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Zuletzt aktualisiert am 29. April 2026 | 19:31

Politik

NS-Dokuzentrum in Bayreuth: Stadtrat wagt sich an experimentelles Format

von Michael Christensen

Wie soll Erinnerungskultur in Bayreuth künftig aussehen? Und welchen Beitrag kann oder soll ein neues Format zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit leisten? Der Stadtrat hat entschieden. 

Wahnfriedstraße 1: das Chamberlain-Haus, Sitz des Jean-Paul-Museums und des Kulturamts Bayreuth. Archivfoto: bt-Redaktion
Wahnfriedstraße 1: das Chamberlain-Haus, Sitz des Jean-Paul-Museums und des Kulturamts Bayreuth. Archivfoto: bt-Redaktion

Mit vielen und vor allem ausführlichen Redebeträgen wurde heute im Bayreuther Stadtrat das Format für das geplante NS-Dokumentationszentrum ausdiskutiert.

Update: Debatte und Entscheidung in der Stadtratsitzung vom 29. April

Ausgangslage und Einigkeit über Aufarbeitung

Ein zentrales und besonders kontrovers diskutiertes Thema der Sitzung war das geplante Dokumentationszentrum zur NS-Ideologiegeschichte in Bayreuth. Grundlage der Entscheidung bildete eine Machbarkeitsstudie mit mehreren Varianten.

Einigkeit bestand fraktionsübergreifend darin, dass die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in Bayreuth weitergeführt werden muss. Gleichzeitig gingen die Meinungen über den richtigen Weg deutlich auseinander – insbesondere mit Blick auf Kosten, Form und Wirkung eines solchen Zentrums.

Rahmenbedingungen und fachliche Einschätzung

Gutachterin Frau Klaussen, stellte die Unterschiede der Varianten vor und betonte, dass unabhängig von der Entscheidung eine Sanierung des Gebäudes in der Wahnfriedstraße 1 notwendig sei. Zudem könne die Ideologiegeschichte ein mögliches Alleinstellungsmerkmal darstellen. Rückmeldungen aus anderen Einrichtungen hätten gezeigt: Wenn ein solches Zentrum geschaffen wird, müsse es auch ausreichend ausgestattet sein, um langfristig bestehen zu können.

Variante 2: Klassisches Zentrum am authentischen Ort

Für die CSU-Fraktion sprach sich Dr. Stephan Specht klar für Variante 2 aus. Er verwies auf die bislang lückenhafte Erinnerungsarbeit in Bayreuth, das mögliche Alleinstellungsmerkmal sowie die Bedeutung vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen.

Ein authentischer Ort wie das Haus Chamberlain sei besonders geeignet, um die Inhalte eindrucksvoll zu vermitteln und der historischen Verantwortung gerecht zu werden. Auch Maier unterstützte diese Linie und plädierte dafür, wenn ein Zentrum entstehe, dann „richtig und nicht halbherzig“.

Variante 4: Flexibles und dezentrales Konzept

Andere Stadtratsmitglieder sprachen sich für Variante 4 aus. Klaus Whürl Struller stellte die Frage, wie Inhalte künftig wirksam vermittelt werden können, und sah in einem klassischen Museum kein geeignetes Mittel, alle Zielgruppen zu erreichen. Ein modernes, flexibles Konzept sei zukunftsweisender.

Grundsätzliche Kritik am Vorhaben

Deutliche Kritik kam unter anderem von Thomas Bauske, der die Notwendigkeit eines neuen Zentrums grundsätzlich infrage stellte. Es gebe bereits genügend Institutionen der Erinnerungskultur in Bayreuth, zudem seien andere Investitionen – etwa in Schulen und Kitas – vordringlicher.

Auch Tobias Peterka äußerte Zweifel an der Umsetzbarkeit und verwies auf die angespannte Haushaltslage sowie fehlende finanzielle Spielräume.

Stephan Müller plädierte ebenfalls dafür, bestehende Einrichtungen stärker zu nutzen, anstatt neue Strukturen aufzubauen.

Lesen Sie auch den Bericht zur gesamten Stadtratsitzung am 29. April

Finanzielle Risiken und Verantwortung

Die finanziellen Risiken wurden besonders von Finanzreferent Rubenbauer hervorgehoben. Er warnte vor steigender Verschuldung, wachsender Zinsbelastung und möglichen Einschränkungen bei zukünftigen Investitionen. Im schlimmsten Fall könne dies sogar die Handlungsfähigkeit der Stadt gefährden.

Zugleich mahnte Dr. Chrisoph Rabenstein, dass trotz finanzieller Bedenken nicht der Eindruck entstehen dürfe, die Stadt stelle sich gegen Erinnerungskultur. Die Aufarbeitung der Geschichte müsse unabhängig von der konkreten Form weiter vorangetrieben werden.

Abstimmung und Ergebnis

In der Abstimmung zeigte sich schließlich ein differenziertes Bild: Mehrere Varianten wurden verworfen, während sich für die flexiblere Variante 4 eine Mehrheit fand – bei 11 Gegenstimmen. Insbesondere BG, Grüne und Teile der SPD waren an diesem Endergebnis beteiligt.

Damit setzt die Stadt auf ein Konzept, das weniger auf ein klassisches Gebäude als auf vernetzte, teils mobile Formen der Erinnerungskultur setzt.

In der Debatte wurde mehrfach betont, dass diese Entscheidung kein Schlussstrich sein dürfe. Vielmehr müsse die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit in Bayreuth – unabhängig von der gewählten Struktur – konsequent weitergeführt werden.

Artikel vom 14. April:

Die fünf Optionen im Überblick

Der Ausschuss hatte fünf Varianten zur Auswahl, die sich stark in Umfang und Kosten unterscheiden:

Option 1 (18,76 Mio. Euro Bau, 725.000 Euro Betrieb/Jahr): Vollständiges Dokumentationszentrum an zwei Standorten – Wahnfriedstraße 1 und Brautgasse 2 – mit hochwertiger Dauerausstellung, Bildungsräumen und Außenflächen. Beide Objekten müssen dafür saniert werden.

Option 2 (ca. 20,1 Mio. Euro Bau, 578.800 Euro Betrieb/Jahr): Dokumentationszentrum nur in der Wahnfriedstraße 1, mit Dauerausstellung, Bildungsräumen und Einbeziehung der Außenflächen.

Option 3 (5,6 Mio. Euro Bau, 226.940 Euro Betrieb/Jahr): Sanierung der Wahnfriedstraße 1 mit minimaler Ausstellungsfläche im Dachgeschoss, Fokus auf Vermittlungsarbeit, Vernetzung bestehender Projekte und Pop-up-Formate. Keine Bundesförderung zu erwarten.

Option 4 (4,28 Mio. Euro Bau, 203.700 Euro Betrieb/Jahr): Sanierung der Wahnfriedstraße 1, kein physischer Ausstellungsraum, stattdessen digitale Angebote, aufsuchende Vermittlung und Vernetzung. Ebenfalls ohne Bundesförderung.

Option 5 (3,3 Mio. Euro Bau, keine zusätzlichen Betriebskosten): Reine Sanierung der Wahnfriedstraße 1, kein Erinnerungsangebot, Erhalt des Jean-Paul-Museums am bisherigen Standort.

Unabhängig von der gewählten Option gilt eines für alle Szenarien: Das Gebäude in der Wahnfriedstraße 1 muss saniert werden. Teile des Dachs sind bereits notdürftig mit Planen abgedeckt.

Der Kniff mit dem Fördergeld

Oberbürgermeister Thomas Ebersberger mahnte in der Debatte, das Potenzial der Fördergelder nicht zu verspielen. Das Gebäude müsse ohnehin saniert werden. Die Frage sei nur, wie viel die Stadt dabei herausholen könne. „Mit dem Fördergeld können wir mehr rausholen.“

Ein zentraler Knackpunkt ist die Bundesförderung. Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) knüpft seine Unterstützung an klare Bedingungen, so Claussen: Das Zentrum muss eine Themensetzung von nationaler Strahlkraft vorweisen und eine Dauerausstellung für mindestens 25 Jahre betreiben. Nur Option 1 und 2 mit einem Fokus auf NS-Ideologiegeschichte erfüllen diese Voraussetzungen. Die Stadt hat bis zum 31. Dezember 2027 Zeit, einen vollständigen und prüffähigen Antrag beim BKM einzureichen. Diese Frist sorgt zusätzlich für Druck im Kulturausschuss.

Bereits 2022 skizzierte die Stadt ein Finanzierungskonzept für das Dokumentationszentrum. Der Bund sollte 50 Prozent der Baukosten übernehmen, die Oberfrankenstiftung weitere 20 Prozent. 2023 stellte die Regierung von Oberfranken zusätzliche Mittel aus der Städtebauförderung in Aussicht. Zusammen ergab das eine Förderquote von 88 Prozent, allerdings vor möglichen Abzügen für den Denkmalschutz.

Was das NS-Dokuzentrum leisten sollte

Ursprünglich standen zwei Gebäude im Fokus: das frühere Wohnhaus des Rassentheoretikers Houston Stewart Chamberlain in der Wahnfriedstraße 1 (Jean-Paul-Museum) sowie das frühere Elternhaus von NSDAP-Gauleiter Hans Schemm in der Brautgasse 2. Chamberlain war Schwiegersohn Richard Wagners und gilt als einer der einflussreichsten Vordenker der NS-Ideologie.

Claussen empfahl, das Zentrum auf einen einzigen Standort in der Wahnfriedstraße zu konzentrieren. Der thematische Fokus sollte auf der NS-Ideologiegeschichte liegen – ein Alleinstellungsmerkmal, das Bayreuth bundesweit einzigartig machen würde. Damit ließe sich zudem eine Förderung durch den BKM erschließen.

Die Diskussion im Ausschuss

Die Diskussion zeigte, wie unterschiedlich die Positionen im Gremium lagen. Stefan Specht (CSU): „Ich plädiere entschieden dafür, dass wir Option 2 verfolgen.“ Gleichzeitig mahnte er an, neben den ideologischen Wurzeln auch den Widerstand in Bayreuth sichtbar zu machen.

Thomas Bauske (SPD) bremste dagegen: „Wo kommt das Geld her? Es ist nicht die Frage, ob wir das wollen, sondern ob wir das können.“ Er verwies auf andere Baustellen in der Stadt, darunter Kitas, Schulen und Sportanlagen, sowie auf den vor Kurzem abgeschlossenen Kommunalwahlkampf, in dem Versprechen gemacht wurden. „Erinnerungskultur stand nicht auf der Liste.“

Stefan Schlags (Die Grünen) sprach sich für Option 3 aus und betonte den Wert digitaler und vernetzter Formate gegenüber einer klassischen Ausstellung. Zudem kritisierte er die thematische Begrenzung auf NS-Ideologiegeschichte: „Es geht darum, zu verhindern, dass so etwas wie in der NS-Zeit wieder passiert.“

Christoph Rabenstein (SPD) kritisierte zudem die thematische Verengung auf Ideologiegeschichte. „Täter im Mittelpunkt, Opfer außen vor“ – das halte er für äußerst bedenklich. „Gerade in diesen Zeiten ist die Erinnerungskultur wichtiger denn je.“

Claussen widersprach dieser Einschätzung. Der Fokus auf Ideologiegeschichte bedeute nicht, dass lokale Ereignisse ausgeblendet würden. Vielmehr gehe es darum, völkisches Denken des 19. Jahrhunderts greifbar zu machen und eine Brücke in die Gegenwart zu schlagen. Auch die Arbeit vor Ort wäre fester Bestandteil des Zentrums.

Stephan Müller (BG) und Christopher Süß (JB) zweifelten grundsätzlich an der Finanzierbarkeit größerer Optionen. Auch Luisa Funke-Barjak (FDP) teilte der Meinung: „Ich bekomme bei den laufenden Betriebskosten Bauchschmerzen.“

Knapper Sieg für Option 3

Am Ende stimmten 10 von 17 Ausschussmitgliedern für Option 3. Option 2 fand 7 Befürworter, Option 1 lediglich einen. Der Ausschuss empfiehlt dem Stadtrat damit die Sanierung der Wahnfriedstraße 1 sowie die Einrichtung eines Hubs für Erinnerungsarbeit. Die Bundesförderung fällt bei dieser Variante voraussichtlich weg – alternative Fördermittel müssten neu verhandelt werden.

Zusätzlich empfiehlt der Kulturausschuss dem Stadtrat, eine Strategie zur Bündelung und Professionalisierung der Erinnerungsarbeit in Bayreuth in Auftrag zu geben. Die finale Entscheidung liegt nun beim gesamten Stadtrat.

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