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Braucht Bayreuth den Hundeführerschein? Zwischen Experten–Rat und Beißvorfällen
Wer in Deutschland ein Auto steuern will, muss eine Prüfung bestehen. Für fast jeden Hausbau wird eine Genehmigung benötigt. Wer sich jedoch ein Lebewesen anschafft, das 50 Kilogramm wiegen und zur Gefahr für andere werden kann, muss bisher oft nur eines: den Kaufpreis bezahlen. Angesichts immer wieder vorkommender Beißvorfälle flammt die Debatte um einen verpflichtenden Sachkundenachweis für Hundehalter wieder auf.
Kai Braunmiller, Leiter des Veterinäramts Bayreuth sieht ein strukturelles Problem. In seiner täglichen Praxis erlebt er oft, dass Behörden erst dann handeln können, wenn die Haltung bereits „katastrophal“ verlaufe oder Tiere wegen massiver Überforderung der Besitzer sichergestellt werden müssen. Die zentrale Frage für die Wagnerstadt lautet daher: Brauchen wir eine präventive Kompetenzprüfung für alle Hundehalter?
Die aktuelle Rechtslage: Ein föderaler Flickenteppich
Regelungen zur Hundehaltung fallen in Deutschland primär in die Zuständigkeit der einzelnen Bundesländer. Anders als beim Autoführerschein, der bundesweit standardisiert ist, gibt es beim Hund keinen einheitlichen Rahmen. Während der Autoverkehr schon früh streng reguliert wurde, galt die Hundehaltung lange Zeit als reine Privatsache.
Nach Artikel 70 des Grundgesetzes haben die Bundesländer die Kompetenz, eigene Vorschriften zur Gefahrenabwehr zu erlassen. Dies führt dazu, dass jedes Bundesland ein eigenes Hundegesetz, eine Hundehalterverordnung oder ein Gefahrtiergesetz pflegt. Einige Länder sehen eine deutlich höhere Gefahrenlage als andere und setzen entsprechend unterschiedliche Schwerpunkte. Das Ergebnis ist ein bürokratischer Flickenteppich, der für viele Bürger kaum noch zu durchschauen ist.
In Bayern setzt die Staatsregierung traditionell auf Eigenverantwortung. Ein Sachkundenachweis wird im Freistaat primär dann verlangt, wenn es sich um als gefährlich eingestufte Hunde – sogenannte Listenhunde – handelt oder wenn ein Tier bereits durch Beißvorfälle negativ aufgefallen ist. Ganz anders ist die Situation in Niedersachsen: Dort müssen Halter bereits seit 2013 ihre Sachkunde theoretisch und praktisch nachweisen. Dr. Braunmiller verweist im Gespräch deutlich auf dieses Vorbild: „Niedersachsen hat diesen Hundeführerschein äußerst erfolgreich eingeführt.“ Ein Modell, das seiner Meinung nach auch in Bayern Schule machen sollte, um Konflikte im städtischen Raum proaktiv zu entschärfen. Auch Bremen hat kürzlich reagiert: Ab dem 1. Juli 2026 gelten dort strengere Regeln. Wer dann einen Hund neu anmeldet, muss verpflichtend einen Hundeführerschein ablegen, bestehend aus einer Theorieprüfung vor der Anschaffung und einer praktischen Prüfung im ersten Jahr.
Dr. Braunmiller: „Da gibt es eine gewisse Sprachbarriere“
Das Kernproblem liege laut Dr. Braunmiller oft in der menschlichen Selbstüberschätzung. Wer sich zum ersten Mal einen Vierbeiner zulegt, unterschätzt häufig die Komplexität der Erziehung. Viele Menschen nähmen fälschlicherweise an, dass Hunde intuitiv verstehen würden, was man von ihnen wolle. „Aber da gibt es schon eine gewisse Sprachbarriere“, merkt der Veterinärdirektor an.
Ein verpflichtender Hundeführerschein wäre laut Braunmiller eine „tolle Geschichte“, nicht zuletzt, weil viele Kaufentscheidungen rein nach der Optik des Tieres getroffen werden. Ein klassisches Beispiel sei der Husky: „Wenn ich einen Husky nicht körperlich auslasten kann, zum Beispiel weil ich für einen Marathon trainiere, dann Finger weg. Was will ich mit einem Husky in Bayreuth? Im Sommer hat er mit seinem dichten Fell bei uns ohnehin ein Problem.“ Wer einen solchen Arbeitshund auf 100 Quadratmetern Wohnfläche hält, ohne dessen Bewegungsdrang täglich zu befriedigen, provoziere Verhaltensstörungen regelrecht.
Ein weiterer kritischer Punkt sind die laufenden Kosten. „Das muss einem klar sein, wenn man sich einen Hund holt“, betont Braunmiller. Von der Anschaffung über den Chip und den EU–Heimtierausweis bis hin zu Entwurmungen, Impfungen und unvorhersehbaren Tierarztkosten – die finanzielle Last ist hoch. Zudem dürfe man nicht vergessen, dass Hunde alt werden und der Unterhalt im Alter meist noch teurer wird. Eine verpflichtende Rasseberatung im Rahmen eines Führerscheins könnte hier viele Fehlkäufe verhindern.
Für diejenigen, die zwar die Nähe zum Tier suchen, sich aber kein eigenes Tier leisten können oder wollen, hat der Experte einen praktischen Rat: „Man kann beim Tierheim den Gassigeher machen. Die freuen sich, wenn jemand kommt und mitmacht. Dazu brauche ich kein eigenes Tier.“
Vermenschlichung und die Folgen der Pandemie
Seit der Corona–Pandemie ist die Anzahl der Beiß-Vorfälle, in die Hunde involviert waren (Hund–Hund oder Hund–Mensch), laut Dr. Braunmiller um etwa ein Drittel angestiegen. Dies sei besonders bedauerlich, da man gerade in der Zeit der Lockdowns genügend Möglichkeiten gehabt hätte, sich über Bücher oder das Internet intensiv mit Hundeerziehung auseinanderzusetzen.
Ein Hauptgrund für die Eskalationen sei mangelnde Führung und eine zunehmende Vermenschlichung der Tiere. Besonders bei großen Hunden führe es zu gefährlichen Situationen, wenn sie als Ersatzpartner gesehen werden. Ein Hund, so Braunmiller, brauche eine „klare Linie“ und einen strukturierten Tagesablauf. Er warnt zudem eindringlich davor, dass Anfänger sich „schwierige“ Rassen oder traumatisierte Hunde aus dem Auslandstierschutz zulegen. Ohne fundiertes Wissen über instinktstarke Tiere eskalieren Begegnungen in der Öffentlichkeit schnell. Für die meisten Familien und angehenden Halter empfiehlt er daher klassischerweise Labradore oder Golden Retriever, die vom Gemüt her meist einfacher zu führen sind.
Hundeführerschein vs. Sachkundenachweis: Eine Definition
Um die Debatte richtig einordnen zu können, muss man zwischen den Begriffen unterscheiden, die umgangssprachlich oft vermischt werden:
- Der Sachkundenachweis: Er ist oft gesetzlich vorgeschrieben und beschränkt sich meist auf eine theoretische Prüfung. Er zielt darauf ab, nachzuweisen, dass der Halter die grundlegenden Risiken seiner Hundehaltung einschätzen kann. In vielen Bundesländern gilt dies nur für bestimmte Rassen.
- Der Hundeführerschein: Dieser ist meist umfangreicher und praxisorientierter. Er umfasst sowohl einen theoretischen Teil als auch eine praktische Prüfung, bei der Gehorsam, das Verhalten im Alltag und die Reaktion unter Ablenkung getestet werden.
Während der Sachkundenachweis oft das Minimum darstellt, gilt der Hundeführerschein als anspruchsvollerer Nachweis, der im Idealfall die Kommunikation zwischen Mensch und Tier in realen Situationen – wie etwa bei Begegnungen mit Radfahrern oder Menschenmengen – bewertet.
Öffentliche Meinung und die Realität in Bayreuth
Dass die Forderung nach einer Prüfung kein reines Behördenthema ist, zeigt eine Umfrage von PETA aus dem Jahr 2023. Demnach befürworten 68 Prozent der Erwachsenen in Deutschland einen verpflichtenden Hundeführerschein vor der Anschaffung des ersten Tieres. Nur etwa 17 Prozent sprachen sich explizit dagegen aus.
In Bayreuth wird die Diskussion derzeit durch ganz konkrete Vorfälle befeuert. In den Jahren 2024 und 2025 kam es zu mehreren Beißattacken, die das Sicherheitsgefühl der Bürger beeinträchtigt haben:
- Juni 2025 (Albrecht–Dürer–Straße): Ein Hund attackierte einen 72–jährigen Radfahrer und biss ihn in den Unterschenkel. Der Halter reagierte uneinsichtig und leistete sogar Widerstand gegen die herbeigerufene Polizei.
- August 2025 (Pottenstein): Im Bereich eines Kletterparks biss eine unangeleinte Bulldogge einen elfjährigen Jungen. Das Kind musste im Krankenhaus versorgt werden.
- Dezember 2024: Eine 80–jährige Spaziergängerin wurde Opfer einer Hundeattacke und erstattete Anzeige.
Diese Vorfälle zeigen, dass die Hauptkritikpunkte der Gegner eines Führerscheins – nämlich der bürokratische Aufwand oder die Kosten – oft schwer gegen das Leid der Opfer und das Wohl der Tiere abzuwägen sind. Kritiker bemängeln zwar, dass uneinsichtige Halter das System durch Wohnsitzwechsel in andere Bundesländer oder Anmeldung auf andere Familienmitglieder umgehen könnten, doch Befürworter halten dagegen: Jede Hürde für verantwortungslose Halter ist ein Gewinn für die öffentliche Sicherheit.
Ausblick: Eigenverantwortung oder Gesetz?
In Bayreuth und ganz Bayern bleibt der Hundeführerschein vorerst ein kontroverses Thema. Da die bayerische Staatsregierung eine allgemeine Pflicht bisher ablehnt, liegt die Verantwortung weiterhin allein beim Halter. Doch eines ist sicher: Die Hundehaltung in der Wagnerstadt bleibt ein Privileg, das Verpflichtungen mit sich bringt. Wer sich vorab informiert, die Rasse passend zum Lebensstil wählt und konsequent in die Erziehung investiert, leistet den wichtigsten Beitrag für ein friedliches Miteinander in Bayreuth. Ob der Gesetzgeber irgendwann den „Führerschein für die Leine“ erzwingt, bleibt abzuwarten – die fachliche Empfehlung von Experten wie Dr. Braunmiller liegt jedoch klar auf dem Tisch.












Symbolbild: Pixabay
Töpfer an der Drehscheibe beim Herstellen eines Gefäßes aus Ton ©canva