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Bilder und Geschichten: Was das Festspielhaus so besonders macht

Am 7. April um 14 Uhr startet der Online-Sofortverkauf für die Bayreuther Festspiele 2019. Karten gibt es hier. Berücksichtigt werden zuerst die Kunden, die online und über das bisherige schriftliche Bewerbungsverfahren keine Karten bekommen haben. Das Bayreuther Tagblatt hat sich vorab mit Peter Emmerich, dem Sprecher der Bayreuther Festspiele GmbH, am Grünen Hügel umgesehen und einiges Kurioses über eines der bekanntesten Opernhäuser der Welt erfahren.

Eins vorweg: Das Bayreuther Festspielhaus, 1876 eröffnet, unterscheidet sich in einem Punkt wesentlich von anderen Opernhäusern seiner Zeit: Es fehlt der sonst übliche Prunk. Das hat einen Grund und der heißt Richard Wagner. Der hatte nämlich panische Angst, dass seine Werke nicht richtig verstanden werden. Textlich genauso wie akustisch, sagt Emmerich. Und darum habe Wagner auf alles verzichtet, was von Musik und Drama ablenken könnte.

Von den ersten Festspielen ist heute übrigens nichts mehr erhalten. Auch im Richard-Wagner-Museum nicht. Einzig eine Steintafel erinnert an die erste Saison.

Die Steintafel im Eingangsbereich erinnert an die allererste Aufführung im Jahr 1876. Die Namen einiger der ersten Darsteller und Musiker sind darauf verzeichnet. Das sorgte gleich einmal für großen Ärger. Denn kaum war die Tafel enthüllt, hatten sich alle die massiv beschwert, die nicht darauf standen. Wagner habe die Tafel daraufhin erst einmal auf Jahre verhüllen lassen. Unterhalb des Gedenksteins liegt der Grundstein vom 22. Mai 1872.

Ehemals ein Opernglasverleih.

Rechtliches: Die Familie Wagner war einst Eigentümer des Hauses. 1973 ist das Gebäude in die Richard-Wagner-Stiftung eingebracht worden, wie auch Haus Wahnfried und das Archiv. Veranstalter der Festspiele ist heute die Bayreuther Festspiele GmbH. Sie mietet das Gebäude mit der Auflage, darin Richard-Wagner-Festspiele aufzuführen. Dass wer anderes als die GmbH den Zuschlag als Veranstalter erhält ist zumindest theoretisch genauso möglich, wie dass die Festspiele von einem anderen als einem Wagner-Nachfahren geleitet werden. Interessanter Nebenaspekt: Seit 1913 müssen keine Tandiemen mehr gezahlt werden. Wagner-Musik kann seit über 100 Jahren von jedermann frei verwendet und verändert werden.

Der Garderobentrakt.

Ein Prunkstück: Der Zuschauerraum ist so konzipiert, dass die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf die Bühne gelenkt wird. Andere Ablenkungsmöglichkeiten gibt es nicht. Die Festspiele erinnern an Kino, das es damals noch gar nicht gab.

Die Decke: Aufgehängte bemalte Leinwände bilden eine Membran, die mitschwingt und mitklingt. Das viele Holz im Raum trägt genauso zum guten Ton bei, wie der große Hohlraum unter den Sitzen. Peter Emmerich sagt: „Ginge es nach physikalischen Gesetzen, dürfte es gar nicht klingen. Man hat damals vielleicht auch einfach nur Glück gehabt.“

Unbequeme Sitzmöbel: Wichtig war Wagner, dass die Werke verstanden werden. Daher auch die verhältnismäßig unbequeme Ausstattung der rund 2000 Sitzplätze. Außerdem soll Wagner es scheußlich gefunden haben, die aufgeblasenen Backen der Bläser und die hektisch schwingenden Bögen der Streicher zu sehen. Nichts sollte von der Handlung auf der Bühne ablenken. Folglich plante Wagner einen Orchestergraben der besonders tiefen Art. Frühere Werke, die dafür nicht geeignet waren, wollte Wagner noch einmal überarbeiten, starb allerdings bevor er den Plan umsetzen konnte. Die Beleuchtung sollte ursprünglich auch höchstens gedimmt, nicht aber ausgeschaltet werden, damit das Publikum Texte noch mitlesen konnte. Kurzum: Wagner soll wahnsinnige Angst gehabt haben, nicht verstanden zu werden.

Übrigens: Ehemals waren die Stühle breiter. Klappstühle aus Korbgeflecht sind es gewesen. Bequemer waren die Sitze damals auch nicht, höchstens kühler, weil die Luft durch das Korbgeflecht zirkulieren konnte. Warum die Sitze nicht endlich gegen bequemere getauscht werden, hat übrigens nicht nur akustische Gründe, sondern auch wirtschaftliche. Zwischen 300 und 400 Sitzplätze würden verloren gehen, würde man die Stühle heute tauschen und die Bestuhlung an aktuelle Vorschriften anpassen. So aber genießt das Festspielhaus Bestandsschutz.

Schon gewusst: Merkel ist die erste deutsche Regierungschefin seit Adolf Hitler, die die Festspiele besucht hat. Helmut Kohl und Helmut Schmidt hätten sich nie dafür interessiert, sagt Emmerich. Willy Brandt sei zwar einmal bei den Festspielen gewesen, damals aber noch als Bürgermeister Berlins.

Die Spuren der Kontrabässe sind im Boden des Orchestergrabens deutlich zu sehen. Bis zu 110 Musiker haben in dem Graben Platz. Die meisten sitzen dort im T-Shirt. Meistens auch der Dirigent. Bevor er sich auf der Bühne vor dem Publikum verbeugt, streift er sich den Frack über.

Der Stuhl des Dirigenten.

Das Wichtigste im Orchestergraben: das Ampeltelefon das leuchtet statt zu klingeln. Darüber meldet sich ein Assistent notfalls aus dem Publikum. Dort hört er, ob die Balance zwischen Sängern und Orchester im Zuschauerraum stimmt. Bei Aufführungen leuchtet im Orchestergraben allgemein nur ein schwaches gelbes Licht, das nach außen kaum streut. Der Dirigent soll vor einem weißen Tuch sitzen, damit man ihn auf den Monitoren, die aus dem Orchestergraben übertragen, besser sieht.

Der Sitzplan im Orchestergraben.

Der Dirigentenflur: Öffentlich ist der Gang nicht zugänglich. Auch bei Führungen wird er selten gezeigt. In diesem Gang hängen die Porträts aller 57 Dirigenten, die jemals in Bayreuth dirigiert haben. Hans Richter war 1876 der Erste. Er hängt nicht nur als Erster im Dirigentengang, sondern er steht auch auf der Steintafel im Eingangsbereich. Weil er in Bayreuth seinen Lebensabend verbrachte und hier starb, ist er auf dem Stadtfriedhof begraben. Andere große Namen im Dirigentengang: Richard Strauß, Hermann Levi, Siegfried Wagner, Daniel Barenboim, Herbert von Karajan und seit vergangenem Jahr auch: Placido Domingo.

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Nochmal zehn Meter geht es unter dem Bühnenboden hinab.

Die Bühne hat eine Neigung von 2,5 Prozent. Der Grund: Ehemals gab es statt eines plastischen Bühnenbildes bemalte Leinwände und die konnten so räumlich besser wirken. Die Leinwände wurden je nach Gebrauch über Schnüre hoch – und damit aus dem Blickfeld – gezogen oder herabgelassen. Der sogenannte Schnürboden, in dem die Bühnenbilder geparkt werden, befindet sich 25 Meter über dem Bühnenboden. Noch einmal elf Meter darüber ist der Dachfirst. Seit es plastische Bühnenbilder gibt, hat die Neigung des Bühnenbodens eigentlich keine Bedeutung mehr. Unter dem Bühnenboden geht es nochmal etwa zehn Meter in die Tiefe. Unter anderem um an Löschwasser zu gelangen, musste man entsprechend tief graben.

Auf der Bühne wird unter anderem die Temperatur im Zuschauerraum angezeigt. Die lässt sich über die Zuluft durchaus regulieren. Unter den Sitzen gibt es Schlitze zum Luftaustausch. Eine Klimaanlage gibt es aber nicht. Während der Pausen werden die 60.000 Kubikmeter Luft im Raum dreimal komplett umgewälzt. So kann die Anlage die Raumtemperatur um fast zwei Grad senken, auf jeden Fall aber erfrischen. Während der Aufführung läuft die Anlage allerdings auf Sparflamme. Andernfalls wäre es zu laut.

Auf der Bühne, aber nicht im Sichtfeld der Zuschauer.

Apropos Bühne: Unter Theater-Mitwirkenden gibt es eine Regel: Auf der Bühne darf man keine Mäntel tragen und nicht pfeifen. Das bringt Unglück.


Fotos: Thorsten Gütling