Die Bierliesl: Warum in Bayreuth eine Münchnerin vom Giebel grüßt
von Katharina Müller-Sanke und Martin Bayer
In der bt-Bierkolumne geht’s heute um eine Dame, an der täglich Hunderte vorbeilaufen, ohne sie überhaupt zu bemerken. Dabei schaut sie schon seit mehr als hundert Jahren von einem Bayreuther Giebel auf die Spitalkirche herab – und ihre Geschichte führt direkt zum Münchner Oktoberfest.
Die Bierliesl in der Maximilianstraße
Wer in der Bayreuther Maximilianstraße unterwegs ist, läuft direkt an ihr vorbei, ohne hochzuschauen: die Bierliesl. An der Fassade des Hauses Maximilianstraße 69, gegenüber der Spitalkirche, ziert eine Figur mit Bierkrügen in beiden Händen und wehenden Zöpfen den Giebel. Früher war in dem Gebäude die Brauerei Schilling beheimatet – und die ließ sich die Bierliesl offenbar aus gutem Grund aufs Haus setzen.
Kein Bayreuther Original – sondern eine Münchnerin
Wer glaubt, die Bierliesl sei eine Bayreuther Erfindung, irrt. Das Motiv ist eine Kopie der Münchner „Schützenliesl“ – jener Figur, die bis heute jeden Herbst auf dem Oktoberfest besungen wird („Schützenliesl, dreimal hat’s gekracht …“). Vermutlich erhofften sich die Bayreuther Brauer, dass ihnen das Wiesn-Glückssymbol ähnlichen geschäftlichen Erfolg bringen würde wie in München.
Die reale Frau hinter dem Motiv
Und hinter der Schützenliesl steckt tatsächlich eine echte Person: Coletta Möritz, geboren 1860 in der Nähe von Pöttmes bei Augsburg, gestorben 1953. Sie arbeitete als junge Kellnerin im Münchner Sterneckerbräu, als der Maler Friedrich August von Kaulbach auf sie aufmerksam wurde. Kaulbach stammte selbst aus einer bekannten Münchner Malerfamilie – er war der Neffe des berühmten Hofmalers Wilhelm von Kaulbach.
1881 fertigte Kaulbach für das VII. Deutsche Bundesschießen auf der Theresienwiese – dem Vorläufer-Areal des heutigen Oktoberfests – ein riesiges Wandbild an, das Coletta auf einem Bierfass balancierend zeigt, mit schäumenden Maßkrügen in den Händen und einer kleinen Schützenscheibe statt einer Kappe im Haar. Das Bild schmückte die Bierbude „Zur Schützenliesl“ und machte Coletta über Nacht berühmt. Ihr Konterfei landete fortan auf Postkarten, Bierkrügen und Aschenbechern.
Vom Biermadl zur erfolgreichen Wirtin
Coletta Möritz selbst blieb von dem Rummel um ihre Person erstaunlich unbeeindruckt. Sie arbeitete weiter in der Gastronomie, heiratete und führte später gemeinsam mit ihrem Mann mehrere bekannte Lokale in München. Der Maler Kaulbach dagegen verdiente an den unzähligen Reproduktionen seines Bildes nichts – ihm blieben, wie er selbst schrieb, nur „Störungen und Widerwärtigungen“.
Wer mehr über ihre Geschichte erfahren möchte: Der Bayerische Rundfunk hat der echten Schützenliesl eine eigene Dokumentation gewidmet, „Die Schützenlisl – Ein Biermädl macht Karriere“, abrufbar in der ARD Mediathek.
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Warum sich der Blick nach oben lohnt
Die Bayreuther Bierliesl ist damit mehr als nur hübsche Fassadendekoration. Sie erzählt, still und meist unbeachtet, eine waschechte Münchner Wiesn-Geschichte mitten in der Bayreuther Innenstadt – und daran, dass sich der Blick nach oben manchmal einfach lohnt, ändert auch mehr als ein Jahrhundert nichts.
Zum Autor
Martin Bayer ist Touristikprofi, Reiseveranstalter und leidenschaftlicher Bierguide in Bayreuth. Als „Bierkutscher“ mit Zylinder und Gespür fürs Anekdotische führt er Gruppen durch Katakomben, Biergeschichte und Bayreuther Legenden. In seiner bt-Bier-Kolumne schenkt er uns regelmäßig Geschichten mit Schaumkrone ein – mal süffig, mal nachdenklich, immer mit einem Augenzwinkern.




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