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Der schwarze Humor der Markgräfin Wilhelmine

Ihr beißender Humor war allbekannt. Die Markgräfin Wilhelmine machte mit ihren spöttischen Bemerkungen auch vor ihrer Familie nicht halt. bt-Kolumnist und Hobbyhistoriker Stephan Müller hat sich mit dem Thema befasst.


Die Rolle Wilhelmines

Das Markgräfliche Opernhaus, das seit 2012 den Titel eines UNESCO-Weltkulturerbes führen darf, war gut 140 Jahre vorher auch das Ziel von Richard Wagner. Er wurde auf die für die damalige Zeit ungewöhnlich große Theaterbühne aufmerksam, fand aber das barocke Opernhaus der Markgräfin Wilhelmine aus mehreren Gründen für seine Zwecke ungeeignet.

Aber er blieb in der Stadt und baute sein Festspielhaus. So gibt es keinen Zweifel, dass es ohne die preußische Königstochter, die Bayreuth zu einer der prunkvollsten deutschen Städte des 18. Jahrhunderts machte, keine Richard-Wagner-Festspiele und auch kein Weltkulturerbe in Bayreuth gäbe.

Und so ist es auch logisch, dass Bayreuth mit der kunstsinnigen Fürstin, die sich in Bayreuth mit dem Opernhaus, dem Neuen Schloss oder den Gärten Eremitage und Sanspareil ihren Musenhof schuf, wirbt.

Doch unsere Markgräfin hatte auch eine andere Seite, eine Seite voll schwarzem Humor, dem wir uns hier genüsslich widmen wollen:

Das Flötenkonzert Friedrichs des Großen in Sanssouci ist ein fiktives Gemälde von Adolph von Menzel, das von 1850 bis 1852 entstand. Es zeigt den Preußenkönig beim Flötensolo im festlich erleuchteten Konzertzimmer seines Rokokoschlosses Sanssouci abhält. Im Hintergrund ist Friedrichs Lieblingsschwester, die Markgräfin Wilhelmine, auf dem Sofa zu sehen. Foto: Stephan Müller

Das Standesbewusstsein der königlichen Hoheit

Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth, 1709 als Prinzessin von Preußen im Berliner Schloss geboren und Lieblingsschwester Friedrichs des Großen, hatte ein ausgeprägtes Standesbewusstsein.

Während ihrem Mann Friedrich als Markgraf (nur) der Titel „Durchlauchtigster Fürst“ zustand, bestand Wilhelmine auf die Anrede „Königliche Hoheit“.

Der Kupferstich Joh. Peter Demleutner aus dem Jahr 1720 zeigt die Residenzstadt Bayreuth mit dem Alten Schloss. Wilhelmine kam 1732 nach Bayreuth. Im Vordergrund sind die „Herrenwiesen“ zu sehen. Archiv: Stephan Müller

Ihr beißender Spott war allbekannt. In Ihren Memoiren beschrieb sie ihre Zeitgenossen mehrfach mit spitzer Zunge.

Das ging schon los, als sie nach ihrer Hochzeit mit dem Bayreuther Erbprinzen Friedrich in Berlin im Januar 1732 nach einer langen Kutschfahrt erstmals bei Hof die Bayreuther Markgrafschaft erreichte.

„Sie sahen alle aus wie Knecht Ruprecht“

Unter Kanonendonner wurde sie von Hofmarschall von Reitzenstein und dem ganzen Hofer Adel an der Landesgrenze feierlich in ihrer neuen Heimat empfangen. In ihren Memoiren zeichnete sie ein anschauliches, aber wenig freundliches Bild des Empfangskomitees:

Sie sahen alle aus wie der Knecht Ruprecht; statt der Perücken ließen sie ihre Haare tief ins Gesicht hinein fallen, und Läuse von ebenso alter Herkunft wie sie selbst hatten in diesen Strähnen seit undenklichen Zeiten ihren Wohnsitz aufgeschlagen; ihre sonderbaren Figuren waren mit Gewändern behangen, deren Alter hinter dem der Läuse nicht zurückstand.

(Auszug aus den Memoiren der Markgräfin Wilhelmine)

„Man hätte sie für Bauernlümmel halten können“

Es waren Erbstücke ihrer Ahnen und vom Vater auf den Sohn übergegangen; die meisten waren dem Maß ihrer Ahnen zugeschnitten worden, und das Gold war so abgenutzt, daß man es nicht mehr erkennen konnte; dennoch waren dies ihre Galakleider, und sie dünkten sich in diesen antiken Lumpen zum mindesten ebenso imposant wie der Kaiser in der Tracht Karls des Großen.

Ihre groben Manieren standen mit ihrem Äußeren vollkommen im Einklang; man hätte sie für Bauernlümmel halten können. Zum Übermaß waren die meisten auch noch dazu krätzig. Ich hatte große Mühe, ihnen nicht ins Gesicht zu lachen.

(Auszug aus den Memoiren der Markgräfin Wilhelmine)

Zwei kleine blassblaue Schweinsaugen

Markgraf Friedrich Christian war der Nachfolger von Wilhelmines Mann, dem Markgraf Friedrich. Friedrich Christian war der Onkel von Friedrich und regierte von 1763 bis 1769. Foto: Stephan Müller

Auch der jüngste Bruder ihres Schwiegervaters, Friedrich Christian, blieb von ihrem Spott nicht verschont. Der „Sonderling der Familie“, der immerhin der Nachfolger ihres Mannes als Markgraf werden sollte, besuchte 1732 Bayreuth. Wilhelmine beschreibt ihn wie folgt:

Er war eher groß als klein und recht wohl gestaltet; die Anzahl seiner Hirngespinste beanspruchte jede Menge Platz; der stand ihm in seiner Birne, die von beachtlicher Größe war, ausreichend zur Verfügung. Zwei kleine blassblaue Schweinsaugen füllten die Leere dieses Kopfes mehr schlecht als recht aus. (…)

(Auszug aus den Memoiren der Markgräfin Wilhelmine)

Ein gewaltiges Gelächter

Im September 1748 wurde in Bayreuth die Vermählung von Wilhelmines Tochter Friederike mit dem Herzog Karl Eugen von Württemberg-Stuttgart gefeiert. Dazu wurde – und das klingt ja erst einmal recht nett – auch die Bayreuther Bevölkerung auf der „Herrenwiesen“, also dem heutigen La Spezia- beziehungsweise Luitpoldplatz, eingeladen. Dazu schrieb Johann Georg Heinritz 1825 in seinem Buch „Zur Geschichte der Stadt Bayreuth“:

Nach der Mittagstafel wurde ein Ochse, zwey Hirschen und acht Köpfen Hammel gebratenerweise auf der Herrenwiesen dem Volk preisgegeben, wobei man zugleich zweyerley Wein und auch Bier springen ließ. Ochse und Hammel dem Volk allerdings nur unter der Bedingung preisgegeben wurde, dass ‚die Teilnehmer bei der Zerstückelung kein Messer gebrauchen durften‘. (…) Dieser Spaß, die ihm die Herrschaft vom Schlosse aus zusahen, erregte gewaltiges Gelächter, aber auch bei dem hier und da sichtbaren Streben nach größeren Portionen manchen blutigen Kopf.

(Auszug aus „Zur Geschichte der Stadt Bayreuth“ von Johann Georg Heinritz)


Text: Stephan Müller


Stephan Müller


Stephan Müller (53) ist Stadtrat, Hobbyhistoriker, freiberuflicher Journalist und Autor zahlreicher Bücher zur Geschichte Bayreuths. Für das Bayreuther Tagblatt hat er sein Archiv geöffnet. Die besten Anekdoten gibt es immer wieder hier beim bt.


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