Freizeit

Mit dem „Bockala“ durch Bayreuth

Über 40 Jahre ist es her, dass es neben dem Hauptbahnhof auch in der Altstadt einen Bahnhof gab und Bahngleise bis nach Hollfeld und Thurnau führten. Wo sich früher Gleise ihren Weg durch Bayreuth bahnten, findet man heute nur noch Radwege.

Mit der Dampflok durch Bayreuth

„… und wenn wir am Hauptbahnhof des Zügla nach Kulmbach verpasst haben“, erzählte meine Großmutter, „sind wir halt an der Haltestelle Herzoghöhe zugestiegen“. Einen flotten Gang erforderte es allerdings schon, wenn man die alte Dampflokomotive noch erwischen wollte, die zwischenzeitlich ihre Rundfahrt durch Bayreuth absolvierte.
Der damalige Fahrplan. Foto: Bayreuth und die Eisenbahn, Robert Zintl
Am heutigen Hohenzollernring, der Dürschnitz und der Nürnberger Straße entlang dampfte die Lok. Dann ging’s um den Glasenweiher herum, bis nach den Quellhöfen die „Blockstation“ Kreuzstein, der Halteplatz Röhrensee und knapp zwei Kilometer weiter am Bahnhof Altstadt der dritte Zwischenstopp folgte. Von dort aus ging es entweder in Richtung Hollfeld weiter oder über die Herzoghöhe, Heinersreuth und Altenplos in Richtung Thurnau.

Anfang der 70er war Schluss

Heute erinnern noch zwei Radwege an die Bahnstrecken, die Anfang der siebziger Jahre aufgelöst wurden: der Radwanderweg nach Mistelbach, vorbei an der ehemaligen Haltestelle Fantaisie-Eckersdorf bei Geigenreuth und schließlich der Radweg (vorbei an der ehemaligen Haltestelle Herzoghöhe in der Nähe der Gaststätte „Laus“) nach Heinersreuth, der im Stadtgebiet Thurnauer Weg getauft wurde.

„Zu einem Bahnhof gehört ein Wirtshaus“

Als der Braumeister Fritz Schmidt erfuhr, dass die Bahnlinie Thurnau-Bayreuth errichtet wird, plante er ein Wirthaus an der Bahnstrecke. Mutterseelenalleine stand das Haus „Thurnauer Hof“ dann zwischen Wiesen und Feldern, in unmittelbarer Nähe der damaligen Stadtgärtnerei. Für den geplanten „Thurnauer Hof“ wurde selbstverständlich auch ein Wirt gesucht. Dies hat sich bis nach Neuhaus an der Pegnitz herumgesprochen, wo ein junger Metzgergeselle namens Johann Lauß lebte, der sich selbstständig machen wollte. Lauß wurde damit 1909 der erste Wirt. Er wurde sogar so populär, dass die Wirtschaft landläufig immer noch seinen Namen trägt.

Sieben Kilometer vom Hauptbahnhof bis zur Herzoghöhe

In Herzoghöhe ist gerade der Thurnauer Zug angekommen. DB-Bild 1964
Für den sieben Kilometer langen „Umweg“ vom Hauptbahnhof bis zum „Haltepunkt“ Herzoghöhe benötigte das „Bockala“ nach Fahrplan genau 21 Minuten. Das war auf dem direkten Weg eben auch zu Fuß zu schaffen.
Das wussten auch die Bahnreisenden, die aus Thurnau die Stadt erreichten. Der Bayreuther Stadtteilhistoriker Kurt Herterich erzählte, dass die Bahnreisenden, insbesondere die Bauern aus dem Thurnauer Land und dem nordwestlichen Landkreis, gerne an der ersten Eisenbahnhaltestelle an der Herzoghöhe ausstiegen und zu Fuß in die Stadt gingen. So sparten sich die Herren für die einfache Fahrt 10 bis 20 Pfennige, die durchaus in ein oder zwei „Seidla“ Bier umgesetzt werden konnten.
Hinweis-Schild zur Haltestelle Herzoghöhe. Foto: Stephan Müller
An der Herzoghöhe verrichtete von 1929 bis 1968 der pflichtbewusste Fahrkartenverkäufer Karl Heuberger seinen Dienst. Obwohl es sich dort nur um einen „Haltepunkt“ mit einer Wellblechbude und einer am Ende unansehnlichen Bretterbude als Warteraum handelte, bestand er auf den Titel „Bahnhofsvorstand“. Seinen Dienst verrichtete Heuberger von 6 Uhr morgens bis 19 Uhr. In dieser Zeit hatte er fünf Zugpaare abzufertigen. Als seine Station am 1. April 1968 in eine unbesetzte Haltestelle umgewandelt wurde, ging Heuberger als ältester Eisenbahner Deutschlands im Alter von 83 Jahren in den wohlverdienten Ruhestand. Die Strecke nach Thurnau wurde für den Reisezugverkehr am 3. Juni 1973 stillgelegt.
Freie Fahrt erhält der Schienenbus durch Vorsteher Karl Heuberger.

Sonderzug aus Augsburg

Etwas länger, nämlich bis zum 28. September 1975, dampfte das „Bockala“ vom Hauptbahnhof über den Bahnhof Altstadt bis nach Hollfeld. Den größten „Zuspruch“ an Zugreisenden fand die Teilstrecke bis in die Altstadt eindeutig im September 1973. Damals waren mehr als 10.000 Zuschauer zu dem altehrwürdigen Fußballstadion an der Jakobshöhe gepilgert, das nur einen Katzensprung vom Altstädter Bahnhof entfernt lag. Kurz vor Spielbeginn erreichte den Haltepunkt noch ein Sonderzug aus Augsburg mit 700 Fans der Gastmannschaft. Ein Raunen ging durch das bereits dicht gefüllte Stadion, als sich die Augsburger Fußballanhänger auch noch auf die Ränge quetschten.
Das Spiel zwischen der SpVgg Bayreuth, die noch heute mit Oldschdod angefeuert wird, endete 3:3. Ein bis heute legendäres Spiel. Bei strömenden Regen war das Remis dem neu verpflichteten Klaus Brand zu verdanken, der den schier uneinholbaren 0:3 Rückstand noch mit drei Treffern egalisierte. Es war die letzte Spielsaison der ersten Mannschaft der SpVgg Bayreuth auf der Jakobshöhe. Ein Jahr später sorgten die Altstädter im neu erbauten Städtischen Stadion in der zweiten Fußball-Bundesliga-Süd für Furore. Doch das ist eine andere Geschichte. 
Schade, dass es das „Bockala“ durch Bayreuth und die Altstadt nicht mehr gibt. Aber zumindest ist der alte Bahnhof erhalten geblieben. Als Schützenheim für die Altstädter Schützen ist er zu einem wahren Schmuckkästchen geworden.

Text: Stephan Müller


Stephan Müller

Stephan Müller (53) ist Stadtrat, Hobbyhistoriker, freiberuflicher Journalist und Autor zahlreicher Bücher zur Geschichte Bayreuths. Für das Bayreuther Tagblatt hat er sein Archiv geöffnet. Die besten Anekdoten gibt es immer wieder hier beim bt.

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