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Wunsiedel geht durch die Decke: Grüne Energie schreibt schwarze Zahlen
Nach dem Niedergang der Porzellanindustrie Ende der 1990er-Jahre drohte Wunsiedel der wirtschaftliche Absturz. Doch der frühzeitige Ausbau von Wind- und Solaranlagen leitete den Aufschwung ein. Der „Wunsiedler Weg“ ist das innovative Konzept hinter dem heutigen Boom.
Wunsiedel ist ein Musterbeispiel dafür, wie sich erneuerbare Energien effizient nutzen lassen – von der Erzeugung bis zur Speicherung. Die Kleinstadt mit ihren rund 9.300 Einwohnerinnen und Einwohnern schlug in den vergangenen zwei Jahrzehnten einen Weg ein, der zu einem wirtschaftlichen Wandel führte.
In Wunsiedel treiben die Stadtwerke SWW Wunsiedel GmbH den Ausbau erneuerbarer Energien voran. Ziel der Stadt war und ist es, die Kommune langfristig, kostengünstig und umweltschonend mit Energie zu versorgen.
Neben zahlreichen Windenergieanlagen und PV-Anlagen wird in Wunsiedel zusätzlich Strom durch Biomasse erzeugt. Verwendet werden dafür Rohstoffe aus einer Holzindustrie sowie Material aus der Landschaftspflege. Die entstehende Abwärme versorgt ein Nahwärmenetz und wird außerdem zur Herstellung von Holzpellets genutzt.
Die Vorgeschichte
Vor dem Energieaufschwung lief es in Wunsiedel jedoch bis Anfang der 2000er Jahre wie in den meisten anderen Kommunen auch. Die Stadtwerke bezogen Strom von großen Energieversorgern und verteilten ihn an ihre Kundinnen und Kunden. Mit der Liberalisierung des Strommarktes standen viele Kommunen vor der Entscheidung, ihre Stadtwerke zu verkaufen.
Auch Wunsiedel hätte von einem Verkauf finanziell profitieren können. Die Stadt war damals wie heute hoch verschuldet. Nach dem Niedergang der Porzellanindustrie Ende der 1990er-Jahre geriet der Landkreis weiter in den wirtschaftlichen Abwärtstrend. Zahlreiche Arbeitsplätze gingen verloren, die Steuereinnahmen sanken und viele Menschen verließen die Region.
Besonders junge Menschen zog es aus dem Fichtelgebirge, häufig auch ,,Bayerisch Sibirien“ genannt. Schätzungen zufolge wanderte zeitweise etwa jede zehnte Einwohnerin beziehungsweise jeder zehnte Einwohner ab.
Der Anfang vom Aufstieg
Der inzwischen verstorbene CSU-Politiker und damaliger Bürgermeister von Wunsiedel Karl-Willi Beck dachte nicht an einen Verkauf der Stadtwerke. Man solle sich aus eigener Kraft und mit eigenen Wegen und Ideen gegen den wirtschaftlichen Absturz wehren.
„Du musst säen, wenn du ernten willst“, sagte Beck in einem Video zum WUNsiedler Weg.
Beck wandte sich an den damals Ende 20-Jährigen Geschäftsführer der Stadtwerke Wunsiedel Marco Krasser und gab diesem den Auftrag, sich eine gute Strategie zu überlegen, wie Wunsiedel bis 2025 energieautark werden könnte – also ohne auf externe Energielieferanten aus dem öffentlichen Netz angewiesen zu sein.
Im Jahr 2001 wurde dann von der Stadtwerke SWW Wunsiedel GmbH, allen voran Geschäftsführer Marco Krasser, die Energiestrategie ,,WUNsiedler Weg Energie“ entwickelt. Das Ziel dabei war, die Kommune langfristig, kostengünstig und umweltschonend mit Energie zu versorgen. Damit sollte das wirtschaftliche Überleben der Stadtwerke auf dem liberalisierten Energiemarkt gesichert werden.
Das Konzept überzeugte Bürgermeister Beck und im Jahr 2004 wurde der erste Meilenstein des WUNsiedler Wegs gelegt. Es war eine kleine Bürgersolaranlage. Diese ist mittlerweile im alleinigen Besitz der Stadtwerke und produziert bis heute günstigen Strom.
Das Umdenken
Der Ausbau von Erneuerbaren Energien stand zum damaligen Zeitpunkt jedoch noch stark in der Kritik. Doch die Reaktorkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011 ließ die Kritik verstummen. Die Menschen wollten auf einmal alle vom Atomstrom weg.
Im Jahr 2012 wurde dann die erste Windkraftanlage von den Stadtwerken in Betrieb genommen, darauf folgten neun weitere Windenergieanlagen sowie eine weitere PV-Anlage auf dem Gelände einer einstigen Porzellanfabrik.
Seit 2015 kooperieren die Stadtwerke Wunsiedel zudem mit der Siemens AG, woraus mehrere innovative Projekte entstanden sind:
- Februar 2018: 8,4 Megawatt-Lithium-Ionen-Speicher, um Strom aus EE-Anlagen zwischenzuspeichern.
- 2022: Elektrolyseanlage zur Erzeugung von grünem Wasserstoff
- November 2024: Inbetriebnahme eines neuen 100-MW-Energiespeichers
Für die Zukunft sind weitere Windenergieanlagen und Freiflächen-PV-Anlagen in Planung.
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Eine Erfolgsgeschichte
Marco Krasser leitet nun seit fast einem Vierteljahrhundert die Stadtwerke Wunsiedel.
Die Grundidee des WUNsiedler Wegs ist es, erneuerbare Energie aus Sonne, Wind und Biomasse vor Ort zu produzieren, zu speichern und zu nutzen.
Um eine ganzjährige Energieversorgung zu gewährleisten, speichern die Stadtwerke die erzeugte Energie. Die installierten PV-Anlagen in und um Wunsiedel erzeugen bereits mehr Energie, als Haushalte und Firmenkunden überhaupt verbrauchen. Es entsteht also ein Energieüberschuss.
Die Energie wird kurzfristig in Batteriespeichern, langfristig als Wasserstoff gespeichert.
Krasser beschreibt das primäre Ziel des WUNsiedler Wegs: ,,Es geht darum, möglichst 100 Prozent der Primärenergie zu nutzen und damit Kosten zu senken.“
,,Unser Vorbild ist die Natur. Klimaschutz ist dabei eigentlich nur ein Nebenprodukt.“
Energie- und Stromerzeugung, wo es nur geht
An Tagen, an denen Sonne und Wind nicht genügend Energie liefern, kommt im Energiepark eine weitere Technologie zum Einsatz: Aus bislang ungenutzten Baumspitzen und Zweigen des benachbarten Sägewerks werden Holzpellets hergestellt. Diese dienen anschließend als Brennstoff für ein Heizkraftwerk, das Strom erzeugt. Die Pellets entstehen dabei aus den Resthölzern und werden vor allem in den Wintermonaten genutzt.
Im Winter versorgen die Holzpellets kleine Blockheizkraftwerke, die neben Strom auch Nahwärme für Wohngebiete liefern.
Nach Einschätzung von Sven Krasser könnten vergleichbare Systeme deutschlandweit dazu beitragen, starke Preisschwankungen am Strommarkt zu verringern – sowohl negative Strompreise bei hohem Angebot aus Sonne und Wind als auch hohe Preise während sogenannter Dunkelflauten.
Wertschätzung aus ganz Oberfranken
Wunsiedel gilt bundesweit als Musterbeispiel für die Energiewende. Die beiden oberfränkischen Grünen-Abgeordneten MdL Ursula Iowa und MdB Lisa Badum machen klar, dass der ,,WUNsiedler Weg“ zeigt, wie lokale Wertschöpfung funktioniert.
MdB Lisa Badum sieht in Wunsiedel den besten Beweis für die Auswirkungen einer vollständig auf erneuerbaren Energie basierenden Energiegewinnung:
,,Die Energiewende ist kein Kostenfaktor, sondern ein Konjunkturprogramm für den ländlichen Raum. Was Oberfranken kann, kann ganz Deutschland.“
,,Statt des fossilen Rückschritts, den uns Katherina Reiche aufzwingen will, brauchen wir volle Kraft für die erneuerbare Zukunft, damit Kommunen überall diesen Weg gehen können.“
Die Stadtwerke Wunsiedel sind der größte Gewerbesteuerzahler der Kommune. Die Gewinne aus der Erzeugung erneuerbarer Energien fließen direkt an die Menschen vor Ort.
Durch die Gewinne können außerdem der geplante Kita-Ausbau, Schulsanierungen und auch ein schnelles Glasfasernetz finanziert werden. Durch eine finanzielle Beteiligung der Bürger*innen Wunsiedels können diese zudem von günstiger, regionaler Energie profitieren. Die Akzeptanz für die Energiewende ist vor Ort somit enorm hoch.
Zukunftsfähiges Wunsiedel
Zu Beginn der 2000er-Jahre kämpfte das als ,,Bayerisch Sibirien“ bekannte Wunsiedel mit Abwanderung und einer unsicheren Zukunft. Mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien hat sich das Bild gewandelt. Heute besuchen Delegationen aus dem In- und Ausland die Stadt, um sich über das Energiekonzept zu informieren.
Auch die Bevölkerungsentwicklung hat sich geändert: Der zuvor prognostizierte Einwohnerschwund blieb aus. Stattdessen verzeichnet die Kleinstadt im Fichtelgebirge inzwischen steigende Zuzugs- und Geburtenzahlen.
Studien zufolge könnte die lokale Wertschöpfung durch Erneuerbare Energien in Deutschland bis 2033 auf rund 21 Milliarden Euro pro Jahr anwachsen. Mehr als die Hälfte dieser Summe würde demnach direkt in den jeweiligen Kommunen verbleiben.
MdL Ursula Sowa fordert daher ein Umdenken in der Landespolitik:
,,Wunsiedel hat die Demografie-Prognosen auf den Kopf gestellt. Der Freistaat muss jetzt alle bürokratischen Hürden abbauen, damit ganz Bayern von diesem Modell profitieren kann.“
Der Verbund ZENOB
Damit der WUNsiedler Weg umgesetzt werden konnte, gründeten die Stadtwerke mehrere Tochterunternehmen, die jeweils unterschiedliche Bereiche der Erneuerbaren Energien abdecken. Aus der Zukunftsenergie Fichtelgebirge GmbH entstand im Juli 2021 schließlich der Verbund Zukunftsenergie Nordbayern (ZENOB).
ZENOB fördert den Ausbau erneuerbarer Energien und die regionale Wertschöpfung. Der Verbund bündelt die Zusammenarbeit von Kommunen und Energieversorgern, unterstützt den Wissensaustausch und setzt gemeinsame Projekte um. So wurden bereits mehrere Windparks realisiert, weitere sind geplant.
Lesen Sie hier: Der Landkreis Bayreuth tritt dem Verbund Zukunftsenergie Oberbayern bei
Dem Verbund gehören 31 Kommunen an, darunter die Stadt Wunsiedel, die SWW Wunsiedel GmbH, zahlreiche Kommunen aus der Region sowie seit Mai 2024 auch der Landkreis Bayreuth.












Symbolbild: Pixabay