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Lost Places Bayreuth: Die Verschwundene Ziegelei

Verfallene Orte, vergessene Ruinen – seit Jahren nimmt das Interesse an sogenannten „Lost Places“ stetig zu. Insbesondere in der jungen Millennial-Generation ist ihr melancholisch-morbider Charme populär. Nur die wenigsten wissen jedoch, dass auch in unserem beschaulichen Bayreuth eine Vielzahl solcher verlassenen Stätten zu finden ist.

Roter und Grüner Hügel

Der rote Hügel trägt seinen Namen schon seit vielen Jahrhunderten aufgrund der reichen Vorkommen an rotbraunem Lehm. Der Grüne Hügel hingegen wird laut Wolfgang Wagner erst seit den 1960ern so genannt. Dies nicht etwa wegen des Züricher Vorbilds, sondern vermutlich aufgrund der damaligen Neuanlage des grünen, waldreichen Festspielparks. Eine namentliche Anlehnung an den älteren Farbhügel liegt hier also nahe. Die Suche sowohl nach den buchstäblichen als auch tatsächlichen Ursprüngen der weltberühmten Anhöhe führt uns also hinüber in den Westen der Stadt.

Die Wölfel-Ziegelei (W) unterhalb der Meyernberger Straße, mit Trasse und Tunnel der Lokomotive Richtung Norden. Abbildung aus dem Privatarchiv der Familie Wolfrum.

Ziegel der Industrialisierung

Nach dem zunächst zögerlichen Beginn der Industrialisierung Bayreuths entstanden am Fuße des Roten Hügels zwei große Ziegeleien. Bereits 1861 wurde in der Altstadt die erste Wölfel-Ziegelei gegründet, die ab 1872 im Süden Meyernbergs als Dampfziegelei neu aufgebaut wurde. Nur wenige hundert Meter weiter östlich entstand ab 1888 die Aktienziegelei. Auch sie verarbeitete die namensgebenden Lehmvorkommen der Gegend. Von ihr sind heute jedoch keine Spuren mehr erhalten – auf ihren Lehmgruben entstanden das Ypsilon-Haus und die Vogelsiedlung. Südlich der Meyernberger Straße finden sich dagegen noch einige Überreste der Wölfel-Ziegelei.

Stadtbild geprägt

Neben den letzten Fabrikgebäuden steht dort auch die ehemalige Wochenendvilla der Industriellenfamilie im markanten roten Ziegelstil. Der Baumeister Carl Wölfel und seine Nachkommen prägten das Stadtbild Bayreuths nachhaltig: Sie errichteten ganze Straßenzüge rund um Dammallee, Hofgarten und Luitpoldplatz („Wölfelstraße“) sowie bekannte Bauwerke wie die Villa Wahnfried, den Siegesturm, das Liszt-Haus und die Neue Spinnerei. Gleichzeitig lieferte ihre Fabrik ab 1872 auch einen Großteil der Ziegelsteine für das Festspielhaus, wie Alexander „Sandy“ Wolfrum, der Ururenkel des Ziegeleigründers, bestätigt.

Das Jahrhundert der roten Ziegel

Nach dem Ende des Klassizismus stand unverputztes Sichtmauerwerk für den Aufbruch in die industrielle Zeit – die vielen Ziegeleien wurden zu Architekten dieser neuen Ordnung. Bis heute prägen Wohnsiedlungen, Fabrikanlagen und ganze Viertel wie Altstadt, Kreuz, Bahnhofs- und Kasernenviertel das Stadtbild, ebenso Wagners schmuckloses Festspielhaus als Theater des Industriezeitalters. Vom Beginn der Hochindustrialisierung bis zum Wiederaufbau im Wirtschaftswunder formte das Jahrhundert der roten Ziegel Bayreuth ebenso stark wie zuvor die barocke Sandsteinarchitektur. Viele dieser Gebäude entstanden aus dem Lehm des heute vergessenen Roten Hügels, bevor ab 1970 Plattenbau und Deindustrialisierung einsetzten.

Verschwundene Trassen

Nach Schließung und Abriss der Ziegelei entstand Anfang der 1980er Jahre am heutigen Rübezahl- und Dornröschenweg ein ruhiges Wohngebiet. Beim Spaziergang wirkt die einstige Industriegeschichte des Ortes heute weit entfernt. Der Lärm von Dampfmaschine und Ringofen, der den Lehm jahrelang bei 1000 Grad zu Ziegeln brannte, ist kaum noch vorstellbar. In dieser Märchensiedlung liegt die alte Ziegelei gewissermaßen im Dornröschenschlaf. Hier beginnt die Suche nach der alten Lokomotivtrasse, die einst den Lehm vom Hügel ins Tal transportierte.

Der verborgene Tunnel

Als erste Überraschung erweist sich der alte Tunnel unter der Meyernberger Straße bei den Altglascontainern offenbar noch als vollständig erhalten. Einen Teil des Eingangs entdecken wir unscheinbar vor dem Reihenhaus Nr. 5H, der gegenüberliegende Ausgang besteht sogar noch in voller Größe. Hinter Bäumen und Gestrüpp verborgen und mit typischen Ziegeln zugemauert, entfaltet der Ort sofort die Faszination eines Lost Place: vermooste Steine, freigelegte Baumwurzeln, herausgebrochene Ziegel und ein dunkler Spalt führen in den langen, leeren Tunnel.

Von dort folgen wir dem Fußweg zur Meyernberger Schule. Zu unserer Linken verläuft ein namenloser Bach, der mehr Geheimnisse birgt als zunächst erwartet. Als sich hier einst die Dampf- und später Diesellok den Roten Hügel hinaufschlängelte, gab es noch keine Gebäude oder Wege – vermutlich folgte die Trasse daher dem Verlauf dieses unscheinbaren Gewässers.

Wir folgen ihm so gut es geht. Geradeaus vorbei an der Schule, bergauf etwas abseits des zugewachsenen Ufers, vorbei an ein paar Feldern bis hin zum oberen Bolzplatz, wo wir als Jugendliche jeden Nachmittag Fußball spielten. Und tatsächlich, hier finden wir den Beweis: Überall im Bach liegen Ziegelscherben, die das Wasser rötlich färben – und damit nicht genug, auf einmal entdecken wir ganze Ziegelschichten rechts neben dem Bachbett, wohl zur Befestigung der heute verschwundenen Trasse.

Östliche Uferseite

Seit der Stilllegung der Lok vor über 50 Jahren wurden diese Ziegel von Bäumen überwachsen, von Erde überdeckt und gäbe es nicht diesen kleinen Strom, wäre ihre Spur wohl vollkommen im Erdreich versunken. Mir gelingt es gar, ein paar große Ziegelbruchstücke aus dem Wasser zu fischen, auf denen noch immer der Schriftzug “Gebr. Wölfel Bayreuth” zu erkennen ist. An der östlichen Uferseite des Ziegelbachs finden wir immer mehr Spuren der alten Trasse und folgen ihm daher immer weiter hinauf auf den Roten Hügel.

Als sich der Fußweg im dichteren Wald gabelt, überqueren wir den Bach und wechseln auf die östliche Seite. Der Weg steigt immer steiler an, bis wir in regelmäßigen Abständen auffällige Holzplanken im Boden entdecken – ebenfalls Überreste der alten Lokomotivtrasse. Schließlich erreichen wir eine große Lichtung mit stark abschüssigem Hang, hinter dem sich plötzlich ein tiefer Graben öffnet: die ehemalige Lehmgrube der Wölfel-Ziegelei.

Ende einer Epoche

Hier oben wurde die Lok vermutlich beladen und wendete anschließend über eine markante kleine Ziegelbrücke in einer Gleisschleife, bevor sie den Lehm talabwärts zur Ziegelei brachte. Wir treten näher an die tiefe Grube heran, die direkt an das Klinikum grenzt – wohl nicht zufällig in roter Ziegeloptik erbaut – und blicken die steile Abbruchkante hinab. Innerhalb weniger Jahrzehnte sind hier hunderte Bäume aus dem sandigen Boden gewachsen. Wer nicht gezielt nach alten Spuren sucht, hält den Ort heute einfach für ein idyllisches Waldstück.

Doch unerkannt und unentdeckt von den meisten Spaziergänger:innen, schlummert hier vielmehr der Ursprung des Festspielhauses, der Ursprung ganzer Fabriken und Stadtviertel – das Gesicht der industriellen Ordnung. Eine Epoche, deren Zeit schon länger zu Ende geht. Der Wald hat sich Gruben und Trassen schon wieder zurückgeholt – es ist endgültig vorbei mit Welt- und Naturbeherrschung.

Florian André Unterburger

Florian André Unterburger

Florian André Unterburger ist Autor und Historiker, im Rahmen seines Buchprojekts „Der Zerfall der Alten Ordnung“ hat er seine Leidenschaft für Lost Places entdeckt. Regelmäßig forscht er neuen Spuren des Umbruchs nach. Für das Bayreuther Tagblatt hat er die aufregendsten Spurensuchen zum Nachspazieren niedergeschrieben..