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Interview mit einem Sprayer (Teil 2): „Nach zehn Minuten steigt das Risiko“

Zum Thema Graffiti gibt es so viel zu sagen, wie es Standpunkte dazu gibt. Im ersten Teil unseres Interviews wollten wir wissen, wie der Sprüher Soon zum Malen gekommen ist. Im zweiten Teil gehen wir noch etwas weiter und wollen über Genzen und das Suchtpotential des illegalen Sprühens reden.

Was bedeutet dein Name „Soon“?

Ich hatte früher schon andere Namen mit Doppel-O. Soon ist bei einer wilden Feierei entstanden und beschreibt meinen Charakter sehr gut. Sobald es etwas gibt, das ich will oder für das ich stehe, wird es eben auch “bald“ gemacht. Das OO hat einen Wiedererkennungswert, man kann es gut im Comic-Style verwenden und darin eine Message einbauen. Beispielsweise: Augen weg vom Handydisplay, geht mit offeneren Augen durch die Welt und nehmt euer Umfeld bewusster war! Den Namen, den man sprüht, nimmt man in gewisser Form an, schleift ihn und verbindet ihn mit der eigenen Persönlichkeit.

Bist du auf ein Bild besonders stolz?

Mir bedeutet jedes Bild, das gerade fertig geworden ist, viel. Aber es gab da mal eine richtig große Aktion, die so nie wieder geschehen wird. Das hat mich sehr geprägt und ich weiß, dass das nie wieder so kommen wird.

Gibt es Grenzen?

Es gibt auf jeden Fall Limits. Ich gehe schon bewusst ran und überlege, wo ich das Graffiti platziere. Das sind dann so Sachen wie, ist es ein Altbau oder eine öffentliche Fläche, was ich vorziehe, weil ich keine Einzelpersonen belasten will. Man muss reflektiert darüber nachdenken. Und Limits entstehen auch bei der Ortswahl für ein Graffiti, wie befahrene Autobahnen, Züge und Stromkästen – es ist immer davon abhängig wo und wie man malen geht. Zeit ist aber der wichtigste Faktor um das Risiko klein zu halten.

Foto: Soon.

Wo malst du am liebsten?

Überall ist eine ganz andere Atmosphäre, das ist der Hauptgrund warum ich an unterschiedlichen Medien unterwegs bin. Man kommt an Orte, wo sonst kein Mensch hinkommt und die in der öffentlichen Wahrnehmung nicht existieren.

Wenn ein Güterzug vorbei fährt und man liegt im Gleisbett und alles vibriert, das ist eine ganz besondere Atmosphäre.

Anders ist es in der Stadt, da ist mehr Leben. Beim Bahnhof weiß man, dass die Security kommen kann. Jeder Ort hat einen anderen Charakter. Nachts in der Stadt ist es diese einkehrende Ruhe, die man trotz der Hektik spürt. Die Stadt schläft, es ist kein Geräusch zu hören und nichts lenkt einen ab. Züge sind die Königsdisziplin, das ist mit viel Planung verbunden und die größte Herausforderung des Malens. Und natürlich auch der größte Sachschaden. Ich male nicht gerne permanent Züge, weil ich auch mal runter kommen will vom Stress und dem Kick. Der Schlafrhythmus geht kaputt, beim Zug ist man um 5 Uhr morgens daheim und muss am nächsten Tag in der Arbeit stehen. Bei Autobahnen spielt auch einfach die Dreistigkeit eine Rolle, die Autos können auf der Autobahn schlecht einfach so anhalten. Man darf auch nicht länger als zehn Minuten brauchen, ansonsten steigt das Risiko. Es kommt auch auf die Lebenssituation an, manchmal ist man sehr risikofreudig und will viel produzieren. Und dann gibt es wieder ruhigere Phasen.

Macht es süchtig?

Auf jeden Fall. Gerade am Anfang der Graffitigeschichte war es übrigens auch ein Mittel um von Gewalt und Drogen wegzukommen.

Es hat einen so hohen Suchtcharakter, dass man sich dabei komplett vergessen und hinten anstellen kann.

Ich trinke zum Beispiel nicht oder sehr wenig, weil es mir wichtiger ist, malen zu gehen als zu saufen. Das Suchtmittel Graffiti hält einen da zurück.

Was denkst du über die Menschen, die sich über Graffiti aufregen?

Einerseits hat man natürlich Verständnis. Auf der anderen Seite denke ich mir, wie kann man sich über Kleinigkeiten wie Farbe und einem Schriftzug an einer grauen Wand so aufregen. Es gibt so viel anderes in dieser Welt über das man sich aufregen kann. Daher ist es dann eher ein Bedauern und auch Wut, worüber und wie Menschen sich aufregen können, die aber selbst nicht besser sind in anderen Bereichen. Wir durchlaufen gerade aktuell einen gesellschaftlichen Wandel mit der Verlagerung nach rechts, Nazipropaganda wird wieder salonfähig, Ausbeutung und Kriege an deren Entstehung der Westen Mitschuld hat, zwingen Millionen Menschen zur Flucht, von der Umwelt haben wir uns schon lange unbewusst verabschiedet und schauen gemütlich von daheim aus bei deren Zerstörung zu.

Die Leute sollten lieber mal bei sich selber anfangen und die wahren Probleme unseres Konsums, und den Umgang mit den Mitmenschen reflektieren. Jeder hat das Recht, den öffentlichen Raum zu gestalten, solange ich dabei niemandem körperlichen Schaden zufüge.

Hast du Angst erwischt zu werden?

Man lernt mit dem Risiko umzugehen und die Anspannung auszuhalten. Abschalten kann man nie, vor jeder Aktion spürt man das Zittern und geht die Konsequenzen durch. Als junge Person ist man natürlich mehr im Schema der Polizei drin. Ich kenne aber auch Familienväter, die immer noch ihre zwei bis drei Züge im Jahr malen und nicht davon loskommen. Irgendwann möchte ich an einen Punkt kommen, an dem ich sagen kann, dass ich erlebt habe, was ich erleben wollte und erreicht habe, was ich erreichen wollte und dann werde ich auf jeden Fall aufhören – oder auch nicht, wer weiß das schon.

Lieber sprühen in Bayreuth oder sprühen in Berlin?

Man ist hier eingeschränkter und hat nicht so sehr den Schutz der Stadt, deshalb muss man vorsichtiger sein. Bayreuth kennt keine Anonymität, weil sich hier irgendwann alle kennen. Man muss sich zurückschrauben, aber es gibt andere Möglichkeiten wie alte Industrieanlagen im Fichtelgebirge.

Was sind die Vorsichtsmaßnahmen?

Sei drei Schritte voraus! Man darf nichts daheim rumliegen lassen und nicht medial kommunizieren. Wem erzählt man von seinem Hobby. Vorher wird ein Ort beobachtet, um ihn einschätzen zu können, um die Gegebenheiten zu checken, Fluchtwege auswählen und manchmal gehen ein bis zwei Leute mit, um dich warnen zu können.

Hast du einen künstlerischen Ansatz?

Künstlerisch will ich mich auf jeden Fall ausleben, es muss schon was hermachen, wenn es der Öffentlichkeit ausgesetzt wird. Kreativität, Planen, das Aussuchen von Farben, das ist ein wunderschönes Spiel ohne Grenzen, bei dem man niemals alles ausprobiert hat. Es fasziniert mich, deswegen lege ich Wert auf Buntes. Es ist eine Mischung aus Kunst, Hobby und dem Protest, sich die Frechheit zu nehmen sein Umfeld zu gestalten.

Ist Graffiti Rebellion? Und wenn ja, wogegen?

Es ist in gewisser Weise urbane Rebellion, wenn man sich die Wurzeln des Graffiti anschaut, wie die Tags entstanden sind. Die sind auf Gangs zurück zu führen, die damit die Gebiete aufgeteilt haben. In den 60ern haben Jugendliche in den Suburbs und Ghettos Amerikas gemerkt, dass sie mit einem Synonym aus dem alternativlosen Leben ausbrechen und damit berühmt werden können. Ein Protest gegen die Leitkultur, indem man sich als Subkultur über Regeln und Normen hinwegsetzt. Ob gesellschaftlich oder politisch variiert von Bild zu Bild.

Für mich persönlich ist es ein Aufschrei gegen die anonyme verstädterte Welt, in der so viele Personen und Reize auf einen einprasseln. Frei vom Zwang der Werbung konsumieren zu können und den Menschen einen Moment des Innehalten zu geben.


So kam es zum Treffen

Besonders einfach ist es nicht, den Kontakt zu einem illegalen Sprüher herzustellen. Noch schwieriger ist die Durchführung. Maskiert, keine Namen, keine Audio-/Videoaufnahmen sind die Bedingungen. Was bedeutet, dass man sich in einem Raum mit einer maskierten Person wiederfindet und als einziges Hilfsmittel Stift und Papier hat.