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Ein Bayreuther wird zum Comic-Star

Comics sind nicht nur was für kleine Jungs. Und Comics handeln nicht immer nur von Superhelden und Superschurken, die um die Weltherrschaft kämpfen. Das beweist der Hamburger Zeichner und Autor Simon Schwartz. Er hat einen ganz besonderen Comic gezeichnet: einen politischen. „Parlament – 45 Leben für die Demokratie“ heißt sein Werk, indem Schwartz unbekannte, besondere, teils exzentrische, aber stets wahre Biografien von deutschen Parlamentariern von 1848 bis 1990 vorstellt. Eine der Lebensgeschichten, die der Autor einfängt, ist die des Bayreuther Politikers und erstem Parlamentspräsidenten Heinrich von Gagern (* 20. August 1799 in Bayreuth, † 22. Mai 1880 in Darmstadt).

Eine Leseprobe finden Sie hier

„I. Als Sprössling eines mehr als 500 Jahre alten Adelsgeschlechts erblickte Heinrich von Gagern in der Neuen Eremitage in Bayreuth das Licht der Welt. Kurz zuvor war seine Familie von französischen Revolutionstruppen aus dem hessischen Weilburg geflohen. Sein Weg war klar vorbestimmt. Er besuchte die Kadettenschule und wurde mit nur 15 Jahren Unterleutnant im Befreiungskrieg gegen Napoleon, wobei er bei Waterloo leicht verwundet wurde.“

„II. 1816 ging von Gagern zum Studium nach Heidelberg. Aber statt zu lernen, betrank und duellierte er sich und war stets knapp bei Kasse. Sein bislang wohlwollender Vater schickte ihn nach Jena – das Zentrum der Burschenschafterbewegung. Dort begeisterte sich von Gagern für demokratische Prinzipien und eine Verfassung. Deshalb versetzte ihn sein Vater erneut – diesmal nach Genf. Doch in der dortigen demokratisch-bürgerlichen Gesellschaft erlebte der junge Adelige seine entscheidendste Prägung und entdeckte nach eigenen Angaben erstmals seine ‚Individualität und bürgerliche Werte‘.“

„III. 1832 wurde Heinrich von Gagern Oppositionsführer im hessischen Landtag. Die Regierung reagierte auf die Opposition mit der Auflösung des Landtags und versetzte den erst 34-jährigen von Gagern in den Ruhestand. Zwei Jahre später wählte man ihn zum Präsidenten des Landtags. Doch die Regierung unterband seine Ernennung. Frustriert zog er sich für ganze dreizehn Jahre aus der Politik zurück.“

„IV. Im Frühjahr 1848 ernannte man von Gagern zum Regierungschef im Großherzogtum Hessen, wo er reaktionäre Beamte entließ. Eine Teilnahme am Frankfurter Vorparlament lehnte er ab und war erbost, als man ihn auf die Liste für den ‚Siebenerausschuss‘ setzte. Er glaubte, eine Einigung Deutschlands sei nur durch die deutschen Fürsten zu bewerkstelligen. Auf Bitten liberaler Freunde kandidierte er jedoch für den Posten des Präsidenten der Frankfurter Nationalversammlung, um den linken Robert Blum zu verhindern. In der Folge wurde Heinrich von Gagern von den Abgeordneten sieben Mal im Amt bestätigt, mit teilweise über 91 Prozent  der Stimmen.“

„V. Um unabhängig zu bleiben, nahm von Gagern keine Diäten an, wodurch er sich jedoch immer mehr verschuldete. Als die Nationalversammlung einen Ministerpräsidenten als Exekutive plante, war von Gagern die erste Wahl. Dieser lehnte jedoch ab und brachte überraschend die Idee einer Zentralgewalt ins Spiel, der das Parlament folgte. Als überzeugter Vertreter einer konstitutionellen Monarchie nahm Heinrich von Gagern an der Kaiserdeputation in Berlin teil. Nach deren Scheitern litt er immer mehr an ’nervösem Kopfschmerz‘. Am 19. Mai 1849 stimmte er aus Furcht vor einem Bürgerkrieg vom Krankenbett aus für die Auflösung des Parlaments. Einen Tag später lag Heinrich von Gagern sein Mandat nieder.“

„VI. Eher widerwillig beteiligte er sich 1850 an dem von Preußen initiierten kurzlebigen Erfurter Unionsparlament. Mit 51 Jahren trat er als Major kurzzeitig in die schleswig-holsteinische Armee ein und wirkte anschließend im Auftrag Hessen-Darmstadts als Diplomat in Wien. Begeistert von der Reichsgründung 1871 bewarb er sich als unabhängiger Kandidat in mehreren Wahlkreisen um ein Reichstagsmandat. Er gewann jedoch keine einzige Stimme. Eine neue Generation hatte das Ruder übernommen. Mit ihrem prominenten Vertreter hatte sich Heinrich von Gagern bereits bei ihrem ersten und einzigen Treffen 1850 überworfen – Otto von Bismarck.“


Alle Bilder und Texte sind aus dem Comic „Parlament – 45 Leben für die Demokratie“