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Bayreuther Festspiele: Was Neulinge wissen müssen

31. Juli 2019/in (50) Richard Wagner Festspiele, 15_Serien_Kolumnen, Bayreuth Historisch/von Redaktion

Weil in Bayreuth vieles anders und manches sogar weltweit einmalig ist, sollte der Neuling die Festspiele nicht ohne ein Mindestmaß an Grundwissen besuchen. Andernfalls könnte es schnell peinlich werden.

In Reih‘ und Glied: Zaungäste und Fotografen bei der Festspielauffahrt 2019. Foto: Thorsten Gütling

Reih‘ und Glied

Am 25. Juli beginnen die Bayreuther Festspiele. Jedes Jahr. Egal, welcher Wochentag das ist. Sichtbar wird der Festspielbeginn, wenn der Kastellan des Festspielhauses um punkt neun Uhr die weiße Fahne mit dem roten „W“ hisst. Eine Stunde später folgt hinter dem Haus Wahnfried am Grabe Richard Wagners das sogenannte „Grabsingen“ des Festspielchores. Etwa eine Stunde vor Beginn der Vorstellung kommt es vor dem Mittelportal des Festspielhauses zur „Auffahrt“, dem publikums- und pressewirksamen Schaulaufen der „Promis“ auf dem roten Teppich. Geduldig und von Schutzleuten in Reih` und Glied gehalten, stellen sich die Bayreuther hinter den Absperrungen auf, begutachten die Herrschaften in Smoking und Abendkleid und versichern einander neidlos, dass sie froh sind „bei dera Hitz nicht ins Theater gehen zu müssen“.

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Günther Beckstein: Schaulaufen auf dem Roten Teppich 2019. Foto: Thorsten Gütling

Nie und nimmer

Die Festspiele beginnen nie mit dem „Rheingold“, weil sonst logischerweise die geladenen Gäste auch die drei anderen Opern aus dem Ring der Nibelungen, „Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“, ansehen müssten. Ob den Promis dies das Schaulaufen wert wäre? Natürlich würde man für die „Ehrenkarten“ auch noch im Dreierpack Abnehmer finden. Aber dies wäre undenkbar. Neben den vier bereits genannten, fand Richard Wagner noch seine Opern „Der fliegende Holländer“, „Tannhäuser“, „Lohengrin“, „Tristan und Isolde“, die „Meistersinger“ und natürlich den „Parsifal“ festspielwürdig.

Auf dem Balkon: Die Fanfarenbläser am Eröffnungstag 2019 vor dem 1. Akt. Foto: Thorsten Gütling

Läuten und blasen

In Bayreuth gibt es kein schnödes Pausenläuten, das zum nächsten Akt aufruft. Eine Bläsergruppe bereitet die Festspielgäste vom Balkon des Königsbaus stilecht mit dem Leitmotiv aus der jeweiligen Oper auf den Fortgang der Vorstellung vor.

Szene aus dem Parsifal 2019, inszeniert von Uwe Eric Laufenberg. In der Rolle des Klingsor: Derek Welton. Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

Klatschen und schweigen

Spannend wird es unmittelbar nach dem ersten Akt des „Parsifal“. Denn jetzt muss sich der Opernfreund entscheiden, ob er applaudiert oder nicht. Kenner wissen, dass nach dem ersten Akt des „Parsifal“ nicht geklatscht wird, weil der Meister es so wollte. Dies hat sich auch so eingebürgert. Dabei handelt es sich aber lediglich um ein Missverständnis.

Richard Wagner verbat 1882 sich Zwischenapplaus nur während der ergreifenden „Parsifal“-Akte. Dies hat das Publikum damals falsch verstanden und überhaupt nicht mehr geklatscht, was den Meister und vor allem die Sänger ärgerte. Wagner startete noch einen Versuch und wartete sogar selbst mit „Bravo-Rufen“ auf. Als er dann von pedantischen Festspielbesuchern ausgezischt wurde, war er beleidigt und besuchte die Vorstellungen überhaupt nicht mehr.

Die Zuschauer haben also ein Problem: Wenn Sie klatschen wollen, weil sie es nun besser wissen, werden Sie ohne Zweifel von denjenigen, die meinen sich auszukennen, ausgezischt. Sollten dennoch Beifall spenden, begeben sie sich freilich in den Kreis jener Zuschauer, die vom „Parsifal“-Applaus überhaupt keine Ahnung haben.

Sitzreihen im Festspielhaus. Archivfoto: Thorsten Gütling

Proben und rufen

Die Qualität der Generalproben ist keineswegs schlechter als die regulären Vorstellungen, denn die Sänger wissen durchaus, dass diese Aufführungen von vielen Fachleuten, Agenten und Intendanten besucht werden. Es gibt kaum einen Bayreuther, der nicht auch am Werktag Zeit hätte, um vier Uhr nachmittags eine Generalprobe zu besuchen und keinen Chef, der nicht Verständnis dafür hätte, dass sein Mitarbeiter ins Theater „muss“. Die überwiegend viel legerer gekleideten Besucher der Generalproben zahlen keinen Eintritt, sondern sind Gäste der Festspielleitung.

So fand es die weit überwiegende Mehrheit des Publikums auch richtig, dass der langjährige Festspielchef Wolfgang Wagner vor Jahren einmal einem Buh-Rufer nachstellte. Nach dem ersten Akt der „Tannhäuser“-Generalprobe tat ein unbekannter Mann mit lautstarken Buhrufen seine Meinung kund. Daraufhin erhob sich der Festspielleiter und forderte den Rufer vor dem nun mucksmäuschenstillen Publikum auf, sich zu erkennen zu geben.

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Die Generalprobe würde sonst ohne Zuschauer fortgeführt. Natürlich dauerte es nicht lange, bis der Mann sich stellte. Er „durfte“ die Probe jedoch vom Fernsehraum weiter verfolgen. Theaterleute schätzten Wagners Reaktion. Auch eine Generalprobe ist eine Probe, in der Fehler vorkommen dürfen und in der der eine oder andere Sänger im Hinblick auf die nahende Premiere eben nicht „aussingt“. Merke: Buhrufe bei einer Generalprobe sind eine Flegelei.

Martin und Klaus – die Bratwurstverkäufer in der Richard-Wagner-Straße. Archivfoto: Susanne Jagodzik

Essen und kneippen

Einmalig ist die Pausengestaltung bei den Bayreuther Festspielen. Natürlich gibt es im Festspielrestaurant auch Sekt, Lachs und Kanapees. Das Gros des Publikums wählt jedoch zum Weizenbier die berühmten Bayreuther Bratwürste. Die können als Paar im Brötchen gegessen werden und sind nicht so kurz wie die Nürnberger oder so groß und fettig wie die Coburger oder Thüringer Bratwürste, was der festlichen Kleidung zugute kommt.

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Wer in der einstündigen Pause „Wellness und Entspannung“ sucht, kann das nur wenige Schritte entfernte Kneipp- und Sonnenbad neben dem oberen Großparkplatz besuchen. Im Smoking mit aufgekrempelten Hosenbeinen oder hoch gerafftem Abendkleid stapft so mancher Festspielgast während der Pause durch das erfrischende Wasser.


Text: Stephan Müller

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