Wohnzimmermucke Bayreuth

Livemusik vor dem heimischen Sofa

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Dort, wo sonst Sofa und Couchtisch stehen, pflastern heute junge Studierende im Schneidersitz den Wohnzimmerboden. Da, wo sonst der Fernseher steht, sind heute Instrumente und Mikrofone platziert. Sie formen eine unscheinbare Bühne. Die Gäste grüßen sich, halten Smalltalk und holen sich und ihren Freunden noch schnell ein Bier für einen Euro. Das Wohnzimmer ist gefüllt mit bekannten sowie unbekannten Gesichtern. Irgendjemanden kennt man hier als Student immer. Manche der Gäste fanden keine freie Sitzgelegenheit mehr, und zieren nun, angelehnt, die Wohnzimmerwände.

Die Band, kaum jemand hat sie zuvor jemals gehört, bereitet den Auftritt vor. Die Veranstalter treten vor das Publikum und äußern kurze Begrüßungsworte. Dann beginnen die Künstler zu spielen. Nach 45 Minuten stimmen sie ihr letztes Lied an. Jubel und Applaus. Bandmitglieder, Veranstalter und Besucher trinken noch in gemütlicher Gemeinsamkeit ihr Bier aus und gehen dann ihrer Wege, miteinander nach Hause oder zur nächstgelegenen Kneipe. 

Wohnzimmermucke Bayreuth

Wohnzimmermucke Bayreuth. Foto: http://adrianinfernus.de/

Wohnzimmermucke

Dies ist der typische Ablauf eines Konzerts von „Wohnzimmermucke Bayreuth“. Die private Veranstaltungsreihe wurde vor fünf Jahren ins Leben gerufen und nun schon an sechs Generationen von Studierenden weitergetragen. Wie der Name schon sagt werden hier Konzerte nicht auf der großen öffentlichen Bühne ausgetragen, sondern zu Hause im eigenen Wohnzimmer, der Einfahrt oder im Garten. 

„Die Suche nach einer geeigneten Wohnung ist das Schwierigste an der ganzen Sache.“
(Ben, einer der Veranstalter)

Die Locations müssen nämlich genügend Patz bieten, denn die Konzertreihe erfreut sich großer Beliebtheit. Bei Bekannten und Mitstudierenden wird nach passendenden Örtlichkeiten gesucht. Lässt sich keine geeignete Wohnung finden, muss ein Konzert zur Not auch mal in der eigenen Behausung eines Veranstalters stattfinden. 

Wohnzimmerkonzert. Foto: http://adrianinfernus.de/

Große Vielfalt

Bands, Gruppen und Künstler seien dagegen alles andere als Mangelware, meint Ben. In Bayreuth, Umgebung und gar über Landesgrenzen hinaus finden sich mehr als genügend Kreative, die ihre Musik gerne unter die Leute bringen möchten. Diese werden dann von den Veranstaltern über SoundCloud, YouTube und andere soziale Medien gesichtet und ausgesucht. An der Musikauswahl merkt man, dass die verantwortliche Wählerschaft etwas was von ihrem Handwerk versteht.

Zudem sind alle Arten von Musik vertreten. Mal bekommt man die lieblich-weichen Harmonien einer Indie-Pop Band zu hören, mal erzählt ein kanadischer Folk-Singer-Songwriter charmante Geschichten aus seinem Leben. Dann gibt es Abende, da tanzt man zu elektronischen House-Beats mit jazzigem Saxophon und Synthesizer. Die Musiker werden durch die Spenden der Besucherschaft entlohnt. Ihre Technik bringen sie selbst mit. Eintritt kostet das Ganze nicht. Die Reihe ist schließlich auf das Uni-Publikum ausgelegt.

Die Bands spielen im gemütlichen Umfeld. Foto: http://adrianinfernus.de/

Besonderer Charme

„Probleme hat es bis jetzt noch keine gegeben“, erklärt Ben. Die Veranstaltungen enden immer vor 22 Uhr, wodurch Ruhestörungen vermieden werden. Auch die Gäste, die sich hauptsächlich durch Mundpropaganda zusammenfinden, haben noch nie Schwierigkeiten bereitet. 

Was jedes Wohnzimmerkonzert immer wieder außergewöhnlich macht, ist die ausgelassen offene und weichmütige Atmosphäre. Allein der Umstand, dass jemand die eigene Wohnung für einen Haufen fremder Menschen öffnet, manifestiert das Gefühl einer obwaltenden Offenherzigkeit. Ein jedes Mal trifft man auf bekannte Gesichter. Ein jedes Mal macht man neue Bekanntschaften. 


Text: Samuel Helgert

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