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Klinikum: Mit der Videobrille gegen den Schmerz

Das gibt es weit und breit nur in Bayreuth. Wer als Schmerzpatient im Klinikum behandelt wird, der kann mit einem Medizinprodukt der etwas anderen Art Bekanntschaft machen. Mit einer Brille, in der Videofilme gezeigt werden.

Die Videobrille. Fotos: Thorsten Gütling

Stefan Scharnagel ist der Teamleiter im Akutschmerzdienst. Er hat dafür gesorgt, dass die Brille am Klinikum Bayreuth eingesetzt wird. Warum? Weil Schmerz im Kopf entsteht. „Je mehr die Psyche dazu kommt, desto schwieriger wird die Schmerzbehandlung“, sagt Scharnagel. Soll heißen: Wer nach einem Unfall nur lange genug auf sein zerquetschtes Bein blickt, der wird sich einreden, dass er Schmerzen hat. Da kann der Körper noch so voller Opiate sein. Ganz ähnliches gilt für Menschen mit Phantomschmerzen.

Stefan Scharnagel, Teamleiter Akutschmerzdienst am Klinikum Bayreuth. 

Scharnagel erzählt, wie er vor Jahren auf der Suche nach einem Weiterbildungsangebot für nichtmedikamentöses Schmerzmanagement war und nirgends fündig wurde. Schließlich entwickelte er selbst einen Kurs, schrieb ein Buch, eine Leitlinie, die mittlerweile zum sogenannten Expertenstandard geworden ist. Die Videobrille ist nur das I-Tüpfelchen, Scharnagel ist ein echter Schmerz-Experte.

Etwa zwei Patienten verlangen pro Tag am Klinikum nach der Schmerz-Brille. Einer ist Thomas Krogemann. Vor wenigen Tagen hatte er eine Operation im Bauchraum, die Wunde hat sich entzündet, die Schmerzen sind ohne Medikamente nicht auszuhalten. Jetzt könnte Krogemann 50 Mal am Tag zur Schmerzpumpe greifen. Krogemann weiß aber, dass das auf die Nieren geht.

Schmerzpatient Thomas Krogemann sucht einen Film aus.

Über die Videobrille hat er zuletzt eine Dokumentation über den New Yorker Central Park geschaut, ging dort regelrecht spazieren, wie er sagt, „bei einer Wahnsinns Bild- und Tonqualität“. Gut 90 Minuten war er abgelenkt oder „audiovisuell entkoppelt“, wie es Scharnagel nennt. Der Zustand der Entspannung, soll noch Stunden später anhalten. Jetzt ist der Schmerz wieder da und Krogemann will wieder ausbüxen – aus seinem Krankenbett, zumindest in Gedanken. Wohin, mit welchem Film, das darf er sich selbst aussuchen. Zur Wahl stehen Dutzende Filme.

Video: Carolin Richter

Einen solchen Film hat Scharnagel sogar selbst produziert. Er zeigt Naturaufnahmen – unter anderem aus dem Fichtelgebirge, aber auch frei verfügbare Naturbilder aus dem Internet. Sein Kollege Martin Zeidler hat die Musik dazu komponiert. Der Film läuft nicht in der Videobrille, sondern auf einem Fernseher. Der steht im Zentrum für Komplementärmedizin am Klinikum, dort findet als Ergänzung zur Schulmedizin die sogenannte „Grüne Sprechstunde“ statt. Die Farbe Grün gilt als entspannend. Ein anderer Film zeigt Sonnenaufgänge. Gelb soll bei Magen-Darm-Problemen helfen, Orange bei Depressionen.

Video: Akutschmerzdienst Klinikum Bayreuth GmbH

Über kurz oder lang könnten die Filme auch über das hauseigene TV-System in alle Patientenzimmer übertragen werden. Pain-TV, also Schmerz-TV, lautet der Arbeitstitel.


Wo die Videobrille außerdem angewendet wird

Ein weiterer Anwendungsbereich der Videobrille: Wer am Klinikum unter Teilnarkose operiert wird, darf die Brille auch tragen. Unangenehme Bohr- und Sägegeräusche werden damit ausgeblendet, eine zusätzliche Beruhigungstablette wird überflüssig. Allerdings: Zumindest in diesem Bereich, wie auch bei Angstpatienten, verwenden auch andere Kliniken bereits die Videobrille. Bei der Schmerztherapie ist das Klinikum Bayreuth dank Stefan Scharnagel aber Vorreiter und weit und breit einmalig.

 

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