Wirtsgogl-G’schichtla

Adrian Roßner ist einer der jüngsten Heimatforscher Deutschlands und kommt aus der Region Bayreuth: In unserer bt-Serie „Wirtsgogl-Gschichtla“ gibt er regelmäßig Einblicke ins seinen Fundus:  kuriose Geschichten, unglaubliche Erzählungen und Besonderheiten aus unserer Region. Zum Nachlesen und als Podcast.

Wirtsgogl-G’schichtla: Vom Schnaps und Christbaumschauen

In Folge 15 erzählt Adrian Roßner von dem modernen Brauch des Christbaumschauens.

Wirtsgogl-G’schichtla: Weihnachtsspezial

Adrian Roßner, Foto: Privat

Adrian Roßner ist einer der jüngsten Heimatforscher Deutschlands und kommt aus der Region: In unserer bt-Serie “Wirtsgogl-Gschichtla” gibt er regelmäßig Einblicke ins seinen Fundus:  kuriose Geschichten, unglaubliche Erzählungen und Besonderheiten aus unserer Region. 

In dieser Folge hat Adrian Roßner eine spezielle Weihnachtsgeschichte aus dem November 2013 mitgebracht. Hier gibt’s eine festliche Geschichte aus der Feder des Wirtsgogl:

 


Wirtsgogls-Gschichtla #5 “Weihnachtsspezial”zum Anhören


Der gute Nikolaus

Es schneite nun schon seit einer ganzen Woche und August hatte beinahe jeden freien Tag draußen verbracht – immerhin musste man den Winter doch auch genießen dürfen, oder? Seine Eltern freilich waren dazu nicht in der Lage: Sobald die ersten Flocken fielen, verzogen sie sich in die kleine, von einem einzigen Ofen nurmehr spärlich beheizte Stube und begannen damit, Holzfigürchen zu schnitzen, die sie in Münchberg verkaufen wollten. Von dem Geld, das sie dafür bekommen würden, könnten sie sich schließlich selbst auch wieder ein schönes Weihnachtsfest  machen. Gerade das Glänzen in den Augen des kleinen August, der sich sehnlichst ein Paar Skier wünschte, ließ sie sich diesmal besonders anstrengen und so entstanden innerhalb kürzester Zeit wunderschöne Hirten mit ihren Schafherden, einige Heilige Drei Könige und natürlich auch Jesuskinderlein für die Krippen der besser verdienenden Leute in Münchberg. Morgen wollte Augusts Vater sich auf den Weg in die Stadt machen, um die Kunstwerke an den Mann zu bringen, doch grauste ihm schon vor den sicher einmal mehr äußerst zähen Verhandlungen, die er mit dem Müllersgerch würde führen müssen. Doch es half alles nichts: Nirgends sonst konnte er seine kleinen Figürchen verkaufen und auch wenn der alte Geizkragen ihm jedes Jahr einen Hungerlohn dafür bot, so war es dennoch besser, als gar nichts.

Als August an diesem Tag vom Spielen nach Hause kam, hörte er schon von der Tür aus das röchelnde Husten seines Vaters. „Was hast du denn?“ fragte er unschuldig, doch klärte seine Mutter ihn schnell auf: „No verkält hodder sich! Waller jo widder moll middn im Winder blus sei Summerhuusn ogezung hot, der Schnerbfl.“ „Des wird scho widder“ brachte sein Vater mühsam heraus, „morng muss ich jo suwiesu zerm Gerch und no ko ich haamwärts nuchamoll schnell vom Booder vorbeischaua.“ „Du gihst morng näercherdswu hi, host du mich verschdandn?!“ schnaubte Augusts Mutter, wobei ihrem Sohn mit einem Mal klar wurde, was das bedeutete: Wenn der Vater die Figürchen nicht verkaufen könnte, würde die Familie kein Geld für die Weihnachtsfeier haben und er könnte die Skier vergessen. Eifrig zupfte er am Gewand seiner Mutter: „Ich kann doch gehen!“ Mit diesen einfachen vier Worten hatte August einen Streit entfacht, in dem Argumente wie „Er muss ja sowieso einmal die Welt außerhalb von Zell kennen lernen“ solchen wie „Er ist doch noch viel zu klein, um so eine Reise auf sich zu nehmen“ entgegenstanden, doch war man sich letzten Endes darüber einig, dass man es wenigstens versuchen wolle. Außerdem würde August sowieso nicht klein beigeben, bis er seine Mutter dazu erweicht hatte, ihn gehen zu lassen. Und so folgte dem hitzigen Wortgefecht schließlich eine genaue Belehrung, was die Reise nach Münchberg angeht. Abends legte sich August voller Vorfreude in sein warmes Bett und lauschte einmal mehr der Geschichte des gütigen Nikolaus, der in den Wäldern am Waldstein wohnen soll und vor allem den Ärmeren stets zur Seite steht, wenn sie Not litten. Die Mutter hatte noch nicht von all seinen Wohltaten erzählt, als August bereits eingeschlafen war und von einem großen Mann mit weißem Bart und einem alten Ledermantel träumte.

Am nächsten Morgen stand er in aller Frühe auf, packte die Schnitzereien seiner Eltern in einen großen Sack und zog sich an. Schließlich schlich er sich noch einmal in sein Zimmer und holte aus einem kleinen Versteck einen Ochsen heraus, den er vorgestern selbst als erste eigene Figur gestaltet hatte. Er sah ein wenig seltsam aus, aber August war sich sicher, dass er ihn gut würde verkaufen können. Danach gab er seiner besorgten Mutter, die daheim bleiben und den Vater pflegen würde, einen dicken Kuss zum Abschied und machte sich auf den Weg zum Bahnhof. Schnaubend wartete die alte Lokomotive mit ihren grünen Wagen bereits am Bahnsteig und gab mit einem ungeduldigen Pfeifen zu verstehen, dass sich der Zug jeden Moment in Bewegung setzen würde. August ging zum alten Theo, der wie jeden Tag mit einer warmen Tasse Kaffee am Schalter saß, drückte ihm das von seiner Mutter abgezählte Geld in die Hand und bekam dafür eine Hin- und Rückfahrkarte, die er kurze Zeit später dem Schaffner Max übergab. Die Zugfahrt nach Münchberg dauerte eine ganze Weile und zweimal drohte die kleine Lokomotive in den Schneewehen stecken zu bleiben, doch schafften sie es letztlich trotzdem wohlbehalten in die Stadt und August ging zielstrebig in Richtung Bahnhofstraße, wo sich, wie er von seinem einzigen Besuch in Münchberg in Erinnerung hatte, der Laden des Müllersgerch befand. Vorsichtig sah er sich darin um: Er war vollgestopft mit wunderschönen Spielsachen aus Holz und sogar einigen aus Blech. Hinter dem Tresen ratterte zu Augusts größter Freude eine kleine Eisenbahn auf krummen Schienen im Kreis und erfüllte das Zimmer mit einem melodischen Surren. Aus der hinteren Kammer schlurfte schließlich Gerch herein, der den Neuankömmling sofort kritisch musterte. Augusts Vater hatte seinen Sohn schon vor dem Geiz des alten Händlers gewarnt, doch war August sich sicher, dass er es mit ihm würde aufnehmen können. „Hallo“ brachte er mühsam heraus, „ich bin der August vo Zell und soll hier die Schnitzereien meiner Eltern verkaufen“. Noch während dieser Worte hatte er einige der schönsten Stücke auf den Tresen gestellt, wobei er seinen Ochsen besonders nah an Gerch heran geschoben hatte. „Soso, das willst du mir also verkaufen. Naja, es sind ja eigentlich die gleichen Figuren wie im letzten Jahr auch schon – und von denen sind noch genügend im Lager. Hmm, hmm. Ich denke, zehn Mark kann ich dir für den ganzen Sack geben!“ Damit hatte August nicht gerechnet. Zehn Mark nur? Vater hatte ihm doch noch eingeschärft, dass sie mindestens 25 wert seien. „Nun, was ist? Zehn Mark geb‘ ich dir, aber wennst net willst…“ „Doch, doch…“ brachte August schließlich kleinlaut hervor, wobei ihm die Tränen schon in die Augen stiegen. „Na schau! So, hier ist dein Geld, aber das komische Ding nimmst wieder mit. Das kann ich sowieso net verkaufen.“ Mit diesen Worten drückte er August seinen Ochsen in die Hand, raffte die anderen Schnitzereien an sich und drehte sich zum Schaufenster, wo er sofort damit begann, sie schön zu drapieren. Mit einem letzten Schluchzer drehte August sich um und rannte so schnell er konnte zum Bahnhof zurück; die kalten Tränen, die ihn aus den Augen liefen brachten seine rosa Haut zum brennen, aber er wollte nur noch zügig nach Hause. 

Als er endlich wieder im Zug saß und der sich langsam in Bewegung gesetzt hatte, flog mit einem enormen Wums die Tür auf, die die beiden Waggons voneinander trennte. August, der versucht hatte, sich mit dem Betrachten des Reifes auf den Scheiben abzulenken und derweil darüber nachdachte, wie er seinen Eltern erzählen sollte, was passiert war, drehte sich erschrocken um. Im Türrahmen stand ein stämmiger, älterer Mann mit einem grauweißen Bart und einem alten, dreckigen Ledermantel, der sich über seinem Bauch verdächtig spannte. Grunzend schob er sich zu August und ließ sich ihm gegenüber nieder. Der hatte derweil ängstlich seine Tasche mit den zehn Mark an sich gedrückt, stellte nun jedoch erschrocken fest, dass dabei anscheinend sein Ochse rausgefallen war, der auf dem Boden ein paar Saltos vollführte, ehe er direkt vor den Füßen des Fremden zum Liegen kam. Mit spitzen Fingern hob dieser das kleine Tierchen hoch und musterte es aus seinen tiefblauen Augen. „Gehört der dir?“ wollte er wissen, doch August brachte kein Wort heraus – so nickte er nur kurz und vergrub sein Gesicht etwas tiefer im Schal. „Der ist wirklich schön! Woher hast du den denn?“ Mit einem Mal kam der Mut langsam wieder zurück: „Den hab ich selbst gemacht! Wollen Sie ihn kaufen?“ Was hatte er sich bloß dabei gedacht?! Einen wildfremden Mann einfach derart dreist anzusprechen gehörte sich nicht. Aber irgendetwas hatte der Alte an sich, das August sofort zuversichtlich stimmte. „Hmm, nun gut. Hier, ich gebe dir dafür diese Glassteine, die ich gerade in Münchberg gekauft habe. Die sind bestimmt fünfzig Pfennige wert.“ Naja, besser als nichts, dachte August, und immerhin würde er die Steine in der Schule vielleicht gegen ein Stückchen Schokolade eintauschen können. Das Geschäft war gerade abgeschlossen, als der Zug in Zell ankam. Schnell machte August sich auf den Weg nach Hause und beichtete seinen Eltern, dass er nur zehn Mark für die Figuren bekommen hatte, wobei er das Säckchen mit den Steinen achtlos mit auf den Tisch geworfen hatte. „Naja, da kann man nichts machen – mir wern wohl aweng sporn müssen“, sagte sein Vater und sah das Säckchen. „Und was ist das?“ „Das hat mir ein Mann für eine Figur gegeben, die ich selbst geschnitzt habe. Da sind aber nur ein paar Steine drin.“ Doch wie groß war die Überraschung, als aus dem Säckchen tatsächlich eine ganze Hand voll silbern glänzender Markstücke heraus fiel! „Das sind ja an die 30 Mark“  freute sich sein Vater, „wer war denn der Mann?“ Mit einem Mal ging August ein Licht auf: Ein weißer Bart und ein lederner Mantel. „Der Nikolaus!“



Text: Adrian Roßner, 30.11.2013

Wirtsgogl-G’schichtla: Wie das Holzfraala das Weihnachtsfest rettete

Adrian Roßner, Foto: Privat

Adrian Roßner ist einer der jüngsten Heimatforscher Deutschlands und kommt aus der Region: In seiner bt-Serie „Wirtsgogl-Gschichtla“ gibt er regelmäßig Einblicke in seinen Fundus an kuriosen Geschichten, unglaublichen Erzählungen und Besonderheiten aus unserer Region.

In Teil 14 der Serie erzählt Adrian Roßner vom kleinen Franz, der im dunklen Wald dem Holzfraala begegnet und so mit seiner Familie unerwartet ein wunderschönes Weihnachtsfest feiern kann.

Hier die aktuellste Geschichte des Wirtsgogl als Text und als Podcast zum Anhören.

 

Wirtsgogl G’schichtla #14 als Podcast zum Anhören


Schlaflos

Es war eine kalte, stürmische Nacht im Dezember – nur mühsam bahnte sich das bleiche Mondlicht seinen Weg durch die dicht mit Schnee und Reif bedeckten Äste der Bäume, ehe es am kahlen Boden glitzernde Muster in die weiße Pracht malte. Der kleine Franz kuschelte sich noch ein wenig fester in seine schon seit einiger Zeit viel zu kurze Decke, als der Wind von neuem gegen die alten Scheiben drückte und ihnen ein gruseliges Knarzen entlockte.

Schon seit drei Nächten hatte Franz nur sehr schlecht schlafen können, was sicher auch an der Aufregung lag, die ihn bereits den ganzen Tag über wild herum hüpfen lassen hatte: Morgen nämlich würde er zusammen mit seinem Vater den Weihnachtsbaum im nahen Wald suchen, abschlagen und nach Hause bringen. Seiner Mutter würde er anschließend helfen, ihn schön mit Äpfeln und Papiersternen zu schmücken, wobei immer ihm die Ehre zuteilwurde, den größten und schönsten aller Sterne auf die Spitze zu stecken.

Sorgen vergessen

Gerade als er sich ausmalte, wie lange er und sein Vater wohl in diesem Jahr brauchen würden, um eine passende Tanne zu finden, übermannte Franz schließlich trotzdem der Schlaf. Er drehte sich ein letztes Mal um, schnaufte tief durch und glitt hinüber in die Welt der Träume, in der er alle Sorgen vergessen konnte, von denen ihm seine Eltern in den letzten Tagen erzählt hatten.

Franz‘ Familie war vor einigen Jahren obdachlos geworden, als ein Blitzschlag das ansehnliche Haus am Marktplatz, in dem sie einst gewohnt hatten, komplett hatte niederbrennen lassen. Gott sei Dank ist dabei niemandem etwas passiert, doch stand die kleine Familie von einen Tag auf den andern vor dem Nichts. Sie mussten einen Großteil ihrer Felder verkaufen und auch die Kühe im Stall gehörten ihnen längst nicht mehr. Von dem wenigen Geld, das sie für die Tiere bekommen hatten, konnten sie sich schließlich eine kleine Hütte oben am Waldrand kaufen, die früher einem Hirten gehört haben soll. Gerade die Winter waren hier oben immer besonders schlimm; denn dann würde der alte Hohlweg ins Dorf hinunter komplett zuschneien und Franz‘ Vater wäre den ganzen Tag damit beschäftigt, sich im Wald nach Feuerholz umzusehen – für Spielen bliebe keine Zeit.

Düsterer Wald. Symbolfoto: Pixabay

Aufbruch in der Dämmerung

In seinem Traum jedoch kannte Franz diesen Kummer nicht: Hier tollte er zusammen mit seinem Freund Lukas, dem alten Wachhund der Familie, über Wiesen und Äcker, warf mit Steinen nach den Krähen, die die Saat fressen wollten und kam abends ausgelaugt, aber glücklich in das große steinerne Haus am Marktplatz, wo seine Eltern schon mit dem Essen auf ihn warteten. Gerade, als er in einen der saftigen Klöße beißen wollte, spürte er etwas warmes, flüssiges im Gesicht und roch einen ekelhaften Gestank nach ranzigem Fleisch – Lukas hatte ihn geweckt und zeigte mit wedelndem Schwanz in Richtung der alten Brettertür, an der sein Vater bereits mit dem Anziehen der Winterklamotten beschäftigt war. Schnell schlüpfte Franz aus dem ohnehin nicht sonderlich warmen Bett, zog sich an und machte sich zusammen mit seinem Vater und Lukas auf in den noch immer im morgendlichen Dämmerlicht liegenden Wald.

Auf der Suche nach dem schönsten Baum

„Weißt du, als ich so alt war, wie du jetzt, bin ich schon mit meinem Vater hier oben gewesen und habe zusammen mit ihm nach Weihnachtsbäumen Ausschau gehalten. Damals wohnten wir noch am Marktplatz und…“ immer, wenn Franz‘ Vater von ihrem alten Leben erzählte, stiegen ihm die Tränen in die Augen und so nahm Franz den Alten auch diesmal bei der Hand, drückte sie fest und sagte aufmunternd: „Mach dir keine Gedanken! Wir zwei werden in diesem Jahr einen Baum finden, der schöner ist, als alle anderen im Dorf!“ Mit noch nassen Augen wandte sich sein Vater an Franz: „Du bist ein guter Junge – ich wünsche dir nur, dass du es einmal besser haben wirst. Verdient hättest du’s auf jeden Fall.“

So stapften die beiden zusammen mit einem träge daneben her trottenden Lukas weiter, hielten hier und da an, um vorsichtig den Schnee von den Ästen einiger Bäume zu schütteln, nur um sie letztlich dennoch stehen zu lassen, da sie ihnen nicht gefielen. Nach einer Stunde Suche machten sie kurz Rast und aßen schnell die beiden dicken Brote auf, die ihnen die Mutter belegt hatte, wobei Franz den letzten Rest wieder einpackte: Mutter meinte es immer zu gut mit ihm.

Spuren im Schnee. Symbolfoto: Pixabay

Immer tiefer in den Wald hinein

Schließlich machten sich die beiden wieder auf den Weg, nur um kurze Zeit später erneut stehen zu bleiben, als Franz Vater einen wunderschönen Tannenbaum etwas abseits des Pfades entdeckt zu haben glaubte. „Franz, ich weiß nicht, wie tief der Schnee da hinten ist. Deswegen möchte ich, dass du derweil hier bleibst – und rühr dich ja nicht von der Stelle – ich bin gleich wieder da! Lukas, du passt gut auf ihn auf, ja?“ Sprach’s und war hinter einer Reihe dürrer Fichten verschwunden. Lukas indes schien irgendetwas gewittert zu haben und streckte seine feuchte Schnauze in die kalte Winterluft, wobei sein Atem kleine Wölkchen zauberte. Mit einem Mal stellte er sich komplett steif hin, sträubte das Fell, bleckte die Lefzen und begann ganz leise zu knurren. „Lukas, was hast denn?“ wollte Franz noch wissen, doch da hatte sich der Hund schon in Bewegung gesetzt und rannte unheimlich schnell für sein Alter in den Wald. „Lukas! Bleib doch da!“ rief Franz ihm noch hinterher, doch sah er schließlich keine andere Möglichkeit, als ihm nachzulaufen – immer tiefer hinein in das dichte Unterholz.

Das Gesicht überwuchert von dichtem Moos

Nach kurzer Zeit fand er seinen alten Freund bedächtig an einem kleinen Dachsbau stehen und neugierig die Nase hineinstecken. Als er Franz sah, wuffte er kurz und setzte sich neben das seltsame Loch in den kalten Schnee. „Ach Lukas, du Blinzdiegel! Wegen diesem dämlichen Dachs habe ich jetzt Schnee in den Schuhen – und frieren tut’s mich auch.“ Mit einem Mal blickte er erschrocken auf: „Wo ist denn jetzt überhaupt der Weg?“ Ängstlich schaute Franz sich um, konnte jedoch nicht einmal mehr erkennen, aus welcher Richtung er selbst gekommen war. „Hallo?“ rief er leise in den Wald, „Hallo? Vater? Bist du da?“ Keine Antwort. „Hallo?!“ diesmal etwas lauter – mit einmal Mal kam es kleinlich zurück: „Hallo.“ Erschrocken blickte Franz sich um, konnte jedoch niemanden entdecken. Da kam’s wieder, diesmal ganz nahe: „Hallo! Hier unten!“ Vor dem Loch stand plötzlich eine kleine, hutzelige Gestalt, die Franz irgendwie an einen Baumstamm erinnerte: Ihre Haut war braun und voller Falten, die Haare grün und sogar ein wenig schleimig, und das Gesicht überwuchert von dichtem Moos.

„Hab keine Angst! Ich werde dir nichts tun. Aber halt bitte dieses Ungeheuer weg!“ Lukas hatte die seltsame Gestalt zwischenzeitlich prüfend abgeschnuppert und sich ängstlich zu Franz verkrochen. „Keine Angst, der tut dir nichts. Aber sag: Wer bist du denn?“ „Ich bin das Holzfraala und wohne hier im Wald. Und du bist doch der kleine Franz, oder? Ich habe deinen Vater schon oft beim Holzsammeln gesehen. Er ist immer schön vorsichtig, wenn er meine Freunde, die Bäume, anfasst und nimmt nur die dürren Äste mit, niemals die noch grünen. Einmal hat er sogar drei Kreuze in denen Stumpf geschlagen, damit ich mich darunter vor dem Wilden Jäger verstecken kann! Aber was machst du denn heute hier?“ „Wir wollten eigentlich einen Christbaum suchen, aber ich habe mich verlaufen.“ Einzelne Tränen kullerten Franz über die Wangen.

Brotzeit für das Holzfraala

„Nanana, das ist doch halb so schlimm. Ich werde dich wieder zum Weg zurückbringen, aber sag mal: Hast du etwas zu essen? Ich hab‘ so schrecklichen Hunger!“ Schnell zog Franz die Reste seiner Brotzeit aus der Tasche und gab sie dem pummeligen Frauchen. „Danke dir! Hast was gut bei mir – so, und jetzt komm mit.“ Behände führte die kleine Gestalt Franz und Lukas durch den dichten Wald, hielt hier und da kurz an, schnupperte in die Luft und setzte seinen Weg fort. Mit einem Mal standen sie wieder auf dem kleinen Trampelpfad – Franz erkannte sogar noch seine eigenen Fußspuren und rief überglücklich nach seinem Vater. Das Holzfraala aber zog ihn noch einmal zu sich herunter, drehte seinen Kopf ein wenig auf die Seite und flüsterte: „Schau mal da hinten. Siehst du den Baum? Den schenk ich dir als Dankeschön für die Brotzeit! Nehmt ihn ruhig mit.“ Und mit einem Mal war es verschwunden. Gerade noch rechtzeitig, denn ansonsten hätte Franz Vater es womöglich noch gesehen, der gerade aus dem Wald herauskam und seinen Sohn überglücklich in die Arme schloss.

Eine alte Fichte als Geschenk

„Franz, Gott sei Dank! Ich dachte schon, du hättest dich verlaufen!“ Schnell stapften die beiden nach Hause, doch nachdem Franz seinem Vater die Geschichte erzählt hatte, die ihm widerfahren war, runzelte der nur kurz die Stirn und machte sich daran, den vom Holzfraala gezeigten Baum zu fällen. Es war eine klapprige, alte Fichte, aber die beiden waren so froh, dass sie sich wiedergefunden hatten, dass ihnen das vollkommen egal war.

Geschmückter Christbaum. Symbolfoto: Pixabay

Am Abend schmückte Franz zusammen mit seiner Mutter den Baum und sank erleichtert und glücklich in das kalte Bett. Wie groß jedoch war die Überraschung, als anstelle des alten Gestrüpps am nächsten Tag ein wunderschöner, voller Christbaum in der Mitte der Stube stand, dessen dicke Äste sich vor lauter Schmuck und Gaben aus dem Wald nur so bogen. Schnell weckte Franz seine Eltern, die das Wunder ebenso verblüfft bestaunten, wie ihr Sohn. Unter dem Baum zog Lukas letztlich ein einzelnes Paket hervor, auf dem in krakeliger Handschrift geschrieben stand: „Frohe Weihnachten wünscht das Holzfraala“. Und darin lag eine neue, flauschige Decke für Franz.


Text: Adrian Roßner


Mehr vom Wirtsgogl

Wirtsgogl-G’schichtla: Wie ein Oberfranke das Feuerzeug erfand

Adrian Roßner, Foto: Privat

Adrian Roßner ist einer der jüngsten Heimatforscher Deutschlands und kommt aus der Region Bayreuth: In seiner bt-Serie „Wirtsgogl-Gschichtla“ gibt er regelmäßig Einblicke in seinen Fundus an kuriosen Geschichten, unglaublichen Erzählungen und Besonderheiten aus unserer Region.

In Teil 13 der Serie erzählt Adrian Roßner von einer zündenden Idee aus dem Fichtelgebirge, die die ganze Welt revolutionierte.

Hier die aktuellste Geschichte des Wirtsgogl als Text und als Podcast zum Anhören.

 

 


Wirtsgogl-G’schichtla #13 als Podcast zum Anhören


Wussten Sie schon…
…dass die zündende Idee eines Münchbergers die Welt revolutionierte?

Die Geschichte der Menschheit kennt verschiedene Momente höchster Erfindungskunst, die – sei es durch logisches Denken oder durch bloßen Zufall – ihre Entwicklung maßgeblich beeinflussten. Die „Zähmung des Feuers“ ist eine davon und ermöglichte in der Folge nicht allein das Kochen der Nahrung, sondern auch die Herstellung metallener Werkzeuge. Heute freilich ist keinerlei Zauberei mehr vonnöten, um die Flammen emporlodern zu lassen, da beinahe jeder sein „Feuer-Zeug“ (anfangs Feuerstein, Schlageisen und Zunder) in der Tasche stecken hat. An dieser unscheinbaren Erfindung jedoch hat ein Oberfranke großen Anteil.

Traumberuf: Apotheker

Johann Wolfgang Döbereiner stammt aus Hof, wo er am 13. Dezember 1780 das berühmte Licht der Welt erblickte. Bereits wenige Monate nach der Geburt des Sohnes verzog die Familie des Kutschers Johann Adam Döbereiner nach Bug, wo sich letzterer zum Gutsverwalter des Ansitzes derer von Lindenfels hocharbeitete. In Anbetracht dieser Karriere erschien es nur logisch, dass sein Sohn diese Position einmal übernehmen würde – doch hatte der andere Pläne.

Foto: Privat

Schon in jungen Jahren stahl sich Johann Wolfgang heimlich davon, um beim Weißdorfer Pfarrer David Weiß Einblicke in die Welt der Wissenschaft zu sammeln: Die von ihm entliehenen Bücher las er heimlich und mithilfe einer selbstgebauten Lampe unter der Bettdecke, um es vor dem Vater zu verbergen; in den Brauhäusern fand er zeitgleich Gefallen an chemischen Prozessen, die er sich von den Braumeistern erklären ließ. Nach mehrmaligen Bitten und Betteln – und der Fürsprache seiner Mutter, sowie des Weißdorfer Pfarrherren – willigte Johann Adam schließlich ein, seinem Sohn den lang gehegten Wunsch zu erfüllen und ihn nach Münchberg zu schicken, wo er seine Lehre antreten wollte.

Im Alter von 14 Jahren kam Johann Wolfgang Döbereiner zum Stadtapotheker Christian Ernst Lotz, der es ihm endlich gestattete, den aufgeweckten Geist auszuleben und Antworten auf die brennendsten Fragen zu suchen. An verschiedenen Universitäten holte er die fehlende Bildung nach der Lehrzeit nach, ehe er als 22-Jähriger nach Münchberg zurückkehrte.

Gerüchteküche brodelt

Der Stadtmagistrat jedoch zeigte sich von seinem Vorhaben, eine eigene Apotheke zu eröffnen, derart erschüttert, dass Johann Wolfgang der Stadt schließlich den Rücken kehrte, um im nahen Gefrees eine „Drogen – und Landesproduktenhandlung“ zu eröffnen. In einer kleinen Fabrik im Nebengebäude tüftelte er bis spät in die Nacht hinein an verschiedenen Experimenten, was natürlich die Neugier der Nachbarn weckte.

Bald schon kursierten Gerüchte über den leicht verschroben wirkenden Mann, die dadurch genährt wurden, dass hin und wieder kleine Explosionen sein Haus erschütterten. Als einzige Möglichkeit, einem drohenden Rechtsstreit zu entgehen, verzog er mit seiner zwischenzeitlich gegründeten Familie wiederum in die alte geistige Heimat, Münchberg, und nahm eine Anstellung im Betrieb seines Schwagers an. Bei jener Firma handelte es sich um die Färberei Knab&Linhardt, die später als „Aktienfärberei“ selbst einige Patente auf den Weg bringen sollte. Den Grundstock für den Erfolg des Betriebes legte dabei kein geringerer als Döbereiner, der die Firma nicht nur kaufmännisch auf den neuesten Stand brachte, sondern mittels der „Chlor-Bleiche“ auch modernste Produktionsverfahren einführte.

Aufstieg zum Professor für Chemie

Im Anschluss an einen letzten Umzug nach Bayreuth, wo er zwischenzeitlich die Leitung der Brauerei des Gutes St. Johannes übernommen hatte, drohte die kleine Familie schließlich endgültig in die Armut abzugleiten: Zu gering war das Auskommen des Vaters, der sich lieber auf seine Experimente konzentrierte, als geldbringende Aufträge anzunehmen. Adolph Ferdinand Gehlen, der in seinem „Neuen allgemeinen Journal der Chemie“ bereits einige Texte Döbereiners veröffentlicht hatte, sprang schließlich für den liebgewonnenen Schützling ein und verschaffte ihm eine Anstellung als Professor der Chemie, Pharmazie und Technologie an der Universität in Jena.

Schnell wurde er, der sich sein gesamtes Wissen durch Experimente und Versuche angeeignet hatte, aufgrund seiner Begeisterungsfähigkeit immer beliebter bei den Studenten – und verhasster bei den Kollegen, die sich über den Dunst und Qualm im Lehrsaal beschwerten, der nach Döbereiners sehr praktisch-ausgelegter Vorlesung die Atemwege reizte.

Revolutionäre Erfindungen

In den folgenden Jahren, in denen selbst Johann Wolfgang von Goethe zu seinen engsten Freunden zählte und er, unter anderem begünstigt durch die genervten Briefe der Kollegen, die Einrichtung einer eigenen Pharmakologischen Anstalt in Jena durchsetzen konnte, gelangen Döbereiner mehr und mehr Erfindungen, die vor allem die Chemie revolutionierten: So war er es, der als erster die chemischen Elemente anhand ihres Gewichtes gruppierte und in ein Triadensystem einordnete, womit er den Grundstock für eben jenes Periodensystem legte, das noch heute im Chemieunterricht Verwendung findet.

Erfinder des Feuerzeugs

Bereits 1816 führte seine Katalyse-Forschung zu einem ersten Erfolg, als er aus Kohle und Wasser ein sogenanntes „Lichtgas“ herstellte und, praktisch nebenbei, eine Methode der Schnellessigfabrikation erfand. Durch seine Anstellung als Berater des Königs und die enge Freundschaft mit Goethe kam Döbereiner schließlich auch in den Genuss, die russische Erbprinzessin Maria Paulowna kennenzulernen, die ihn für seine folgenden Versuche das nötige Platin verschaffte. Mithilfe dieses seltenen Stoffes gelang ihm 1823 die Erfindung einer Zündmaschine, die die Grundlage für das noch weit ins 20. Jahrhundert gebräuchliche Katalysator-Feuerzeug darstellt.

Symbolbild: pixabay

Mehr oder weniger nebenher publizierte er in unzähligen Fachzeitschriften und Monographien einige Auszüge aus seinen breiten Forschungsfeldern. Während dieser ganzen Zeit blieb er Jena, trotz verlockender Angebote anderer Universitäten und selbst des Zaren von Russland, treu ergeben und fand schließlich Aufnahme in den Kreis der „Großen von Weimar“. Zudem verschlug es ihn aber auch immer wieder in die alte Heimat: Nachgewiesen sind unzählige Besuche in Weißdorf und Münchberg, die seine Verbundenheit zur Region, in der die Grundlage all seines Schaffens lag, deutlich machen.

Tod durch chemische Stoffe

Am Ende eines arbeits- und strebsamen Lebens, zahlreicher Erfindungen und grundlegender Experimente, sowie der Zeugung von alles in allem neun Kindern, war es die Wissenschaft selbst, die Döbereiner den Tod brachte: Vermutlich aufgrund der Eigenheit, chemische Stoffe durch das Kosten mit der Zunge zu identifizieren, zog er sich schließlich Speiseröhrenkrebs zu und verstarb am 24. März 1849. Bis heute jedoch gilt er als einer der wichtigsten Pioniere der chemischen Forschung, als Wegbereiter der modernen Wissenschaft und in zahlreichen Städten, die allein seine kurze Anwesenheit genießen konnten, als Ehrenbürger.


Text: Adrian Roßner


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Wirtsgogl-G’schichtla: Der Siegeszug des weißen Goldes

Adrian Roßner, Foto: Privat

Adrian Roßner ist einer der jüngsten Heimatforscher Deutschlands und kommt aus der Region: In seiner bt-Serie „Wirtsgogl-Gschichtla“ gibt er regelmäßig Einblicke in seinen Fundus an kuriosen Geschichten, unglaublichen Erzählungen und Besonderheiten aus unserer Region.

In Teil 12 der Serie erzählt Adrian Roßner vom Siegeszug des weißen Goldes.

Hier die aktuellste Geschichte des Wirtsgogl als Text und als Podcast zum Anhören.

 

 


Wirtsgogl G’schichtla #12 als Podcast zum Anhören


Hutschenreuther – Der Siegeszug des weißen Goldes

KPM, Meißen, Nymphenburg, Hutschenreuther und Rosenthal: Nicht erst durch die große Beliebtheit der sogenannten „Ratgebershows“ sind diese Namen beinahe jedem ein Begriff, der sich für Antiquitäten begeistert. Immerhin gelten sie teils gar als Inbegriff der keramischen Kunstfertigkeit, deren fragile Erzeugnisse bis heute faszinieren. Was dabei oft in Vergessenheit gerät: Wenngleich die eigentliche Erfindung des Porzellans bereits im 7. Jahrhundert in China stattgefunden haben dürfte – ein Fakt, dem man im englischsprachigen Raum durch die Bezeichnung „china“ für entsprechende Produkte Tribut zollt – ist das Fichtelgebirge als eines der Zentren der europäischen Produktion zu nennen, was in erster Linie mit dem wegweisenden Wirken Carolus Magnus Hutschenreuthers zusammenhängt.

Porzellan, der ganze Stolz des 18. Jahrhunderts

Dessen Lebensgeschichte beginnt im Thüringischen: Geboren am 9. April 1794 kam das Zweitjüngste von 16 Geschwistern schon früh mit der Herstellung des „Weißen Goldes“ in Kontakt und erlernte schließlich im väterlichen Betrieb in Wallendorf die Porzellanmalerei. Entsprechend der damaligen Handelswege fand der Vertrieb der Produkte meist in der näheren Umgebung statt, doch zog es Carolus auch vermehrt in die böhmischen Bäderregionen und nach Ostbayern. Ausschlaggebend für diese anwachsenden Handels-Strukturen war ein grundlegender Wandel in der Gesellschaft.

Symbolbild: pixabay

Hatte Porzellan im absolutistisch geprägten 18. Jahrhundert noch als Schatzkammer-Objekt der Regenten sein Dasein fristen müssen, galt es nun, in der Zeit der industriellen Blüte und des Aufstiegs eines neuen „Bürgertums“, als Prestige-Gegenstand, den man voller Stolz in den schmucken Biedermeier-Kommoden drapierte.

Der Liebe wegen nach Hohenberg

Hutschenreuther kam im Rahmen dieser Vertriebsreisen, die er seit dem 18. Lebensjahr eigenverantwortlich durchführte, auch nach Hohenberg, wo er auf Johanna Maria Barbara Reuß traf; eine Bekanntschaft, die seinen weiteren Lebensweg privat wie auch beruflich entscheidend beeinflusste. Mit ihr ließ er sich 1814 in Hohenberg nieder und begann damit, weiße Importware in einer kleinen Werkstatt kunstvoll zu veredeln. Nach der Hochzeit im Jahr 1816 begab er sich – so jedenfalls berichtete er es selbst – eines Tages zusammen mit seinem Schwiegervater, der als Förster recht gut mit der Umgebung vertraut war, auf eine Wanderschaft, die die beiden zu einem Vorkommen „weißen Laimens“ führte.

Symbolbild: pixabay

Schnell erkannte Hutschenreuther darin eben jenes Kaolin, das den Brand weißen Porzellans ermöglichte. Über dessen Bedeutung dürfte er während seiner Ausbildung bei seinem Vater aufgeklärt worden sein: Im elterlichen Betrieb in Wallendorf setzte man den Stoff nachweislich seit 1780 ein, um einen besonders reinen Scherben herstellen zu können, der sich vom einfacheren Böttger-Steinzeug (benannt nach dem Erfinder des europäischen Porzellans) unterschied. Postwendend entwickelte Hutschenreuther daraufhin den Plan, eine eigene Produktionsstätte einzurichten, doch wurde einem entsprechenden Gesuch von der Regierung eine Abfuhr erteilt: Insbesondere mit Blick auf die Manufaktur in Nymphenburg fürchtete man einen ungesunden Wettbewerb, der am Ende dazu führen könnte, das Monopol der kurfürstlichen Produktionsstätte zu brechen.

Vorreiter in der Porzellanindustrie

Hutschenreuther ließ sich von diesen Rückschlägen nicht verunsichern, suchte die Nähe zum kapitalstarken Gutsbesitzer Christian Paul Aecker und schaffte es schließlich 1819 mit dessen Unterstützung, das ehemalige Alaun-Werk „Freundschaft“ nahe Hohenberg zu erwerben. Nach mehreren behördlichen Spießrutenläufen und den Beschwerden der Anwohner, die eine Holzverknappung durch den Betrieb des Brennofens fürchteten, erhielt er im November 1822 die Concession zur Errichtung einer „Porcellain-Fabrique“, die sich zuerst auf die Herstellung von Puppenköpfen, Mokkaschalen und Kaffeegeschirr konzentrierte. Damit zeigte Hutschenreuther realwirtschaftliches Geschick: Immerhin waren „Coffeeschenken“ erst seit den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts zu größerer Bekanntheit gekommen und galten seither als Rückzugsort eben jenes Bürgertums, das er mit seinen Waren anzusprechen plante.

Symbolbild: pixabay

Die Produkte waren demnach exakt dem Zeitgeschmack nachempfunden, was ihm schnell einen Vorteil gegenüber den alteingesessenen Herstellern verschaffte. Trotz dieser grundsätzlich richtigen Entscheidung blieb der Erfolg anfangs aus: Der Absatz ins Ausland stockte und die insgesamt nur zehn Mitarbeiter fertigten lediglich 80 Zentner Ware pro Jahr. Anders als seine Konkurrenten, die postwendend das baldige Ende prophezeiten, ließ sich Hutschenreuther von diesen Zahlen jedoch nicht beirren und wenngleich ein Gesuch bei der Regierung um finanzielle Unterstützung abgelehnt wurde, investierte er kräftig in den Ausbau der Anlagen: An der Eger installierte er eine wassergetriebene Masse-Mühle und schaffte zusätzlich einen zweiten Brennofen an – immense Ausgaben, um seinen unrentablen Betrieb doch noch zu retten. Was niemand für möglich hielt: Es klappte. Bis einschließlich 1838 wurde die Firma saniert, die Mitarbeiterzahlen stiegen auf 80 bis 90 Personen, die Produktion näherte sich der Marke von 450 Zentnern Ware pro Jahr.

Bei all jenen Erfolgen vergaß Hutschenreuther, dem selbst erst spät die entsprechende Würdigung seiner Verdienste zukam (noch 1843 wurde seiner Aufnahme in die Bürgerschaft Hohenbergs widersprochen), jedoch nie die Probleme seiner Angestellten, für die er schon 1837 eine Betriebskrankenkasse eingerichtet hatte.

Tradition setzt sich fort

Am 10. November 1845 starb der Umtriebige an einer „Brustentzündung“. Das Werk hinterließ er seiner Witwe, die es 1860 an ihren zweitgeborenen Sohn Christian Wilhelm Leonhard Hutschenreuther übergab. Gleichzeitig nahm die Bekanntheit des Sortiments, das mittlerweile beinahe alle möglichen Produkte aus Porzellan umfasste, stetig zu. Die Arbeiterschaft wuchs auf schließlich 400 Personen, der Siegeszug des weißen Goldes hatte endgültig begonnen.

Symbolbild: pixabay

Bis in die 1920er Jahre hinein galt es unzweifelhaft als Statussymbol ersten Ranges und wurde in unzähligen Formen wie Variationen auf den Markt gebracht, doch begann dieser „Boom“ ab der Mitte des 20. Jahrhunderts langsam abzuflauen, nachdem sich die Formensprache in der Kunst gewandelt hatte: Gropius’ Bauhaus und andere wegweisende Denker hatten sie der Nutzbarkeit unterworfen – nicht mehr blendender Pomp und goldkaschierte Dekadenz sollten im Fokus stehen, sondern die schlichte Eleganz, an die sich auch das Porzellan anzupassen hatte.

Von übermäßiger Dekadenz zu schlichter Eleganz

Einer, der diesen Wandel par excellence für sein eigenes Unternehmen zu nutzen verstand, war Philip Rosenthal. 1950 trat er als Leiter der Designabteilung in die Fabrik seines Vaters ein und arbeitete sich innerhalb von knapp acht Jahren zum Vorsitzenden des Vorstands empor. Mit ihm begann die dritte Blüte des weißen Goldes, das nun jedoch nicht mehr als eine Art von Herrschaftssymbol der absolutistischen Monarchen oder als Aushängeschild eines aufstrebenden Bürgertums galt, sondern schlicht als Ausdruck der künstlerischen Moderne. Durch die Einführung der Studio-Line gelang ihm das, was viele Firmen bis heute ihren Kunden ans Herz legen: Eine Fokussierung nicht allein auf das Produkt, sondern auf ein damit einhergehendes Lebensgefühl, das durch die Zusammenarbeit mit namhaften Künstlern wie Wagenfeld, Loewy und Wiinblad als Ausdruck seiner ganz eigenen Zeitstellung dienen kann.

Symbolbild: pixabay

Bis heute existieren die Firmen Hutschenreuther und Rosenthal und legen damit Zeugnis über die Bedeutung unserer Region in der Geschichte des europäischen Porzellans ab: Durch den Vordenker C.M. Hutschenreuther, der sich auch durch vermehrte Rückschläge nicht von seinem Weg abbringen ließ, und durch Philip Rosenthal, der durch sein Denken in neuen Bahnen die Renaissance des weißen Goldes einleitete und damit wie kein zweiter an dessen Anziehungskraft durch Eleganz und Kunsthandwerk mitwirkte, wird seine Entwicklung bis heute beeinflusst.


Text: Adrian Roßner


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Wirtsgogl G’schichtla: Totentanz im Fichtelgebirge

Adrian Roßner, Foto: Privat

Adrian Roßner ist einer der jüngsten Heimatforscher Deutschlands und kommt aus der Region: In seiner bt-Serie „Wirtsgogl-Gschichtla“ gibt er regelmäßig Einblicke in seinen Fundus an kuriosen Geschichten, unglaublichen Erzählungen und Besonderheiten aus unserer Region.

In Teil elf der Serie erzählt Adrian Roßner vom Totentanz im Fichtelgebirge Region.

Hier die aktuellste Geschichte des Wirtsgogl als Text und als Podcast zum Anhören.

 


Wirtsgogl G’schichtla #11 als Podcast zum Anhören


Totentanz im Fichtelgebirge

Es gibt wenige Ausdrücke in der Geschichte, die einem derart schnell einen kalten Schauer über den Rücken rinnen lassen, wie die „Pest“. Als schwarzer oder wandernder Tod zählt sie bis heute zu den größten Geißeln, die die Menschen allen voran im Mittelalter heimgesucht haben. Doch wenngleich einmal mehr viel bekannt ist über ihren Verlauf in den großen Metropolen des einstigen Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, wissen wir nurmehr wenig von den Schicksalsschlägen zu berichten, die um sich griffen, als sie über unsere Region hereinbrach. Grund genug, sich auf eine Spurensuche zu begeben, um der grausamen Seuche auf ihrem einstigen Wege nachzuspüren, wobei der Blick historisch wie geographisch in die Ferne schweifen muss. 

Der schwarze Tod breitet sich aus

Bis heute ist nicht genau bekannt, wie viele Opfer die Pest auf ihrer Reise durch die Geschichte forderte, doch gehen die Schätzungen in die Millionen – immerhin brach sie nicht nur einmal aus, sondern suchte in Wellen ganze Länder über mehrere Jahrhunderte hinweg heim.

Als Ausgangspunkt indes wird heute der Balchasee vermutet, an dem archäologische Grabungen erst vor kurzem eine erhöhte Sterblichkeit während des frühen 14. Jahrhunderts nachweisen konnten, die man auf die Virenerkrankung zurückführt. Entlang der Seidenstraße – einer der wichtigsten Handelsverbindungen in den Orient – breitete sie sich anschließend in Richtung Indien und China im Osten, sowie zum Schwarzen Meer hin aus, wo sie im Frühjahr 1347 die von den Tartaren belagerte Stadt Caffa erreichte.

Totentanz. Foto: Adrian Roßner.

Der Weg nach Europa

Schilderungen der Krankheit aus diesem frühen Kapitel ihrer Geschichte sind rar, doch berichtet der Zeitzeuge Gabriele de Mussi, dass die Tartaren „nach kurzer Zeit charakteristische Symbole an ihren Körpern [zeigten], nämlich verklumpte Körpersäfte an den Gelenken und Leisten.“ Die damit gemeinte Schwellung der Lymphknoten deutet stark auf die typischen Beulen hin, die als äußere Merkmale der sogenannten Bubonenpest gelten.

Sich der davon ausgehenden Gefahr bewusst, schleuderten die Belagerer die Leichname ihrer Toten über die Mauern der Stadt und brachten die Seuche damit unter das fliehende Volk. Vermutlich werden Händler und andere Reisende sie anschließend über den Seeweg nach Europa gebracht haben, wo sie ihr grausames Werk fortführte.

Ein Totenkopf. Symbolbild: Pixabay.

Ein qualvoller Tod

Erst relativ spät, im 19. Jahrhundert, konnte die Medizin ihren wahren Kern benennen und den Floh Xenophylla Cheopsis Roth als Überträger identifizieren. Eine Art Pfropfen aus Speichel und Blut führt bei diesem Insekt zu einem Verschluss des Proventikels, eines Teils der Speiseröhre, und ermöglicht es Bakterien und Viren so, sich unter optimalen Bedingen zu vermehren. Darunter war auch der Erreger yersinia pestis, der durch einen Biss des Flohs in den Blutkreislauf seines neuen Wirtes gelangt und dort sein vernichtendes Werk beginnt.

Innerhalb von nur 48 Stunden kommt es zu einer Schwellung der Lymphknoten in den Achseln, am Hals und in der Leistengegend, wodurch die namensgebenden Bubonen – oder Beulen – entstehen. Der Kranke leidet unter massiven Kopfschmerzen und Fieberschüben, während der Organismus versucht, sich gegen den Angreifer zu schützen. Verliert er den Kampf, kommt der Tod schließlich durch eine Blutvergiftung, erlöst das Opfer jedoch meist erst nach einer Zeit des Leides und der Qualen. 

Mangelnde Hygiene. Ratten haben Flöhe und Flöhe übertragen Krankheiten. Symbolbild: Pixabay.

Verfolgung und Pogrome

Was sich an die ersten Pesttoten anschloss, war eine allgemeine Unsicherheit – gesteigert noch durch die vergebliche Suche nach den Ursprüngen der immer größere Kreise ziehenden Krankheit, die weder Medizin noch Religion einzudämmen wussten. Schließlich meinte man, den Schuldigen gefunden zu haben – in den Juden.

Auch im Fichtelgebirge begannen Pogrome, denen unzählige wehrlose Menschen zum Opfer fielen, da man ihnen nachsagte, sie hätten die Seuche absichtlich eingeführt, um damit die Herrschaft über ein letztendlich entvölkertes Europa antreten zu können. Vielmehr noch gingen „diese hartnäckigen Menschen […] in ihrer beharrlichen Grausamkeit so weit, daß sie die Brunnen vergifteten oder die Luft zu verunreinigen wußten und entsetzliches Sterben in vielen Ländern veranlaßten“, wie Pertsch aus Wunsiedel berichtet.

Die Tatsache, dass auch Juden zu den Opfern der heimtückischen Seuche wurden, klammerte man aus – zu dankbar war man, im Angesicht der aussichtslosen Lage endlich einen Sündenbock gefunden zu haben, mit dessen Vernichtung man dem Sterben ein Ende hätte machen können.

Die Pest forderte viele Todesopfer. Symbolfoto: Pixabay.

Vergiftete Luft

Generell sagte man „fremden Völkern“ gewisse Kenntnisse nach, die, gerne genutzt in Friedensjahren, in Zeiten epochaler Grausamkeit zu Massenmorden und Lynchjustiz führten. Gerade die Mär der vergifteten Luft („Miasma“ genannt), wie sie Pertsch in seiner Schilderung erwähnte, hielt sich zudem über mehrere Generationen hinweg im Gedächtnis der Bevölkerung: Durch „Fäulnisgase“ hätte sich die Krankheit ausgebreitet – immerhin in diesem Punkt waren sich Ärzte und Pfarrer einig und betraten die Stuben der Seuchenopfer daher meist nur mit entsprechenden Masken, um sich der Krankheit zu erwehren.

Bis heute hält sich zudem in manchen Orten wie Wunsiedel die Mär von der eingemauerten Pest, die man in Form eines „Hauches“ in Löcher lockte, die man anschließend mit Steinen blockierte. Wurde der Dunst schließlich durch die Unwissenheit der Nachfahren wieder befreit, brach die Seuche erneut über die Menschen herein und forderte wiederum unzählige Opfer. Dadurch suchte man zu erklären, wie es ihr gelang, innerhalb kürzester Zeit spurlos zu verschwinden, um nach fünfzig bis hundert Jahren mit neuer Härte zurückzukehren.

Der Tod ging um. Symbolbild: Pixabay.

Über tausend Tote in Hof

Auch aus der nordostoberfränkischen Region sind die Epidemie-Wellen gut rekonstruierbar: Nach dem ersten Auftreten der Pestilenz war sie um 1350 mit einem Male verschwunden, nur um 1495 zurückzukehren. Allein in den folgenden Jahren soll sie in Hof 1400 Menschen, in Bayreuth immerhin 650 Bewohnern das Leben gekostet haben – höhere Zahlen sind schließlich für den schlimmsten Ausbruch im Rahmen des Dreißigjährigen Krieges nachweisbar, in dessen Zuge man versuchte, die Seuche durch Gräben, Kanonenschüsse und Kirchenglocken am Betreten der Dörfer zu hindern.

War sie erst ausgebrochen, schaffte man die Toten schnellstmöglich aus der Stadt und verscharrte sie eilig in den „Pestilenzgärten“, wie sie sich auch im Fichtelgebirge belegen lassen. Als gerechte Strafe Gottes fasste man den wandernden Tod damals auf, der die Hoffart der menschlichen Schöpfung ebenso geißelte, wie die Duldung „Ungläubiger“ in den Gemeinden.

Angst ums Überleben

Im Angesicht der neuerlichen Katastrophe brachen Menschen überall zu segensspenden Wallfahrten auf oder aber zogen als Flagellanten (auch „Geißler“ genannt) sich selbst züchtigend durch die Lande. Angst regierte in den Straßen der Städte wie auch der Dörfer; bei Reichen und bei Armen. Ironischerweise war die Seuche demnach auch ein großer Gleichmacher – sie machte vor niemandem Halt, verschonte die Adligen ebenso wenig, wie die einfachen Bauern; und hinterließ einst blühende Landschaften als blanke Ödnis.

Ferner sollte ihre Rolle in der Regionalgeschichte keineswegs unterschätzt werden – immerhin zeigte sie auch hier auf, dass jedwede zivilisierte Struktur zusammenzubrechen vermag, so nur die ureigene Angst ums blanke Überleben groß genug ist. 


Text: Adrian Roßner


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Wirtsgogl G’schichtla: Einmarsch Napoleons ins Fichtelgebirge

Adrian Roßner, Foto: Privat

Adrian Roßner ist einer der jüngsten Heimatforscher Deutschlands und kommt aus der Region: In seiner bt-Serie „Wirtsgogl-Gschichtla“ gibt er regelmäßig Einblicke in seinen Fundus an kuriosen Geschichten, unglaublichen Erzählungen und Besonderheiten aus unserer Region.

In Teil zehn der Serie erzählt Adrian Roßner von Napoleons Einmarsch in die Region.

Hier die aktuellste Geschichte des Wirtsgogl als Text und als Podcast zum Anhören.

 


Wirtsgogl G’schichtla #10 als Podcast zum Anhören


Als Napoleon ins Fichtelgebirge kam

Die letzten Jahre des 18. Jahrhunderts stellen in der europäischen Geschichte tiefe Einschnitte dar, die teils bis heute Auswirkungen auf die Politik haben. Ausgehend von der Französischen Revolution und dem damit einhergehenden Untergang des Absolutismus, war ein Zeitenwechsel angebrochen, dem sich nur wenige entgegenzustellen wagten. Was jedoch aus dem anfänglich stolz aus allen Kehlen gesungenen „Vive La Republique“ geworden war, steht auf einem anderen Blatt: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hatten die Anführer des Aufstandes dem Volk versprochen – und ihnen Terror, Angst und Gewalt gebracht. Aus der Asche des anfangs umjubelten Umsturzes erhob sich schließlich ein Korse als neuer Führer einer Weltmacht: Napoleon Bonaparte. Er sollte es sein, der – als angeblich „Größter Feldherr aller Zeiten“ – Europa mit einem umfassenden Krieg überzog, der auch vor unserer Region nicht Halt machte. 

Napoleon. Foto: Pixabay.

Mit dem Staatsbankrott konfrontiert

Abgesehen von Napoleons Ausgreifen über den Rhein war das Fürstentum Brandburg-Kulmbach-Bayreuth (seit 1769 durch Ansbach ergänzt) ebenfalls an einem Wendepunkt seiner Geschichte angekommen. Schon lange hatten die preußischen Zollern versucht, die Anverwandten in den fränkischen Territorien zu einer Übergabe der Region zu bringen, was ihnen jedoch nicht gelungen war. Mit dem Amtsantritt des letzten Markgrafen, Karl Alexander, sollte sich das jedoch ändern: Insbesondere durch die Ausgaben seiner indirekten Vorgängerin Wilhelmine sah er sich dem drohenden Staatsbankrott gegenüber und suchte, einen Ausweg in umfassenden Sparmaßnahmen und Reformen zu finden, was jedoch nicht funktionieren wollte. Ein neuerliches Angebot der preußischen Verwandtschaft, die ihm eine nicht geringe Leibrente in Aussicht stellten und dafür anboten, das verschuldete Fürstentum zu übernehmen, schien da gerade recht zu kommen.

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Am 15. April 1792 erfolgte schließlich der endgültige Anschluss an das Königreich, das kurz darauf mit Karl Freiherr von Hardenberg einen fähigen Staatsmann entsandte, um den maroden Haushalt auf Vordermann zu bringen. Ihm ist der Weg des nach wie vor mittelalterlich geprägten Fürstentums hin zu einem prä-modernen Staat zu verdanken, der sich jedoch schon bald ernsten Bedrohungen von außen gegenübersah. Mit Vorsicht schielte man nach Frankreich, wo zu jener Zeit die Feuer der Revolution höher brannten, als je zuvor und fürchtete gar, ein kleiner Funke könnte auch im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation genügen, um das Pulverfass zu zünden.

Preußisches Territorium?

Im Fürstentum Bayreuth gab man schließlich am 30. April 1794 die Anweisung an alle Beamten heraus, auf französische Agenten zu achten, von denen man glaubte, sie würden absichtlich die billigen Lebensmittel aufkaufen, um mit der daraus entstehenden Unzufriedenheit den Umsturz zu provozieren. Stolz präsentierte man sich indes an den Straßen durch die Region, an denen ab 1796 Tafeln mit der Aufschrift „Territorium Borussium“ vom Landesherren zeugten. Erfolgreich stemmte man sich gegen die Ausuferungen aus der neuen Republique jenseits der Grenze. 

All das jedoch änderte sich im frühen 19. Jahrhundert, als ein Schreckgespenst durch die Landen zu streifen begann, von dem niemand mit Sicherheit zu sagen wusste, ob es der erhoffte Befreier von allzu großer Abgabenlast, oder der neue Unterdrücker sei: Napoleon. Nachdem König Friedrich Wilhelm III. noch am 6. August 1806 die Mobilmachung gegen Frankreich anberaumt hatte, um ein Ausgreifen des mächtig gewordenen Nachbarn zu verhindern, ging im Fürstentum die Mär, die stolzen Preußen wollten sich kampflos ergeben.

“Wir bleiben preußisch”

Ein „Aufruf an die braven Bayreuther“, der sich an alle Bewohner der Region richtete, sollte Klarheit schaffen:

Bayreuth ist also nicht verkauft, wenn auch des Königs Soldaten aus dem Lande verreisen. […] Fluch dem, der ein anderes glaubt! Schande und Verderben über die, welche jetzt ihr Vaterland, die Fahne verlassen, um erst abzuwarten, was geschieht! […] Der Brave vertraut Gott und seinem Könige! Nicht wert seid Ihr Bayreuther, preußisch zu sein, so Ihr nicht fest vertrauet, es immer zu bleiben! Rufet alle froh und mutig: wir bleiben preußisch mit Blut und Gut!“

Die Französische Revolution sorgte für Veränderung in Europa. Foto: Pixabay.

Einmarsch Frankreichs

Diesem Aufruf an die patriotischen Bewohner des Fürstentums folgte im Laufe der zweiten Jahreshälfte der komplette Rückzug aller preußischen Truppen hinter die Grenze und damit die kampflose Überlassung Bayreuths, wohin am 7. Oktober 1806 die Franzosen unter Marschall Soult vorrückten. Was daraufhin folgte, war der Kontakt der einfachen Bevölkerung mit dem schwelenden Kriege, der sie in ein Chaos stürzte, das die alten Ständeunterschiede und Ordnungen wieder hervorbrechen ließ. Ein Augenzeugenbericht aus Münchberg gibt bis heute beredtes Beispiel der Abläufe: 

Der 6. October gedachten Jahres war für Münchberg ein Tag des Schreckens und der Angst. An demselben […] überzogen ganz unerwartet die ersten Franzosen diese Stadt. […] Mit dem Säbel im Munde und Pistolen in der Hand sprengte der Vortrab – aus reitenden Jägern bestehend – herein und vernichtete sogleich alle Zeichen der preußischen Herrschaft, welche sich hier vorfanden. […] Während […][der Nacht] campirte (sic!) der Marschall Soult mit ungefähr 40.000 Mann in der Stadt und Umgegend. Die Häuser und Straßen der Stadt – alles war mit Soldaten angefüllt, und vom Lager in der Umgebung brachen dieselben auch haufenweise herein, plünderten viele Häuser aus und mißhandelten die Bewohner. Das Vieh wurde von den umliegenden Dörfern heerdenweise (sic!) ins Lager getrieben und abgeschlachtet, so wie auch die übrigen Lebensmittel aus der Stadt und den Dörfern herbeigeschafft wurden.
(Augenzeugenbericht aus Münchberg)

Napoleon Bonaparte. Foto: Archiv Adrian Roßner.

Materielle Abgaben

Die gigantischen Heeresaufgebote Napoleons stellten allen voran aufgrund der resultierenden Versorgungslage ein großes Problem für die Zivilbevölkerung des Fichtelgebirges dar. Um schneller marschieren zu können, hatte der Kaiser auf die Einrichtung von Magazinen verzichtet. Stattdessen hatte er Requisitionen eingeführt. Die vorgebrachten Erinnerungen können auch anhand der im Stadtarchiv lagernden Einquartierungsbillets und entsprechender Zusammenfassungen der durch Abgaben entstandenen Schäden nachvollzogen werden.

So musste allein der Kaufmann Hieronymus Bretting Wein und Schnaps im Wert von 180 Gulden, Tabak für 50 Gulden und Champagner, Wein, Kaffee und Schokolade für 482 Gulden an die Offiziere liefern. Johann Reichel indes gab zu Protokoll, dass er 60 Bouteillen Rheinwein, 30 Flaschen Burgunder, 12 Flaschen Champagner und 45 Liter Branntwein an Marschall Soult und seine Apanage abzugeben hatte. Alles in allem lagerten gemäß der Zusammenstellung des Amtsmannes Dietsch in der Zeit vom 12. Oktober bis zum 31. Dezember 1806 12.207 Soldaten in Münchberg, darunter 20 Generäle, 299 Offiziere, 995 Unteroffiziere und 10.893 Gemeine.

Neuanfang als Teil Bayerns

Doch nicht allein die materiellen Abgaben machten zu schaffen, auch die vom Fürstentum verlangten Zahlungen in Höhe von 2,5 Millionen Francs, die man auf die Steuerzahler umzulegen trachtete, zehrten an den eisernen Reserven. Was auf die Schrecknisse dieser ersten Jahre folgte, war eine Zeit des kompletten Umsturzes. Die Region fand sich am Scheideweg. Es galt zu entscheiden, ob man die Scherben des Alten neu zusammensetzen, oder das umgepflügte Feld neu bestellen sollte. Man entschied sich für letzteres. Als schließlich 1810 die Übergabe des ehemaligen Fürstentums an das neugeschaffene Königreich Bayern vollzogen wurde, war endgültig eine neue Zeitrechnung angebrochen. Begonnen jedoch hatte diese mit Napoleon. 


Text: Adrian Roßner


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Wirtsgogl G’schichtla: Ein kühner Segler über dem Fichtelgebirge

Adrian Roßner, Foto: Privat

Adrian Roßner ist einer der jüngsten Heimatforscher Deutschlands und kommt aus der Region: In seiner bt-Serie „Wirtsgogl-Gschichtla“ gibt er regelmäßig Einblicke in seinen Fundus an kuriosen Geschichten, unglaublichen Erzählungen und Besonderheiten aus unserer Region.

In Teil neun der Serie erzählt Adrian Roßner von der Luftfahrt Anfang des 20. Jahrhunderts

Hier die aktuellste Geschichte des Wirtsgogl als Text und als Podcast zum Anhören.

 


Wirtsgogl G’schichtla #9 als Podcast zum Anhören

Ein „kühner Segler der Lüfte über dem Fichtelgebirge“

Die Luftfahrt ist heute, in Zeiten gigantischer Flugzeuge, zu einer für viele Menschen beinahe alltäglichen Reisemöglichkeit geworden, doch bedurfte es noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem Wagemut und Abenteuerlust, um sich in der Erforschung der damals neuesten technischen Errungenschaften zu engagieren. Einer der bekanntesten Pioniere der Aeronautik war, neben den späteren Flugzeugkonstrukteuren Junkers und Dornier, Ferdinand Graf von Zeppelin, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, das bereits 1895 von David Schwarz konstruierte Starrluftschiff zu verbessern und zur Serienreife zu bringen. Unterstützt wurde er dabei von einem, heute leider beinahe vergessenen Sohn unserer oberfränkischen Heimat. 

Zwischen Münchberg, der USA und Friedrichshafen

Georg Hacker wurde am 18. Januar 1870 mit zwei Zwillingsschwestern im kleinen Städtchen Münchberg als Sohn des Stationskommandanten der bayrischen Gendarmerie Adam Hacker und der Zimmermeistertochter Friederich Söllner geboren und verzog im zarten Alter von drei Jahren nach Hof, wo der Vater eine Stelle als Bankdiener bei der königlichen Filialbank angetreten hatte. Nachdem der junge Georg einige Zeit lang als Piccolo im Hotel „Zum weißen Lamm“ gearbeitet hatte, schloss er Bekanntschaft mit dem aus Chicago stammenden, jedoch nicht näher bekannten Mr. King, der durch Zufall von der künstlerischen Begabung des Jungen erfahren hatte und ihn zu einer Ausbildung in die USA mitnehmen wollte.

Der Vater indes, der in seinem Sproß seit jeher einen zukünftigen Soldaten sah, wandte sich daraufhin mit der dringenden Bitte, Georg in die Reihen der deutschen Streitkräfte aufzunehmen, an den „eisernen Kanzler“ Otto von Bismarck persönlich, der ihn im Alter von 15 Jahren als bis dato jüngsten Matrosen zur deutschen Marine schickte. Seine Strebsamkeit brachten ihn schließlich nach erfolgreichen Einsätzen in den Kolonialkriegen in die Position eines Steuermanns ehe er, dem Ruf des renommierten Professors Dr. Karl Börgen folgend, zum deutschen Marine-Observatorium in Wilhelmshaven wechselte. Am 18. August 1907 bewarb er sich schließlich, nachdem er eine entsprechende Annonce in der Zeitung gelesen hatte, als Obervermessungssteuermann beim Grafen von Zeppelin, der ihn postwendend zu einem Gespräch nach Friedrichshafen einlud. 

Georg Hacker. Foto: Adrian Roßner/Privat.

Flug über die Heimat

In den Reihen der „Männer von Manzell“, wie sich die Gefährten des von der Bevölkerung anfangs stark belächelten Grafen nannten, begann Hacker seine Arbeit am Steuer der neuen „Luftschiffe“, sowie am Reißbrett, wo er bei deren Entwicklung mitwirkte. Im Jahre 1909 schließlich – zwischenzeitlich hatte man selbst die lautesten Kritiker von der Funktionsweise  des „starren Systems“, also einem mit Aluminiumgerüst verstärkten Ballon, überzeugen können – machte sich Hacker zusammen mit dem Grafen und einigen anderen Besatzungsmitgliedern an Bord des Luftschiffes LZ 5 zu einer sogenannten „Dauerfahrt“ auf, von der auch die Zeitungen in Münchberg und dem Fichtelgebirge berichtet hatten.

Davon angespornt setzten die Münchberger Schulkinder einen Brief an den berühmten Sohn ihrer Stadt auf, in dem sie darum baten, doch auch über seine ehemalige Heimat zu fahren, damit man ihm hier ebenfalls die gebührende Ehre erweisen konnte. Gerührt von diesen Zeilen verlegten er und Graf von Zeppelin kurzerhand die Route über das Fichtelgebirge und näherten sich am 30. Mai 1909 unter dem Beifall der Bewohner langsam aber sicher unseren heimischen Gefilden. Ein Augenzeugenbericht aus dem „Boten vom Waldstein“ soll an dieser Stelle den majestätischen Anblick, den das Luftschiff bot, in Worte fassen:

„Kurz nach 10 Uhr wurde bekannt, dass das Zeppelin’sche Luftschiff unterwegs sei und sich bereits in der Bayreuther Gegend befinde. Natürlich kam alles in Bewegung und verfolgte mit Interesse das Erscheinen und die Weiterfahrt des Luftschiffes, das von hier aus fast ¾ Stunden zu sehen war, wenn man hier auch sonst nicht so vom Drehwurm befallen war, wie die Berichte aus anderen Orten lauteten. Auf dem Waldstein kam die Nachricht gegen halb 11 Uhr an und das zahlreiche Ausflugspublikum besetzte sofort die Schüssel, die Burgruine und alle anderen erhöhten Punkte. Mit großer Freude wurde auch dort droben der kühne Segler der Lüfte begrüßt. Sehr anständig war es von dem Luftschiff, daß es sich uns trotz der verschiedenen Manöver, die es in der Luft ausführte, bis zum Entschwinden immer von der Seite zeigte, im Gegensatz zu den Besuchern eines anderen Berges […] denen Z II, wie zu lesen war, beim Entschwinden das Hinterteil zeigte!“
(Bote vom Waldstein, 2. April 1909)

Der Beginn eines Siegeszugs

Nur drei Monate später überquerte am 28. August ein zweites Mal ein Luftschiff Münchberg und Hof. Mit dem Erfolg dieser sogenannten „Kaiserfahrt“ hatte Graf von Zeppelin endgültig sein Ziel erreicht: Der Kaiser war begeistert, ebenso das deutsche Volk und die Weltpresse. Der Siegeszug der Luftschiffe konnte beginnen. Den Überfahrten widmete man im Fichtelgebirge vielerorts Gedenksteine und sogenannte „Zeppelineichen“, wie man sie noch heute in Reinersreuth am Fuße des Waldsteins besuchen kann. 

Georg Hacker, der noch während des ersten Weltkriegs verschiedene Maschinen kommandierte, leitete ab 1920 den Luftschiffhafen in Potsdam und zog sich Mitte der 30er Jahre langsam aus dem aktiven Dienst zurück. Als 1936 das neueste Fabrikat der Zeppelin-Werke, LZ 129, zu seiner ersten Fahrt aufbrach, nahm Hacker dies zum Anlass, seine Memoiren herauszugeben, die er unter dem Titel „Die Männer von Manzell“ publizierte. Er schloss mit den Worten „Wir grüßen das neue Luftschiff des Jahres 1936, das Länder und Völker verbindend durch die Lüfte ziehen und für Deutschland werben soll.“

Foto: Adrian Roßner/Privat.

Ende unter dem Hakenkreuz

Nur ein Jahr später explodierte LZ 129, das den Namen „Hindenburg“ erhalten hatte und, entgegen der Intention des Zeppelin-Konzerns mit Hakenkreuzen versehen worden war, bei Lakehurst in Amerika und riss 36 Menschen mit in den Tod; bis heute eines der tragischsten Unglücke der Luftfahrtgeschichte. Die Nationalsozialisten, allen voran Hermann Göring, der der friedlichen Nutzung der „Giganten der Lüfte“ von vornherein kritisch gegenüber gestanden hatte, ließen daraufhin sofort alle Fahrten stornieren. Die Schiffe wurden kurze Zeit später verschrottet, die Fertigungshallen gesprengt. Damit war der Traum des Grafen zu Ende. Sein langjähriger Kamerad Georg Hacker starb 1947 in Potsdam im Alter von 77 Jahren. Die Wiedergeburt der kleineren „Zeppeline“, wie man die Luftschiffe zu Ehren ihres Erfinders nennt, hat er demnach nicht miterlebt, doch hat er sich seinen Platz in der Geschichte der Luftfahrt, die noch heute auf seine Initiative hin mit nautischen Einheiten rechnet, gesichert, wenngleich in seiner Heimat leider nur wenig an ihn erinnert. 


Text: Adrian Roßner

Wirtsgogl-8

Wirtsgogl G’schichtla: Auf den Spuren des Bilmesschneiders

Adrian Roßner, Foto: Privat

Adrian Roßner ist einer der jüngsten Heimatforscher Deutschlands und kommt aus der Region: In unserer bt-Serie „Wirtsgogl-Gschichtla“ gibt er uns regelmäßig Einblicke ins seinen Fundus:  kuriose Geschichten, unglaubliche Erzählungen und Besonderheiten aus unserer Region.

In dieser Folge begibt sich Adrian Roßner auf die Suche nach dem Bilmesschneider.

Hier die aktuellste Geschichte des Wirtsgogl als Text und als Podcast zum Anhören.

 

 


Wirtsgogl-Gschichtla #8 zum Anhören

Auf den Spuren des Bilmesschneiders”

Endlich hat, nach einem langen und kalten Winter, der Frühling Einzug im Fichtelgebirge gehalten und bringt wieder Leben in die eisig-erstarrte Natur. Nicht umsonst war die Fastnacht im Brauchtum unserer Ahnen der eigentliche Neubeginn des Jahres – markierte sie doch den Übergang zu jener Zeit, in der die Arbeit des Alltags endlich die winterliche Eintönigkeit ablöste. Neue Verträge mit den Knechten und Mägden wurden abgeschlossen, die Gerätschaften für den baldigen Einsatz auf dem Feld vorbereitet und mancherorts ertönte bereits das wohlbekannte blecherne Geräusch, das beim Dengeln der stumpfgewordenen Sensen entstand. Die dunkle Jahreszeit schien hinter den Menschen zurückzubleiben und mit ihr auch die Angst, die allen voran während der „12 Nächte“, des Übergangs also vom alten zum neuen Jahr, um sich gegriffen hatte. Und dennoch war man auch nun, wo die Sonne schon recht früh ihre zaghaften Strahlen durch das austreibende Gehölz sandte, nicht vor dem Aberglauben gefeit. Ganz im Gegenteil: Gerade in jener Zeit, die durch die Aussaat des lebenswichtigen Getreides geprägt war, soll ein Dämon sein Unwesen in unserer Heimat getrieben haben, dessen bloße Nennung den Alten einen unangenehmen Schauer über den Rücken jagte: Der Bilmes.

Bilmesschneider

Der Bilmesschneider. Foto: Adrian Roßner

Es gibt viele Namen für diese geisterhafte Erscheinung, die sich allen voran dadurch auszeichnete, dass sie ganze Ernten binnen nur einer Nacht vernichten konnte. Neben „Bilmesschneider“ ist es auch als „Bilwers“, „Bilwis“ oder „Bilmets“ bekannt und soll zudem in vielerlei Formen aufgetaucht sein. Manche Sage berichtet von einem Hasen, der an seinen Läufen kleine Sicheln aufwies, mit deren Hilfe er die Ähren der jungen Getreidehalme abschnitt. Andere wollen eine menschenähnliche Gestalt erkannt haben, deren bloßes Erscheinen großes Unglück ankündigte; und wieder andere meinten, allein ein schwarzer Schatten sei es gewesen, der wie ein Wirbelwind ihren gesamten Feldertrag zunichte gemacht hatte.

Historischer Hintergrund für die Erscheinung des Bilmes

Wie bei solchen Erzählungen üblich, ist die Suche nach dem wahren Kern oder aber einer historischen Tatsache, die die Vorlage geliefert haben könnte, beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. Interessant jedenfalls ist die bloße Verbreitung des Bilmes: Ebenso wie die Schrezelein (auch Strietzela oder Schrazln genannt), der Hähmann oder aber die Drud taucht er in beinahe allen Regionen des Fichtelgebirges auf und ist nicht etwa ortsgebunden, was auf einen Ursprung verweist, der überregional bekannt gewesen sein muss. Hanicka beispielsweise sieht einen thüringischen Brauch als mögliche Ursache: So wären dortige Bauern in der Johannisnacht mit Sicheln an den Füßen über die Felder geschritten, um einen „Brotsegen“ zu erwirken. Erst im Nachhinein, so der Sagenforscher weiter, wäre aus diesem ursprünglichen Schutzritual ein Schadenszauber geworden. Tatsächlich gibt es verschiedene Hinweise, die auf eine menschliche Beteiligung bei Bilmes-Erscheinungen hindeuten. So hat sich im Münchberger Stadtarchiv ein einzigartiges Dokument erhalten, das recht detailliert über einen Prozess gegen einen angeblichen Bilmesschneider berichtet – die Krux freilich ist, dass der Akt nicht etwa aus dem 17. Jahrhundert stammt, sondern in das Jahr 1857 datiert und damit einen der letzten Hexerprozess in ganz Bayern protokolliert.

Der Fall um Johann Georg Meier

Der Fall dreht sich um Johann Georg Meier, der vom örtlichen Polizeisoldaten Förstel angezeigt worden war, nachdem dieser gesehen haben will, wie ersterer des Nachts seltsame Rituale auf seinem Feld praktiziert und dabei einen schwarzen Gegenstand geschwenkt hat. Nachdem der Fall – vermutlich von einem den weltlichen Dingen aufgeschlossenerem Richter – ohne Urteil ad acta gelegt worden war, bezichtigte nunmehr Meier (in bester Gerichtsshow-Manier) Förstel des Rufmordes und strengte eine Neu-Aufnahme des Prozesses an. Der überrumpelte Polizeisoldat zog daraufhin, schlicht, um seiner Ehre willen, mehrere Zeugen aus dem Hut, die schließlich gar zu Protokoll gaben, dass sie gesehen haben wollen, wie Meier mit dem Teufel höchstselbst paktiert und ihm die Buhlschaft angetragen hatte. Letzteres sei durch einen Funkenflug aus dem Schornstein nur allzu deutlich zu erkennen gewesen. Damit hatte man endgültig alle Merkmale einer aufgeklärten, neuzeitlichen Gesellschaft hinter sich gelassen und sich wieder dem spätmittelalterlichen Aberglauben zugewandt.

Ähnlich des Teufelspaktes der angeblichen Hexen, die im 17. Jahrhundert auf manchem Scheiterhaufen brannten, wurde Meier der höchsten Sünde bezichtigt, was klar über die Zuständigkeit des einfachen Münchberger Landgerichtes hinausgegangen wäre. Nur logisch also, dass ein Urteilsspruch fehlt – und doch weist der Fall darauf hin, dass die Gestalt des Bilmes die Menschen nach wie vor in Atem hielt. Seltene Photographien des Walpenreuther Lehrers Paul Zahlaus aus den 1920er Jahren zeigen schließlich gar einen der namensgebenden „Bilmes-Schnitte“ auf einem Feld nahe Zell und beweisen damit den tief verwurzelten Glauben an allerlei Geister-Erscheinungen.

Bilmesschneider-02

Foto: Adrian Roßner

Es überrascht nicht, dass sich bis in die moderne Zeit auch einige Rituale erhalten haben, mit denen man sich vor der Macht des Dämons zu schützen versuchte. So beispielsweise heißt es im „Schreibbuch“ des aus Plößberg stammenden Johann Christoph Ächtner:

„die faßnacht vor der Sonnen aufgang gehe Hin zu Einer hasel staudten und Brich dier 3 ruthen aB und sbrich sie an wie volgett worde lauten [:] rudten ich Sbrich dich an ich brich dich ab mit gottes Krafdt mit Christi blutt du Sey mir vier alle Hexerey und bilmitz shneider gudt das sey dier zu buß gezeld.“

Ein Bannkreis zum Schutz

Weit verbreitet ist auch der Brauch, am „Pfingstheiligabend“ Stäbe mit Zaubersprüchen oder aber Palm-Ästchen in die Feldraine zu stecken, um damit eine Art von Bannkreis zu schaffen – und natürlich kommt auch die Arnika als Heilblume zum Tragen. So liest man in der Naturwissenschaftlichen Wochenschrift von 1910: „Ende Juni hielt ich mich in Bischofsgrün im Fichtelgebirge auf; am 25. fand ich sämtliche Felder von Getreide und Kartoffeln […] mit blühenden Zweigen oder vielmehr Stengeln von Arnica montana besteckt. Eine Frau, die ich deshalb fragte, sagte, das sei Johanniskraut oder Hexenkraut und werde am Johannisabend eingesteckt, um die Feldfrüchte vor dem bösen Einfluß der Hexen zu schützen.“

Es fand demnach auch eine Gleichstellung der Dämonen-Erscheinung mit den weitverbreiteten Hexen statt, die man durch „Kannes“- oder „Johanniskraut“ zu vertreiben suchte. Unter diesem Ausdruck kann – grob zusammengefasst – alles verstanden werden, das an St. Johanni blüht bzw. austreibt und zu einer bestimmten Tageszeit gepflückt worden ist; es stellt eines der mächtigsten Heilmittel des regionalen Brauchtums dar. Was jedoch nach all jenen Erzählungen und Überlieferungen bleibt, ist die Frage nach der Herkunft eben jener Gestalt des sichelbewehrten Hasens, des neidhaften Zauberers oder aber auch der durchtriebenen Hexe.

Natürlich könnte man einmal mehr angeblich pagane Überlieferungen heranziehen, um die Gleichstellung der heidnischen Gottheiten mit höllischen Wesen zu erläutern, doch wird in Anbetracht der vornehmlich christlichen Besiedlung weiter Teile unserer Heimat der Kern ein anderer sein. Wie der Aberglauben generell, deutet auch der Bilmes auf die Eigenart der Menschen hin, an sich undeutbare Phänomene durch die Gegenwart übernatürlicher Wesen erklären zu wollen. Sobald demnach ein Bauer ein durch Hagel oder Wind verwüstetes Feld vorfand, war der Versuch, dieses Unglück der Existenz einer dunklen Macht zuzuschreiben, einfach zu verlockend.

Alles nur Aberglaube?

Freilich können wir heute nur über diese plumpen Versuche lachen – immerhin wissen wir, die wir die Angst vor dem uns umgebenden Wald beinahe komplett verloren und uns durch Wissenschaft zu den mächtigsten Wesen dieser Welt aufgeschwungen haben, mittlerweile vollkommen sicher, wer dafür verantwortlich zeichnet, wenn wieder einmal ominöse Kreise in manchen Kornfeldern auftauchen. Kein Bilmes, keine Hexe und kein fauler Zauber sind dafür verantwortlich, sondern Aliens, die unserer Welt einen Besuch abgestattet haben und anschließend wieder verschwunden sind. Es bleibt abschließend einmal mehr, Goethe zu zitieren, der schon vor 200 Jahren feststellte: „Der Aberglauben gehört zum Wesen des Menschen und flüchtet sich, wenn man ihn ganz und gar zu verdrängen denkt, in die wunderlichsten Ecken und Winkel, von wo er auf einmal mal, wenn er einigermaßen sicher zu sein glaubt, wieder hervortritt.“ Der Bilmes mag verschwunden sein – die Neugier des Menschen und seine Jagd nach der Entschlüsselung unbekannter Phänomene jedoch bleiben.


Text: Adrian Roßner

Wirtsgogl-Spezial: Bierbrauen – Gestern, heute und morgen

Adrian Roßner, Foto: Privat

Adrian Roßner ist einer der jüngsten Heimatforscher Deutschlands und kommt aus der Region: In unserer bt-Serie “Wirtsgogl-Gschichtla” gibt er uns regelmäßig Einblicke ins seinen Fundus:  kuriose Geschichten, unglaubliche Erzählungen und Besonderheiten aus unserer Region. Daneben doziert Roßner an der Universität Bayreuth. 

Vier seiner Studenten haben die neuste Folge im Rahmen des Seminars „Medien und Medienkompetenz im Unterricht“ angefertigt. 

 



Wirtsgogl-Spezial “Bierbrauen – Gestern, heute und morgen”zum Anhören


Außenansicht Maisel & Friends. Foto: Privat.

Im frühen Mittelalter waren es vor allem die Kirchen und Klöster, die das Handwerk des Bierbrauens praktizierten, da ihren Anlagen die nötigen Rohstoffe, Gerätschaften und Lagermöglichkeiten zur Verfügung standen. In den mittelalterlichen Städten wurde zunächst von privaten Haushalten nur zum Eigenbedarf gebraut. Später entwickelte sich das Bierbrauen nach und nach zu einem Gewerbe, was auch einzelne Hausbrauer motivierte für andere Bürger gegen Bezahlung zu brauen.

Mit dem Anstieg gewerblichen Brauens war es auch wichtig, einen gewissen Qualitätsstandard zu gewährleisten, was 1516 zum Reinheitsgebot führte. Jedoch benötigte man fürs Bierbrauen vielerlei Gerätschaften, die ständig instandgesetzt werden mussten, die Qualität des Bieres musste kontrolliert und die Steuer für den Bierausschank eingetrieben werden. Um all dies zu erleichtern, richteten die Kommunen Brauhäuser ein, in denen die Kommunbrauer gegen Bezahlung der Steuer und des sogenannten Kesselgelds abwechselnd ihr Bier brauen konnten.Im  18. und Anfang des 19. Jahrhunderts existierten in Bayreuth sechs kommunale Braustätten.  Vor allem Bäcker nutzten das Kommunbrauwesen und so kommt es, dass die Tradition der sogenannten Beckenbräuer noch von der Bayreuther Bäckerei Lang betrieben wird, die mehrmals im Jahr ihr Beckenbier ausschenkt. Im 19. Jahrhundert revolutionierten wissenschaftliche und technische Errungenschaften wie beispielsweise die Kühltechnik das Brauwesen. So wurde 1831 in Bayreuth die Bierbrauerei AG von Hugo Baierlein gegründet und 1887 gesellte sich dann die Brauerei Gebrüder Maisel hinzu.

Das Podcast Interview. Foto: Privat.


In einem Interview mit Inhaber Jeff Maisel erfahren wir mehr über die Geschichte des Familienunternehmens, Entwicklung der Biervielfalt und welch eine große Rolle Leidenschaft und Spürsinn für ihn spielen. Bei einer Bierverkostung erzählt uns der Sommelier Michael König von Maisels & Friends mehr über Craft Beer, die Sensorik von einzelnen Bierstilen und von dem innovativen Umgang mit neuen Rezepturen z.B. in Bezug auf Food-Pairing.



Erstellt von:
Maximilian Bär
Marco Hofmann

Lisa Kratzer
Theresa Rupprecht
Maximilian Vogel

Impressionen aus dem Maisel & Friends. Foto: Privat.