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Frauen auf die Liste, Männer in den Rat? Die bittere Wahrheit über Frauen in Stadtrat, Kreisrat und den Rathäusern
Im Bayreuther Stadtrat sitzen künftig 32 Männer, denen lediglich 12 Frauen gegenüberstehen. Das entspricht einer Frauenquote von gerade einmal 27 Prozent. Fast drei Viertel des Bayreuther Stadtrats ist männlich. Werden hier die Lebensrealitäten einer modernen Stadtgesellschaft wirklich abgebildet?
Die Debatten um Kitaplätze, Stadtentwicklung und Kultur werden auch weiterhin mit einem sehr markanten Bass geführt. Besonders im Fokus: Das bayerische Wahlsystem mit seinem Kumulieren und Panaschieren, das sich oft als „Frauen-Bremse“ entpuppt. Das zeigt sich nicht nur, aber auch im Bayreuther Stadtrat.
Der Landkreis: Ein Prozentpunkt Vorsprung für die Dörfer
Überraschenderweise schneidet der Kreistag einen Hauch „weiblicher“ ab als die vermeintlich progressive Stadt. Bei 43 Männern und 17 Frauen landen wir hier bei einer Quote von 28 Prozent.
Ein Sieg der Frauenförderung? Kaum. Es ist eher ein Gleichstand auf niedrigem Niveau, der ein tieferliegendes Paradoxon offenbart: Während die Parteien ihre Listen zunehmend weiblicher gestalten, scheitert die Repräsentation oft an der letzten Meile: der Wahlurne. Es zeigt sich: Ob Urbanität oder ländlicher Raum, das politische Ehrenamt bleibt eine Bastion, in der Präsenz in klassischen Netzwerken oft schwerer wiegt als ein paritätisches Angebot auf dem Stimmzettel.
Das „Bürgermeister-Loch“: Wo sind die Chefinnen?
Richtig dramatisch wird es beim Blick auf die Chefsessel in den Rathäusern des Landkreises. Hier herrscht fast schon eine männliche Monokultur:
- 29 Männer halten das Zepter fest in der Hand.
- Nur 3 Frauen konnten sich bisher durchsetzen.
Das ist eine Quote von mageren 9 Prozent. (Eine Stichwahl sorgt dafür, dass die Zahlen noch nicht endgültig sind). Hier zeigt sich die strukturelle Hürde am deutlichsten. Ein Bürgermeisteramt ist kein normales Ehrenamt, sondern ein 24/7-Job, der mit der traditionellen Rollenverteilung kollidiert. Das Thema Mental Load – die unsichtbare Last der Alltagsorganisation und Care-Arbeit – liegt in Deutschland nach wie vor primär auf den Schultern von Frauen. Kein Wunder, dass es nur wenige Frauen gibt, die für den Job zur Verfügung stehen.
Wer abends um 20 Uhr noch die Bürgerversammlung leiten und am Wochenende jedes Feuerwehrfest besuchen muss, braucht den Rücken frei. Solange gesellschaftliche Strukturen und verkrustete Erwartungshaltungen an eine „Landesmutter“ oder einen „Gemeindevater“ die Care-Arbeit nicht fair verteilen, bleibt der Chefsessel im Rathaus für viele qualifizierte Frauen schlicht unvereinbar mit der Lebensrealität.
Quote scheitert an der Wahlurne
Doch neben den genannten Gründen, zeigt der Blick auf die Listen und die Wahlergebnisse in diesem Jahr auch noch etwas anderes: Auch da wo es genug Frauen zur Auswahl gäbe, werden sie viel weniger gewählt, als die Männer.
Das Ergebnis nach der Auszählung gleicht jedoch einer kalten Dusche:
Schauen wir auf die Stadtratswahl
- Die BG war mit einer ambitionierten Liste angetreten: 19 Frauen und 25 Männer schickte die BG ins Rennen. Die Bilanz der BG: Trotz des beachtlichen Frauenanteils auf dem Wahlzettel sitzen im neuen Stadtrat für die Wählergemeinschaft ausschließlich Männer (5 Sitze).
- Die Grünen haben 23 Frauen und 21 Männer ins Rennen geschickt. Es sind drei Frauen und drei Männer ins Gremium gekommen.
- Die SPD hat ihre Liste genau hälftig besetzt. Im Stadtrat sitzen aber künftig doppelt so viel rote männliche Stadträte wie weibliche.
Das Problem: Wählerinnen und Wähler haben durch das gezielte „Häufeln“ (Kumulieren) die männlichen Kandidaten konsequent nach vorne gewählt und so den Frauenanteil der Listen an der Wahlurne deutlich gedrückt.
Redaktionelle Einordnung: Warum die Liste nur die halbe Miete ist
Das Beispiel der BG und auch der SPD zeigt schmerzhaft auf: Eine vielfältige Liste ist wichtig, aber sie verpufft, wenn das Wahlvolk etablierte (männliche) Netzwerke belohnt. Frauen fehlen oft die jahrzehntelangen Verankerungen in Traditionsvereinen oder Stammtischen, die in der Kommunalpolitik als „Stimmen-Staubsauger“ fungieren. Während männliche Kandidaten oft durch lokale Bekanntheit von hinteren Plätzen weit nach vorne springen, schaffen Frauen diesen Sprung statistisch gesehen deutlich seltener.
Zudem trifft die politische Arbeit oft auf die „Rushhour des Lebens“: In der Phase, in der man sich profilieren müsste (30 bis 45 Jahre), ist die Belastung durch Beruf und Familie am höchsten. Die starren Sitzungszeiten und die Erwartung permanenter Abendpräsenz sind auf diese Realität bisher kaum eingestellt.
Fazit: Repräsentation sieht anders aus
Die Zahlen lügen nicht. Trotz aller Lippenbekenntnisse zur Gleichberechtigung bleibt die Kommunalpolitik in und um Bayreuth ein „Boys Club“. Das bayerische Wahlsystem gibt dem Wähler alle Macht: doch diese Freiheit wird oft genutzt, um das Bekannte zu bewahren, statt die Vielfalt der Gesellschaft abzubilden.
Wenn wir wollen, dass sich junge Frauen für unsere Heimat engagieren, müssen die Parteien mehr tun, als nur Quoten auf Listen zu erfüllen. Sie müssen Arbeitsstrukturen schaffen, die nicht nur für Ruheständler funktionieren, und aktiv gegen die unsichtbaren Barrieren des Mental Load arbeiten. Die Wähler haben gesprochen. Nun müssen die Verantwortlichen die Rahmenbedingungen ändern, bevor in sechs Jahren das nächste Mal die Kreuzchen gesetzt werden.
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Archivbild: Neele Boderius
Stadtbus Archivfoto: Stadtwerke Bayreuth