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Immer einen Schritt voraus: Souffleuse bei den Festspielen

Ute Gherasim ist von Beruf Souffleuse. Seit 17 Jahren unterstützt sie die Künstler in den Sommermonaten bei den Bayreuther Festspielen, in diesem Jahr bei den Opern „Die Meistersinger von Nürnberg“ und „Lohengrin“. Sonst souffliert sie in Düsseldorf. Gedanklich ist sie den Sängern immer einen Schritt voraus und beugt lieber vor, wie sie sagt. Worauf es beim Soufflieren ankommt und wie bequem es im Souffleurkasten wirklich ist, erfahren Sie im Folgenden.

Ich arbeite vorbeugend. Und das möglichst so diskret, dass das Publikum nichts davon mitbekommt.

(Souffleuse Ute Gherasim)

Mit viel Empathie bei den Proben

„Man braucht viel Empathie bei diesem Job. Jeder Sänger ist anders. Ich habe mich während der Proben erst auf jeden Charakter individuell einzustellen und muss erfühlen, wie viel Hilfe jeder benötigt“, erklärt Ute Gherasim. Etwa vier Wochen gemeinsame Probenzeit hat sie dafür vor dem Start der Bayreuther Festspiele. Manche Sänger wünschen sich intensive Unterstützung, andere nur bei einzelnen schwierigen Stellen. Das sei  individuell und verändere sich natürlich, je näher die Aufführung rücke.

„Meine Arbeit mit den Sängern beginnt, wenn sie schon studiert sind, also mit den ersten szenischen Proben. Dann arbeiten die Künstler mit dem Dirigenten, dem Pianisten und mit mir zusammen.“ Man probiere Ideen des Regisseurs aus. Neben dem Text und der Musik, müssen die Sänger noch die Abläufe auf der Bühne beachten.

Ich denke immer einen Schritt voraus und gebe den Sängern ihre nächste Information. Mal mit Text, mal ohne. Im Verlauf der Proben nehme ich mich dann immer mehr zurück.

(Souffleuse Ute Gherasim)

Von den Lippen lesen

Erst später käme dann das Orchester zu den Proben hinzu. „Bei den leisen Orchesterstellen lesen die Sänger dann sogar nur von meinen Lippen ab. Deswegen ist es wichtig, dass sie mich nicht nur hören, sondern auch gut sehen können“, sagt Ute Gherasim. Das eine oder andere Bühnenbild könne das allerdings manchmal erschweren. Einmal hätten die Sänger erhöht und viele Meter weit weg vom Souffleurkasten gestanden. Ein Blickkontakt war damals kaum möglich. „Da war selbst ich einmal nervös“, fügt sie hinzu.

Ute Gherasim gibt den Sängern vom Souffleurkasten aus den Einsatz. Foto: Redaktion

Vorbeugend und hochkonzentriert

„Beim Soufflieren in der Oper geht es keineswegs darum, dass ich einspringe, wenn jemand einen Hänger hat“ erklärt Ute Gherasim. Dieses Bild sei wohl bei Vielen fälschlich im Gedächtnis verankert. Ute Gherasim souffliert immer dann, wenn die Sänger atmen – und zwar vorbeugend. „Ich bin präsent und unterstütze, möchte aber auch nicht stören.“ Ob und wann die Sänger zu ihr blicken oder nicht, sei ihnen überlassen.

Wichtig ist es, dass man hochkonzentriert bei der Sache ist und sehr in sich ruht. In meiner freien Zeit bin ich deswegen gerne in den Wäldern und Wiesen um Bayreuth unterwegs. Zum Beispiel im Fichtelgebirge oder in der Fränkischen Schweiz.

(Souffleuse Ute Gherasim)

In Bayreuth zuhause

Schon seit 17 Jahren wohnt sie während der Festspielzeit in einem Apartment im westlichen Teil Bayreuths. „Ich fühle mich hier wie zuhause, habe Freunde gefunden und sage am Ende der Spielzeit immer: Bis gleich.“ Schließlich verbringe sie gut ein Drittel des Jahres in Bayreuth. Den Rest des Jahres souffliert Ute Gherasim in ihrer Heimat in Düsseldorf.

Ute Gherasim kann vom Souffleurkasten aus mit den Sängern in Blickkontakt bleiben. Für das Publikum im Festspielhaus ist sie unsichtbar. Foto: Redaktion

Bequem im Souffleurkasten

Der Souffleurkasten ist in den Bühnenboden integriert. Ute Gherasim kann dort bequem auf einem Stuhl sitzen. Vor sich hat sie ein Pult mit den Noten und eine Lampe sowie eine weitere Lampe über ihrem Kopf, falls die Bühnenbeleuchtung einmal sehr dunkel wird. Ihre Arme könne sie zu beiden Seiten ausstrecken und über ihrem Kopf seien mindestens noch zehn Zentimeter Platz. „Das ist in Bayreuth wirklich komfortabel und bequem. In Düsseldorf ist es da schon enger“, erklärt sie und lacht.

Immer kurz vor Beginn der Vorstellung bin ich im Flow drin. Das hat sich inzwischen verselbstständigt. Manchmal ziehe ich auch meine Schuhe aus. Dann fühle ich mich sehr wohl und geerdet.

(Souffleuse Ute Gherasim)

Lampenfieber kenne sie nicht. In Bayreuth folgt sie einer Routine und geht zum Beispiel immer um 12 Uhr Mittagessen. Danach gäbe es einen Kaffee, damit der Körper noch Zeit hat, sich bis zum Beginn der Vorstellung zu erholen. Dann beginne die mentale Vorbereitung auf die Oper.

Wie Ute Gherasim unerwartet Souffleuse wurde

„Eine richtige Ausbildung, um Souffleuse zu werden, gibt es nicht“, erzählt Ute Gherasim. Man müsse vor allem Klavierauszüge, also Noten, lesen können und ein rhythmisches Gefühl haben. In ihrer Kindheit hat sie Geige und Flöte gespielt und war außerdem beim Ballett. Das habe ihr für ihren heutigen Job geholfen.

„Meine Mutter wollte aber, dass ich einen soliden Beruf erlerne“, erklärt sie. Deswegen habe sie erst einmal eine Ausbildung zur Bankkauffrau gemacht. Danach ist Ute Gherasim dem nachgegangen, was sie begeistert hat. Sie hat angefangen, Theaterwissenschaften zu studieren. „Ich kann mich noch erinnern, dass ich mit zehn Jahren die Oper ‚Tosca‘ gesehen habe. Das hat mich so unglaublich fasziniert“, sagt sie, die Augen dabei weit geöffnet. Zeitgleich mit dem Studium habe sie Öffentlichkeitsarbeit für ein Theater gemacht. Ihr Ziel war es bis dato gewesen, Dramaturgin zu werden.

Den Job auf dem Weg gefunden

„Dann war bei den Wuppertaler Bühnen eine Vakanz als Souffleuse ausgeschrieben“, erzählt sie. Sie wollte sich darin eigentlich nur einmal ausprobieren, erklärt die Düsseldorferin. Doch es war ein Glücksfall und Ute Gherasim traf die Entscheidung, länger als Souffleuse zu arbeiten.

Ich habe den Job, der mich begeistert, auf dem Weg gefunden und danach nie mehr daran gedacht, zur Dramaturgie zu wechseln.

(Souffleuse Ute Gherasim)

Den letzten Schliff als Souffleuse habe sie durch ihren Mann bekommen, der Geiger war. „Früher habe ich rhythmische Einsätze zuhause geübt und die Aufnahmen zuvor angehört. Inzwischen geht das aber alles mit den Bühnenproben einher“, sagt sie.