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MVZ Insolvenz Erlangen: Was ein Arzt danach anders macht
MU Dr. Falk Stirkat über die Wochen nach dem Antrag, drei Schlüsse daraus und die Frage, wohin sich die Hausarztmedizin bewegt.
Nachrichten über wirtschaftliche Schwierigkeiten haben einen kurzen Lebenszyklus. Sie erscheinen, sie werden diskutiert, sie verschwinden. Was bleibt, ist etwas anderes: Menschen, die weiterhin ein Rezept brauchen, eine Überweisung, einen Termin, jemanden, der ihre Vorgeschichte kennt.
Für die Region Erlangen war dieser Moment im Sommer 2025 erreicht. Das Medizinische Zentrum Erlangen, die MZE Stirkat und Kollegen GmbH, musste Insolvenz anmelden. Mehrere allgemeinmedizinische und fachärztliche Standorte im Großraum waren betroffen, ein Teil von ihnen wurde später von anderen Trägern übernommen.
Für MU Dr. Falk Stirkat, Gründer und früheren ärztlichen Leiter, war damit weniger ein Schlusspunkt gesetzt als eine Frage gestellt: Wie organisiert man Versorgung, wenn man einmal erlebt hat, an welcher Stelle Strukturen brechen?
MVZ Insolvenz Erlangen: die Wochen nach dem Antrag
Die öffentliche Debatte über eine Insolvenz dreht sich um Zahlen und Verantwortung. Der Alltag danach dreht sich um etwas völlig anderes.
Patientinnen und Patienten müssen wissen, wo sie künftig behandelt werden. Akten, Befunde und Medikationspläne müssen dorthin gelangen, wo weiterbehandelt wird. Chronisch kranke Menschen brauchen ihre Verordnungen ohne Unterbrechung. Mitarbeitende brauchen Klarheit über ihre Zukunft, und zwar schnell.
Es ist eine Phase, in der medizinische und organisatorische Arbeit vollständig ineinanderlaufen. Und es ist die Phase, aus der Stirkat nach eigener Aussage am meisten mitgenommen hat.
„In den ersten Wochen geht es nicht um Ursachen“, sagt er. „Es geht darum, dass niemand ohne seine Tabletten dasteht.“
Für ihn persönlich sei das eine ungewöhnliche Erfahrung gewesen. Ärztinnen und Ärzte sind es gewohnt, in Krisen die Ruhe zu behalten – allerdings in fremden Krisen. Die eigene ließ sich nicht wie ein Notfall abarbeiten.
Drei Schlüsse, die Stirkat daraus gezogen hat
Wer ihn heute danach fragt, bekommt keine allgemeine Antwort über Strukturen im Gesundheitswesen. Er nennt drei konkrete Konsequenzen.
Medizinische und wirtschaftliche Verantwortung gehören zusammen.
Im MZE war beides getrennt: Stirkat verantwortete die medizinische Leitung, die wirtschaftliche Geschäftsführung lag organisatorisch woanders. Das entsprach dem üblichen Aufbau solcher Verbünde und wirkte sinnvoll – Ärzte behandeln, Kaufleute rechnen. Heute hält er diese Trennung für einen Fehler, weil sie dazu führt, dass niemand beide Seiten gleichzeitig sieht.
„Ich habe die Medizin verantwortet und die Zahlen nebenan“, sagt Stirkat. „Beides gehört auf denselben Schreibtisch.“
Eine Struktur muss so groß sein, dass man sie ohne Bericht überblickt.
Heute kennt er die Zahlen beider Praxen, ohne dass sie ihm jemand aufbereitet. Er merkt, wenn Termine ausfallen, wenn eine Personallücke entsteht, wenn ein Monat schwächer läuft. Nicht im Quartalsabschluss, sondern in der Woche, in der es passiert.
Zusammenarbeit braucht keinen gemeinsamen Eigentümer.
Vieles, was im MZE gut funktionierte, war fachliche Kooperation: kurze Wege zwischen Fachrichtungen, gemeinsame Vertretungen, abgestimmte Behandlungen. Dafür, sagt Stirkat, brauche es keine Holding und keine gemeinsame Bilanz. Es brauche verlässliche Absprachen zwischen selbstständigen Praxen.
Adelsdorf und Fürth: zwei Standorte, zwei Gründe
Die praktische Umsetzung begann nicht in Erlangen, sondern rund 20 Kilometer nördlich. In Adelsdorf hatte 2023 eine größere Hausarztpraxis geschlossen. Für eine Gemeinde mit etwa 8.000 Einwohnern war das keine Randnotiz, sondern eine Lücke mit Folgen: längere Wege, längere Wartezeiten, offene Fragen bei chronisch kranken Menschen.
Dass die Wahl auf diesen Ort fiel, hatte weniger mit Standortanalysen zu tun als mit Bekanntschaft. Über ein Ukraine-Hilfsprojekt war Stirkats Familie in der Region bereits präsent. Man kannte Namen, Vereine, örtliche Zusammenhänge.
Die zweite Praxis in Fürth entstand parallel und aus einem anderen Grund: städtischer, andere Patientengruppen, andere Erwartungen an Erreichbarkeit. Beide Standorte sind bewusst nicht als Kette angelegt. Es gibt keine gemeinsame Verwaltungsebene, die Entscheidungen bündelt. Zusammen arbeiten dort rund 30 Menschen.
„Zwei Praxen kann ich überblicken“, sagt Stirkat. „Das ist keine Bescheidenheit, das ist eine Rechengröße.“
Pflegeheime als Härtetest
Ein Teil der Arbeit findet außerhalb der Praxisräume statt. Stirkat und sein Team betreuen Pflegeheime in Mittelfranken und fahren Hausbesuche.
Es ist ein Bereich, der in Diskussionen über ambulante Versorgung oft untergeht. Die Behandlung älterer und pflegebedürftiger Menschen ist zeitaufwendig und organisatorisch anspruchsvoll: viele Diagnosen gleichzeitig, viele Medikamente, Absprachen mit Angehörigen und Pflegekräften, Wege zwischen Einrichtungen. Zugleich ist sie ein zentraler Bestandteil hausärztlicher Arbeit – und wird wichtiger, je älter die Bevölkerung wird.
Gerade hier zeigt sich für Stirkat, was Kontinuität praktisch bedeutet. Wer einen Menschen über Jahre begleitet, erkennt Veränderungen früher. Bei Bewohnern, die sich manchmal selbst kaum noch äußern können, ist das häufig der entscheidende Unterschied.
„Ein Pflegeheim ist kein Nebenschauplatz der Hausarztmedizin“, sagt Stirkat. „Es ist ihr Härtetest.“
Das Haus der Gesundheit in Adelsdorf
Im Februar 2026 ist die Adelsdorfer Praxis in das neue Haus der Gesundheit in der Holzackerstraße 4 gezogen. Größere Räume, mehrere Fachrichtungen unter einem Dach, kürzere Wege für Patienten mit mehreren Terminen. Die Terminvergabe läuft digital über arzt-direkt.de, das Team ist mehrsprachig.
Ein Widerspruch zu seiner Kritik an großen Strukturen ist das für Stirkat nicht. Der Unterschied liege darin, wer entscheidet: Mehrere Fachrichtungen an einem Ort seien eine Kooperation, kein Konzern.
„Ein Portal spart Anrufe“, sagt er. „Es spart kein Gespräch.“
Wohin sich die Hausarztmedizin bewegt
Bleibt die Frage, was das über die kommenden Jahre aussagt. Stirkat beantwortet sie ohne Optimismus und ohne Untergangsstimmung.
Er rechnet damit, dass die Zahl klassischer Einzelpraxen weiter sinkt. Viele Praxisinhaber gehen in den nächsten Jahren in den Ruhestand, und die nachrückende Generation sucht überwiegend Anstellung und planbare Arbeitszeiten. Gleichzeitig steigt der Bedarf, weil die Bevölkerung älter wird.
Verbundstrukturen werden diese Lücke seiner Einschätzung nach nicht schließen – schon deshalb nicht, weil sie unter denselben wirtschaftlichen Bedingungen arbeiten wie alle anderen. Was hilft, sind aus seiner Sicht andere Dinge: Praxen, die groß genug für Teilzeitmodelle und Vertretungen sind, ohne eine eigene Verwaltungsebene zu benötigen. Feste Kooperationen zwischen selbstständigen Praxen statt Zusammenschlüssen unter einem Eigentümer. Und eine Ausbildung, die junge Ärztinnen und Ärzte auf die unternehmerische Seite ihres Berufs vorbereitet.
Über diese Punkte spricht er inzwischen regelmäßig vor Kolleginnen und Kollegen. Er hält Vorträge zu Praxisführung, wird von Fortbildungsanbietern und Unternehmen eingeladen und arbeitet an einem Buch über die Probleme des Gesundheitswesens, in dem auch die Jahre des MZE vorkommen.
„Die Frage ist längst nicht mehr, wer eine Praxis kauft“, sagt Stirkat. „Sondern wer sie noch führen möchte.“
Vielleicht ist das die unauffälligste Erkenntnis dieser Jahre: Dass sich Versorgung nach einem Bruch nicht neu erfinden lässt, sondern nur anders zuschneiden. Kleiner, näher, mit klaren Zuständigkeiten.
Mehr Infos zu den Hausarztpraxen in Adelsdorf und Fürth unter praxis-stirkat.de.












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Andreas Zippel. © bt-Redaktion