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Casanova: Der Herzensbrecher hatte in Bayreuth eine Tochter

Der große Romantiker Casanova, soll eine Bayreutherin zur Tochter gehabt haben. Das zumindest behauptet der Hobbyhistoriker Stephan Müller und liefert Beweise aus der Biografie des vielleicht größten Herzensbrechers aller Zeiten.

Sophie, so hieß die Kleine, schlief bis zum Morgen fest in meinem Bette; ihre Mutter sparte den besten Bissen ihrer langen Geschichte bis zum Schluß auf: sie sagte mir, Sophie sei meine Tochter, und zeigte mir ihren Taufschein.

Die Geburt des Kindes stimmte mit der Zeit, zu der ich mit Teresa Umgang gehabt hatte, und die vollkommene Ähnlichkeit konnte mir kaum einen Zweifel lassen.

Ich machte daher durchaus keine Schwierigkeiten, sondern sagte der Mutter, ich sei überzeugt, daß Sophie mir ihr Leben verdanke; und da ich mich in der Lage befinde, ihr eine gute Erziehung geben zu lassen, so sei ich bereit, dafür zu sorgen und Vaterstelle bei ihr zu vertreten.

Das ist der Absatz in den Memoiren des Chevalier de Seingalt, in dem er die Tochter der Teresa Imer anerkennt. Besser bekannt ist uns der Chevailer unter seinem wahren Namen: Giacomo Girolamo Casanova.

In Bayreuth getauft

Die kleine Sophie wurde in Bayreuth getauft. Ihre Mutter, die Venezianerin Teresa Imer, war als Tänzerin und Sängerin ab 1750 eine der Stars am Musenhof der Bayreuther Markgräfin Wilhelmine. Bei der Uraufführung der Feste Teatrale „L’Huomo“ sang sie als verheiratete Teresa Pompeati am 19. Juni 1754 an der Seite des italienischen Tenors Stefanon Leonardi die Hauptrolle der Animia. Umjubelt wurde die Darbietung auch von Wilhelmines Bruder, dem Preußenkönig Friedrich dem Großen, zu dessen Ehren diese Uraufführung im Markgräflichen Opernhaus dargeboten wurde.

Das Libretto der Oper L’Huomo, Titelseite, 1754. Foto: Wikipedia

Kennenlernen um 1740

Der 15-jährige Casanova lernte die zwei Jahre ältere Terese um 1740 im Haus des Senators Alvise Gasparo Malipiero kennen, der selbst in das Mädchen der Nachbarn verliebt war. Casanova erzählt, dass sie vom Senator bei Intimitäten erwischt werden und er mit Stockschlägen aus dem Haus gejagt wird. Und zwar deswegen: 

Und in argloser Fröhlichkeit uns die Lust ankam, den Unterschied unserer leiblichen Beschaffenheit zu vergleichen. Wir waren gerade im spannendsten Augenblick unserer Prüfung, als ein heftiger Stockhieb auf meinen Hals niedersauste.

Die Mätresse des Markgrafen

Teresa Imer war die Tochter des Schauspielers und Theaterleiters Giuseppe Imer, einem Freund des berühmten Schriftstellers Carlo Goldoni („Diener zweier Herren“).  So erhielt sie schon als Kind Schauspiel- und Gesangsunterricht. In Wien heiratet sie in Wien den Schauspieler Angelo Francesco Pompeati. Sie singt in London, Hamburg, Kopenhagen und Braunschweig, ehe das Ehepaar um 1750 vom Bayreuther Markgrafenpaar Friedrich und Wilhelmine engagiert wird. In Bayreuth trennt sich das Ehepaar. Terese wird, so schreibt es später Casanova in seinen Memoiren, die Mätresse des Markgrafen.

Eine Bayreutherin, in Venedig gezeugt

Bei einem vierzehntägigen Aufenthalt in Venedig trifft sie erneut Casanova. Aus dem kurzen, aber wohl sehr innigen Wiedersehen („… wir hatten uns damals ein bißchen ernsthafter belustigt …“) ging also nach Casanovas Worten die in Bayreuth geborene Tochter Sophie hervor, zu der er sich sich auch bekannte:

Wir hatten uns zu Beginn des Himmelfahrts-Jahrmarkts 1753 geliebt, und Sophie war in Bayreuth am letzten Tag des Jahres zur Welt gekommen.

Casanova zufolge kehrte Teresa nach Bayreuth zurück, wo er sie entgegen seinem Versprechen nicht besuchte. Wann Teresa Pompeati Wilhelmines Hof verließ ist unbekannt. Im Jahr 1755 wird sie zumindest noch in einem Bayreuther Adressbuch geführt.

Nach einem Aufenthalt in Paris eröffnete sie ab 1756 zwei Theater in Antwerpen und Gent. In den Niederlanden begegnete ihr um 1759 Casanova wieder. In finanziellen Nöten gestand sie ihm die Vaterschaft von Sophie. Casanova ließ sich jedoch dazu überreden, ihren Sohn Giuseppe wegen einer besseren Erziehung mit nach Paris zu nehmen.

Am Ende sind beide verarmt

In Amsterdam heiratet Teresa den Kaufmann Jan Rijgerboos Cornely. Als Teresa Cornelys eröffnet sie im Herbst 1760 in London das „Carlisle House“ am Soho Square. Dort gibt sie große Gesellschaften und Konzerte mit bekannten Künstlern. Als ihr Casanova am 13. Juni 1763 ihren Sohn zurückbrachte, fand er Terese, die sich mit den anderen Londoner Theaterbetrieben angelegt hatte, aufgrund ihrer hohen Schulden in Hausarrest vor. Finanziell erholte sie sich bis zu ihrem Tod nicht mehr. Sie starb am 19. August 1797 zurückgezogen als „Mrs Smith“. Nur wenige Monate später starb Casanova im Alter von 73 Jahren am 4. Juni 1798 ebenfalls verarmt, einsam und wegen einer Prostata-Erkrankung unter starken Krämpfen leidend, im böhmischen Schloss Dux.

Von seiner Bayreuther Tochter wusste Casanova

Beinahe 150 Frauen – die genaue Zahl wird er wohl selbst nicht gewusst haben – hat der Venezianer, der später als Schriftsteller und französischer Geheimdiplomat in ganz Europa unterwegs war, in seinem Leben verführt. Sein Name, Casanova, steht nach wie vor für Liebe, Lust und Leidenschaft. Er war kein billiger Aufreißer, also kein Don Juan. Casanova war nie verheiratet, er hatte eine unbestimmte Zahl eigener Kinder, von denen er nur teilweise etwas erfuhr. Von Sophie, seiner Bayreuther Tochter, wusste er.


Text: Stephan Müller


Stephan Müller


Stephan Müller (53) ist Stadtrat, Hobbyhistoriker, freiberuflicher Journalist und Autor zahlreicher Bücher zur Geschichte Bayreuths. Für das Bayreuther Tagblatt hat er sein Archiv geöffnet. Die besten Anekdoten gibt es immer wieder hier beim bt.


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