Veranstaltungen

„Heimat ist keine Idylle, genauso wie Demokratie keine Idylle ist“

Katrin Göring-Eckardt ist Fraktionsvorsitzende der Partei Bündnis 90/Die Grünen. Dieses Jahr war sie auch Sprecherin der Weihnachtsvorlesung an der Universität Bayreuth. Ihr Vortrag am gestrigen Dienstagabend widmete sie sich dem Thema „Das Prinzip Heimat: Über Zugehörigkeit und Solidarität“.

Ihren Vortrag beginnt sie mit einem kleinen Seitenhieb in Richtung Universität und der Bemerkung, dass es „nicht so üblich zu sein scheint“ eine Frau als Rednerin einzuladen. Sieht man sich die Liste der ehemaligen Referentinnen und Referenten an, muss man ihr zustimmen. Unter siebzehn Menschen sind zwei Frauen zu finden: die damalige Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Dr. Christine Bergmann und Brigitte Zypries in ihrem Amt als Bundesjustizministerin (2004).

Dann startet die Grünen-Vorsitzende ihren Vortrag. Ihr Thema ist „Heimat als heißer Scheiß“ oder, anders ausgedrückt: Was ist Heimat? Ist es das Gleiche wie Zuhause? Was bedeutet es für euch?

Heimat als konfliktbeladendes Thema

Heimat ist ein hart umkämpftes und ambivalentes Thema. Für Katrin Göring-Eckardt geht es dabei vor allem um Zugehörigkeit. Der Frage, was Heimat eigentlich ist, widmet sie sich zunächst aus philosophischer Sicht. Zum einen ist es ein Gefühl der Geborgenheit, zum anderen ein Ort, den es so nicht gibt, eine Utopie.

Dabei bedient sie sich der Zitate der Denker und Dichter: „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“, „Heimat ist da, wo man sich nicht erklären muss“ und „Wie viel Heimat braucht der Mensch […] Man muss Heimat haben, um sie nicht nötig zu haben.“ Oder um es mit den Worten von Max Frisch zu sagen „Welche Speisen essen sie aus Heimweh und fühlen sich dadurch in der Welt geborgen?“

Dabei ist gerade jetzt das Thema Heimat in der Politik allgegenwärtig, aber warum? Betrachtet man es im Kontext deutscher Geschichte, ist es ein durchaus ambivalentes Schlagwort, schwer belastet durch die Ereignisse des Nationalsozialismus. Umso wichtiger, so Göring-Eckardt, sei es das Gefühl der Heimat nicht den Rechten zu lassen. Denn diese meinen damit vor allem eins: Ausgrenzung. Es solle vielmehr durch Solidarität und Empathie besetzt werden.

Mobilität in der heutigen Gesellschaft

Gerade die heutige Zeit ist geprägt von einer großen Mobilität in der Arbeitswelt, von vorüberziehenden Städten und Orten. Diese Form der Entwurzelung erschwert es, ein Gefühl von Zugehörigkeit zu empfinden. Hinzu kommen Geflüchtete, die ihre Heimat verloren haben. Oft sogar für immer. In diesem Kontext wird Zugehörigkeit und Solidarität umso brisanter. So ist Heimat oft ein Begriff um Menschen in drinnen und draußen zu unterteilen. Denn Heimat kann leicht instrumentalisiert werden, ausgegrenzt werden beispielsweise Geflüchtete, Ostdeutsche, Feministinnen, die Liste ist lang. Denn jeder kann selber festlegen, was Heimat ist. Und wer dazu gehört. Und wer nicht.

„Heimat ist kein Nullsummenspiel, es ist genug Heimat für alle da“

Doch wohin richten Menschen ihre Sehnsucht, wenn es kein Zurück mehr gibt? An diesem Punkt wendet sich Göring-Eckardt dem Ehrenamt zu, „denn Heimat nimmt man mit, Heimat braucht ankommen“. Und mit einer Anspielung an die berühmten Worte von Angela Merkel aus dem Jahr 2015: „So schaffen wir das“. Durch Integration, Ehrenamt und Engagement. Dabei stellt sie auch klar Grenzen auf, denn Heimat bedeutet auch Pluralität, also aushalten, dass die Heimat unterschiedlich definiert und besetzt ist. Heimat kann jedoch nicht Leitkultur sein, nicht rassistisch und ausgrenzend.

Für sie gibt es jedoch auch klare Neins, also Themen, die nicht zu diskutieren sind, wie Demokratie, Gleichberechtigung und die Würde des Menschen. Hier gibt es keinen Verhandlungsspielraum. Selbiges gelte für Themen wie die Klitorisbeschneidung.

Ein Herzensthema ist ihr der Klimawandel, denn wenn man von Heimat spricht, so Göring-Eckardt, kommt man an Ökologie nie vorbei. Ihre Weihnachtsrede ist dabei auch ein Appell, denn das Zeitfenster den Klimawandel in den Griff zu bekommen beziehungsweise zu verlangsamen, wird immer kleiner. Eines ist klar für sie: Klimaschutz ist Heimatliebe.