nibelungen“, um über viele Stunden hinweg ein Netz musikalischer Bezüge zu schaffen. Ähnliche Effekte sind heute selbstverständlich: wenn Darth Vader auftritt oder wenn unterschiedliche Orte in „Der Herr der Ringe“ musikalisch markiert werden. Für Geppert ist genau dieses Denken bis heute grundlegend für Hollywood.

Horror mit Struktur: „Final Destination 6“

Ein Beispiel aus seiner Arbeit ist Final Destination 6. Regie führten Zack Lipovsky und Adam B. Stein, die Musik entstand unter Leitung von Komponist Tim Wynn, mit dem Bayreuther Lukas Geppert als Additional Writer. Große Studiofilme werden heute im Team vertont: Ein Hauptkomponist entwickelt die Leitlinien, weitere Komponisten schreiben zusätzliche Musik, passen sie an, variieren sie.

Schon in der Drehbuchphase beginnt die Arbeit. Welche Figuren tragen die Geschichte? Welche Ideen sind zentral? Wer braucht ein eigenes musikalisches Thema?

Im Fall von „Final Destination“ ist der Antagonist unsichtbar: der Tod. Kein Schauspieler verkörpert ihn. Also muss die Musik seine Präsenz hörbar machen.

Das Todesmotiv ist schlicht – eine markante, dunkle Bassfigur. Gerade diese Einfachheit macht es einprägsam. Über die Hälfte der Musikstücke im Film greifen es auf. Mal als wuchtige Action-Variante, mal schleichend und kaum hörbar, mal scheinbar aufgelöst, wenn Figuren glauben, dem Schicksal entkommen zu sein.

„Wiederholung ist hier das A und O“, erklärte Geppert. Wird das Motiv mehrfach vor einer brutalen Szene gespielt, verknüpft das Publikum Klang und drohendes Unheil. Später kann diese Erwartung bewusst unterlaufen werden. Die Musik kündigt Gefahr an – und nichts passiert. Oder sie schweigt – und der Schock trifft unerwartet.

Musik wird so zum dramaturgischen Werkzeug. Sie konditioniert. Sie führt in die Irre. Sie verstärkt das Bild – oder widerspricht ihm.

Teamarbeit im Schatten des Schnitts

Filmmusik entsteht nicht im luftleeren Raum. Der Filmschnitt steht im Zentrum, die Musik muss sich anpassen. Neue Schnittfassungen bedeuten neue Takte, neue Übergänge, neue Akzente. Zwei Minuten fertige Musik pro Tag gelten als gutes Pensum.

Erst am Ende, wenn Budget und Zeit es erlauben, wird mit großem Orchester aufgenommen. In Los Angeles arbeiteten rund 70 Musiker an der finalen Fassung von „Final Destination 6“. Der Computer liefert zuvor nur das Gerüst – das Orchester gibt ihm Atem.

Plötzlich hört man anders

Nach diesem Vortrag lässt sich ein Film nicht mehr nur sehen. Man hört ihn bewusster.

Beim Filmabend im Glashaus fiel das sofort auf: Lawrence of Arabia von David Lean, mit Peter O’Toole in der Hauptrolle und Musik von Maurice Jarre.

216 Minuten Wüste, Licht, Staub. Kamele als Silhouetten gegen den Horizont. Ein Film von epischer Ruhe – und epischer Musik.

Schon früh wird dem Protagonisten T. E. Lawrence ein eigenes Thema zugeordnet: weit ausschwingend, offen, getragen von strahlendem Orchester. Es klingt nach Aufbruch, nach Vision, nach Größe. Das ist die Musik des Helden.

Gefahr hingegen hat eine andere Klangfarbe. Enger geführt, spannungsreicher, oft mit dunklerer Harmonie unterlegt. Beide musikalischen Figuren kehren immer wieder – jedes Mal leicht verändert. Mal triumphal, mal zögernd, mal von Zweifeln überschattet.

Besonders deutlich wird das in der Szene der Nefud-Durchquerung auf dem Weg nach Aqaba. Nachts, weil die Hitze tagsüber tödlich wäre. Ein Mann bleibt zurück. Lawrence kehrt um, um ihn zu retten, obwohl die Chancen auf eine Rückkehr gering sind. In den Stunden vor der Dämmerung sieht man eine einzelne Gestalt durch die Weite der Wüste gehen, während Lawrence auf seinem Kamel in die entgegengesetzte Richtung reitet. Ob die Rettung in der endlosen Weite gelingt, bleibt ungewiss.

Die nächste Szene spielt unter gleißender Sonne. Ein junger Mann hält Wache in der Wüste. In der Ferne erscheint eine Gestalt im flimmernden Sand. Die Musik wechselt. Hoffnung klingt an – es könnte Lawrence sein. Doch zugleich schwingt Bedrohung mit. Ist es Freund oder Feind?

Die bekannten musikalischen Figuren überlagern sich. Wie ein innerer Monolog. Als sich die Gestalt als Lawrence erweist, bricht das Thema in voller Orchesterkraft hervor. Ein Crescendo, das die Tat größer erscheinen lässt, als es Bilder allein könnten.

Genau hier wird hörbar, was Geppert beschrieben hat: Ein Motiv, das wiederkehrt, sich wandelt, Bedeutung trägt. Musik als erzählender Charakter.

Bayreuth im Kino

Filmmusik ist keine bloße Begleitung, sie ist selbst Erzähler.

Sie kündigt Gefahr an.
Sie täuscht Sicherheit vor.
Sie macht Hoffnung hörbar.
Sie lässt Zweifel klingen.

Vom Grünen Hügel in Bayreuth bis nach Hollywood reicht diese Idee. Richard Wagner hat sie nicht für das Kino erfunden. Doch das Kino erzählt bis heute mit ihr. Und nun beschreibt auch ein Bayreuther als Hollywood-Filmmusikproduzent, wie stark diese Wirkung noch immer ist.

Wer einmal begonnen hat, genauer hinzuhören, merkt: Man sieht einen Film nicht nur. Man hört ihn – und vielleicht klingt darin auch ein Echo vom Grünen Hügel.

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