Historisches Bayreuth – Allgemein

Stephan Müller öffnet für das bt sein Archiv und präsentiert hier die besten Anekdoten rund um Bayreuth. Mit dabei sind viele kuriose, informative und spannende Geschichten.

Als ein Nachttopf zum großen Streit führte

Klarer kann der Sachverhalt im Gassenviertel zu Bayreuth nicht sein. Am 4. Juli 1675 schüttete der junge Vetterlein, abends, so kurz nach acht Uhr, in der Ochsengasse, wie es halt so üblich war, seinen vollen Nachttopf aus dem Fenster.

Der Inhalt „striff“ den Hof-Musikanten Georg Carl, der dies (vermutlich lautstark) „mit Schelt-Worten scharff geahndet“ hat, seinen Degen zog, in das Haus stürmte und dem Vetterlein eine ordentliche Tracht Prügel versetzte. Drei Tage später, am 7. Juli 1675, wurden mit dem Schneider Rathsam, dem Rathsherren Hirsch, dem Glaser Keck und dem Messerschmidt Fischer vier Zeugen über den Hergang der Schlägerei befragt.

Stephan Müller hat sich im Bayreuther Stadtarchiv das „Actum“ mit den vier Zeugenaussagen angesehen.


Prügel für den Pfarrers-Sohn

In dem „Actum“ wird also berichtet, dass der Hof-Musikus Georg Carl, am 4. Juli 1675 in der Ochsengasse „abends nach 8 Uhr“ von einem ausgeschütteten „Cammerscherben“, also einem Nachttopf, erwischt wurde. Er zog seinen Degen, rannte die Stiegen hinauf, verschaffte sich gewaltsam Eintritt und versetzte dem „jungen Vetterlein“, dem Sohn des Bindlacher Pfarrers, eine ordentliche Tracht Prügel.

Die Kirchgasse, die sich heute von der Adlerapotheke bis zur Stadtkirche zieht, hieß früher Ochsengasse. Aus welchem Haus der Inhalt des Nachttopfes aus dem Fenster flog, lässt sich allerdings heute nicht mehr feststellen. Foto: Stephan Müller

Es war „ein großes Geschrey und Geschlag gewesen“. Klar, dass sich vor dem Haus „daselbst die Leuthe ziemblich versammlet“ haben. Als Zeugen wurden der Schneider Hans Rathsam, der Glaser Leonhardt Keck, der Messerschmidt Balthasar Fischer und der Rathsherr Christian Hirsch geladen.

Leonhardt Keck sagte aus, dass „die Ursach für den Zanck und Schlägerey gewesen were, dass der junge Vetterlein während des „Fürbeygehen“ des Musicantens den Cammerscherben herunter gegoßen hat. Dieser habe dies „scharff geahndet“, aber von oben wurden „Schelt-Wortten“ herunter geworffen. Keck bestätigte, dass der Carl nichts gethan hat, aber „durch das Ausgießen und hernach erfolgtes wörtliches Injuriren aber were er böse gemacht worden“ ist.

Ratsherr, Glaser und Messerschmidt mussten schlichten

Rathsherr Hirsch, Glaser Keck und Messerschmidt Fischer liefen ins Haus, um den Streit zu schlichten.

Sie trafen Carl „uff der Stiegen“ an. „Was er da für Händel anfinge“ wollte der Ratsherr wissen und „setzte ihn zur Rede“. Carl machte sich „dagegen unnütz“ und „warff mit injuriosischen Wortten“ um sich. „Was er sich um ihn schere“ wollte der Carl vom Hirsch wissen. Anscheinend konnte der Musikus aber vom Ratsherrn beruhigt werden, denn Keck erzählte, dass „H. Hirsch ihm den Degen genommen habe und dann darnach beede zum Hauß hinaus ihrer Weg fortgangen weren“.

Stadtansicht Bayreuth 1686. Foto: Archiv Bernd Mayer

Alles gar nicht wahr

Der einzige Zeuge der die Schlägerei selbst gesehen hat, war Hans Rathsam. Der Schneider gab zu Protokoll, dass der Inhalt des Nachttopfs den Geschädigten gar nicht getroffen hat:

Der Cammerscherben, so doch nicht gros, gegen die Gaße ausgeleeret, da unten der Musicant, Carl genannt, und die Ammfrau beysammen gestanden, solle aber damit nicht getroffen worden seyn. Gleichwohl were gemeldter Musicant hinaff gelauffen, die Cammer aufgestoßen, den jungen Vetterlein zu Boden geworffen, auff ihn gekniet und mit Schlägen tractiret, darüber Deponent aus dem Bette gesprungen und abgewehret, habe Ihn mit dem Stiel über den Kopf geschlagen und sonst Ihm noch Stöß geben, darnach were H. Hirsch darzu kommen, daß er sich aus dem Hauß fortgemacht und seiner Wege gegangen, habe aber ziembliche Droh-Wortt schießen laßen.

(Protokoll Hans Rathsam)


Warnruf für den Nachttopfinhalt

Diese Art der Entsorgung, die unser guter Musikus in Bayreuth erleben musste, war bis zum Ende des Mittelalters in allen Städten gang und gäbe. Das Treppensteigen mitten in der Nacht war den Einwohnern zu lästig, vielleicht den älteren auch zu anstrengend oder die Gruben zu weit entfernt. Kurz: Es war den Bürgern, trotz des strengen Geruchs, der sich in den Gassen festsetzte, einfach nicht abzugewöhnen, dass sie ihr Sammelgut des nachts kurzerhand aus dem Fenster schütteten.

Foto: pixabay

Vorsicht, Wasser!

In dem Buch „Wo selbst die Kaiserin zu Fuß hinging – Das Kaleidoskop vom Klo“ erfahren wir von Autor Ingolf Rheinholz, den Lösungsvorschlag schlechthin. Ein Lösungsvorschlag, der fast in allen Städten durchgeführt wurde. Ein lautstarker Warnruf:

So beschlossen die Stadtväter in Paris im 14. Jahrhundert, dass dreimal laut „Gare l’eau!“, also „Vorsicht, Wasser“ gerufen werden musste, ehe die Ladung aus dem Fenster geschüttet wurde. In Edinburgh wurde diese Maßnahme mit dem „Gardy loo!“ übernommen. Beide Warnrufe haben sich in Frankreich und Schottland bis heute als gängige Sprichwörter erhalten. Das „Gare l’eau!“ bedeutet so viel wie „Kopf weg!“, das „Gardy loo!“: „Herrgott, sei uns gnädig“.

In Regensburg, so wusste ein Gästeführer dort zu berichten, rief man drei Mal auf französisch „attention“.

In Preußen, wie könnte es anders sein, wurde eine strenge Anordnung zu diesem Thema erlassen: „Da denen bisherigen Verordnungen zuwider sich viele Leute unterstehen, die Straßen durch Ausgiessung derer Nachteymer und Hinwerfung des Mülles zu verunreinigen“, machte das Preußische Policeydirectorium im Jahr 1771″zu jedermanns Achtung und Warnung hierdurch bekannt“, dass „dergleichen Personen künftig statt 2 Rthlr. mit 5 Rthlr. oder proportionirlicher Leibesstrafe belegt; über dem aber ohne Ansehen der Person an den Ort, wo sie betroffen werden, öffentlich mit einem Zettel vor der Brust ausgestellt“ werden.


Text: Stephan Müller



Stephan Müller (53) ist Stadtrat, Hobbyhistoriker, freiberuflicher Journalist und Autor zahlreicher Bücher zur Geschichte Bayreuths. Für das Bayreuther Tagblatt hat er sein Archiv geöffnet. Die besten Anekdoten gibt es immer wieder hier beim bt.


Lesen Sie auch:

150 Jahre Siegfried Wagner: Der kuriose Tod einer Festspiel-Tänzerin

Zu Siegfried Wagners 150. Geburtstag fällt dem Bayreuther Hobbyhistoriker Stephan Müller die Geschichte der Isadora Duncan wieder ein. Die Amerikanerin die bis heute vielleicht aufregendste Künstlerin, die die Bayreuther Festspiele je gesehen haben. Und Cosima Wagner wollte sie dem Memoiren der Tänzerin zufolge, einst mit ihrem Sohn Siegfried verkuppeln.

Lesen Sie auch:

Sie wollte provozieren und schockieren. So wagte sie sich Ende des 19. Jahrhunderts im puritanischen Amerika fast nackt auf die Bühne. Ihr ganzes Leben kämpfte sie für die freie Liebe und gegen bürgerliche Konventionen. Und ausgerechnet Cosima Wagner verpflichtete die Tänzerin Isadora Duncan für den Tanz der Grazien im „Tannhäuser“ im Festspielsommer 1904.

Isadora Duncan im Tannhäuser. Foto: Archiv Bernd Mayer

Eine Sensation: Die amerikanische Balletttänzerin dürfte bis heute die aufregendste Festspielsolistin aller Zeiten sein. Die am 27. Mai 1878 in San Francisco geborene Tänzerin hatte  einen neuen Tanzstil kreiert, der von den starren Regeln und der Kostümierung des klassischen Balletts vollkommen abwich.

Kurz vor ihrem 27. Geburtstag kam die Tänzerin in Bayreuth an. In der Nähe der Eremitage entdeckte sie die „Philippsruh“. Sie mietete das historische Gebäude für die ganze Festspielsaison und ließ für diese wenigen Wochen alle Wände mit einem zarten Grün übertünchen. Als Möblierung wählte sie Diwans, Ruhekissen und rosafarbene Lampen aus.

Foto: Stephan Müller

Wenn man den Memoiren der Tänzerin Glauben schenken darf, war die rassige Schönheit in diesem Festspielsommer auch Cosima Wagners heimliche „Wunschschwiegertochter“ für ihren damals 35-jährigen, immer noch unverheirateten, Sohn Siegfried.

Siegfried Wagner und Isadora Duncan. Foto: Archiv Bernd Mayer

Daraus wurde freilich nichts: Denn Siegfried war höchstwahrscheinlich homosexuell, dies konnte er in dieser wilhelminischen Zeit als „Prominenter“ keinesfalls offen kundtun, was wenig später die skandalösen Verleumdungsklagen der Harden-Eulenburg-Affäre zwischen 1907 und 1909 deutlich zeigten.

Isadora Duncan. Foto: Archiv Bernd Mayer

Wenn auch nicht von Siegfried, so bekam Isadora von anderen Männer fleißig Besuch: Während Zar Ferdinand von Bulgarien oder der Naturforscher Ernst von Haeckel tagsüber kamen, verbrachten der Sänger Alfred von Bary, aber auch Cosimas Schwiegersohn Henry Thode die Nächte bei reichlich Champagner in der „Philippsruh“.

In ihren Memoiren schrieb sie, dass sie sich in Henry Thode, den genervten Ehemann von Cosimas Tochter Daniela, unsterblich verliebt hat und von einer Wollust in die andere verfiel:

Es war, als befände sich jeder Nerv meines Körpers konstant in höchstem Liebesschauer. Noch nie habe sie solch eine ‚beseligende Liebesekstase erlebt’.

(Isadora Duncan)

Die Festspielen begeisterten Isadora: „Meine Seele glich einem Schlachtfeld, wo Apollo, Dionysos, Christus, Nietzsche und Richard Wagner einander den Boden streitig machten“, schrieb sie.

Viele Bayreuther Sänger waren groß und dick, aber wenn sie zu singen begannen, drangen ihre Stimmen aus einer Welt vergeistigter Schönheit, wo die ewigen Götter leben. Ich stelle diese Behauptung auf, dass diese Künstler sich ihres Leibes gar nicht bewusst waren; dieser stellte für sie nur eine Maske voll gewaltiger Energie und Kraft dar, durch die sei ihre göttliche Kunst auszudrücken imstande waren.

(Isadora Duncan)

Umgekehrt waren das Publikum und die Presse auch von Isadora Duncan begeistert: Sie zeigte natürliche harmonische Bewegung im klassisch-griechischen Sinn: Statt kurzem Röckchen, Korsett und weißen Strümpfen trug sie fließende Gewänder und tanzte nicht in Spitzenschuhen, sondern barfuß. Duncan erschuf den modernen Tanz und war die Erste, die sich nach den großen klassischen Musikwerken auf eine ganz neue, weiblich freizügige Art bewegte. Tanz war für sie körperlich-seelische Einfühlung in die Musik.

Isadora Duncan. Foto: Archiv Bernd Mayer

Der gestrengen Frau Cosima gefiel die viel zu durchsichtige Tunika der Tänzerin allerdings überhaupt nicht. Sie ließ ihr ein langes weißes Hemd in die Garderobe schicken.

Die Mutter stirbt wie ihre Kinder: Bei einem Unfall mit dem Auto

Isadora Duncan starb am 14. September 1927 auf der Promenade des Anglais in Nizza im Alter von erst 50 Jahren. Sie war Beifahrerin in einem offenen Amilcar. Ihr langer Seidenschal verfing sich an einem Rad des Sportwagens. Sie wurde auf die Straße geschleudert und zog sich einen Genickbruch zu und starb noch am Unfallort.

In einem französischen Amilcar wie diesem, fand Isadora Duncan den Tod. Foto: pixabay

Besonders tragisch: Erst 14 Jahre zuvor starben ihre beiden Kinder bei einem Autounfall in Paris. Duncans Chauffeur hatte vergessen, die Handbremse anzuziehen, als er ausstieg, um den in einer Kurve stockenden Motor zu reparieren. Das Auto stürzte in die Seine und die Kinder und das Kindermädchen ertranken.


Text: Stephan Müller



Stephan Müller (53) ist Stadtrat, Hobbyhistoriker, freiberuflicher Journalist und Autor zahlreicher Bücher zur Geschichte Bayreuths. Für das Bayreuther Tagblatt hat er sein Archiv geöffnet. Die besten Anekdoten gibt es immer wieder hier beim bt.


Lesen Sie auch:

Siegfried Wagner: Mit Papa Richard in der Kneipe

Siegfried Wagner wurde als Sohn Richard Wagners weltberühmt. Anlässlich seines 150. Geburtstags wurde am Donnerstag 6. Juni, am Familiengrab der Wagners in einer feierlichen Zeremonie ein Kranz niederlegt.

Grabstätte Siegfried Wagner. Foto: Susanne Jagodzik

Warum aber aus Siegfried ein namenhafter Künstler werden konnte, obwohl er bereits mit fünf Jahren in der  Kneipe anzutreffen war, das verrät Hobbyhistoriker Stephan Müller.

Vom Sohn Richard Wagners zum eigenständigen Komponisten

„Heute ist der glücklichste Tag meines Lebens“ jubelte Richard Wagner am Sonntag, den 6. Juni 1869. An diesem Tag schenkte Cosima von Bülow dem 56-jährigen Komponisten einen „schönen kräftigen Sohn mit hoher Stirn und klarem Auge“.

Der Vater, Richard Wagner, verarbeitet seine Empfindungen in der Komposition „Tribschen – Idyll mit Fidi-Vogelgesang und Orange-Sonnenaufgang“. Später wird diese Komposition als „Siegfried-Idyll“ weltberühmt. Den Wunsch des Vaters am Tage seiner Geburt, dass der Sohn sein Werk erhalten solle („dereinst – da muss mein Junge für das Rechte sorgen“) hat Siegfried voll und ganz erfüllt. Er übernahm im Jahre 1906 die Leitung der Festspiele von seiner Mutter und steuerte sie bis zu seinem Tode im Jahre 1930 erfolgreich durch schwieriges Fahrwasser.

Architektur oder Musik

Die Entscheidung, das Lebenswerk seines Vaters fortzuführen oder sich künftig der architektonischen Begabung zu widmen, fiel „Fidi“ nach seinem Abiturabschluss im Jahr 1889 nicht leicht. Als Belohnung für das bestandene Abitur darf er die Weltausstellung in Paris besuchen. Er interessiert sich für Malerei, Literatur und Architektur, beginnt aber bei Engelbert Humperdinck, dem Komponisten der Oper „Hänsel und Gretel“ in Mainz das Studium der Komposition. Schon im Sommer 1890 weiß Humperdinck, dass Siegfried „jetzt mit allen Elementen der Musiktheorie vertraut ist. Er sei im Stande fortan seine weiteren Studien ohne die Hilfe anderer fortzusetzen“.

Siegfried Wagner. Foto: Archiv Bernd Mayer

Trotzdem konnte sich Siegfried nicht entscheiden, ob er sich der Architektur oder der Musik widmen soll. Klarheit brachte ihm eine sechsmonatige Schiffsreise über Gibraltar nach Saigon, Hongkong, auf die Philippinen, danach von Ceylon wieder nach Neapel im Jahr 1892. Unter den Eindrücken der fernöstlichen Klänge entschloss er sich nach „österlichen Träumen“ in der Nacht zum Ostersonntag für die Musik.

Feuertaufe 1894

Im Jahr 1894 wirkt er an der Seite seiner Mutter als Assistent bei der Vorbereitung der Festspiele mit. Doch wird der Wagner-Sohn auch von den Künstlern und Musikern ernst genommen? Bei einer Probe ist der „Lohengrin“-Dirigent Felix Mottl „unauffindbar“. Siegfried soll „ganz plötzlich“ einspringen. Der Trick funktioniert. Siegfried hat quasi seine „Prüfung“ im Orchestergraben des Festspielhauses bestanden. Er fasst Selbstvertrauen und dirigiert Konzerte in Rom, London, Budapest und Wien. Im Jahr 1896 dirigiert Siegfried zum ersten Mal in Bayreuth den „Ring des Nibelungen“. Der anwesende Gustav Mahler schreibt einen Brief an Cosima und lobt Siegfrieds Begabung in den höchsten Tönen.

Aus dem Schatten des Vaters heraus

Ja, so ein(en) Vater zu schleppen ist gar nicht gut“ schrieb Cosima Wagner in ihren Tagebüchern. Dennoch geriet Siegfried Wagner nicht so sehr in den großen Schatten des Vaters, wie es den Söhnen der ebenfalls übermächtigen Väter Bach, Goethe oder Picasso ergangen ist.

Siegfried Wagner. Foto: Archiv Bernd Mayer

Dies liegt wohl darin begründet, dass Siegfried Wagner neben den großen Aufgaben als Festspielleiter, Regisseur und Dirigent noch Zeit für eigene Kompositionen finden konnte. Sein musikdramatisches Schaffen beinhaltet 18 umfangreiche Opern, verschiedene Orchesterwerke und Liedvertonungen. Auch wenn Siegfried Wagners Werke heute – bis auf einige Ausnahmen – nur sehr selten auf die Spielpläne der Opernhäuser kommen (in Bayreuths Partnerstadt Rudolstadt wurden vor einigen Jahren der „Bärenhäuter“, das „Schwarzschwanenreich“, das „Wahnopfer“ und „Banadietrich“ gegeben), darf man nicht vergessen, dass die Opern des „beliebtesten Junggesellen seiner Zeit“ vor allem am Anfang unseres Jahrhunderts zum Repertoire aller großen Opernhäuser gehörten.

Zwischen 1899 und 1914 gab es von seinen ersten sechs Werken auf den Bühnen der namhaftesten Kulturzentren im deutschsprachigen Raum insgesamt nicht weniger als 327 Aufführungen.

Der Festspielleiter

Am 9. Dezember 1906 erlitt Richard Wagners Witwe Cosima bei einem Besuch beim Erbprinzen Hohenlohe auf Schloss Langenburg einen schweren Herzanfall. Ihr Sohn Siegfried reist von einem Konzert bei der Musikalischen Gesellschaft in Essen sofort zu ihr. Auch ihre Tochter Isolde findet sich umgehend ein.

Siegfried Wagner vor dem Bayreuther Tagblatt in der Opernstraße. Foto: Stephan Müller

Die fast 70-jährige Festspielleiterin wird von Professor Ernst Schwenninger, Bismarcks Leibarzt, behandelt und schwebt bald nicht mehr in Lebensgefahr. Vier Tage später begleiten Isolde und Siegfried ihre Mutter mit dem Zug nach Bayreuth. Für das Frühjahr 1907 verordnete Schwenninger Cosima Wagner eine längere Kur in Cannes. Die ohnehin schon geplante Übergabe der Festspielleitung an Siegfried Wagner war damit besiegelt. Im Jahr 1907 fanden keine Festspiele statt. Siegfried nutzt die Zeit für intensive Probenarbeiten für die Wiederaufnahme des „Lohengrin“ im Jahr 1908.

Es gilt, die Werke meines Vaters möglichst stilgerecht zur Aufführung zu bringen, wobei das Musikalische im Tempo und Vortrag durch die lebendige Überlieferung zu einer geheiligten Tradition geworden ist, hingegen die äußere Form in Bezug auf Szenerie, Beleuchtung, Kostüme und so weiter immer dem Geist des Werkes entsprechend dem modernen Empfinden angepasst werden muss.

(Siegfried Wagner)

Trotz des Anspruchs an die Moderne, den er schon vor der Jahrhundertwende formuliert hat, modifiziert er die Inszenierung seiner Mutter nur vorsichtig. Der ehemalige Architekturstudent verändert und vereinfacht vor allem im ersten und zweiten Aufzug mit wirkungsvollen Schritten die Dekoration, die seiner Chorführung mehr Freiheiten lässt. Für die „Brautgemach-Szene“ im dritten Akt nutzt er das Bühnenbild von 1894.

Dieser Mittelweg zwischen Altem und Neuem und auch der erstmalige Einsatz von dreidimensionalen Requisiten machten ihn für viele Opernfreunde zum geistvollsten und bedeutendsten Opernregisseur der Gegenwart. Bis ihn der Erste Weltkrieg zu einer zehnjährigen Festspielpause von 1915 bis 1924 zwang, inszenierte Siegfried Wagner die „Meistersinger“ (1911) und den „Fliegenden Holländer“ (1914) und stieß mit seinen Ideen auf ein positives Echo. Es begann eine erfolgreiche Zeit. Ab 1908 waren alle Aufführungen im Festspielhaus schon ein halbes Jahr vor der Premiere ausverkauft.

Siegfried Wagner. Foto: Archiv Bernd Mayer

Während seine Mutter in ihren letzten Jahren als Festspielleiterin auf einen Turnus von zwei Jahren (1902, 1904, 1906) setzte, kehrte Siegfried Wagner zu dem Rhythmus aus den Anfangsjahren zurück. Jeweils nach zwei Festspieljahren setzte er ein Pausenjahr zur Einstudierung eines neuen Werkes fest. Dabei machte er auch im Jahr 1913 keine Ausnahme. Im 100. Geburtsjahr seines Vaters fanden keine Festspiele statt. Eine hohe Ehre erfuhr der große Komponist trotzdem: In der Walhalla wurde eine Richard-Wagner-Büste aufgestellt.

Die Katastrophe

Das Jahr 1914 sollte zu einer finanziellen Katastrophe führen. Mitten in der Festspielzeit brach der Erste Weltkrieg aus. Am 1. und 3. August erklärt Deutschland zunächst Russland und dann Frankreich den Krieg. Nach dem Einmarsch über das neutrale Belgien in Frankreich hat das Reich mit England einen weiteren Kriegsgegner.

Als die Festspiele am 22. Juli 1914 mit dem „Fliegenden Holländer“ in der Inszenierung und unter der musikalischen Leitung von Siegfried Wagner eröffnet werden, haben es viele ausländische Besucher unter dem Eindruck des Attentats von Sarajevo auf Erzherzog Prinz Ferdinand und dem Ultimatum von Österreich-Ungarn an Serbien vorgezogen, erst gar nicht nach Bayreuth zu reisen. Von den geplanten 20 Aufführungen („Holländer“, „Ring des Nibelungen“ und „Parsifal“) konnten bis zum Ausbruch des Weltkrieges gerade einmal acht Vorstellungen vor zum Teil halbleeren Rängen gespielt werden. Am 1. August brach Siegfried Wagner die Festspiele ab und musste die Unsumme von 400.000 Mark für die Rücknahme der Karten bezahlen.

Siegfried Wagner. Foto: Archiv Bernd Mayer

In sechs dieser acht Vorstellungen saß ein erst 17-jähriges Mädchen an der Seite ihres Pflegevaters Karl Klindworth. Die junge Engländerin Winifred Williams, nach dem frühen Tod ihrer Eltern von dem Ehepaar Klindworth adoptiert, wird von der Familie Wagner warmherzig aufgenommen. Neben dem finanziellen Fiasko gibt es im Haus Wahnfried nämlich noch ein anderes Problem. Der mittlerweile 45-jährige Festspielleiter war immer noch Junggeselle, die Wagner-Dynastie gefährdet.

Die Hochzeit mit Winifred

Siegfried Wagner. Foto: Archiv Bernd Mayer

Das Unternehmen gelingt. Siegfried verliebt sich in Winifred und beginnt mit der 28 Jahre jüngeren Frau einen regelmäßigen Briefwechsel. Am 22. September 1915 – nur acht Wochen nach ihrem Verlöbnis – heirateten Siegfried und Winifred im Haus Wahnfried in Bayreuth. Am 5. Januar 1917 kam mit Wieland der erste dynastisch legitime Enkel von Richard Wagner auf die Welt. Am Tage seiner Geburt kam es zu einer rührenden Szene. Die 80-jährige Cosima setzte sich zum ersten Mal seit Wagners Tod an das Klavier und spielte einige Takte aus dem „Siegfried-Idyll“. Das Paar konnte sich noch über die Geburten von Friedelind (1918), dem späteren Festspielleiter Wolfgang (1919) und Verena (1920) freuen.

Siegfried Wagner. Foto: Archiv Bernd Mayer

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Festspiele im Jahr 1924 mit 20 Aufführungen („Meistersinger“, „Ring des Nibelungen“ und „Parsifal“) wieder eröffnet. Siegfried Wagner setzte sich weiter für eine zeitgemäße Modernisierung ein, insbesondere durch die Verpflichtung des jungen Bühnenbildners Kurt Söhnlein. Einer seiner innigsten Wünsche war eine eigene Neuinszenierung des „Tannhäusers“, die ihm zusammen mit dem musikalische Leiter Arturo Toscanini im Jahr 1930 noch gelingen sollte. Bei einer der Proben in diesem heißen Sommer erlitt Siegfried Wagner einen Herzinfarkt, von dem er sich nicht mehr erholte. Er starb am 4. August 1930.

Traueranzeige für Siegfried Wagner. Foto: Stephan Müller


Gott, einen solchen Jungen bei mir zu haben…

Was uns heute als unglaublich erscheint, war in den vergangenen Jahrhunderten völlig normal. Die Kinder tranken schon in frühen Jahren Bier. Dies lag zum einem daran, dass die Kinder schon früh mitarbeiten mussten und sich genauso ernährten wie Erwachsene. Zum anderem beobachtete man, dass die oft schlechte Wasserqualität zu Krankheiten führte. Nachdem die Gerste vorher gekocht worden war, blieben Biertrinker gesund! Im ländlichen Raum rund um Bayreuth war es in den 50er Jahren vielleicht nicht mehr üblich, aber dennoch weit verbreitet, dass die Kinder vor dem Einschlafen noch ihren Schluck Bier bekamen.

Tafel vor dem Glenk-Biergarten mit einer Erklärung von Jean-Paul aus seinem Erziehungsroman Levana. Foto: Stephan Müller

So auch der junge Siegfried Wagner, der seinen Vater schon als Fünfjähriger in die Stammkneipe Angermann begleitete. Richard und Cosima nannten ihren jüngsten Spross, der am 6. Juni 1869 in Luzern geboren ist, „Fidi“. Dass „Fidi“ schon früh ins Bierglas schauen durfte, entnehmen wir zwei Tagebucheinträgen von Cosima Wagner:

Sonnabend 24ten R. geht nachmittags mit Fidi aus, bei Angermann redet ein Fremder den Kleinen an: »Kannst du auch Bier trinken«, Fidi schweigt, sagt dann schüchtern »ja«, worauf R.: »Der Knabe kennt Sie nicht, bester Herr!« – – R. freut sich Fidi’s, sagt: »Gott, einen solchen Jungen bei mir zu haben, der mich Papa nennt und alles frägt; es ist zu schön.

(Aus dem Tagebuch Cosima Wagners, 24. Oktober 1874)

 

Sonntag 27ten Großes Gewitter in der Nacht, welches uns wach erhält, und heute Regenwetter und Kälte! R. arbeitet, ich muß mich legen, da die Müdigkeit es mir förmlich versagt, aufzubleiben. Abends komme ich aber hinunter. R. ist mit Siegfried zu Angermann gegangen und hat sehr gelacht, dort für Fidi ein Stammglas zu finden: Herr Siegfried Wagner!

(Aus dem Tagebuch Cosima Wagners, 27. Juli 1879)


Text: Stephan Müller



Stephan Müller (53) ist Stadtrat, Hobbyhistoriker, freiberuflicher Journalist und Autor zahlreicher Bücher zur Geschichte Bayreuths. Für das Bayreuther Tagblatt hat er sein Archiv geöffnet. Die besten Anekdoten gibt es immer wieder hier beim bt.


Lesen Sie auch:

Briefmarken: Als der Osten Richard Wagner gedachte, der Westen aber nicht

Zum 150. Geburtstag des Komponisten Richard Wagner erschienen Sondermarken in der UdSSR und in der DDR. In der BRD dagegen nicht – trotz Beschwerden aus Bayreuth. Hobbyhistoriker Stephan Müller kennt die Geschichte.

Richard Stücklen war nicht nur Bundestagspräsident sondern auch von 1957 bis 1966 fast ein Jahrzehnt lang Bundespostminister. In dieser Zeit hat er mit Sicherheit viele Vorschläge, Ideen und Forderungen für Briefmarkenmotive bekommen. Mindestens eine davon auch aus Bayreuth.

Beschwerdebrief aus der Wagner-Stadt

Der damals 49-jährige Bayreuther Bundestagsabgeordnete Herbert Hauffe beschwerte sich im Jahr 1963 bei Richard Stücklen über die Weigerung der Bundespost, zum 150. Geburtstag von Richard Wagner eine Sondermarke herauszubringen. Die Begründung schien plausibel. Hauffe wies den Postminister darauf hin, dass „diesmal ausgerechnet die Sowjetunion ein Wertzeichen zur Erinnerung an Richard Wagner aufgelegt hat“.

Was stattdessen erschien

Ein Antwortschreiben kennen wir nicht. Fest steht aber: Zumindest zu diesem Anlass ist, im Gegensatz zu der Briefmarke aus der UdSSR, in West-Deutschland keine Briefmarke zum Wagner-Jubiläum erschienen. In der Bundesrepublik entschied sich Stücklen stattdessen dafür, der Feier „400 Jahre Heiliger Katechismus“ ein Denkmal in Form einer Briefmarke zu setzen. Außerdem dem Gimpel, dem Eisvogel, dem Pirol und dem Wiedehopf, sowie dem Märchen Rotkäppchen und der Einweihung der „Vogelfluglinie“ zwischen Deutschland und Kopenhagen. Dazu dem 100-jährigen Jubiläum des Roten Kreuzes und dem 100. Jahrestag der 1. Internationalen Postkonferenz in Paris. Eine vollständige Auflistung finden Sie hier.

Gedenken an den Leipziger

In der DDR dagegen erhielt Richard Wagner 1963 eine Briefmarke. Sie zeigt sein Porträt vor einer Szene aus dem „Fliegenden Holländer“ zu seinem Jubiläum. In einer Serie erschien der Bayreuther Meister, der ja in Leipzig geboren ist, zusammen mit den Schriftstellern Georg Büchner und Johann Gottfried Seume sowie dem Dichter Friedrich Hebbel und dem Schriftsteller Georg Büchner auf dem Briefmarkenmarkt.


Text: Stephan Müller



Stephan Müller (53) ist Stadtrat, Hobbyhistoriker, freiberuflicher Journalist und Autor zahlreicher Bücher zur Geschichte Bayreuths. Für das Bayreuther Tagblatt hat er sein Archiv geöffnet. Die besten Anekdoten gibt es immer wieder hier beim bt.


Lesen Sie auch:

Heute vor 50 Jahren: Als die Spielvereinigung in die 2. Liga aufstieg

Im Jahr 1959 stieg die Spielvereinigung Bayreuth in die 2. Liga auf. 1969 gab es noch einen Aufstieg in die zweite Liga und 1979 fast einen in Liga eins. Im Zehn-Jahres Rhythmus sorgte die Oldschdod vor 60, 50 und 40 Jahren für Furore. Hobbyhistoriker Stephan Müller hat sich für das bt das einmal genauer angeschaut, was am 24. Mai 1969 passiert ist:

Ohne den Meister in Superlativen zu schmeicheln, aber so sah es aus: Zeitweise wirkten die Bayreuther Amateure wie ausgekochte italienische Profis. Sie legten keinen Wert darauf, etwa in Schönheit zu sterben und dafür ihren Gegner die entscheidenden Tore schießen zu lassen. Im Gegenteil. Der Altstädter Führungstreffer in der 6. Minute war der erste Volltreffer und zerstörte gleich am Anfang die taktische Marschroute der Augsburger.

(Werner Hamann, Sportredakteur)

Ungewohnt überschwänglich begann Sportredakteur Werner Hamann vor fünfzig Jahren, seinen Spielbericht, der am Montag, 26. Mai 1969 erschien und die Bayreuther Fußballwelt in Begeisterung versetzte. Zwei Tage vorher, am 24. Mai 1969 sicherte sich die SpVgg Bayreuth nach 1959 ihren zweiten Bayernligameistertitel und stieg damit in die zweitklassige Regionalliga – dem damaligen Unterbau der Fußball-Bundesliga – auf. In den letzten Spieltagen holten die Altstädter, die nicht einen Spieltag den ersten Tabellenplatz belegten, innerhalb von fünf Wochen noch fünf Zähler auf den BC Augsburg auf und lagen am Ende zusammen mit dem Fuggerstädtern punktgleich vorne.

Foto: Altstadt-Kult

Beeindruckender Endspurt

Doch beginnen wir im April 1969. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Altstädter die Meisterschaft in der Fußball-Bayernliga schon abgehakt. Nach fünf Siegen in Folge hatte der Spitzenreiter BC Augsburg sieben Spieltage vor Schluss bereits sieben Punkte Vorsprung auf die drittplatzierten Altstädter. Und damals gab es die „Drei-Punkte-Regelung“ noch nicht. Doch an diesen letzten sieben Spieltagen holten die Schwaben bei vier Niederlagen und zwei Unentschieden nur noch einen einzigen Sieg. Dagegen gelangen Größler, Sonntag, Scholti, Persau und Co. mit fünf Siegen, einem Unentschieden und nur einer Niederlage noch ein beeindruckender Endspurt.

Am vorletzten Spieltag hatte die SpVgg die Augsburger eingeholt. Mit 43:23 lagen die Altstädter, der BC Augsburg und der FC Haßfurt mit je 43:23 Punkten auf den ersten drei Rängen. Das Entscheidungsspiel gegen den BC Augsburg im „Schanzstadion“ des ESV Ingolstadt am Samstag, 24. Mai 1969 gewannen die Altstädter mit 4:0. Die Mannschaft bestand damals ausschließlich aus einheimischen Spielern. So trifft sich die Truppe – fast komplett – auch 50 Jahre nach diesem Ereignis regelmäßig in der Gaststätte Becher.

Foto: Altstadt-Kult

Slalom durch die Abwehr

Von Manfred Größler war die neutrale Ingolstädter Presse vollständig begeistert:

Der Kapitän schoss nicht nur ein raffiniertes Tor und leitet zwei andere mit ein, sondern rief mit seinen Slalomläufen ebenso wie Dieter Persau immer wieder Angst und Schrecken in der BCA-Abwehr hervor.

Es ist nachzulesen, dass die Bayreuther auf jeder Position besser besetzt waren:

In der Abwehr waren Bachofner und Ponfick die überragenden Spieler. Im Mittelfeld war der erst 20-jährige Herbert Horn mit seiner blendenden Übersicht und Technik eine Stunde lang überragender Spieler auf dem Platz.

Foto: Altstadt-Kult

Meisterfeier auf dem Volksfest

Unter den 6500 Zuschauern waren in Ingolstadt fast 3000 Bayreuther und ein begeisterter Oberbürgermeister Hans-Walter Wild, der die Truppe noch am Abend im Festzelt des Bayreuther Volksfestes hochleben ließ. Für eine zusätzliche Begeisterung sorgte die überraschende Nachricht, dass Kapitän Manfred Größler (doch) nicht zum Bundesligisten Bayern München wechselte, obwohl er einen Vorvertrag unterzeichnet hatte. „Manne“ schoss in dieser Saison in 34 Spielen 35 Tore.

Foto: Altstadt-Kult

Der 1. FC Bayreuth rutscht nach

Ebenfalls einen Grund zum Feiern hatten übrigens die Anhänger des 1. FC Bayreuth. Denn während die Altstädter die Liga nach oben in die zweite Liga verließen, rutschte „unten“ der 1. FC Bayreuth zusammen mit dem MTV Ingolstadt und der SpVgg Vohenstrauß in die Bayernliga nach.

Abstieg nach nur einem Jahr

In der Fußball-Regionalliga lief es dann für die SpVgg Bayreuth allerdings nicht so gut. Nach nur einem Jahr stiegen die Gelb-Schwarzen wieder ab. Doch dieAltstädter gaben nicht auf und starteten in der Bayernliga einen nie da gewesenen Durchmarsch. Am Ende der Saison 1970/71 gelang ihnen mit 61:7 Punkten der Meistertitel und die sofortige Rückkehr in die zweithöchste Liga, der sie fortan viele Jahre angehören sollte.

Die Meister-Mannschaft von 1969:

Stangl, Bachofner, Dvorak, Größler, Horn, Kauper, Peez, Persau, Ponfick, Samodi, Schirmer, Scholti, Semmelmann, Sonntag, Thau, Ullmann – Trainer: Hahn.

Foto: Altstadt-Kult

Übrigens…

Zwar nicht auf den Tag genau, aber zumindest genau vor 60 Jahren gelang der SpVgg Bayreuth – vor den Stadtrivalen 1. FC und VfB Bayreuth – zum ersten Mal die Meisterschaft in der Amateurliga Nordbayern, der damaligen 3. Liga, und damit erstmals der Aufstieg in die zweithöchste deutsche Spielklasse. Der Aufstieg gelang durch einen 2:1-Sieg nach Verlängerung gegen den VfR Pforzheim. Das „goldene Tor“ schoss Jumbo Zeilter, das auf dem Bayreuther Luitpoldplatz von tausenden Bayreuther bejubelt wurde. Vor der Milchbar wurde eine “Drahtfunkübertragung” installiert. Drei Jahre spielt die Mannschaft um „Jumbo“ Zeitler zusammen mit Traditionsclubs wie Waldhof Mannheim, Darmstadt 98, Jahn Regensburg oder Hessen Kassel in der 2. Oberliga Süd. Die Altstädter belegten in diesen Jahren in den Abschlusstabellen der 2. Liga Süd die Ränge fünf, 14 und 17, ehe sie wieder in die „Landesliga“ zurück mussten.

Der Meister-Kader Der SpVgg im Jahr 1959:

Guhl, Dörfler, Friedrich, Hacker, Heumann, Klingenbeck, König, Lindner, Rausch, Schif, Schott, Semmelmann, Voll, Walther, Weber, Wippenbeck, Zeitler. Mit Fritz Semmelmann (1956, Melbourne) und Jumbo Zeitler (1952, Helsinki und 1952 Melbourne) gehörten dem Meisterteam damals zwei Olympia-Teilnehmer an.


Text und Fotos: Stephan Müller

Bayreuther Nachkriegsfestspiele: Weltmeisterlicher Besuch

Als 1951 die ersten Bayreuther Nachkriegsfestspiele statt fanden, kündigte sich prominenter Besuch an. Boxweltmeister Max Schmeling und die Fußballer des Vereins Schalke 04 gehörten zu den Gästen.

Vom Boxer zum Sektverkäufer

„Offen gesagt, ich verstehe nichts von Musik“, sagte Box-Weltmeister Max Schmeling, als er 1951 mit seiner Frau, der deutsch-tschechischen Schauspielerin Anny Ondra, zu den ersten Nachkriegsfestspielen in Bayreuth eintraf. Um die Musik ging es dem damals 45-jährigen Boxer auch gar nicht. Seine größten Zeiten, als er 1930 im New Yorker Yankee-Stadium den Weltmeistertitel gegen den Amerikaner Jack Sharkey holte, war zwei Jahrzehnte her. Der Krieg sorgte 1939 für sein „Karriereende“.

Foto: Bernd Mayer Stiftung

Für Schmeling ging es schlichtweg ums Geld verdienen. Zusammen mit der Kellerei Diehl-Weckbacher & Co. wollte Schmeling (nach Pelzen und Eierlikören) nun Sekt verkaufen und schaute deshalb in den besten Bayreuther Hotels vorbei.
Der Mainzer Kellereibesitzer Dr. Altmann hatte Schmeling den Weg zur Herstellung der drei Sorten „Schmeling-Privat“, „Schmeling-Gold“ und „Schmelilng-Trocken“ geebnet. Wie erfolgreich sein Absatz in der Festspielstadt war, vermag heute niemand mehr zu sagen.
Bekannt ist nur, dass das Ehepaar Schmeling Freikarten für den „Parsifal“ unter dem Dirigat von Hans Knappertsbusch erhielt. In den Hauptrollen sah das berühmte Paar  Wolfgang Windgassen als Parsifal und Martha Mödl als Kundry.

Schalker zahlten ihre Karten

Dagegen haben sich die Fußballer des FC Schalke 04 ihre Premieren-Karten selbst bezahlt. Die „Königsblauen“ finanzierten ihren Festspielbesuch durch ein Freundschaftsspiel am 15. August 1951 gegen den 1. FC Bayreuth.

Mit ihrem Gastspiel beim 1. FC Bayreuth finanzierten die Schalker ihren Festspielbesuch. Repro: Stephan Müller.

Die Gelsenkirchener, die durch den „Schalker Kreisel“, einem von Ernst Kuzorra und seinem Schwager Fritz Szepan entwickelten „Kurzpass-Spiel“ bekannt wurden, siegten mit 4:1 Toren. Dem Kader des FC Schalke 04 gehörte auch der damals aktuelle 24-jährige Nationalspieler Berni Klodt an, der drei Jahre später im Team von DFB-Trainer Sepp Herberger Fußball-Weltmeister werden sollte.
Fotos von diesem Spiel sind noch heute an den Wänden im Sportheim des Bayreuther Traditionsclubs zu bewundern.

Text: Stephan Müller

Feuerwehr-Streit im Festspielhaus: „Das verbietet der Anstand“

Im Jahr 1891 sorgt ein Schriftwechsel zwischen den Feuerwehrleuten der Bayreuther Turnerschaft und den Verantwortlichen im Festspielhaus für Ärger. Und das kam so:

Bayreuth hat zu dieser Zeit gerade rund 20.000 Einwohner und die Turner-Feuerwehr gibt es seit 30 Jahren. In einem Schreiben an den Turnverein regten die Räte des Stadtmagistrats die Gründung einer solchen Turner-Feuerwehr an. Alle anderen Versuche, eine Feuerwehr in der Stadt zu gründen, waren zuvor gescheitert und die jungen Männer, die im Verein ihre Körperkräfte stärkten und sich turnerische Fähigkeiten erwarben, könnten doch ihre Geschicklichkeit auch praktisch unter Beweis stellen. Wörtlich hieß es in dem Schreiben daher:

Wir wünschen aufrichtig, dass der edle Zweck des Turnens immer mehr anerkannt und wirklich erreicht und dass dies dem Verein bald gelingen werde, gleichwie es von Turnvereinen anderer Städte geschehen ist, die hiesige Feuerwehr durch eine Feuerwehr aus Turnern zu vermehren.

1861: Das Wappen der Turner-Feuerwehr Bayreuth. Foto: Stephan Müller

Und tatsächlich: Die Turner sahen das Leiternbesteigen, „Hinaufkraxeln“ und Löschen von den benachbarten Hausdächern als Herausforderung und nahmen den Vorschlag des Magistrats an. Nicht weniger als 114 Turner traten am 20. Juni 1861 sofort als „Steiger“ in die freiwillige Turner-Feuerwehr. Fortan sollten die Turner, freilich unentgeltlich, auch für die Sicherheit im Festspielhaus sorgen.

Lesen Sie auch:

Zehn Mann und zwei Führer werden gebraucht

Der Vorstand der freiwilligen Turner-Feuerwehr, ein gewisser Blanck, wendet sich mit einem Schreiben an den „Verwaltungsrath der Bühnenfestspiele“, den „Commerzienrath“ Adolf von Groß. Darin sichert er zu, dass seine Leute die Feuerwache übernehmen werden. Zehn Mann und zwei Führer, wie gewünscht. 

Axel Polnik schreibt 2011 in seinem Buch „Instruktion für die Feuerwächter im Festspielhaus“:

Blanck bittet die Festspielleitung jedoch um ein kleines Entgegenkommen. Man möge dem Hauptmann doch bitte Zugang zum  Zuschauerraum gewähren – selbstverständlich ohne Anspruch auf einen Sitzplatz – alleine schon deshalb, damit sich dieser die Zeit der Aufführung nicht in den schon damals teuren „Restaurationen“ um die Ohren schlagen müsse. 

Die Turner-Feuerwehr um 1900 in der Dammallee. Foto: BTS-Archiv

Wörtlich heißt es:

Die Feuerwehrmannschaften verzichten auf jede Gegenleistung für ihre Dienste, nur aber möchte ich noch höflich bitten, zumindest anzuordnen, dass dem inspizierenden Feuerwehrvorstande oder Hauptmann (z.Zt. Herr Stadtbaurath Schlee) die Begehung aller Räume des Festspielhauses zustehe, und dass es demselben, nachdem er während der ganzen Spielzeit am Platze bleibt, nicht verwehrt sein möge, indes ohne jeglichen Anspruch auf einen Sitzplatz, zuweilen im Zuschauerraume zu verweilen, wie das bisher schon gefälligst eingeräumt war, nur um bei der Länge der Zeit nicht den ungewohnten Aufenthalt in den Restaurationen suchen zu müssen.

Der Vorsitzende der Turner-Feuerwehr verweist weiter darauf, dass seine Forderung keine ganz untypische sei. Im Gegenteil:

Diese keineswegs einen Eigennutz bezweckende Bitte wird nicht unbescheiden erscheinen, wenn ich mir zu erwähnen erlaube, daß die  königliche Regierung auch fürs hiesige königliche Opernhaus die Anordnung getroffen hat, daß bei Vorstellungen der Feuerwehr-Vorstand oder Hauptmann alle Räume des Hauses zu begehen befugt sei und daß ihm auch ein Sperrsitzplatz zur Verfügung gestellt werde.

Mit „vollster Hochachtung“ unterzeichnet Blanck den Brief und schickt ihn ab. Das Bayreuther Tagblatt hat die Briefe im Archiv der Bayreuther Turnerschaft gefunden.

Lesen Sie auch:

Auf keinen Fall der Zuschauerraum

Wenige Tage später, am 18. April 1891, antwortet Adolf von Groß, der Verwaltungsrat der Bühnenfestspiele, dem Feuerwehrvorstand. Er sichert ihm zu, Anordnungen zu treffen, die eine Kontrolle im Festspielhaus erleichtern würden. Auf gar keinen Fall könne man dem Hauptmann aber Zugang zum Zuschauerraum gewähren. Aus einem einfachen Grund.

Von Groß schreibt:

Nur wird es unmöglich, Ihrem Wunsche zu entsprechen, und den revidierenden Herren Vorständen Eintritt in den Zuschauerraum während der Aufführungen zu verschaffen, da wir infolge vielfacher Reklamationen den von Anfang her bestehenden Usus, während der Dauer des Aktes die Türen nicht öffnen zu lassen, in diesem Jahre streng aufrecht erhalten müssen.

Das wiederum veranlasst den Feuerwehrvorstand zu einem Brief, unter dem die Grußformel „Mit vollster Hochachtung“ mehr denn je wie eine leere Floskel scheint.

Die Feuerwehr reagiert mit Befremden

Mit Befremden habe man seitens der Feuerwehrleute nämlich die Andeutung zur Kenntnis genommen, dass die Leiter der Feuerwehr schon jemals im Festspielhaus zu Reklamationen hätten Anlass gegeben. Man verwahre sich gegen falsche Unterstellungen, im Wortlaut heißt es:

Wir verwahren uns gegen falsche Unterstellungen, denn weder der unterzeichnende Vorstand noch auch der Hauptmann der Feuerwehr haben während der früheren Aufführungen jemals in einer Weise in den Zuschauerraum Eintritt genommen, daß ein Ärgernis hätte erregt oder eine Reklamation erhoben werden können, sie sind vielmehr auf Grund des früheren Zugeständnisses – wenn sie sich ja zuweilen einmal den Zutritt erlaubt haben – immer vor Beginn eines Aktes eingetreten und auch nicht vor Schluß eines Aktes hinausgegangen; dazu haben sie sich stets – vom Publikum fast gar nicht gesehen – mit dem Standorte auf der Treppe des hintersten Einganges, woselbst eine Störung überhaupt nicht so auffallend sein kann wie an den Seiteneingängen, begnügt und in der ruhigsten Weise verhalten.

Im weiteren Verlauf des Briefes macht Feuerwehrvorstand Blanck deutlich, dass er vor zwei Jahren selbst einer der Einsatzleiter im Festspielhaus war und dass er …

… und zwar nur in Folge schlechten Wetters sich im Ganzen drei verschiedene Akte von sämtlichen 18 Aufführungen angesehen hat und daß er eine volle Aufführung der Meistersinger mit seinem bezahlten Billete besucht hat, ebenso wie er auch heuer eine volle Vorstellung des Tannhäuser mit seinem gekauften Billete besuchen wird, um sich nicht des Eigennutzes oder der Zudringlichkeit beschuldigen lassen zu müssen oder glauben machen zu wollen, daß er auf Gnadenspenden Anspruch mache.

Abschließend legt Blanck Wert auf die Feststellung:

Für die Dauer der gegenwärtigen Aufführungen eine störende Änderung zu machen, verbieten der Feuerwehrleitung Einsicht und Anstand.

Heute sitzt die Feuerwehr mit auf der Bühne

Immerhin, ein Gutes hat der deftige Briefwechsel anno dazumal für die Feuerwehrleute: Heute sitzen sie für die Zuschauer nicht sichtbar links und rechts auf der Bühne. Um ein vielfaches besser also, als es der Feuerwehrvorstand hochachtungsvoll einforderte.

Einer der Sitzplätze für Feuerwehrleute auf der Bühne des Festspielhauses. Foto: Thorsten Gütling

Stempfermühle zur Sachsenmühle geht zu Fuß in etwa 30 Minuten. Der Wanderweg führt völlig eben am Ufer der Wiesent entlang. Mit Glück kommt sonntags die Museumsbahn vorbei.

Ausflugstipps: Auf Wagners Spuren in der Fränkischen Schweiz

Zwei Wanderungen des Komponisten und seiner Familie sind dokumentiert. Vieles, was die Wagners vor 140 Jahren besucht haben, ist heute nach ihnen benannt.

Irrtum in der Stadtgeschichte: Ein Brandherd, der kein Brandherd war

Wegen eines Schreibfehlers von Gottlieb Heinrich Hagen nehmen noch immer viele an, dass der erste große Stadtbrand in Bayreuth in der Brautgasse entstanden ist. Doch das ist falsch: Die Gasse gab es 1605 nämlich noch gar nicht.