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Interview mit einem Sprayer (Teil 1): „Ich sehe mich nicht als Kriminellen“

Soon ist ein in Bayreuth aktiver Graffiti-Sprüher, der sich bereit erklärt hat mit uns zu reden. Bei dem zweieinhalbstündigen Gespräch geht es um Graffiti als Kunstform, das Adrenalin in den Adern und den urbanen Protest gegen bestehende Strukturen. Das Interview besteht aus zwei Teilen und ist im Wortlaut abgedruckt. Es repräsentiert damit ungefiltert den Standpunkt eines illegalen Sprühers.

Danke, dass du dich bereit erklärt hast, mit uns zu reden. Erstmal: Warum?

Es ist eine gute Gelegenheit, den Menschen eine andere Perspektive zu zeigen. Man kann sich rechtfertigen und der Öffentlichkeit zeigen, dass Graffiti nicht nur Sachbeschädigung ist, wie die Leute meinen. Für mich ist es eine Honorierung von einer Arbeit, für die man lebt und es ist toll, auf einer öffentlichen Plattform darüber zu reden.

Seit wann bist du aktiv? Wie bist du dazu gekommen?

Das hat alles schon vor langer Zeit angefangen und ich bin schon immer in “Subkulturen“ unterwegs gewesen, aber richtig bewusst Graffiti unter meinem Namen “Soon“ gibt es erst seit zwei Jahren. Hip-Hop und somit Graffiti hat im Skatepark schon immer eine große Rolle gespielt, das hat mich als Junge gepackt. Da hatte ich natürlich auch meine Vorbilder. Dieses Spielen mit den Buchstaben hat mich schon immer fasziniert, diesen Reiz den eigenen Namen überall zu sehen. Man nimmt einfach die Welt in Graffiti wahr, das Leben ist bestimmt von Graffiti. Wenn ich durch eine Stadt laufe, nehme ich Tags wahr, nicht die Sehenswürdigkeiten. Man lernt die Stadt einfach anders kennen.

Warst du immer schon illegal unterwegs? Warum, was ist der Reiz?

Das erste große Wort ist Freiheit. Die Freiheit mich persönlich durch mein Hobby auszuleben und Spaß zu haben. Das Adrenalin und das Glück, es spüren zu können. Die anderen Dinge um einen herum zu vergessen.

Aber es ist Meinungsfreiheit in seiner reinsten Form. Die Möglichkeit, meine eigene kleine Stimme, die sonst nicht so bedeutend ist, an die Öffentlichkeit zu tragen mit dem Medium Farbe.

Dann natürlich die Ästhetik, die Freiheit meinen Raum, mein Umfeld bunter zu gestalten. Gerade dort, wo die Leute sonst nur so durch hetzen, einen Anreiz zu geben. Manchmal malt man auch einfach drauflos, aber meistens ist es mit Planung verbunden: wo soll das Bild hin, ist es Privateigentum, ist es öffentlich, wie gehe ich vor und was will ich damit sagen. Es gibt ganz unterschiedliche Gründe, jeder Sprayer würde eine andere Antwort geben, warum er es macht. Graffiti ist eine Protestform gegen Strukturen, denen man sich nicht fügen will.

Es ist die Möglichkeit meine Aussagen und meinen Standpunkt einer breiten Masse zugänglich zu machen. Da ist natürlich auch ein bisschen Egoismus dabei, der aber in jedem von uns steckt und ich lebe ihn eben in meiner Kunst aus, in jedem Bild in der Öffentlichkeit. Es ist mir lieber das in bunter Form mit Message rüberzubringen, als in meinem privaten Leben egoistisch zu sein.

Was denkst du über die legalen Spots?

Legale Spots bieten die Möglichkeit sauber und fein zu arbeiten und alles umzusetzen, das einem in den Kopf kommt. Das ist dann oft mit viel mehr Anerkennung verbunden und man kann öffentlich seinem Hobby nachgehen – es vielleicht sogar befriedigender ausleben. Das legale Malen steht bei mir aber im Hintergrund. Bei mir geht es um das Adrenalin, den Spaß, seine Message rüber zu bringen und sie einfach an die Wand zu knallen. Legales Sprühen fasziniert mich nicht so, ein illegales Bild polarisiert mehr. Ein Grund ist aber auch, das legal weniger Abwechslung und Freiheit möglich ist. Die Halls (legale Graffitiwände) sind oft abgelegen. Graffiti gehört zur Stadt und sollte nicht marginalisiert werden, sondern den Leuten direkt und unerwartet vor die Augen gesetzt werden. 

Foto: Soon

Würden legale Wände weniger illegale Sprüher bedeuten?

Ich würde vielleicht weniger illegale Aktionen machen, aber generell sind illegales und legales Sprühen definitiv voneinander zu trennen. Legale Bilder haben mehr einen künstlerischen Ansatz, du hast mehr Zeit und einen detaillierten Plan. Beim illegalen Malen steht die Kunst im Hintergrund, allein durch die limitierte Zeit. Aber mehr legale Wände sind immer gut, für die Kids und für Interessierte, die sich frei von Stress und Restriktionen ausleben wollen. Ich fahre zum Beispiel oft in verlassene Gebäude und arbeite dann ohne Zeitdruck und Maske. Die Möglichkeit, legal malen zu können bedeutet, dass die Leute eine Wahl haben, ihnen wird eine Entscheidung gegeben, sie müssen sich für ihr Hobby nicht in die Illegalität begeben, wenn sie nicht wollen. Daher ist es gut und wichtig, dass es legale Flächen gibt, die für jeden – also ohne diese komischen Genehmigungszertifikate wie in Bayreuth – zugänglich sind. Aber es wird immer welche geben, die die Form des illegalen Sprühens wählen, da sie das Adrenalin, dieses Gefühl von Freiheit und auch die ureigene Message von Graffiti sonst nie so erleben würden.

Bist du schon mal erwischt worden?

Nein, nur eine kleine Lappalie bisher, die sehr gut für mich ausgegangen ist. Aber jeden erwischt es mal. Es bedarf schon großer Disziplin bei der Durchführung und rechtliche Kenntnisse der Konsequenzen, wenn man sich für das illegale Malen entscheidet. Aber das Risiko erwischt zu werden wird man nie vollständig abschalten können.

Was ist die Polizei für dich?

An sich besteht das Feindbild Polizei schon seit Langem, das übernimmt man und das beruht mit Sicherheit auch auf Gegenseitigkeit. Aus persönlicher Erfahrung kann ich das unterschreiben, es passieren bei der Polizei auch viele Ungerechtigkeiten, die mit Maß halten nichts mehr zu tun haben. Da bekommen gewisse Menschen als Polizisten eine Macht, die sie schamlos ausnutzen. Ich persönlich habe deswegen aber nichts gegen jeden Polizisten per se, nur gegen bestimmte Polizeistrukturen und gewisse Sondereinheiten. Die Restriktionen und Konsequenzen treffen halt oft junge Menschen, die sprühen und damit juristisch ihre Zukunft aufs Spiel setzen, obwohl sie sich als besonders kreativ beweisen, enorme Motivation und Geschick zeigen und sich aktiv Gedanken über die Welt machen. Graffiti gehört nicht ins Strafrecht, es ist eine Ordnungswidrigkeit, ok, aber so wie es aktuell behandelt wird, ist es nicht vertretbar. 

Belastet dich das?

Natürlich. Mal mehr mal weniger.

Ich sehe mich nicht als kriminell, ich sorge sehr gut vor, um die Kontrolle zu behalten und den Schaden für mich zu minimieren. Aber man achtet schon darauf, was man zu wem sagt, zieht sich eher in die Crew zurück.

Man macht halt nicht mit bei dem Konkurrenzkampf, alles über sich und seine Hobbys in den großen sozialen Netzwerken zur Schau zu stellen, sondern zieht sich in seinen kleineren Kreis zurück. Man darf seine Skizzen zum Beispiel einfach nicht dabei und auch nicht daheim haben, man vernichtet sie bevor man rausgeht. Da gehen natürlich auch Dinge verloren, das ist schade, aber so ist es, es ist vergänglich und so ist diese Kunstform. Die Sicherheit geht vor.