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Zuletzt aktualisiert am 02. November 2025 | 10:14

Bereitschaftspraxen

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Die Tücken in den KVB-Bereitschaftspraxen

Ein Kommentar von Katharina Müller-Sanke

In der Theorie klingt das Konzept der Kassenärztlichen Vereinigung (KVB) Bereitschaftspraxen wie eine Win-Win-Situation: Patienten erhalten außerhalb der üblichen Sprechzeiten schnelle, „unaufschiebbare Versorgung“, die Notaufnahmen werden entlastet, und Krankenkassen sowie Arbeitgeber profitieren von einer schnelleren Genesung. Für Ärzte, die diesen Dienst gerne leisten, ist er dank der normalen Abrechnung und möglicher Sonderleistungen finanziell attraktiv. Doch die Realität in Bayern zeigt immer deutlicher: Dieses Idealbild bröckelt, und die Tücken lauern im Detail.

Kommentar Bereitschaftspraxen Symbolbild Arzt mit Kittel und Stethoskop ©canva
Kommentar Bereitschaftspraxen Symbolbild Arzt mit Kittel und Stethoskop ©canva

Hausgemachte Not

Sonntagmorgen und das Kind ist plötzlich krank. Da wollen Eltern kurzfristig Hilfe und fahren in die Bereitschaftspraxis. Doch schnelle Hilfe gibt es dort nicht unbedingt. Im Gegenteil. Als wir neulich davon berichtet haben, dass ein Kollege mit seinem Kind über eine Stunde vor der Bereitschaftspraxis gewartet hat und danach unbehandelt vertröstet wurde, haben uns viele geschrieben, dass es ihnen schon oft genauso ging. Die Wartezeiten sind lang und oft werden die Leute einfach wieder nach Hause geschickt. (Wer wann in die Bereitschaftspraxis gehen sollte und was die Alternativen sind, steht unten im Artikel)

Wer hilft den Helfern?

Die Misere an der Oberfläche -lange Wartezeiten und eine oberflächliche Behandlung – ist nur das Symptom. Die wahre Krankheit liegt tiefer: Das System ist selbst am Limit, weil es auf Zwang statt auf Anreize setzt und damit die flächendeckende Versorgung in Oberfranken und ganz Bayern gefährdet. Ärztinnen und Ärzte stehen immer öfter mit dem Rücken zur Wand.

Zu wenig Ärzte, zu viel Zwangsdienst

Wer am Wochenende oder mitten in der Nacht in die Bereitschaftspraxis muss, denkt selten darüber nach, wer dort eigentlich sitzt. Doch lassen wir uns mal drauf ein. Der Bereitschaftsdienst ist eine Pflicht. Alle müssen ran: egal ob Hausarzt, Radiologe oder Chirurg. Es sind immer weniger Ärztinnen und Ärzte freiwillig bereit, ihre Freizeit für diesen Dienst zu opfern. Und wer kann es ihnen verdenken? Auch Mediziner sind Menschen mit Familien, mit Erholungsbedarf, mit einem Recht auf Feierabend. Wer nach einer 60-Stunden-Woche endlich durch schnaufen will, landet trotzdem regelmäßig in einem Dienst, der nur aufgrund des Zwangs funktioniert.

Fachärzte auf fremdem Terrain

Und dann sollen sie auch noch Dinge tun, die nicht zu ihrem Fach gehören. Ein Radiologe soll plötzlich Fieber und Husten behandeln, ein Chirurg Halsschmerzen. Diese Fehlsteuerung ist hausgemacht. Ärztinnen und Ärzte spezialisieren sich aus Überzeugung. Doch das System ignoriert das und zwingt sie, gegen ihre Expertise zu arbeiten.

Das ist, als würde man einem Geiger plötzlich eine Trompete in die Hand drücken und sagen: „Spiel mal was Schönes!“

Es geht, aber es geht nicht gut. Viele Ärzte haben deshalb Angst, Fehler zu machen. Und wer Angst hat, trifft keine guten Entscheidungen; weder für sich noch für den Patienten. Routine kann man nicht herbeizaubern. Die Zwangspflicht treibt sie in Situationen, die sie nie wollten.

Solidarität ja – aber nicht um jeden Preis

Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) hat recht, wenn sie sagt: Der Bereitschaftsdienst ist Teil der solidarischen Versorgung. Aber Solidarität funktioniert nur, wenn sie auf Gegenseitigkeit beruht und nicht zur Zwangsjacke für eine Berufsgruppe wird.

Die Realität: Der Ärztemangel wächst, immer mehr ÄrztInnen arbeiten in Teilzeit, und viele junge Mediziner zieht es lieber in Anstellung oder Klinik statt in die Selbstständigkeit mit Nachtdiensten. Das alte Modell, in dem Mediziner quasi rund um die Uhr für ihre Patienten da waren, droht zu kippen – und mit ihm die flächendeckende Versorgung.

Zeit für einen Realitätscheck und Mut zur Reform

Es braucht endlich Ehrlichkeit und Mut zur Reform. Die KVB muss aufhören, sich hinter dem Begriff „Solidarität“ zu verstecken, und anfangen, ein zeitgemäßes Arbeitsmodell zu schaffen.

  • Für Patienten: Mehr Aufklärung darüber, wann der Bereitschaftsdienst wirklich notwendig ist und wann die 116117 der richtige Weg ist.
  • Auf ärztlicher Seite: Weg vom Zwang, hin zu Anreizen. Wer sich freiwillig engagiert, soll das auch spürbar auf dem Konto und im Arbeitsalltag merken. Kein Arzt sollte zur fachfremden Behandlung gezwungen werden, die er fachlich nicht verantworten kann.

Denn ein Gesundheitssystem, das seine Helfer durch Zwang demotiviert und überfordert, wird am Ende weder den Ärzten noch den Patienten gerecht.

Patienten zwischen Unsicherheit und Bequemlichkeit

Auch auf Patientenseite läuft einiges schief. Viele kommen mit Beschwerden, die gut bis Montag warten könnten: Halsschmerzen, leichte Kopfschmerzen, Magenzwicken. Was früher mit Hausmitteln behandelt wurde, landet heute in der Bereitschaftspraxis.

Das überfordert das System und frustriert die, die helfen wollen. Natürlich: Manche Menschen sind unsicher, wissen nicht, ob sie zum Arzt oder ins Krankenhaus sollen. Andere kommen schlicht, weil es bequemer ist, als auf einen Termin zu warten. Beides zeigt: Die Patientenerziehung hat Nachholbedarf.

Was Patienten SOFORT tun können

Wer sich am Wochenende oder außerhalb der normalen ärztlichen Sprechzeiten schlecht fühlt, der sollte nicht sofort in die Bereitschaftspraxis gehen. Vor dem Gang in die Praxis geht auch das hier:

  • Die 116117 anrufen: Die bundesweite, kostenfreie Nummer des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes ist rund um die Uhr erreichbar.
  • SmED-Verfahren nutzen: Am Telefon durchlaufen Patientinnen und Patienten zusammen mit geschulten Mitarbeitern ein softwaregestütztes Ersteinschätzungsverfahren (SmED). Viele gesundheitliche Probleme lassen sich tatsächlich direkt am Telefon lösen (fallabschließend), oder die Disponenten sagen Ihnen, wann der beste Zeitpunkt für einen Besuch ist.
  • Videoberatung prüfen: Über Angebote wie DocOnline können Patienten mit einem Haus- oder Facharzt ihr Problem per Videotelefonie besprechen. Bei kinderärztlichen Themen hat sich dieses relativ neue Angebot der KVB bereits bewährt.

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