Nachrichten

Evangelisches Gemeindehaus: Wo sich ein Redakteur zum Affen machte

Gleich doppelt Grund zum Feiern hat in diesem Jahr das evangelische Gemeindehaus in der Richard-Wagner-Straße. 1929 und damit vor 90 Jahren wurde es eröffnet, 1989 und damit vor 30 Jahren ist es renoviert worden. Hobbyhistoriker Stephan Müller hat passend dazu eine der vergnüglichsten Zeitungsenten der Bayreuther Pressegeschichte ausgegraben. Hier ist sie:

„Am liebsten wäre er im Boden versunken“

Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern, doch der alte Journalistenspruch war mit Sicherheit nur ein schwacher Trost für den Alptraum, in dem sich ein Lokalredakteur der „Oberfränkischen Zeitung“, einer Zeitung, die später mit dem Bayreuther Tagblatt verschmolz, im September 1929 befand. „Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen“ wird er sich in der wohl dunkelsten Stunde seines Berufslebens gedacht haben, als er bei der Verlagsleitung, die ihren Sitz im Haus Ellwanger in der Maxstraße hatte, antanzen musste. Am liebsten wäre der unglückliche Journalist in den Boden versunken. Heute, viele Jahrzehnte später, schmunzeln wir bei allem Mitgefühl über eine der vergnüglichsten Zeitungsenten in der Bayreuther Pressegeschichte, eine Falschmeldung die damals für das Stadtgespräch und viel Schadenfreude sorgte.

Die Gastwirtschaft „Zum weißen Roß“ stand einst dort, wo heute das Evangelische Gemeindehaus steht. Das Anwesen war 1927 von der Gemeinde gekauft und abgerissen worden.

„So schwierig wird das wohl nicht sein“

„Um Gottes Willen“, rief unser Redakteur am Sonntagnachmittag des 1. September 1929. Er sprang von der Kaffeetafel auf, als es ihm siedend-heiß in den Kopf schoss: „Ich habe die Einweihung des Evangelischen Gemeindehauses verschwitzt!“ Er malte sich immer wieder das „gefundene Fressen“ für die Konkurrenz des „Bayreuther Tagblatts“ aus und eilte zu seinem Schreibtisch, um sich den Artikel über das hochrangige Stadtereignis aus den Fingern zu saugen. So schwierig wird das wohl nicht sein, hatte ihm der Redaktionsleiter schließlich in der letzten Woche den Programmzettel mit dem genauen Ablauf der Veranstaltung in die Hand gedrückt. Er begann zu schreiben:

„Gestern Nachmittag um 3:30 Uhr fand die feierliche Einweihung des Saalbaus in der Richard-Wagner-Straße statt. Die Schlüsselübergabe und Eröffnung wurde mit Gesang und Posaunenchören eingeleitet.“ Mit verhaltender Freude, dass der Anfang gemacht war, improvisierte er voller Tatendrang weiter: „Daran schloss sich die inhaltsreiche und tiefschürfende Weiherede von Dekan Dr. Karl Wolfrat an…“

Damit konnte er keinesfalls falsch liegen. „Inhaltsreich und tiefschürfend“ wird auf jeden Fall auch beim Dekan gut ankommen.

Der Bericht kommt gar nicht gut an

Damit lag er allerdings grundlegend falsch. Der Bericht, der am 2. September veröffentlicht wurde, kam bei Dekan Dr. Karl Wolfrat überhaupt nicht gut an. Er hatte seine Einweihungsrede nämlich noch gar nicht gehalten. Unser geplagter Redakteur hatte sich nämlich beim fraglichen Termin schlicht um eine Woche geirrt. Die Einweihung war erst am 8. September geplant. Die Nachricht verbreitete sich in Windeseile und das Gelächter war groß.

Vom bekannten Bayreuther Architekten Hans Reissinger stammt diese Zeichnung, die 1928 als Ansichtskarte erschien. Sie zeigt Abweichungen vom verwirklichten Entwurf.

Kleinlaut entschuldigte sich die „Oberfränkischen Zeitung“ in der Ausgabe am 3. September, dass der Irrtum „durch Datumsverwechslung“ passiert sei. Auch wurde darauf hingewiesen, dass die Einweihungsfeier „voraussichtlich“ am nächsten Sonntag stattfindet und der ausführliche Bericht dann dieses Mal „durch persönliche Vertretung“ erfolgt.

Das Tagblatt legt den Finger in die Wunde

So kam es dann auch: Eine Woche später berichteten diesmal beide Lokalblätter über die tatsächliche Einweihung, wobei es sich das „Bayreuther Tagblatt“ aber nicht nehmen ließ, den Finger „zartfühlend“ in die Wunde zu legen. Vielleicht wollte man auf der anderen Seite der Maxstraße aber auch nur die Prophezeiung des unglücklichen Kollegen der „Oberfränkischen Zeitung“ wahr werden lassen: Jedenfalls betonte das „Tagblatt“ den „inhaltsreichen Vortrag“ des Dekans und lobte  ausdrücklich seine „tiefschürfende“ Rede.


Mit Fotos und Material der Evangelisch-Lutherischen Gesamtkirchengemeide Bayreuth.


Lesen Sie auch:


Text: Stephan Müller


Stephan MüllerStephan Müller (53) ist Stadtrat, Hobbyhistoriker, freiberuflicher Journalist und Autor zahlreicher Bücher zur Geschichte Bayreuths. Für das Bayreuther Tagblatt hat er sein Archiv geöffnet. Die besten Anekdoten gibt es künftig hier beim bt.