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Die Geschichte der Bayreuther Markgrafentochter – mit Briefen fing es an

August der Starke ist der wohl bekannteste sächsische Herrscher. Er wurde 1670, als zweiter Sohn des Kurfürsten Johann Georg III. geboren und 1694, nachdem sein älterer Bruder Johann Georg IV. an den Blattern verstorben war, Kurfürst von Sachsen. Weniger bekannt ist, dass seine Ehefrau Christiane Eberhardine, Tochter des Markgrafen Christian Ernst, eine Bayreutherin war. Zum ersten Mal sahen sich Friedrich August und Eberhardine, als Markgraf Christian Ernst dem sächsischen Hof in Dresden im Jahr 1687 einen Besuch abstattete. Die damals 15-jährige Prinzessin war ein ausnehmend anmutiges und hübsches Mädchen, war groß gewachsen, hatte eine „vornehme“ blasser Haut und langes blondes Haar. Sie war bescheiden, sittsam und intelligent und machte somit mächtig Eindruck auf August. So wanderten immer häufiger Briefe und Geschenke zwischen Bayreuth und Dresden hin und her, bis schließlich Johann Georg III. für seinen Sohn beim Markgrafenpaar um Christiane Eberhardines Hand anhielt.

Doch in Bayreuth war August wahrlich nicht die erste Wahl. Mutter Sophie Louise hielt den lebenslustigen Wettiner für keinen soliden Ehemann. Nachdem mit Johann Wilhelm von Pfalz-Neuburg und einem dänischen Prinzen noch weitere Bewerber zur Auswahl standen, spielten die Bayreuther erst einmal auf Zeit. Schließlich hatte der Verehrer aus Dresden auch einen älteren Bruder und würde wohl kaum Regent werden.

„Ihr gedreister Knecht“

Nach langem Hin und Herr willigte der Markgraf aber doch ein und Friedrich August griff freudig zur Feder: Am 27. August 1692, schrieb er Eberhardine einen überschwänglichen Brief an die „scheenste Prinzessin von der ganzen Welt“, einen Brief, den der Bayreuther Historiker Karl Müssel als „verliebte(s) Gestammel eines jungen Mannes“ bezeichnete, das „von der sächsischen Mundart bestimmt wurde.“

Der Brautwerber erklärt seiner „Durchleichtigste princessin“ sein Entzücken über das „glickliche Jawohrt“ und verspricht: „Sie haben in ihren henden einen gehorstamsten schlafen (Sklaven) glicklich und unglicklich zu machen.“ Die Unterschrift: „Ihr gedreister Knecht Friedrich August Herzog von Sachsen.“

„Allhier hochfürstliches Beilager gehalten“

Die Trauung ging am Dienstag, den 10. Januar 1693 in Bayreuth über die Bühne. Im Kirchenbuch steht unter diesem Datum, dass die „Ehe geschlossen“ und „allhier hochfürstliches Beilager gehalten“ wurde. Es war das wohl festlichsten Ereignis des Bayreuther Hofes im 17. Jahrhundert. Anzumerken ist, dass es im Jahr 1700 eine Kalenderreform gab, so dass der Hochzeitstag sieben Jahre später nach dem neuen System auf den 20. Januar 1693 geändert wurde.

Die Festlichkeiten mit Banketten und Opernaufführungen dauerten vier Wochen. Einer der Höhepunkte war das Hochzeitsgeschenk von Markgraf Christian Ernst an seine Tochter. Es ist überliefert, dass Christiane Eberhardine eine riesige Torte gebracht wurde aus der der kleine Johann Tramm sprang. Der Hofzwerg war der „Liebling“ von Christian Ernst. Er war etwa „zwei Schuh“, also nur etwas über 60 Zentimeter, groß. Der kleine Mann war sehr beliebt, er genoss am Bayreuther Hof „Narrenfreiheit“ und vergnügte die Hofgesellschaft mit seinen Späßen.

Einzug in Dresden

Am 17. Februar 1693 kam die Hochzeitsgesellschaft in Dresden an. Als die Kutschen durch das Stadttor fuhren, begannen alle Kirchenglocken zu läuten. Das Brautpaar wurde von den prächtigen Hoftrompetern und der jubelnden Einwohnerschaft empfangen. Es folgte ein Bankett im Jägerhof und wie schon in Bayreuth Feste und Vergnügungen. Kurz nachdem die Prinzessin nach Dresden übergesiedelt war, zog August zunächst nach Norddeutschland in den Krieg, um Dänemark im Kampf um das Herzogtum Lauenburg beizustehen. Danach unternahm er, wie zuvor schon einmal als Junggeselle, eine sicherlich wenig langweilige Kavalierstour zum Karneval nach Venedig, nach Rom und Neapel.

Eberhardine blieb einsam zurück. Am 11. Februar 1694, also nur etwas über ein Jahr nach der Hochzeit, schrieb sie, immer noch in ihren Gemahl verliebt, ihrer Mutter:

„Der Hertzog würd stüntlich erwartet und verlanget mich gar ser, ihm wider hir zu wißen. Er ist alle zeit gesunt geweßen. Die lustparkeiten aber zu Venisse sollen gar Schlegt geweßen seyn, als glaube, es würd ihm wohl gereuen diese reise gethan zu haben, welche ich wünsche, so verbleibt er ein anter mahl bey mir.“

Die Markgrafentochter Christiane Eberhardine von Brandenburg. Foto: Bernd-Mayer-Stiftung.

Friedrich August wird Kurfürst

Am 27. April 1694 kam August dann überraschend an die Macht. Sein älterer Bruder, Kurfürst Johann Georg IV., war mit 27 Jahren an den Blattern gestorben. Plötzlich war August Herrscher von Sachsen. Auf ein Kondolenzschreiben ihrer Mutter zum Tod des kurfürstlichen Schwagers und ihrem plötzlichen Aufstieg zur Kurfürstin von Sachsen antwortete Christiane Eberhardine am 4. Mai 1994:

Welcher geschwinter Todt, wie Euer Gnaden leicht glauben können, eine ser große affligtion bey unß allerseitz verursagt hatt. … Viel mehr aber sage ich unterthenigsten Danck vor die freude, so Euer Gnaden mir temoingiren, daß es dem großen Gott gefahlen, die Chur nuemehro dem Hertzog als nun Churfürst mit zu theilen und ich auch dadurch zu einer größeren wührte gelanget.

Der Thronfoger kommt auf die Welt

Es dauerte noch bis in das vierte Ehejahr, ehe am 7. Oktober 1696 mit dem Kurprinzen Friedrich August (II.) der einzige Sohn des Paares geboren wurde. Anlässlich der Geburt schenkte August seiner Frau das Schloss Pretzsch, die an der Elbe – und war sie los … Aus der Hoffnung eines glücklichen Ehelebens wurde nichts. Sie hatte ihre dynastische Pflicht erfüllt und er kränkte sie maßlos damit, dass er als „unwiderstehlicher Liebhaber“ wahrgenommen werden wollte und seine Zeit mit seinen zahlreichen Mätressen verbrachte. Mehrere Jahrzehnte später beurteilte die Bayreuther Markgräfin Wilhelmine, die in jungen Jahren selbst einmal in das Visier von August den Starken geriet, in ihren (geschwätzigen) Memoiren die Sachlage so:

„Er unterhielt eine Art Harem der schönsten Frauen seines Landes. Als er starb, berechnete man, dass er von seinen Maitressen 354 Kindern gehabt habe.“

Das scheint natürlich maßlos übertrieben. Belegt sind acht uneheliche Kinder von August dem Starken, die er mit sechs verschiedenen Mätressen gezeugt hat. Aber auch sonst ließ sie in ihren Memoiren kein gutes Haar an ihm:

(…) Sie kamen auf den Einfall, mich mit dem König August von Polen verheiraten zu wollen. Dieser zählte damals neunundvierzig Jahre. Seine Liebeshändel waren weltberühmt; er besaß große Eigenschaften, doch wurden sie von seinen zahlreichen Fehlern verdunkelt. Eine zu große Vergnügungssucht ließ ihn das Wohl seines Staates und seiner Untertanen vernachlässigen, und seine Trinksucht verleitete ihn zu Unwürdigkeiten, deren er sich im trunkenen Zustand schuldig machte und die auf immer seinen Namen schädigen werden.

Die Betsäule Sachsens

Zu einem handfesten Krach des jungen Ehepaars kam es ab dem Frühjahr 1697 aber aus einem anderen Grund: August wollte König von Polen werden. Um dafür überhaupt in Frage zu kommen, konvertierte er am 2. Juni 1697 in Baden bei Wien heimlich zum Katholizismus und verlanget dies auch von Christiane Eberhardine. Die strenggläubige Protestantin, die dreimal am Tag zur Kirche ging und sich auch beim Aussuchen von Liedern für das evangelische Gesangbuch beteiligte, lehnte es kategorisch ab, ihr lutherisches Bekenntnis aufzugeben. Damit gewann die die Sympathie des sächsischen Volkes, die für Augusts Handlungsweise nicht das geringste Verständnis aufbrachten. Mit ihrem Verhalten, dass ihr bis heute die (lobende) Bezeichnung „Die Betsäule Sachsens“ einbrachte, wurde sie ungewollt zu einem Faktor der europäischen Politik. Letztlich musste Christiane Eberhardines Haltung auch Friedrich August akzeptieren. Eberhardine war auch nicht dabei, als August am 15. September 1697 gekrönt wurde, und sie hat Polen nie betreten.

Sie lebte zurückgezogen in Pretzsch, unterhielt dort einen großen Hofstaat, den August widerspruchslos finanzierte. Sie unternahm viele Reisen und kümmerte sich um die Erziehung verschiedener Prinzessinnen, darunter die Tochter ihres Bruders Markgraf Georg Wilhelm. Sie starb am 5. September 1727. An ihrer Beisetzung in der Stadtkirche Pretzsch nahmen wieder ihr Gatte noch ihr Sohn teil. Sie gilt bis heute als die tugendhafte unter allen Fürstinnen und aufgrund ihrer Charakterstärke gehört sie zu den großen Frauengestalten der Geschichte.


Text: Stephan Müller.


Stephan Müller

Stephan Müller (53) ist Stadtrat, Hobbyhistoriker, freiberuflicher Journalist und Autor zahlreicher Bücher zur Geschichte Bayreuths. Für das Bayreuther Tagblatt hat er sein Archiv geöffnet. Die besten Anekdoten gibt es immer wieder hier beim bt.

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