Freizeit

Erotischer Gerstensaft – hier läuft’s!

In Folge 4 von „Gessn werd dahaam!“ ist Christoph Scholz auf der Suche nach dem passenden Bier für die Bayreuther Variante des Shake-Shack-Hotdogs. Dazu besucht er das Traditionsunternehmen Lang-Bräu aus Schönbrunn im Fichtelgebirge.


Christoph Scholz. Foto: Rainer Kurzeder

Christoph Scholz ist 45 Jahre alt und Familienvater. Sein Geld verdient er als Projektleiter bei Semmel Concerts. Privat beschäftigt er sich gerne mit den Themen Essen, Trinken, Kochen, Gastronomie und Hotellerie.

Für das Bayreuther Tagblatt begibt sich Scholz auf die Suche nach den besten regionalen Produkten und berichtet in seiner Kolumne „Gessn werd dahaam!“ alle 14 Tage exklusiv über seine Erlebnisse und Erfahrungen.

Denn im Dezember möchte Scholz Freunde zu einem mehrgängigen Menü einladen, das ausschließlich aus Zutaten besteht, die in Bayreuth und Umgebung hergestellt werden.

 


Wenn Sie in diesen Sommerferien, die früher einmal als die Osterferien bekannt waren, noch einen Ausflug machen möchten, empfehle ich Ihnen das idyllische Dörfchen Schönbrunn vor den Toren Wunsiedels.

Unsere ehemalige Markgräfliche Regierung in Bayreuth war nämlich
im Jahr 1831 so weise, drei dort ansässigen Wirtsfamilien den Betrieb eines kommunalen Brauhauses zu genehmigen (das Verfahren dauerte 20 Jahre; wir waren in Deutschland wohl schon immer ein bisschen BER).

1883 heiratete Friedrich Gustav Lang, ein Brauereisohn aus
Fattigau bei Hof, eine der Wirtstöchter. Er gründete das Stammhaus, dessen Inschrift noch heute seinen Namen und die Jahreszahl „1888“ trägt. Der Name Lang-Bräu war gesetzt und ein moderner Betrieb mit Brauerei, Landwirtschaft, Tanzsaal und Gaststätte war entstanden.

Inschrift am Stammhaus; Foto: Melanie Scholz

Frida Lang, die Enkelin von Gustav Lang, und der Hofer Braumeister Ernst Hopf bauten ab 1948 nach den Wirren des Krieges den Betrieb wieder auf.
Vorm Getränkemarkt, der zum Schönbrunner Brauhaus gehört, steht eine Bierbank, auf der mich Jürgen und Richard Hopf, Sohn und Enkelsohn von Irma (Frida Langs Tochter) und Ernst Hopf, am Ostermontag zum Interview empfangen. Der Junior hat längst die operative Führung des Geschäfts übernommen, der Senior sorgt aber immer noch fürs Marketing. „Viele Familienbetriebe haben zugemacht, weil ‚der Alte‘ nicht rechtzeitig übergeben hat“, sagt Jürgen Hopf.

Richard und Jürgen Lang; Foto: Melanie Scholz

Anfang der 2000er sorgte er über die Grenzen des Fichtelgebirges und Deutschlands hinweg mit dem „ErotikBier“ für Schlagzeilen, das er, wie er mir vertraulich erzählt, nachts, nur „leicht bekleidet mit Lendenschurz und Gummistiefeln“, braut. Hinter den lustigen Sprüchen und den witzigen Vermarktungsideen vom, laut Werbeprospekt, „Gerstensaft für Manneskraft“ bis zu den Weißbierflaschen mit verkehrt herum aufgeklebtem Etikett (damit man ja nicht vergisst, die Flaschen der Hefe wegen vor dem Einschenken umzudrehen) stecken Handwerkskunst und harte Arbeit, die eines der außergewöhnlichsten Biersortimente der Region hervorbringen.

Der helle Doppelbock gewann 2018 die Silbermedaille beim „European Beer Star“, einem wichtigen Wettbewerb der Brauereibranche. Qualität, die sich rumspricht: ein Schauspieler der Wunsiedler Luisenburgfestspiele gesellt sich während des Interviews kurz zu uns, um ein 15-Liter-Fass
Helles für einen Besuch bei Freunden in Norddeutschland zu bestellen.

Rudolf, der zweitjüngste Hopf im Betrieb, hat die Facebook-Seite zu einer Art Kultgemeinschaft rund ums Lang-Bier aufgebaut. Wenn Sie sich für gut
gemachte Kommunikation in den sozialen Medien interessieren, lege ich Ihnen diese Seite ans Herz.

Mit Vater und Sohn Hopf an diesem warmen Ostermontagvormittag auf der Bierbank zu sitzen, ist ein bisschen wie der sonntägliche Stammtisch im Bayerischen Fernsehen, den ich gerne schaute, als Helmut Markwort noch dabei war. Die Hopfs nehmen mich mit auf einen interessanten Exkurs über Land und Leute, Braukunst und wie man einen Familienbetrieb
immer wieder neu erfindet, so dass ich fast den eigentlichen Grund meines Besuchs vergesse: Ich bin ja nach Schönbrunn gefahren, um ein passendes Bier für unseren Chicago-Hot-Dog zu besorgen!

Zwei Generationen vor dem Stammhaus; Foto: Melanie Scholz

Regelmäßige Leserinnen und Leser wissen, dass ich in dieser Kolumne nach regionalen Zutaten für einen Hot Dog nach Chicagoer Art und Rezeptur der US-Kette Shake Shack suche.
Braumeister Garrett Oliver von der Brooklyn Brewery, die Shake Shack mit Bier beliefert, sagt: „Bei all den aus dem Garten kommenden Aromen – Zwiebel, Gurke, Tomate, Peperoni, Selleriesalz und Senf – gibt es keine Zurückhaltung mehr. Es ist Zeit für die IPAs. Indian Pale Ales sind mutig, rassig, scharfbitter und explosiv mit massiven Blüten- und Zitrusaromen.“

Richard Hopf stimmt seinem New Yorker Kollegen zu und so ist unsere Wahl „Naturtrübs SuperAle“.
Meine Familie ist mitgekommen, zum Mittagessen ziehen wir von der Bierbank vorm Getränkemarkt in den Biergarten des Bräustüberls auf der anderen Straßenseite um. Es ist so schön (es sind ja Sommerferien!), dass wir uns dort bis zum späten Nachmittag verhocken.

Foto: Melanie Scholz

Über das eine oder andere Lagerbier lese ich „Abschied von der Erde“, das neue Buch von Michio Kaku, einem der berühmtesten Physiker der Welt, das mich aktuell wirklich sehr begeistert. Der Wissenschaftler sagt, dass wir die Spezies sind, die das All besiedeln wird.

Ich bin mir an diesen Ostermontagnachmittag allerdings nicht mehr so sicher, ob es nicht doch lebenswerter ist, im Fichtelgebirge in einem Biergarten mit einem kühlen Lagerbier zu sitzen, als in Michio Kakus von Robotern errichteten Städten mit genverändertem Körper als Siedler auf dem Mars zu hausen. Es sei denn, die Hopfs machten dort eine Brauerei auf …

Klimaforschern zufolge könnten die Pfingstferien die neuen Winterferien werden, auch ein Grund, warum Michio Kaku zum Aufbruch ins Weltall rät. Falls es die Witterung am Pfingstwochenende, dem 8. und 9. Juni, zulassen wird, besuchen Sie doch das legendäre Brauereihoffest in Schönbrunn – eine Biennale unter den Dorffesten und auch deshalb was
ganz Besonderes.

Foto: Melanie Scholz

Zum Abschied schenken mir die beiden Braumeister noch einen Kasten SuperAle, den ich für die Heimfahrt nach Bayreuth sicher im Kofferraum der Alten Lady, unseres Mercedes-Oldtimers, verstaue. „Als Wegzehrung“, sagt Richard Hopf. 1980, als die Alte Lady erstmals zugelassen wurde, galten vermutlich lockerere Promillevorschriften, 2019 gilt aber:
„Getrunken wird Dahaam“.


In Folge 5 am 8. Mai verrät Christoph Scholz warum er für diese „oberfränkische Fresskolumne“ einen amerikanischen Imbiss ausgewählt hat.

Lesen Sie auch:

Folge 1: Brötchen von der Bäckerei Lang in Bayreuth

Folge 2: Siebenstern-Senf aus Oberkotzau

Folge 3: Jetzt geht’s um die Wurst!