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Streit um Solarpark in Bayreuth: Warum ein Biobauer um sein Mikroklima bangt
Am Südende des Studentenwaldes in Bayreuth könnte ein Solarpark entstehen. Die Stadt hat dafür grünes Licht für die ersten Schritte in die Planung gegeben. Direkt nebenan liegt der Biohof der Familie Berger. Gegen Solarenergie an sich haben sie nichts. Aber so, wie das Projekt geplant ist und wie es abgelaufen ist, sehen sie große Probleme – für ihren Hof und für die Umgebung.
Was genau geplant ist
Die Firma Feldwerke Alpha Development GmbH möchte auf einer Fläche von 8,3 Hektar – das entspricht etwa 12 Fußballfeldern – Solarmodule und Landwirtschaft kombinieren. Man nennt das Agri-PV. Die Fläche soll gleichzeitig Strom erzeugen und weiter landwirtschaftlich genutzt werden, zum Beispiel für Weidetiere oder zum Mähen.
Damit das funktioniert, stehen die Solarmodule auf hohen Gestellen und mit viel Abstand zueinander (6 bis 9 Meter), sodass Traktoren dazwischen durchfahren können. Die Module lassen sich zudem drehen. Sie folgen tagsüber der Sonne von Ost nach West und können bei Bedarf auch senkrecht gestellt werden. Nach Angaben der Firma bleiben so mindestens 85 Prozent der Fläche weiter für die Landwirtschaft nutzbar.
Geplant ist außerdem ein großer Batteriespeicher, der überschüssigen Strom zwischenspeichern kann.
Der Weg durch den Stadtrat
Das Projekt braucht einen eigenen Bebauungsplan, der genau festlegt, was auf einem Grundstück gebaut werden darf. Ein solches Verfahren läuft in mehreren Schritten ab, unter anderem müssen Umweltbehörden das Projekt prüfen und die Öffentlichkeit muss beteiligt werden.
Am 14. Juli hat der Stadtentwicklungsausschuss einstimmig empfohlen, das Verfahren zu starten. Inzwischen hatten einige Stadträte unter anderem auch mit der Familie Berger gesprochen und sich anschließend gegen den Beginn des Verfahrens entschieden. Am 22. Juli hat dann der Stadtrat entschieden: 23 Stadträte stimmten dafür, 18 dagegen. Mit der Mehrheit im Stadtrat kann die Planung weitergehen – eine endgültige Entscheidung über den Bau ist das allerdings noch nicht.
Befürworter sehen das Projekt als Vorzeigevorhaben, da es erneuerbare Energien mit dem Erhalt landwirtschaftlicher Nutzung verbindet. In Bayreuth gibt es bislang kein vergleichbares Projekt. Es könnte daher wichtige Erkenntnisse für künftige Vorhaben liefern.
Kritische Stimmen im Stadtrat, vor allem aus der CSU-Fraktion, verwiesen darauf, dass die Stadt eigentlich schon festgelegt hat, in welchen Gebieten neue Solarparks bevorzugt gebaut werden sollen – im sogenannten PV-Steuerungskonzept von 2023. Das geplante Grundstück liegt außerhalb dieser bevorzugten Flächen. Die zuständige Baureferentin Urte Kelm hielt dem entgegen, dass dieses Konzept solche Projekte nicht grundsätzlich ausschließe, sondern der Stadtrat im Einzelfall entscheiden müsse.
Als nächste Schritte stehen nun unter anderem eine Umweltprüfung, die Öffentlichkeitsbeteiligung und weitere Fachgutachten an. Die Investorenfirma rechnet frühestens Anfang 2027 mit dem eigentlichen Bauleitplanverfahren. Ein möglicher Baubeginn wird nicht vor Mitte 2027 erwartet.
Der Hof nebenan: Drei Generationen Landwirtschaft
Direkt östlich des südlichen Teils des geplanten Solarparks liegt der Biohof Berger an der Thiergärtner Straße. Die Familie bewirtschaftet den Hof in dritter Generation. Nach dem Krieg gebaut, wurde er zunächst mit Schweinen und Rindern betrieben. 2013 übernahmen Reinhold und Stephanie Berger den Hof von Reinholds Eltern und stellten ihn ein Jahr später auf Bio-Landwirtschaft um. Seit 2019 trägt der Betrieb das Demeter-Siegel.
Was ist Demeter? Das ist das strengste unter den Bio-Siegeln in Deutschland. Es geht auf die Ideen von Rudolf Steiner zurück und versteht einen Bauernhof als ein geschlossenes System: Dünger soll möglichst komplett vom eigenen Hof kommen, es werden spezielle pflanzliche Präparate statt Chemie eingesetzt, und selbst der Zeitpunkt von Aussaat und Ernte wird nach bestimmten Rhythmen ausgerichtet. Ziel ist es, auf der Fläche eine besonders hohe Artenvielfalt zu schaffen. So soll sich ein ausgewogenes Ökosystem entwickeln, in dem der gesamte Hof als zusammenhängender Organismus funktioniert.
Der Hof umfasst rund 20 Hektar, teils eigen, teils gepachtet. Die Bergers betreiben ihn im Nebenerwerb. Wer die Erzeugnisse kaufen möchte, kann das montags von 12 bis 18 Uhr im Hofladen „Lebenswert“ in der Thiergärtner Straße 54 tun – dort gibt es unter anderem Gemüse, Getreide und selbst gepresstes Leindotter-Öl.
Die Sorgen der Bergers
Der geplante Solarpark liegt genau im Westen des Berger-Hofs, das heißt: Morgens, wenn die Sonne im Osten aufgeht, richten sich die beweglichen Module in Richtung des Hofes, um möglichst viel Sonne einzufangen. Die Familie befürchtet mehrere negative Auswirkungen auf ihr über Jahre hinweg aufgebautes Mikroökosystem:
1. Weniger Morgentau. Reinhold Berger erklärt: Wenn seine Wiesen durch reflektiertes Sonnenlicht beziehungsweise zusätzliche Wärme beeinflusst werden, verschwindet der Morgentau schneller. Der Tau ist aber wichtig, weil Pflanzen bei Wassermangel im Boden Feuchtigkeit über ihre Blätter aufnehmen. Fehlt der Tau, könnten die Pflanzen und der Boden schneller austrocknen – mit Folgen auch für Insekten und Vögel, die vom Tau profitieren.
2. Weniger Ertrag. Die Bergers rechnen mit spürbaren Ertragseinbußen über die Jahre, was bei einem ohnehin extensiv bewirtschafteten Biobetrieb stärker ins Gewicht falle.
3. Lange Aufbauzeit für den Boden. Es habe zehn bis zwölf Jahre gedauert, die Böden auf ihre heutige biologische und artenreiche Qualität umzustellen. Ein Rückschritt durch veränderte Bedingungen sei nicht schnell wieder auszugleichen.
4. Technische und praktische Sorgen. Dazu zählen unter anderem Blendwirkungen durch reflektiertes Sonnenlicht in den Morgenstunden, Staubentwicklung durch Gesteinsmehl bei der Feldarbeit, das je nach Wind die PV-Anlagen bedecken könnte, mögliche technische Ausfälle der drehbaren Module, die dann unter Umständen über Wochen in Richtung des Hofes stehen bleiben könnten, sowie die Betonfundamente der Module im Boden des Nachbargrundstücks mit ungewissen Auswirkungen auf die Artenvielfalt und die Wasserversickerung in der Umgebung.
5. Verlust von Naherholung. Die Fläche liegt am Studentenwald, einem beliebten Naherholungsgebiet, in das die Stadt in den vergangenen Jahren viel investiert hat – etwa in die Renaturierung der Weiher. Mit dem Projekt „Bayreuths Grüner Süden“ soll unter anderem erreicht werden, dass durch die dort entstehende Verdunstungskälte mehr Kaltluft in die Stadt strömen kann. Die Bergers fragen sich, wie die zusätzliche Erwärmung durch reflektiertes Sonnenlicht und die Wärmeentwicklung des Solarparks zu diesem Konzept passen sollen. Zudem wäre der Solarpark aus ihrer Sicht ein deutlicher Einschnitt in das Landschaftsbild und die natürliche Umgebung, die sie derzeit genießen.
Mit diesen Sorgen blicken die Bergers kritisch auf das Projekt. Sie fragen sich, wie ein Unternehmen mit einer Projektidee in die Region kommen und ein über Jahre gewachsenes, von ihnen aufgebautes Ökosystem beeinträchtigen könne.
Was die Wissenschaft zu den Sorgen sagt
Ein Blick in aktuelle Studien zeigt: Manche dieser Sorgen werden von Fachinstituten geteilt, andere eher relativiert.
Weniger Tau: Das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) bestätigt tatsächlich, dass sich unter Solarmodulen der nächtliche Abkühlungsprozess des Bodens verändert, wodurch weniger Morgentau entsteht. Ob das schadet oder nützt, hängt aber von der jeweiligen Pflanze ab: Bei manchen Kulturen sinkt dadurch sogar das Risiko für Pilzkrankheiten. Da das Vorhaben auf einer unmittelbar benachbarten Fläche stattfinden soll, sind Auswirkungen auf den Biohof grundsätzlich möglich. Ob diese tatsächlich eintreten und ob sie positiv oder negativ ausfallen, lässt sich jedoch nur durch fachliche Untersuchungen und Gutachten vor Ort beurteilen.
Erwärmung der Umgebung: Eine oft zitierte US-Studie (Barron-Gafford u. a., 2016) misst über Solarparks tatsächlich eine um 3 bis 4 Grad wärmere Luft. Dieser Effekt reicht laut Messungen aber nur wenige hundert Meter weit und ist danach kaum noch nachweisbar. Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme betont zudem, dass moderne Module einen Großteil des Lichts in Strom umwandeln und deshalb ähnlich viel Wärme abgeben wie andere übliche Oberflächen. Ein Einfluss auf die Taubildung auf den nahegelegenen Flächen der Bergers kann ohne weitergehende Untersuchungen nicht ausgeschlossen werden.
Blendung und Spiegelung: Laut den offiziellen Hinweisen der Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft für Immissionsschutz reflektieren moderne, entspiegelte Solarmodule nur einen kleinen Teil des Lichts (unter 5 bis 10 Prozent) – deutlich weniger als normales Fensterglas.
Vögel und vermeintliche Wasserflächen: Die Befürchtung, Schwalben würden Module mit Wasser verwechseln, gilt nach Aussagen des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung bei modernen, entspiegelten Modulen als überholt. Vögel steuern die Flächen demnach eher gezielt an, weil sich darunter oft ein gutes Insektenangebot findet.
Biodiversität: Studien von ZALF und anderen Instituten zeigen: Wird eine intensiv bewirtschaftete Ackerfläche zu einer Agri-PV-Fläche, steigt die Artenvielfalt meist deutlich, weil Pestizide und Pflügen wegfallen. War die Fläche vorher aber schon ein artenreiches, extensiv genutztes Grünland – wie es bei der benachbarten Wiese der Fall sei –, kann der Bau eher zu einem Rückschritt führen, unter anderem durch Bodenverdichtung während der Bauzeit und veränderte Lichtverhältnisse danach.
Bodenversiegelung: Laut Fraunhofer ISE werden bei Freiflächen-Solarparks in der Regel keine Betonfundamente gegossen, sondern Stahlträger direkt in den Boden gerammt. Der Versiegelungsgrad liegt meist unter einem Prozent der Fläche, Regenwasser kann also weiterhin versickern.
Wie auch die Bergers selbst sagen, geht die Natur weiter – egal, was wir ihr antun: Das Ökosystem würde sich an die veränderten Bedingungen anpassen – möglicherweise mit mehr, möglicherweise aber auch mit weniger Artenvielfalt. Ihre Sorge ist vor allem der Eingriff in ein System, das sie über Jahre aufgebaut haben, sowie die Ungewissheit darüber, wie sich diese Veränderung auf ihre Arbeit und die entwickelte Struktur auswirken wird.
Der Ärger über die Kommunikation
Unabhängig von den technischen Fragen ärgert sich die Familie Berger vor allem über den Ablauf. Nach eigenen Angaben erfuhr sie erst durch einen Artikel des Bayreuther Tagblatts über die Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses von dem Projekt. Weder der Grundstücksnachbar noch die Stadtverwaltung hätten sie vorab informiert, obwohl sie sich als direkt Betroffene sehen. Zwischen der ersten Information und der Entscheidung im Stadtrat lagen lediglich acht Tage.
Die Bergers betonen, sie hätten sich mit einer offenen Kommunikation von Anfang an durchaus auf gemeinsame Lösungen einlassen können. Sie haben inzwischen alle Fraktionen des Stadtrats angeschrieben und die Stadträte, die drei Bürgermeister sowie die zuständige Baureferentin ausdrücklich zu einer Ortsbesichtigung auf ihren Hof eingeladen.
Sollte sich an der Situation nichts ändern, schließen sie auch einen Gang vor Gericht nicht aus – trotz des Zeitaufwands, den das neben zwei Hauptberufen und der Arbeit auf dem Hof bedeuten würde.
Wie es weitergeht
Der Bebauungsplan steht erst am Anfang eines längeren Verfahrens. Als Nächstes folgen unter anderem die Umweltprüfung, die Öffentlichkeitsbeteiligung sowie weitere Fachgutachten. Außerdem muss der städtische Flächennutzungsplan angepasst werden. Ob und in welcher Form der Solarpark am Ende tatsächlich gebaut wird, ist daher weiterhin offen.











© NEWS5 | Ferdinand Merzbach
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