Freizeit

Gessn werd dahaam: Mörderisch gutes Gemüse

Christoph Scholz ist in Folge 7 von „Gessn werd dahaam!“ auf der Suche nach regionalem Gemüse für seinen Hot Dog. In der Gärtnerei Schmidt in Bayreuth wird er fündig


Christoph Scholz. Foto: Rainer Kurzeder

Christoph Scholz ist 45 Jahre alt und Familienvater. Sein Geld verdient er als Projektleiter bei Semmel Concerts. Privat beschäftigt er sich gerne mit den Themen Essen, Trinken, Kochen, Gastronomie und Hotellerie.

Für das Bayreuther Tagblatt begibt sich Scholz auf die Suche nach den besten regionalen Produkten und berichtet in seiner Kolumne „Gessn werd dahaam!“ alle 14 Tage exklusiv über seine Erlebnisse und Erfahrungen.

Denn im Dezember möchte Scholz Freunde zu einem mehrgängigen Menü einladen, das ausschließlich aus Zutaten besteht, die in Bayreuth und Umgebung hergestellt werden.

 


Meine Suche nach den besten regionalen Zutaten für einen Hot Dog, wie man ihn in Chicago mag, also zubereitet mit frischem und eingelegtem Gemüse, Senf und allerlei Gewürzen, nähert sich ihrem Ende. Für die nächste oder übernächste Folge dieser Kolumne werde ich mich in meiner Küche einschließen, um Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, das Ergebnis meiner Suche in Form eines Hot Dogs mit Zutaten aus Bayreuth und Umgebung zu präsentieren.

Aktuell fehlen noch: Eingelegte Gurken und Peperoni (die hab ich im Haus), ein Relish (ich hab kein Relish, aber eine interessante Alternative gefunden, deren Produzenten ich Ihnen in der nächsten Folge am 19. Juni vorstellen werde), Gurken, Romana-Tomaten und Zwiebeln. Für letztere drei Zutaten besuche ich diesmal die Gärtnerei Schmidt, deren Stand auf dem Bayreuther Wochenmarkt ich seit vielen Jahren gerne ansteuere. Die Schmidts sind ganz offensichtlich nette Leute, stets freundlich, die Ware ist immer tadellos. Ein Blumenstrauß, gebunden von den Floristen der Gärtnerei Schmidt, gehört bei uns daheim an Festtagen auf den Tisch.

Florian Schmidt, Juniorchef, hegt und pflegt die Blumen. Fotos: Christoph Scholz

Dennoch hatte ich diesen Interviewtermin in der Gärtnerei Schmidt aufgrund einer bestimmten Befürchtung so lange wie möglich hinausgezögert. Birgt mein Leben als bt-Kolumnist hier zum ersten
Mal Gefahren? Ich habe ein leicht mulmiges Gefühl, als ich an dem stattlichen Areal, das hinter dem Hofgarten stadtauswärts liegt und mehrere Blöcke zwischen Eckern-, Jean-Paul-, Hans-Sachs- und
Gustav-Adolf-Straße einnimmt, wo die Schmidts seit 1928 Blumen und Gemüse anbauen, parke…

„Tomaten auf einen Hot Dog?“, fragt das Kochbuch der US-Kette Shake Shack, deren Hot-Dog-Rezept für meine oberfränkische Version Pate steht. Bei der Zubereitung werde ich später die Romana-Tomaten in hauchdünne Scheiben schneiden, diese halbieren und ganz zum Schluss auf dem Hot Dog drapieren. „Wir lieben, wie das warme Rot der Tomaten-Halbmonde unserem Hot Dog sein besonderes Aussehen verleiht“, schwärmen die Kochbuchautoren.

Noch müssen die Tomaten ein bisschen reifen, bevor sie auf den Hot Dog kommen.

Tomaten sind vielleicht so etwas wie das Flagship-Gemüse der Gärtnerei Schmidt. Die diesjährige Tomatensaison steht kurz vor der Tür. Und ich stehe nun in einem riesigen Gewächshaus, sehe Tomatenstauden, soweit das Auge reicht: eine Sinfonie in Grün. Dort empfängt mich ein sehr
sympathischer junger Mann, Florian Schmidt, der Juniorchef, nicht in grüner Schürze, aber im schicken Polohemd mit Gärtnerei-Schmidt-Logo. Dass es um die 5000 Tomatenstauden, an denen fünfzehn bis zwanzig verschiedene Sorten wachsen, sind, wird Schmidt mir später erzählen und, dass es später im Sommer wieder einen „Tomatentag“ am Stand auf dem Wochenmarkt geben wird, wo alle Sorten vorgestellt werden und man diese kosten kann.

Wir plaudern ein wenig, machen ein Foto, mein Puls beruhigt sich, vielleicht war der leichte Bammel, den ich vor diesem Interview hatte, ohne Grund. Wir laufen weiter in die Blumenabteilung, eine Kundin sucht nach hängenden Geranien, freundlich gibt Schmidt Auskunft. „Hier in der Gärtnerei bin ich aufgewachsen, hier habe ich als Kind mit meinen Freunden gespielt.“, erzählt mir Schmidt. Konnte er sich jemals vorstellen, einen anderen Beruf als den des Gärtners zu ergreifen, frage ich ihn.
„Meine Mutter lag bereits mit Wehen im Krankenhaus, aber mein Vater hätte meine Geburt fast verpasst, weil er in einem bekannten Bayreuther Hotel, das wir beliefern, erst noch die Blumenkästen bepflanzen musste“, antwortet er. Das Gärtnern war ihm also in die Wiege gelegt.

Die Gärtnerei ist einer der letzten Betriebe in der Region, der außer Blumen auch Gemüse produziert.

Florian Schmidts Urgroßvater gründete den Betrieb, heute bauen Florian Schmidt und seine Eltern, Christine und Jürgen, hier mit ihren sieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern neben Blumen ein umfangreiches Gemüsesortiment an. Die berühmten Tomaten, aber auch Gurken, Salate, Bohnen oder Auberginen. Die Gärtnerei Schmidt ist einer der letzten Betriebe in der unserer Region, die sowohl Blumen als auch Gemüse in diesem Umfang produzieren, die meisten Betriebe spezialisieren
sich irgendwann auf eine Richtung.

Vor einem großen Tisch mit einem Meer hunderttausender goldgelber Blüten bleiben wir stehen. Das Preisschild erklärt, dass die Blume, die hier angeboten wird, Bidens heißt und bienenfreundlich ist. „Viele unserer Kundinnen und Kunden fragen in diesem Jahr ganz besonders nach bienenfreundlichen Blumen für Garten und Balkon“, sagt Schmidt. Die Bidens, meine Oma nannte diese Blume Goldmarie, gehört dazu.

Seit Generationen ist der Betrieb in Familienhand. Auch Mama Christine Schmidt packt mit an.

Wir sind die große Anlage aus Feldern und Gewächshäusern abgeschritten. Ich staune, dass wir hier, mitten in Bayreuth, so einen riesigen Blumen- und Gemüsegarten haben und ich denke zurück an die
sechs Interviews, die ich bisher für diese Kolumne führte. Es ist beeindruckend wie viele interessante Menschen und Familiengeschichten es gibt, wie das Wirken von Generationen, das Überliefern von Techniken und Traditionen, tief in unserer Wirtschaft und unserem Zusammenleben verwurzelt sind, oft, ohne dass wir es merken. Das amerikanische Wort von der „Community“ kommt mir in den Sinn. Es ist der erste Montagabend im Juni, drückend heiß, in einem Gewächshaus werden Bohnen gegossen, vorne im Ladengeschäft erledigen Kunden ihre letzten Feierabendeinkäufe. Wir verabschieden uns, mit dem Interview und den Fotos auf dem iPhone schlendere ich zum Auto zurück.

Gemüse, Gemüse und noch mehr Gemüse.

1971, acht Jahre bevor die Alte Lady, unser Mercedes-Oldtimer, mit dem ich zu möglichst vielen der Interviews fahre, in Sindelfingen zusammengebaut wurde, veröffentlichte Reinhard Mey mit „Ich bin
aus jenem Holze“ ein Album, auf dem ein sprichwörtlich gewordener Songtext enthalten ist. Regelmäßige Leserinnen und Leser dieser Kolumne wissen schon, dass der Radioempfang des originalen „Becker Europa Cassette“ bereits altersschwach ist und ich entweder auf Spotify plus
Bluetooth-Lautsprecher oder eben auf Kassetten angewiesen bin, um Musik zu hören. Vor einiger Zeit fand ich auf einem Flohmarkt einen Karton mit ein paar Kassetten, nahm diesen unbesehen mit. Der unvermeidliche Kuschelrock, gleich mehrfach, Ronny’s Pop Show, Marianne Rosenberg und Reinhard Mey mit ebenjenem Album von 1971 befanden sich darin und wanderten allesamt ins Handschuhfach der Alten Lady. Der zum geflügelten Wort gewordene Titel „Der Mörder ist immer der Gärtner“ hatte mich tatsächlich ein wenig zweifeln lassen, die Schmidts, die ich ja vom
Wochenmarkt kannte, zu besuchen, denn, so Reinhard Mey, der Gärtner, „der schlägt erbarmungslos zu!“

Jetzt, auf der Heimfahrt, höre ich diesen Song zum ersten Mal in voller Länge. Man soll das Ende von Marvel-Superheldenfilmen nicht spoilern und wohl auch nicht das Ende eines alten Reinhard-Mey-Songs. Hören Sie selbst einmal auf Spotify oder YouTube nach. Ich kann Ihnen, liebe Leserin, und Ihnen, lieber Leser, versichern, dass Reinhard Meys Liedtext eine ganz andere Wendung nimmt und auch, dass die Schmidts rechtschaffene Leute sind. Sie machen nur mörderisch gutes Gemüse.


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