Freizeit

Der erste Pizzabäcker Bayreuths: Dieser Italiener ist Kult

Italiener und Pizzerien sind aus der Bayreuther Gastronomie nicht mehr wegzudenken. Doch wer war eigentlich der erste Pizzabäcker in Bayreuth? Hobbyhistoriker Stephan Müller hat sich auf die Suche begeben und wurde fündig. Alfredo Aquenza heißt der Mann, der die Pizza nach Bayreuth brachte.

Der Kultitaliener von Bayreuth

Eigentlich wollte er nach Kanada auswandern. Und auch die Stadt stand schon fest. Vancouver sollte es sein. Doch Alfredo Aquenza fand in der Metropole am Pazifik keine geeigneten Räume für einen Neustart als Geschäftsmann. Der Italiener, der für die ersten Pizzagenüsse in Bayreuth sorgte, blieb mit seiner Frau Jutta in Bayreuth. „Zum Glück“ werden sich die vielen Stammgäste seines Restaurants Gottsmannsgrüner, dem „Gotts“ das auf italienische Nudelspezialitäten spezialisiert ist, einhellig denken.

Das Gottsmannsgrüner in der Dammallee. Foto: Susanne Jagodzik

Seine erste Arbeitsstelle im damaligen „Wirtschaftswunderland“ Deutschland fand der gebürtige Mailänder schon 1954 in München. Zehn Monate arbeitete der damals Zwanzigjährige im Hotel „Vier Jahreszeiten“, ehe er eine Anstellung im Restaurant „Mario“ in Frankfurt fand. Dann musste er in Italien zum Militär und arbeitete später bei einem Automobilzulieferer. Viel Freude hat ihm das offensichtlich nicht gemacht. Ein deutscher Ingenieur, der Gaststätten herrichtete und verkaufte, bot ihm zwei Lokale in Balingen und Hof an.

Die erste Pizza in Bayreuth

So machte sich Alfredo selbstständig: Er eröffnete 1962 das „Lucullus“ in Hof, drei Jahre später, am 9. November 1965, den „Luculluskeller“ in der Maximilianstraße 30 in Bayreuth. Das Lokal war unmittelbar vor der Discothek „Max 30“ (später das „Crazy Elephant“) zu finden. Auch wenn der „Luculluskeller“ keine klassische Pizzeria war: Alfredo war der erste Italiener, der die Pizza auf der Speisekarte hatte. Benannt hat er das Lokal nach dem römischen Feldherren und Feinschmecker Licinius Lucullus.

Neben den Pizzen, die die Bayreuther sehr schnell lieben gelernt haben, fanden sich auf der Speisekarte auch exotische Gerichte wie „Schildkrötensuppe“, „Haifischflossen“ und natürlich viele andere Menüs mit typischen Speisen aus Italien. Bei Kerzenlicht wurden die Speisen von Kellnern in roter Livree und klassischer Fliege gebracht. Vor allem während der Festspielzeit versammelten sich viele Künstler und prominente Gäste im „Luculluskeller“. Zu den Stammgästen gehörten Festspielleiter Wieland Wagner und auch der in Bayreuth wohnhafte Liszt-Urenkel Gilbert Graf Gravina. Besonders gerne erinnert sich Alfredo an eine Bestellung des schwergewichtigen Sängers Ivan Rebroff. Der tiefe Bass, der mehr als zehn Millionen Langspielplatte verkaufte, grinste ihn damals an und bestellte: „Ein T-Bone-Steak, ein Kilo dick“.

Gilbert Graf Gravina, ein Urenkel von Franz Liszt, war Stammgast von Alfredo Aquenza. Der Graf war ein „Stief-Cousin“ von Wieland und Wolfgang Wagner, sie hatten mit Cosima Wagner die gleiche Großmutter. Foto: Bernd Mayer Stiftung

Kurz nach dem „Luculluskeller“ eröffnete Alfredo Aquenza 1968 das vielen Bayreuthern immer noch bekannte und beliebte Tanzlokal „Panorama“ im obersten Stockwerk des „Ring-Hochhauses“ am Josephsplatz. Nach einem kurzen Ausflug in die Modebranche (mit der „Pitti Boutique“ in der Kämmereigasse) eröffnete er 1982 das bis heute erfolgreiche „Gottsmannsgrüner“ in der Dammallee.

Das Lucullus in der Maxstraße. Foto: gotts.de

Auch wenn Alfredo im norditalienischen Varese unweit vom Luganer und vom Comer See eine Ausbildung zum Koch gemacht und dort „sein Handwerk“ von der Pike auf gelernt hat: Er betont immer wieder gerne, dass er die Liebe zum Kochen bereits von seiner Mutter „geerbt“ hat. Diese Liebe ist ihm bis heute geblieben. Seit über 50 Jahre verzaubert er seine Gäste mit seinen einzigartigen, mediterranen Gerichten, die alle nach eigenen Rezepten zubereitet werden. In Bayreuth fühlt er sich sehr wohl: „Hier lebe ich schließlich weit mehr als die Hälfte meines Lebens!“

Sein Heimatland bleibt Italien

Was Italien betrifft: Er liebt sein Heimatland immer noch. Natürlich! Und bei Fußball-Welt- und Europameisterschaften drückt er auch der Squadra Azzurra die Daumen. Natürlich! Nur beim Vereinsfußball erlebt man eine Überraschung. Obwohl er gebürtiger Mailänder ist, drückt er nicht Inter Mailand oder dem AC Mailand die Daumen, sondern bereits seit seiner Schulzeit Juventus Turin. „Das werde ich“, so sagt er schmunzelnd, „auch nicht mehr ändern“.

Deutschland hat seinen Italienern, nach dem so genannten Gastarbeiter-Abkommen zwischen Deutschland und Italien, viel zu verdanken. Sie brachten in den 50er Jahren ein neues Lebensgefühl in das Nachkriegsdeutschland.

Mit ihren italienischen Restaurants und Eisdielen brachten sie nicht nur Capuccino, Spaghetti, Pizza, Pasta und Knoblauch mit, sondern auch ein neues Lebensgefühl. In Bayreuth waren dies die Italiener Alfredo Aquenza, Franco Marino der ab 1969 aus seinem „Royal“ am Josephsplatz den ersten Pizza-Lieferservice bot, dessen Kellner Raffele Billiani, der später das „Piccadilly“ übernahm oder die Eisspezialisten Alberto „Aldo“ Faldon oder Franco Sartori. Sie alle haben dafür gesorgt, dass Bayreuth mit Leben erfüllt wurde. „Grazie mille“.


Text: Stephan Müller


Stephan Müller


Stephan Müller (53) ist Stadtrat, Hobbyhistoriker, freiberuflicher Journalist und Autor zahlreicher Bücher zur Geschichte Bayreuths. Für das Bayreuther Tagblatt hat er sein Archiv geöffnet. Die besten Anekdoten gibt es immer wieder hier beim bt.

Lesen Sie auch: