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Sie ist geboren im Bombenhagel: Bombika erzählt von ihrer Geburt und ihrer Kindheit in Bayreuth
von bt-Redaktion
Am 5. April 1945 versank Bayreuth in Flammen. Monika Koch, geboren an diesem Tag, überlebte den Bombenangriff. 80 Jahre später erinnert sie sich an eine Kindheit in den Trümmern des Krieges und erzählt von den Strapazen, die ihre Mutter durchlebt hat.
Vor rund 80 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Bayreuth war während des Krieges nur an fünf Tagen Ziel von Bombenangriffen. Einer dieser Tage war der 5. April 1945 – ein Tag, der die Stadt für immer prägen sollte.
An diesem Tag wurde Bombika in der Geburtsstation der Frauenklinik Dr. Angerer geboren. Eigentlich heißt sie Monika, doch wegen der Bomben, die den Tag dominierten, nennt sie sich selbst scherzhaft Bombika. Die Klinik befand sich damals im Gebäude der Hauptpost, gegenüber vom Hauptbahnhof. Monika Koch, geborene Maisel kam kurz vor dem verheerenden Angriff auf die Welt und erinnert sich heute an die Erzählungen ihrer Mutter und an ihre Kindheit in einem vom Krieg geprägten Bayreuth.
“Es war ein normaler Tag”
Monika Koch berichtet von den Erinnerungen ihrer Mutter: “Es war ein schöner Donnerstag im Frühling, als ich gegen 9 Uhr auf die Welt kam.” Für die meisten Bayreuther begann der Tag wie viele andere davor. Mehrere Luftalarme ertönten, doch da zuvor nie etwas passiert war, wurden sie kaum beachtet – man dachte, dass sowieso nichts passieren würde.
Doch an diesem 5. April war es anders. Um 10:46 Uhr wurde erneut Alarm gegeben. Monikas Mutter floh mit ihrer erst an diesem Morgen geborenen Tochter in den Keller der Geburtsstation – nicht ahnend, dass Bayreuth bald in Trümmern liegen würde.
Anders als zuvor, entfernten sich die Motorengeräusche an diesem Tag nicht. Von einem Posten auf dem Turm der Stadtkirche wurden 20 bis 30 anfliegende Bomber gemeldet. Die ersten Bomben trafen den Wilhelmsplatz, den Bahnhof und die Spinnerei. Von den ursprünglich 111 geplanten Maschinen erreichten aufgrund eines Navigationsfehlers „nur“ 39 ihr Ziel – dennoch war die Zerstörung verheerend. 55,5 Tonnen Sprengbomben und 30 Tonnen Brandbomben legten große Teile der Stadt in Schutt und Asche.
“Es ist kaum vorstellbar, wie Bayreuth ausgesehen hätte, wenn alle Bomben abgeworfen worden wären”,
sagt Monika Maisel.
Auch das Postgebäude, in dem Monikas Mutter mit ihr im Keller Schutz gesucht hatte, wurde getroffen. Teile des Kellers stürzten ein. “Meine Mutter saß zitternd in diesem Keller und wartete auf ein Ende”, erzählt Monika.
Ein dunkler Tag für Bayreuth
Gegen 11:20 Uhr zogen die Bomber weiter. Nach der Entwarnung kämpfte sich Monikas Mutter mit ihrem Neugeborenen und einigen Helfern durch die brennenden Straßen zurück in ihre Wohnung in der Richard-Wagner-Straße 59a (heute Wieland-Wagner-Straße). Die Stadt war kaum wiederzuerkennen – Feuer und Rauch waren in der Luft, viele Häuser waren zerstört. Es war ein Tag, der Bayreuth für immer veränderte. In den folgenden Tagen folgten weitere Angriffe, die mehr als tausend Menschen das Leben kosten sollten. Doch Monikas Familie überlebte.
Amerikanische Besatzung
Während die Straßen noch brannten, marschierten am 14. April amerikanische Truppen in das zerstörte Bayreuth ein. Nur zwei Tage später musste Monikas Familie ihre Wohnung innerhalb von zwei Stunden räumen, da sie von den Amerikanern besetzt wurde. Über diese Zeit erzählt sie:
“Wir fanden Unterschlupf auf einem Bauernhof in Meyernreuth, wo auch andere Flüchtlinge untergebracht wurden. Nach wenigen Wochen durften wir jedoch zurückkehren und das Leben nahm seinen Lauf.”
Ungewisses Schicksal
Das Schicksal von Monikas Vater blieb lange ungewiss. Das letzte Lebenszeichen war ein Brief aus dem Februar 1945:
“Wir Deutschen sitzen im Keller, im Erdgeschoss die Russen. Während einer Feuerpause, um die Toten und Verletzten zu bergen, zeigen wir uns gegenseitig Familienfotos – in einer Stunde müssen wir wieder aufeinander schießen.”
Danach blieb es still. Ein Jahr hoffte Monikas Mutter auf eine Nachricht. Die offizielle Bestätigung seines Todes erhielt sie nicht. Erst im Herbst 1946 brachte ein Kamerad ihres Mannes die Gewissheit: Er hatte ihn sterben sehen.
Monikas erste Kindheitserinnerung ist eng mit diesem Verlust verbunden: “Ich war etwa drei Jahre alt. Meine Mutter ging mit mir und meinem ein Jahr älteren Bruder am Main entlang und weinte. Ohne meinen Vater hatten wir kein Einkommen, und meine Mutter wusste nicht weiter.”
Auch die Trennung von ihren Halbgeschwistern prägte Monika. “Mein Vater hatte aus erster Ehe zwei Kinder. Nach seinem Tod wurden sie zu ihren Großeltern nach Solingen geschickt, obwohl sich meine Mutter bis dahin um sie gekümmert hatte. Erst als Erwachsene, haben wir uns richtig kennengelernt.”
Ein klein wenig Normalität
1951 wurde Monika in die Übungsschule (heute Jean-Paul-Schule) eingeschult. “Da wir gegenüber der Villa Wahnfried wohnten spielte ich oft mit den Wagner-Töchtern Nike und Eva. Wir verkleideten uns und führten kleine Theaterstücke auf.”
Auch an die amerikanische Besatzung hat Monika gute Erinnerungen. “Sie gaben uns Kaugummis, Schokolade und andere Süßigkeiten. Außerdem war neben der Villa Wahnfried die Küche der Amerikaner – dort roch es immer so lecker.”
Doch trotz aller Momente der Normalität blieb die Vergangenheit präsent. “Meine Mutter hat nie aufgehört zu hoffen, dass mein Vater noch lebt”, sagt Monika. Als Konrad Adenauer 1955 die Freilassung der deutschen Kriegsgefangenen aus Russland erreichte, fuhr Monikas Mutter nach Nürnberg, in der Hoffnung, mehr über das Schicksal ihres Mannes zu erfahren. “Für uns Kinder war das eine bedrückende Zeit”, erinnert sich Monika.
Ein langes Leben
“Jetzt sind wir alte Leute. Man erschrickt immer, wenn man sieht, wie alt man geworden ist.”
Heute lebt Monika im Berchtesgadener Land, ist verheiratet und hat drei Kinder. Jedes Jahr kehrt sie zu ihrem Geburtstag nach Bayreuth zurück – so auch in diesem Jahr. “Eigentlich wollte ich alleine fahren, doch meine Kinder haben mich mit einer Buchung in der Lohmühle überrascht. Jetzt wird es ein großer Familienausflug. Mal sehen, wie sich Bayreuth über die Jahre verändert hat.”












Motorradsternfahrt. Foto: Kulmbacher Brauerei AG
Thomas Ebersberger beim bt-Interview. © Katharina Müller-Sanke