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Das Theater, das sich nur 20 Tage hielt

Auf dem früheren Baywa-Gelände in St. Georgen steht ein Haus, das bald dem Erdboden gleich gemacht wird. Zeit, seine kuriose Geschichte zu erzählen.

Das Haus war einmal die Kantine der Firma Knorr, als in St. Georgen noch die legendäre Erbswurst hergestellt wurde, eines der ältesten industriell hergestellten Fertiggerichte der Welt.  Im Jahr 1980 aber versprach ein Drehbuchautor diverser Karl-May-Filme den Bayreuthern, darin ein Theater von Welt aufzubauen. Nach 20 Tagen und nach Sekt und Langusten floh der Mann aus der Stadt.

Der bekannte Bayreuther Hobbyhistoriker Stephan Müller ist der Sache auf den Grund gegangen und erklärt, welche Folgen diese Geschichte hatte. Unter anderem stießen danach zwei junge Theater, die Studiobühne und der Kulturstadl, auf große Skepsis in der Stadt.

Hier ist seine Geschichte:

„Dengers Inseltheater beginnt am 30.12.1980 sein 500jähriges Bestehen“. Mit dieser vollmundigen Anzeige vom 27. Dezember 1980 lockte der weltgereiste Literat Fred Denger die Bayreuther in sein kleines Unterhaltungstheater, die frühere Knorr-Kantine, in der Hugenottenstraße. Nun: 500 Jahre sind es nicht geworden. Nach nur 20 Tagen war das Inseltheater pleite und der Theaterchef über alle Berge.

Doch beginnen wir die Geschichte von vorne: Mitte Oktober 1980 war Fred Denger, Autor von vielen Edgar-Wallace-Drehbüchern und der Karl-May-Filme „Der Ölprinz“, „Old Surehand“ oder „Halbblut Apanatschi“, von Berlin nach München unterwegs. In der Landeshauptstadt wollte er ein Theater übernehmen. Bei Bayreuth verließ er die Autobahn um einen alten Freund zu besuchen. Der Marquis Salou, der Bayreuther Bürgerschreck schlechthin, betreibt zu dieser Zeit das Kult-Nachtlokal „Marquis Galerie“ in der Carl-Schüller-Straße 31.

Idee in bierseliger Runde

Dort trifft er auf den Marquis Salou und auf Stadtrat Bernd Mayer. Nach einer längeren bierseligen Diskussion haben die beiden Fred Denger umgestimmt. Der schmeißt seine Münchner Pläne über den Haufen und beschließt in Bayreuth ein Privat-Theater zu eröffnen. Schon wenige Tage später mietet der Berliner eine Zweitwohnung in Seulbitz und geht das Unternehmen an.

Hochzeit mit der Ex-Frau des Sohnes

Wer Fred Denger eigentlich ist, brauchte man auch in Bayreuth niemandem lange erklären. Aufgrund seines wilden Lebensstils und seiner zwölften Scheidung war er bundesweit bekannt. Gerade eben hatte er es wegen letzterem ins Guiness-Buch der Rekorde geschafft. Ebenfalls nicht gerade alltäglich war, dass Barbara, seine zwölfte Frau, die Ex-Frau seine Sohnes Atz-Maria war. Mit der Heirat wurde sein Enkelsohn gleichzeitig sein Stiefsohn.

Für die Bayreuther war ein bundesweites Aufsehen also garantiert. Über die Medien bereitete Denger sein Theaterunternehmen vor. Er kündigte an, dass ihm persönlich bekannte Schauspieler wie Gert Fröbe oder Heidi Kabel sicherlich nur für ihre Spesen in Bayreuth auftreten werden.

Der rührige Spinner wird zum Stadtgespräch

So wandte er sich mit mehreren Anzeigen an die „hochwohllöbliche Einwohnerschaft von Bayreuth“, um Spenden für den Start zu sammeln. Ohne eine Spielstätte zu haben, kündigte er schon einmal die erste Premiere für den 30. Dezember 1980 an. Die Geschichte von dem „rührigen Spinner“ und seinem „utopischen Vorhaben“ wurde zum Stadtgespräch.

Nun suchte Denger „Patronatspersonen“, „Stuhlpaten“ und Leute die unter dem Motto „Tausche Kunstgenuss gegen Mitarbeit“ mit anpacken sollten: „Wer beim Aufbau oder Betrieb des Theaters hilft, bekommt Freikarten!“ Schnell boten Kulturschaffende wie der Notar Friedrich Schmidt, der spätere Kulturpreisträger Peter J. Osswald, Stadtrat Konrad Frick oder Franz Freiherr von Waldenfels ihre Hilfe an.

Nur noch in Mönchskutte zu sehen

Er selbst setzte sich auffällig und wirkungsvoll in Szene, in dem er fortan in Bayreuth nur noch in Mönchskutte zu sehen war. Damit erinnerte er an den eigenwilligen Markgraf Georg Wilhelm, der selbst als „Einsiedler“ in der Eremitage die Kutte trug. Der „Duft der großen weiten Welt“ wehte nach Bayreuth.

In den ersten Dezember-Tagen fand er tatsächlich einen Raum für sein Theater. In der ehemaligen Werkskantine der Firma Knorr auf dem Gelände der Spedition Siebert in der Hugenottenstraße im Stadtteil „Insel“ wird sofort fleißig gewerkelt.

Viel Geld wird investiert

Er gründete den Verein „Inseltheater Bayreuth e.V.“, schloss für 2.885 Mark im Monat einen Pachtvertrag, ließ sich für 32.000 Mark 100 hochmoderne Clubsessel und Tische anliefern und stattete den Theaterraum mit einer kompletten technischen Einrichtung einschließlich Montagekosten im Wert von 5.500 Mark aus. Für 9.000 Mark engagiert er die Schauspielerin Anne Lange, die ab dem 30. Dezember zwei Wochen lang täglich den größten Wurf seiner Karriere, das Ein-Personen-Stück „Langusten“, spielen soll. Dem Ensemble des Münchner Piccolo-Theaters, die mit zwei Einakter von Dürrenmatt und Puppentheatervorstellungen nach Bayreuth kamen, verspricht er für 16 Spieltage eine Gage von 32.000 Mark.

Fred Denger war Jahrzehnte als Schriftsteller erfolgreich. Gerade feierte er mit seinen modernen Bibel-Übersetzungen der beiden Testamente („Der große Boss“ und „Der Junior-Chef“) einen weiteren Erfolg als Buchautor. Ein Theater leiten konnte er aber nicht.

Prominenz verschmäht Langusten

Verträge und Mietverhandlungen, die Buchhaltung, die Abrechnungen mit Künstlern und Finanzamt waren seine Sache nicht. Tägliche Vorstellungen mit Eintrittspreisen von 25 Mark waren für Bayreuth zu viel. Selbst die Langusten, die er zur Premiere in Massen bereithielt, fanden für 20 Mark das Stück keine Abnehmer bei der Prominenz.

Schauspieler warten auf ihre Gage

Am Sonntag, den 18. Januar 1981, zwanzig Tage nach der ersten Premiere, kam schon das Finale. Die Schauspieler des Piccolo-Theaters wollten ihre Gage und mussten von Denger erfahren, dass er kein Geld hat. Trotz zwei ausgebuchter Puppentheatervorstellungen reisten die Münchner mit einem geschnalzten Fluch auf Nimmerwiedersehen ab. Regnier bekam für seine Wedekind-Rezitation beim literarischen Frühschoppen gerade einmal 65 Mark, Anna Lange erhielt 650 Mark – vereinbart waren 9.000.

Am nächsten Tag ist Denger weg

Zu der Provinzposse gehört auch, dass noch am selben Tag, als in der Lokalpresse Dengers „Finale“ verkündet wurde, ein Nachfolger bereit stand. Der Künstler Wolfgang Stöckmann übernahm das Inseltheater und führte es ab Mitte März als „Harlekin“ weiter. Ende Mai 1982 hatte auch Stöckmann Schulden in Höhe von 100.000 Mark angehäuft und auch das „Harlekin“ musste schließen.

Aber Denger kommt zurück

Im Juli 1982 erschien Fred Denger wieder in Bayreuth. Die Pleite seines Inseltheaters hatte einen gerichtlichen Epilog vor dem Kadi. Die Berliner Firma, die die Lichtanlage in das Inseltheater einbaute, hatte Strafanzeige gestellt. Denger konnte glaubhaft versichern, dass er den Auftrag zum Einbau der technischen Anlagen nur deshalb veranlasste, weil er zahlreiche Zusagen von Förderern auf finanzielle Unterstützung hatte. Diese Hilfe sei wider Erwarten ausgeblieben. Das Bayreuther Amtsgericht sprach ihn frei. Etwas über ein Jahr später starb Fred Denger am 30. Oktober 1983 in Hohegeiß im Harz.

Studiobühne und Kulturstadl haben’s schwer

Zwei neu gegründete Amateurtheater hatten indes riesige Schwierigkeiten. Der Studiobühne in der Röntgenstraße (1980) und dem Brandenburger Kulturstadl in der Brandenburger Straße (1982) schlug von Oberbürgermeister Hans Walter Wild oder der Sparkasse, die nun Eigentümer von Tischen und Stühlen im Wert von 32.000 Mark war, große Skepsis entgegen. „Doch hier sind“, so schrieb Eberhard Wagner damals in einem Leserbrief, nur ein „paar bescheidene Leutchen aus Bayreuth“ zugange: „Im Buch der Rekorde stehen die nicht!“

Die beiden Theater haben sich mit Idealismus durchgesetzt. Sie sind nach über drei Jahrzehnten nicht mehr aus der Kulturszene wegzudenken. „Der provinzielle Snobismus mit Langusten und Sekt“ hielt nur 20 Tage.

Übrigens: Das Gebäude muss weichen. So wie zuvor schon die benachbarten Baywa-Silos, die ebenfalls einst ein Teil der Knorr-Werke in St. Georgen waren. Die Stadt plant dort ein völlig neues Quartier mit Wohnungen und Handwerk.


Text und Fotos: Stephan Müller

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Stephan Müller

Stephan Müller (53) ist Stadtrat, Hobbyhistoriker, freiberuflicher Journalist und Autor zahlreicher Bücher zur Geschichte Bayreuths. Für das Bayreuther Tagblatt hat er sein Archiv geöffnet. Die besten Anekdoten gibt es künftig hier beim bt. Darunter Geschichten wie diese die bisher in keinem Buch veröffentlicht wurden.