Glosse: Rasen für den Umweltschutz

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Peter Krügel. Foto: Thorsten Gütling

Peter Krügel (44) ist Website-Manager beim Bayreuther Tagblatt. Der Helmbrechtser pendelt täglich rund 80 Kilometer auf der A9 zur Arbeit und zurück. Dabei erlebe er regelmäßig knappe Situationen, Nötigung, Drängeleien, Auffahren. Passiert sei nur deshalb bisher wenig, weil es Verkehrsteilnehmer gebe, die auf andere mit aufpassten, sagt Krügel. Die ablehnende Haltung der Bundesregierung zum Tempolimit auf deutschen Autobahnen versteht er daher nicht. Hier ist seine Meinung:

 

Die Bundesregierung ist gegen ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen – ein Herr aus Sachsen auch.
 
Schon jetzt gebe es auf einem großen Teil des deutschen Streckennetzes Geschwindigkeitsregelungen, verkündete Herr Seibert – das Sprachrohr der Bundesregierung. Für den Klimaschutz gebe es außerdem intelligentere Maßnahmen ließ die Regierung durch ihn wissen.
 
Nun denn, bleiben wir also in Gesellschaft der wenigen Orte, die ganz oder teilweise auf ein Tempolimit verzichten. Deutschland (auf etwa 55 Prozent des deutschen Autobahn-Netzes gibt es keine Tempobeschränkung),  die Isle of Man (Großbritannien), drei Bundesstaaten in Indien, Haiti, Somalia, Libanon, Nepal, Myanmar, Burundi, Bhutan, Afghanistan, Nordkorea, Mauretanien.
 
Schon zu Beginn der Diskussion nannte Bundesverkehrsminister Scheuer solche Vorschläge sozial und wirtschaftlich nicht zu verantworten und gegen den gesunden Menschenverstand. 
Da steht die Mehrheit der Staaten unseres Planeten jetzt ganz schön in der Ecke.
 
Eigens wegen der Möglichkeit mal so richtig alles aus dem Auto herauszuholen kommen Geschwindigkeitsenthusiasten aus den benachbarten Ländern der EU zu uns und lassen Gummi und Geld auf der Straße. Und das soll einfach so vorbei sein? Verrückte Idee!
 
Wo sollen die denn hin? Nach Burundi oder gar Nordkorea? Und was hätten wir da weltökologisch gewonnen, wenn die Geschwindigkeits-Touristen jetzt Tonnenweise Kerosin verbrauchten, weil sie etwa im fernen Reich des „Obersten Führers“ der Demokratischen Volksrepublik Korea die weitgehend leeren und unbeschränkten Autobahnen nutzen müssten. Wahrscheinlich kann man sich da auch keine PS-Starken Boliden leihen und müsste das eigene Tatwerkzeug gleich mitbringen. Noch Mehr Tonnage in der Luft, noch mehr Spritverbrauch. Der blanke Irrsinn.
 
Zum Glück ist das vom Tisch und wir haben 55 Prozent der Autobahn zum Rasen. 
Wobei  – ganz ehrlich – ich kann mich kaum erinnern wie oft ich wirklich auf einem freigegebenen Stück Autobahn das Gefühl hatte guten Gewissens und verantwortungsvoll, meinem und dem Leben meiner Mitmenschen gegenüber, auf die Tube zu drücken. 
 
Am 28. Januar war jedenfalls jene leidige Diskussion um ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen beendet und dennoch handelte sich ein Fahrer aus Sachsen ein ordentliches Bußgeld, in Höhe von 1360 Euro, drei Monate Fahrverbot und zwei Punkte in Flensburg ein. Der Mann war, offenbar ohne schlechtes Gewissen, mit 230 km/h an der Polizei vorbeigezogen. Und das zu allem Überfluss auf einem Stück jener 45 Prozent des Autobahn-Netzes mit Geschwindigkeits-Beschränkung. 
 
Nun ist es sicherlich eine Frage des persönlichen Gusto ob man eine solche Geschwindigkeit noch als kuschelig und beherrschbar erachtet, aber wenn man mit saftigen 100 km/h mehr unterwegs ist als alle anderen (inklusive der Polizeistreife), dann ist das schon als Anlass geeignet kurz innezuhalten und sein eigenes Tun zu hinterfragen. 
 
Nicht so unser Avantgarde-Pilot für sozial und wirtschaftlich verantwortungsvolles Fahren auf deutschen Autobahnen. Entsprechend verdutzt zeigte er sich gegenüber den Beamten.
 
Der Polizeibericht lässt sich leider nicht über Details der Verblüffung aus. So bleibe ich meinerseits verdutzt zurück über soviel Verblüffung.

Text: Peter Krügel