Nachrichten

Das verwünschte Schloss: Napoleon in Bayreuth

Heute erzählt der Bayreuther Hobbyhistoriker Stephan Müller von Napoleons Besuchen in Bayreuth. Dabei stehen ein Vorhang, ein geplantes Attentat und eine weiße Frau im Mittelpunkt. Doch für uns beginnt die Geschichte im Hofgarten.


Im Bayreuther Hofgarten fand eine Parade Napoleons statt. Foto: Redaktion.

„Vive l‘ empereur“ – es lebe der Imperator – jubelten die französischen Truppen Napoleon Bonaparte zu, als er am frühen Morgen des 16. Mai 1812 im Bayreuther Hofgarten mit seinem Marschall Louis-Alexander Berthier zur befohlenen Truppenparade kam, um seine Soldaten vor dem Russlandfeldzug noch mit Orden und Ehrenzeichen zu bedenken.

Wir wissen aus dem Stadtbuch von Johann Wilhelm Holle, dass er einem französischen Grenadier, der alle Schlachten mitgemacht hatte und der in einer Eingabe um den Orden der Ehrenlegion gebeten hatte, seinen eigenen Orden durch den Fürsten Talleyrand an die Brust heften ließ und dem bayerische Major von Heinisch das Kreuz der Ehrenlegion überreichte. Auch eine Emigrantin, Schwester des damals in Bayreuth lebenden französischen Sprachlehrers La Salle, vergaß diesen Tag nie: Auf Knien bat sie den Kaiser um die Erlaubnis, nach Frankreich zurückkehren zu dürfen. Er bewilligte sofort ihre Bitte. Sie konnte vor Freudentränen kaum danken.

Das Markgräfliche Opernhaus
Das Markgräfliche Opernhaus, Foto: Red

Danach begab sich der völlig übernächtigte und eigentlich immer noch schlecht gelaunte Napoleon zum nicht weit entfernten Markgräflichen Opernhaus. Dort bestaunte er mit seinen Offizieren, seiner Gemahlin Louise von Österreich und deren Hofdame, Herzogin von Belluno das prunkvolle Theater mit dem prachtvollen dunkelblauen Samtvorhang, auf dem der italienische Architekt Giuseppe Galli Bibiena höchstpersönlich den Streit des Apoll mit Pan gemalt hatte. Zu diesem Vorhang und Napoleon hielt sich lange und hartnäckig folgende Legende:

Im Markgräflichen Opernhaus. Foto: Redaktion.

Die Legende vom geklauten Vorhang

Dieser Vorhang auf dem auch die neun Musen des Apolls zu sehen waren, soll nicht nur Napoleon, sondern auch dessen Gemahlin Marie Louise derart gut gefallen haben, dass der Kaiser ihn mit der ihm eigenen Selbstverständlichkeit geklaut haben soll“. Und zwar als Geschenk für Kaiser Franz I. und Maria Theresia, seinen kaiserlichen Schwiegereltern in Wien.

Dort soll das Prachtstück Jahrzehnte später beim schlimmsten Theaterbrand aller Zeiten verbrannt sein: Am 8. Dezember 1881 sollte abends im „Wiener Ringtheater“ die zweite Aufführung nach der gelungenen Uraufführung von Jacques Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ stattfinden. Noch bevor sich der angeblich aus Bayreuth stammende Vorhang heben konnte, kam es hinter den Kulissen beim Entzünden der Gasbeleuchtung im Bereich der Soffitten zu einem schrecklichen Unglück. Es handelte sich um fünf Beleuchtungskästen mit 48 Leuchtgasbrennern, die auf mit einem pneumatisch-elektrische Anzünde-Apparat entzündet wurden. An diesem Abend versagte die hochmoderne Zündvorrichtung. Es strömte Gas aus, das beim zweiten Zündversuch explodierte.

Explosion. Foto: Pixabay.

Das Feuer griff sofort auf die leicht entflammbaren Prospektzüge, auf die Kulissen und in den Zuschauerraum über. Eine unglaubliche Pannenserie folgte: Ein durch ein seitliches Fenster einströmender Luftzug fachte das Feuer weiter an, die Notausgänge öffneten sich nur nach innen, so dass die Besucher den Zuschauerraum nicht mehr verlassen konnten. Der Höhepunkt war aber, dass die Polizei im Foyer die Retter aufgrund einer Fehleinschätzung mit dem Hinweis „Alles gerettet!“ von weiteren Rettungsversuchen abhielt. Schließlich war es ruhig im Zuschauerraum. Die späteren fast 400 Todesopfer waren längst bewusstlos…

Ein geplantes Attentat

Doch gehen wir wieder zurück ins Jahr 1812: Erst später wurde bekannt, dass der Bayreuther Kaufmann Fischer aus der Schloßstraße, der heutigen Ludwigstraße, ein Attentat auf Napoleon Bonaparte geplant hatte. Vom Stadtbach Tappert unter seinem Hause unterminierte er die Straße und füllte sie mit Pulver, um den Usurpator während des Vorüberfahrens in die Luft zu sprengen“. Der Russlandfeldzug, die Leipziger Völkerschlacht und Waterloo wären Napoleon und vielen tausenden gefallenen Soldaten erspart geblieben. Doch wir ahnen es: Bayreuther Kaufleute sind als Terroristen gänzlich ungeeignet. Johann Wilhelm Holles Stadtchronik entnehmen wir, dass der Attentäter, warum auch immer, den richtigen Zeitpunkt und damit auch Bayreuths Einzug in alle Geschichtsbücher verpasste.

Fässer mit Schwarzpulver. Foto: Pixabay.

Spuk im Schloss?

„Gehüllt in weiße Witwentracht, im weißen Nonnenschleier, so schreitet sie um Mitternacht durch Burg und Schlossgemäuer“.Auch Napoleon Bonaparte hatte schon von der „Weißen Frau“ gehört, die in allen Hohenzollern-Schlössern, wie im Berliner Stadtschloss, in Ansbach und auch im Alten und Neuen Schloss von Bayreuth, ihr Unwesen treiben soll. Auf dem Zuge nach Russland führte ihn der Weg nach Bayreuth. Dort brauchte der Kaiser ein Quartier.

Er geht auf Nummer sicher. Schon von Aschaffenburg aus gibt er Befehl, dass er nicht in den Zimmern des Neuen Schlosses untergebracht werden will, in denen die „Weiße Frau“ zu erscheinen pflege. Georg Graf zu Münster solle in Bayreuth dafür sorgen, dass die Räume vor seinem Eintreffen nicht betreten werden dürfen. Dann machte er sich auf den Weg und ließ sich sicher ein weiteres Mal die Sage von der „Weißen Frau“ erzählen.

Trieb die Weiße Frau im Neuen Schloss ihr Unwesen? Foto: Redaktion.

Die Sage von der Weißen Frau

Im Jahr 1340 starb ihr Mann Graf Otto von Orlamünde. Er hinterließ die junge Witwe Kunigunde sowie einen Sohn und eine Tochter, die noch keine zwei Jahre alt waren. Schon schnell nach dem Tode ihres Mannes wollte sie den Nürnberger Burggrafen Albrecht dem Schönen aus dem Hause Hohenzollern heiraten. Diese Liebschaft war bereits hofbekannt. Er meinte seine Eltern in dem Albrecht Kunigunde entgegnete, dass der Hochzeit „vier Augen“ im Wege stünden. Doch Kunigunde bezog diese Aussage auf ihre beiden Kinder. Sie stand auf und stieß dem Jungen und dem Mädchen eine goldene Nadel ins Gehirn. Der entsetzte Albrecht sagte sich daraufhin von ihr los.

Kunigunde unternahm eine Pilgerfahrt nach Rom und erlangte vom Papst die Vergebung ihrer Sünde, mit der Auflage, ein Kloster zu stiften und dort einzutreten. Zur Buße rutschte sie auf den Knien von der Kulmbacher Plassenburg in das Tal von Berneck und gründete das Kloster Himmelkron in dem sie als Äbtissin starb. In einer lokalen Variante der Sage hat Kunigunde hatte, auf den Knien rutschend, auf einem Hügel zwischen Trebgast und Himmelkron das Kloster erblickt und ist dort vor Erschöpfung gestorben. Nach ihrem Tod erschien sie als Weiße Frau, um den Hohenzollern, Nachkommen Albrechts, kommende Todesfälle und anderes bevorstehendes Unglück anzuzeigen.

Der Sage nach rutschte die weiße Frau auf den Knien von der Kulmbacher Plassenburg bis ins Tal von Berneck. Hier: Die Plassenburg. Foto: Pixabay.

„Dieses verwünschte Schloss“

Am 14. Mai 1812 erreichte Napoleon Bonaparte dann mit seinem Gefolge Bayreuth. Wir ahnen es: trotz der Vorsichtsmaßnahmen von Graf Münster erschien ihm die Weiße Frau.

Belegbar ist dies durch des Kaisers Verhalten am nächsten Morgen, denn bei der Abreise war der Kaiser in auffallender Weise unruhig und verstimmt. Mehrmals sagte er: „Ce maudit chateau!“ (Dieses verwünschte Schloss). Er gab deutlich zu verstehen, dass er in diesem Schlosse nicht mehr übernachten wolle. Er erkundigte sich auch genau nach dem Kostüme auf dem Bild der Weißen Frau, lehnte aber mit auffallender Heftigkeit das Anerbieten, das Bild herbeizuholen, ab. Und: Er ließ im Schloss die Fußböden herausreißen. Man hat aber nichts gefunden!

Weder Altes Schloss noch Neues Schloss. Napoleon zieht weiter. Foto: Pixabay.

Über ein Jahr später, am 3. August 1813, war Napoleon wieder in Bayreuth und nahm eine große Parade in Bayreuth ab. Ein Kurier hatte den Befehl überbracht, dass er wegen der „Weißen Frau“ nicht im Neuen Schloss absteigen wolle. Es wurden Vorbereitungen für eine Übernachtung im Alten Schloss getroffen, doch bei seiner Ankunft betonte Napoleon, dass er es vorziehe überhaupt nicht in Bayreuth zu übernachten und gleich nach Plauen weiterzuziehen. Dies wurde in die Tat umgesetzt.

Viele Jahre später starb der Kastellan des Neuen Schlosses. In seinem Nachlass befand sich eine Kiste. In der Kiste fand man einiges an dem Zubehör, was ein Gespenst so braucht. Ketten, Rasseln …. und ein weißes Gewand.

Übrigens: Marschall Louis-Alexander Berthier, den wir vom Anfang dieser Geschichte kennen, weil er mit Napoleon 1812 im Hofgarten eine Parade abnahm, starb wenig später gar nicht weit von hier. In Bamberg erinnert eine Inschrift an der Residenz am Domberg noch an den Tod des Marschalls und die genauen Umstände:

Foto: Stephan Müller
Die Bamberger Residenz am Domberg. Foto: Stephan Müller

 


Lesen Sie auch:


Text: Stephan Müller


Stephan Müller

Stephan Müller (53) ist Stadtrat, Hobbyhistoriker, freiberuflicher Journalist und Autor zahlreicher Bücher zur Geschichte Bayreuths. Für das Bayreuther Tagblatt hat er sein Archiv geöffnet. Die besten Anekdoten gibt es künftig hier beim bt.