Freizeit

Jean Paul: Sieben Männer streiten um ein Erbe

Sieben Männer, die um ein Erbe streiten. So könnte ein Kinofilm beginnen. Dass das ein Werk von Jean Paul ist, vermutet man im ersten Moment nicht. bt-Hobbyhistoriker Stephan Müller beweist mit der Erzählung „Testamentsvollstreckung“, dass Jean Paul nicht immer trocken und schwere Kost sein muss.


Stoff wie für einen Kinofilm

Im dem Kinofilm „Didi und die Rache der Enterbten“ mit Didi Hallervorden aus dem Jahr 1985 stirbt der Bankier Gustav Böllemann, nachdem er sich kurz zuvor noch mit einer leichten Dame amüsiert hatte. In der Testamentsverkündung zeigt der Notar der anwesenden Verwandtschaft von Gustav: In seinem letzten Willen enterbt Böllemann seine gierigen Nichten und Neffen, die es alle zu nichts gebracht haben und benennt stattdessen Dieter Dödel, einen Neffen dritten Grades, als Alleinerben seines Millionen-Vermögens.

Zumindest die Handlung am Anfang dieses Filmes erinnert an eine herrliche Erzählung eines großen Bayreuthers, an Jean Paul und seine „Testamentseröffnung“ in dem Buch „Die Flegeljahre“. Jean Paul, der zu Lebzeiten zeitweise der meistgelesenste Autor in Deutschland war, ist in Vergessenheit geraten. Konnten seine Zeitgenossen seine Bücher ohne Probleme lesen, sind sie für uns heute schwere Kost.

Porträt Jean Paul im Rathaus. Foto: Stephan Müller

Leseexpedition durch Jean Pauls Werk

Am besten beschrieb dies der Chefredakteur Erich Rappl im Jahre 1963 im „Bayreuther Tagblatt“: „Allzu viele, die ihn für sich entdecken wollten, haben ihre Leseexpedition durch das Urwaldgestrüpp seiner ‚Flegeljahre‘ abgebrochen und bestenfalls auf ein vages ‚Spätereinmal‘ verschoben. Denn wer nichts anderes will, als auf der glatten Bahn einer zügig und knapp dahinerzählten Romanhandlung voranzublättern, der wird bei Jean Paul nie zum Ziele gelangen.“

„Die Testamentsvollstreckung“

Eine von Jean Pauls amüsantesten Erzählungen ist die „Testamentsvollstreckung“ aus dem Buch „Die Flegeljahre“.

Der vermögende Herr Van der Kabel aus Haßlau hat das Zeitliche gesegnet. Sieben Männer erscheinen zur Testamentseröffnung und hoffen auf ein großes Erbe.

Sieben noch lebende weitläuftige Anverwandte von sieben verstorbenen weitläuftigen Anverwandten Kabels machten sich zwar einige Hoffnung auf Plätze im Vermächtnis, weil der Krösus ihnen geschworen, ihrer da zu gedenken; aber die Hoffnungen blieben zu matt, weil man ihm nicht sonderlich trauen wollte.

(Auszug aus Jean Pauls „Testamentsvollstreckung“)

Schreibfeder mit Tinte, Bierkrug und die Gästebücher im Dichterstübchen. Foto: Stephan Müller

War Van der Kabel doch immer jemand, der „so spöttisch dareingriff und mit einem solchen Herzen voll Streiche und Fallstricke“. Und tatsächlich sollten die Anverwandten eine böse Überraschung erleben, als der Bürgermeister als „Ober-Exekutor“ verlas:

Demzufolge vermach‘ ich denn dem Hrn. Kirchenrat Glanz, dem Hrn. Hoffiskal Knoll, dem Hrn. Hofagent Peter Neupeter, dem Hrn. Polizei-Inspektor Harprecht, dem Hrn. Frühprediger Flachs und dem Hrn. Hofbuchhändler Paßvogel und Hrn. Flitten … vor der Hand nichts ….

Als sie erfahren, dass das Vermögen an „hiesige Stadtarme“, den Schulmeistern des Fürstentums, der Judenschaft und an einen Universalerben geht, fallen die sieben „Anverwandten“ fast vom Hocker:

Sieben lange Gesichtslängen fuhren hier wie Siebenschläfer auf.

Van Kabel begründet dies in seinem Testament damit, weil er von jedem Einzelnen weiß, dass sie „seine geringe Person lieber haben als sein großes Vermögen“.

Eine Locke von Jean Paul war das schönste Andenken für die Damen der gehobenen Gesellschaft – zumindest bis durchsickerte, dass diese Locken auch schon mal von seinem Pudel Ponto stammten. Foto: Stephan Müller

Mitten in die Wut und die Flüche der sieben Männer verliest der Bürgermeister die dritte Klausel des Testaments: Zu vererben wäre noch das Haus in der Hundsgasse: Das Haus erbt derjenige von seinen sieben genannten Hrn. Anverwandten, „welcher früher als die übrigen sechs Nebenbuhler eine oder ein paar Tränen über mich, seinen dahingegangenen Onkel, vergießen kann. Bleibt aber alles trocken, so muss das Haus gleichfalls dem Universalerben verfallen.“

Hier machte der Bürgermeister das Testament zu, merkte an, die Bedingung sei wohl ungewöhnlich, aber doch nicht gesetzwidrig, sondern das Gericht müsse dem ersten, der weine, das Haus zusprechen, legte seine Uhr auf den Sessionstisch, welche auf 11 1/2 Uhr zeigte, und setzte sich ruhig nieder, um als Testaments-Vollstrecker so gut wie das ganze Gericht aufzumerken, wer zuerst die begehrten Tränen über den Testator vergösse.

Ob es den enttäuschten, erbosten und aufgebrachten Verwandten gelingt, gerade in diesem Moment eine Träne für den Verstorbenen zu verdrücken?

Und nun zum Original

An dieser Stelle steigen wir in Jean Pauls Original mit den schrulligen Gedanken jedes einzelnen „Erben“ und schließlich mit der Auflösung ein. Wir wünschen viel Spaß beim Lesen. Probieren Sie es … Es lohnt sich!

Dass es, solange die Erde geht und steht, je auf ihr einen betrübteren und krauseren Kongress gegeben als diesen von sieben gleichsam zum Weinen vereinigten trocknen Provinzen, kann wohl ohne Parteilichkeit nicht angenommen werden.

Jean Paul im Sonnenlicht. Foto: Stephan Müller

Anfangs wurde noch kostbare Minuten hindurch bloß verwirrt gestaunt und gelächelt. An reine Rührung konnte – das sah jeder – keiner denken, so im Galopp an Platzregen, an Jagdtaufe der Augen; doch konnte in 26 Minuten etwas geschehen.


Kaufmann Neupeter

Der Kaufmann Neupeter fragte, ob das nicht ein verfluchter Handel und Narrensposse sei für einen verständigen Mann, und verstand sich zu nichts; doch verspürt‘ er bei dem Gedanken, dass ihm ein Haus auf einer Zähre in den Beutel schwimmen könnte, sonderbaren Drüsen-Reiz und sah wie eine kranke Lerche aus, die man mit einem eingeölten Stecknadelknopfe – das Haus war der Knopf – klistiert.


Hoffiskal Knoll

Der Hoffiskal Knoll verzog sein Gesicht wie ein armer Handwerksmann, den ein Gesell Sonnabend abends bei einem Schusterlicht rasiert und radiert; er war fürchterlich erboset auf den Mißbrauch des Titels von Testamenten und nahe genug an Tränen des Grimms.


Buchhändler Paßvogel

Der listige Buchhändler Paßvogel machte sich sogleich still an die Sache selber und durchging flüchtig alles Rührende, was er teils im Verlage hatte, teils in Kommission; und hoffte etwas zu brauen; noch sah er dabei aus wie ein Hund, der das Brechmittel, das ihm der Pariser Hundearzt Hemet auf die Nase gestrichen, langsam ableckt; es war durchaus Zeit erforderlich zum Effekt.


Flitte aus Elsaß

Flitte aus Elsaß tanzte geradezu im Sessionszimmer, besah lachend alle Ernste und schwur, er sei nicht der Reichste unter ihnen, aber für ganz Straßburg und Elsaß dazu wär‘ er nicht imstande, bei einem solchen Spaß zu weinen.


Polizei-Inspektor Harprecht

Zuletzt sah ihn der Polizei-Inspektor Harprecht sehr bedeutend an und versicherte: falls Monsieur etwa hoffe, durch Gelächter aus den sehr bekannten Drüsen und aus den Meibomischen und der Karunkel und andern die begehrten Tropfen zu erpressen und sich diebisch mit diesem Fensterschweiß zu beschlagen, so wolle er ihn erinnern, dass er damit so wenig gewinnen könne, als wenn er die Nase schneuzen und davon profitieren wollte, indem in letztere, wie bekannt, durch den ductus nasalis mehr aus den Augen fließe als in jeden Kirchenstuhl hinein unter einer Leichenpredigt. – Aber der Elsasser versicherte, er lache nur zum Spaß, nicht aus ernsteren Absichten. Der Inspektor seinerseits, bekannt mit seinem dephlegmierten Herzen, suchte dadurch etwas Passendes in die Augen zu treiben, dass er mit ihnen sehr starr und weit offen blickte.


Frühprediger Flachs

Der Frühprediger Flachs sah aus wie ein reitender Betteljude, mit welchem ein Hengst durchgeht; indes hätt‘ er mit seinem Herzen, das durch Haus- und Kirchenjammer schon die besten schwülsten Wolken um sich hatte, leicht wie eine Sonne vor elendem Wetter auf der Stelle das nötigste Wasser aufgezogen, wär‘ ihm nur nicht das herschiffende Flöß-Haus immer dazwischengekommen als ein gar zu erfreulicher Anblick und Damm.


Kirchenrat Glanz

Der Kirchenrat Glanz, der seine Natur kannte aus Neujahrs- und Leichenpredigten, und der gewiss wusste, dass er sich selber zuerst erweiche, sobald er nur an andere Erweichungs-Reden halte, stand auf – da er sich und andere so lang am Trockenseile hängen sah – und sagte mit Würde, jeder, der seine gedruckten Werke gelesen, wisse gewiss, dass er ein Herz im Busen trage, das so heilige Zeichen, wie Tränen sind, eher zurückzudrängen, um keinem Nebenmenschen damit etwas zu entziehen, als mühsam hervorzureizen nötig habe aus Nebenabsichten. – »Dies Herz hat sie schon vergossen, aber heimlich, denn Kabel war ja mein Freund«, sagt‘ er und sah umher. Mit Vergnügen bemerkte er, dass alle noch so trocken dasaßen wie Korkhölzer; besonders jetzt konnten Krokodile, Hirsche, Elefanten, Hexen, Reben leichter weinen als die Erben, von Glanzen so gestört und grimmig gemacht.


Bloß Flachsen schlugs heimlich zu; dieser hielt sich Kabels Wohltaten und die schlechten Röcke und grauen Haare seiner Zuhörerinnen des Frühgottesdienstes, den Lazarus mit seinen Hunden und seinen eigenen langen Sarg in der Eile vor, ferner das Köpfen so mancher Menschen, Werthers Leiden, ein kleines Schlachtfeld und sich selber, wie er sich da so erbärmlich um den Testaments-Artikel in seinen jungen Jahren abquäle und abringe – noch drei Stöße hatt‘ er zu tun mit dem Pumpenstiefel, so hatte er sein Wasser und Haus.

Foto: Bernd-Mayer-Stiftung

»O Kabel, mein Kabel«, fuhr Glanz fort, fast vor Freude über nahe Trauertränen weinend: »Ich glaube, meine verehrtesten Herren«, sagte Flachs, betrübt aufstehend und überfließend umhersehend, »ich weine« – setzte sich darauf nieder und ließ es vergnügter laufen;  … Er war nun auf dem Trocknen.


Text: Stephan Müller


Stephan Müller

Stephan Müller (53) ist Stadtrat, Hobbyhistoriker, freiberuflicher Journalist und Autor zahlreicher Bücher zur Geschichte Bayreuths. Für das Bayreuther Tagblatt hat er sein Archiv geöffnet. Die besten Anekdoten gibt es immer wieder hier beim bt.

Lesen Sie auch: