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Richard Wagner und Antisemitismus: Warum wir das Thema bis heute diskutieren
Wagners Antisemitismus, die Nähe der Bayreuther Festspiele zum NS-Regime und die Frage nach der Trennung von Kunst und Künstler: Kulturwissenschaftler und Publizist Frank Piontek erklärt, warum die Debatte auch 150 Jahre nach den ersten Bayreuther Festspielen weiterhin geführt wird.
Die enge Verbindung der Bayreuther Festspiele zum NS-Regime nach Wagners Tod ist historisch gut belegt. Eine Aufarbeitung des Themas findet seit Langem in der Forschung und Literatur statt, seit den 2000er-Jahren aber auch auf der Bühne selbst sowie durch Projekte wie „Verstummte Stimmen“, die Gedenkstelen auf dem Festspielgelände oder die Ausstellung im Siegfried-Wagner-Haus des Richard-Wagner-Museums. Zum 150-jährigen Jubiläum nimmt zudem die Gedenkveranstaltung am 26. Juli mit Michel Friedman eine zentrale Stelle ein.
Bis heute bleibt jedoch eine zentrale Frage umstritten: Wie stark spiegelt sich Richard Wagners antisemitische Haltung in seinen weltberühmten Opern wider?
Im Gespräch erklärt der Bayreuther Kulturwissenschaftler und Publizist Dr. Frank Piontek, warum die Debatte auch 150 Jahre nach den ersten Bayreuther Festspielen nicht abgeschlossen ist und auch wohl nie abgeschlossen sein wird.
Drei Gründe, warum Wagner nicht zur Ruhe kommt
Für Piontek gibt es einen klaren Ausgangspunkt: Wagners Weltruhm. „Wenn Richard Wagner ein unbedeutender Komponist gewesen wäre, wäre es völlig egal, was er geschrieben hätte“, sagt er. Weil Millionen Menschen seine Musik lieben, wiegt seine Haltung zum Judentum schwerer als die vieler anderer Zeitgenossen.
Der zweite Grund liegt in der Geschichte selbst: Zwischen dem Antisemitismus des 19. Jahrhunderts und dem Holocaust bestehen laut Piontek eindeutige Bezüge – „das ist natürlich ein Skandal“.
Drittens bleibt die eigentliche Kernfrage bis heute offen: Stecken in Opern tatsächlich antisemitische Figuren?
„Richard Wagner hat bekanntlich an keiner einzigen Stelle gesagt, dass im ,Ring des Nibelungen‘, im ,Parsifal‘ und in den ,Meistersingern‘ jüdische Typen auf der Bühne sind“, sagt Piontek.
Genau diese Leerstelle mache das Thema so schwer greifbar und zugleich so dauerhaft diskutierbar.
Eine junge Nation sucht sich selbst – und findet Kunst als Waffe
Um Wagners Zeit zu verstehen, lohnt laut Piontek der Blick auf die junge deutsche Nation. Das Deutsche Reich entstand erst 1871 – „eine der letzten Nationen, die überhaupt gebildet worden sind“, so Piontek.
Eine so junge Nation suche sich zwangsläufig Bezugspunkte in der eigenen Geschichte, die sie politisch bestätigen. Neben der Geschichtsschreibung diente dabei vor allem die Kunst als Anker, allen voran das Nibelungenlied als vermeintlicher „Kerntext der Deutschen“ – wobei Wagners „Ring des Nibelungen“ inhaltlich, wie Piontek betont, „furchtbar wenig“ mit der mittelalterlichen Vorlage zu tun hat.
Piontek verweist hier auf eine Theorie des Literaturwissenschaftlers Hans Rudolf Vaget: In Deutschland sei Kunst zwischen Reichsgründung und Nationalsozialismus „nicht so ein schönes Ornament“ gewesen, sondern „zentrales Moment des politischen Bewusstseins“, fasst Piontek zusammen.
Über die Kunst habe man sich als „Herrenvolk“ definiert, deutsche Kunst als die beste, tiefste, ernsthafteste, während man italienischer und französischer Musik diese Tiefe rundheraus absprach.
„Aus diesem kulturellen Überlegenheitsgefühl sei dann, so Vagets These“, erklärt Piontek, „eine höchst problematische politische Richtung entstanden.“ Wenn Juden angeblich keine eigene Kunst hervorbrächten, ließ sich daraus die rassistische Behauptung ableiten, sie seien auch als Volk minderwertig – ein Gedanke, auf den sich schon Wagner selbst berufen habe.
Piontek ordnet diese Entwicklung vorsichtig ein: Der Kunstdiskurs sei „ein Teil der Idee“ von der deutschen Herrenrasse gewesen, keineswegs aber ihr alleiniger Auslöser – daneben hätten auch soziale und wirtschaftliche Faktoren wie der Versailler Vertrag eine Rolle gespielt. Dennoch bleibe der Zusammenhang zwischen Kunst und NS-Kulturpolitik „ziemlich deutlich“.
„Das Judentum in der Musik“: Neid als Ursprung einer Hetzschrift
Kern der Debatte um Wagners Antisemitismus ist seine berüchtigte Schrift „Das Judentum in der Musik“, die 1850 zunächst anonym unter dem Pseudonym „K. Freigedank“ veröffentlicht wurde. Frank Piontek veröffentlichte 2017 in den Leipziger Beiträgen zur Wagner-Forschung ein Buch mit Kommentar und Wirkungsgeschichte zu dieser Schrift.
Ihre erste Fassung verpuffte fast folgenlos, so Piontek. Erst 1869, als Wagner sie unter eigenem Namen deutlich verschärfte, entfaltete der Text Wirkung.
„Der Jude, der an sich unfähig ist, weder durch sein Äußeres noch durch seine Sprache, am wenigsten aber durch seinen Gesang, sich uns künstlerisch kundzugeben, hat es nichtsdestoweniger vermocht, in der populärsten aller modernen Kunstarten, der Musik, zur Beherrschung des öffentlichen Geschmackes zu gelangen.“ – Richard Wagner, Das Judentum in der Musik
Piontek nennt als Auslöser dieses antisemitischen Textes vor allem persönlichen Ärger: „Wagner war schlicht und einfach neidisch“ – neidisch auf den damals gefeierten Komponisten Giacomo Meyerbeer, während Wagners eigene Opern im Exil kaum gespielt wurden. Hinzu kam Wut über negative Kritiken seiner „Meistersinger“, die er pauschal jüdischen Kritikern zuschrieb: „Diese Kritik ist jüdisch verseucht“, habe Wagner gemeint – „völlig unbeweisbar“, wie Piontek betont.
Wörtlich zur Vernichtung der Juden ruft die Schrift laut Piontek nicht auf, doch sie enthält einen Satz, den er als „gefährlich wabernd“ beschreibt: Wagner spricht vage von einer „Erlösung“ der Gesellschaft von den Juden, ohne konkrete Mittel zu benennen. Genau diese Leerstelle machten sich spätere Nationalsozialisten zunutze – die Schrift erschien im „Dritten Reich“ sogar in einer eigenen, günstigen Neuausgabe.
Jüdische Künstler bei den frühen Festspielen
Trotz seiner Schriften habe Wagner im Alltag durchaus auch anders gehandelt, so Piontek. Trotz abfälliger Äußerungen habe er jüdische Freundschaften gepflegt und mit seinen jüdischen Bekannten einen normalen Umgang gehabt.
So habe Wagner etwa die Hebriden-Ouvertüre von Felix Mendelssohn gegenüber Cosima Wagner als „das schönste Orchesterstück, das er kennt“ gelobt. Gleichzeitig schrieb er in seiner Hetzschrift über Felix Mendelssohn Bartholdy: „Er hat uns gezeigt, daß ein Jude von reichster Fülle spezifischen Talentes sein kann […]; ohne daß es ihm doch möglich gewesen wäre, auch nur ein einziges Mal die tiefere, das Herz und die Seele ergreifende Wirkung auf uns hervorzubringen, welche wir von der Kunst erwarten…“
Bei der Uraufführung „Der Ring des Nibelungen“ 1876 sangen mit Lilli und Marie Lehmann zwei jüdische Sängerinnen zentrale Partien – ihre Mutter Marie Löwe kannte und schätzte Wagner persönlich. Auch der jüdische Dirigent Hermann Levi leitete 1882 die Uraufführung des „Parsifal“. Allerdings, schränkt Piontek ein, sei dies eher Zweckmäßigkeit gewesen: Levi war Bedingung für den Zugriff auf das Münchner Hoforchester – Wagner habe ihn sogar zur Taufe drängen wollen, „worunter der Dirigent sehr litt“.
„Da war Wagner eher ein Gelegenheitsantisemit, denn einzelne Juden mochte er sehr, wenn er sie auch in einzelnen Fällen gelegentlich privat kritisierte.“
Cosima und Winifred Wagner: Die Brücke zum NS-Staat
Nicht Richard Wagner selbst habe die direkte Linie zum Nationalsozialismus gezogen, sondern seine Familie, erklärt Piontek. „Cosima Wagner war eine strenge Antisemitin.“
Entscheidend wurde vor allem Winifred Wagner: Ihre persönliche Nähe zu Adolf Hitler habe die Verbindung zwischen Bayreuth und dem NS-Regime „ganz eindeutig“ gemacht, verstärkt durch das Propagandaorgan der „Bayreuther Blätter“ ab 1923.
„Ich glaube, der Erste, der den NS-Staat abgelehnt hätte, wäre Wagner gewesen“, vermutet Piontek. Der Komponist sei zeitlebens staatskritisch gewesen – eine Haltung, die mit der totalen NS-Kontrolle kaum vereinbar gewesen wäre.
Einordnung: Was die Forschung zusätzlich zeigt
Wie tief der Zusammenhang zwischen Wagner-Kult und NS-Vernichtungspolitik tatsächlich reicht, untersucht der Bayreuther Musik- und Theaterwissenschaftler Anno Mungen in seinem aktuellen Buch „Von Bayreuth nach Auschwitz“. Piontek hat das Werk rezensiert und ordnet es als „Werk der Aufklärung“ ein.
Mungens zentrale These laut Piontek: Wagners Werk wurde im „Dritten Reich“ nicht als bloßes kulturelles Beiwerk missbraucht, sondern als „fundamentale Legitimation für die Vernichtung“ eingesetzt – etwa wenn während der Deportationen im nahen Kattowitz gleichzeitig der „Ring“ auf dem Spielplan stand.
Mungen selbst zieht dabei keine direkte Linie von Wagner zum Holocaust, so Piontek. Der 1883 verstorbene Komponist habe den Faschismus im Vorfeld mitbefördern können – wie seine Musik jedoch zwischen 1943 und 1945 tatsächlich für Krieg und Massenmord funktionalisiert wurde, sei „unabhängig von ihm“ geschehen.
Auch der Sammelband „Tabu Wagner? Jüdische Perspektiven“, den Piontek ebenfalls rezensiert hat, bestätigt das Bild eines vielschichtigen Themas. Unter den 29 dort porträtierten jüdischen Stimmen – historisch wie gegenwärtig – überwiegt eine nüchterne Haltung. Der Dirigent und Kurator Michael Hurshell etwa betont laut Piontek, dass „keiner der großen jüdischen Dirigenten jemals aufhörte, Wagner zu dirigieren – gerade die Generation, die vom Holocaust betroffen war“. Der Tenor vieler Beiträge: Wagner ist für jüdische Musikfreunde kein Tabu, sondern, so fasst Piontek zusammen, „eine unschätzbare Bereicherung“.
Die Bühne entscheidet: Wie Regisseure mit dem Thema umgehen
Ob Antisemitismus in einer Inszenierung sichtbar wird, liegt laut Piontek vor allem an der Regie. Als Positivbeispiel nennt er Barrie Koskys Bayreuther „Meistersinger“ von 2017, die das Thema „hochdifferenziert“ und „deutungsoffen“ verhandelten. Auch die Inszenierung von Katharina Wagner aus dem Jahr 2007 habe den Bezug zum Nationalsozialismus „überdeutlich“ herausgearbeitet.
Zwingend sei diese Auseinandersetzung nie, betont Piontek: „Man muss es nicht daraus arbeiten, man kann es. Das ist die Freiheit der Regie.“
Zwischen Genie und problematischer Ideologie
Wagners Antisemitismus lässt sich nicht wegdiskutieren, aber auch nicht auf eine einfache Formel bringen. Genau darin liegt für Piontek der Grund, warum das Thema auch 150 Jahre nach der ersten Bayreuther Festspielsaison nicht zur Ruhe kommt: Ein Weltstar, dessen Werk zwischen Genie und Ideologie changiert, dessen Familie den Schritt zum NS-Regime aktiv mitgegangen ist – und dessen Musik bis heute Menschen weltweit bewegt. Piontek selbst zieht daraus keinen Schlussstrich, sondern ein Plädoyer für genaues Hinsehen: nuanciert statt pauschal, informiert statt empört.













Unter dem Titel "Wahnfried leuchtet" wird das Haus Wahnfried zur Leinwand seiner eigenen Geschichte. Die Video-Installation stammt von "Urbanscreen". © Richard-Wagner-Museum Bayreuth