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Ein Dirigent scheitert am Ring: Wolfgang Wagner über das Solti-Desaster 1983
Acht Tage wollte er das Festspielhaus exklusiv für sich – eine Forderung, die selbst Wolfgang Wagner nicht erfüllen konnte. Dazu Ärger mit Bühnenbildner und Regisseur, eine abgesagte Rückkehr und ein Satz, der bis heute nachhallt: Wer ist der eigentliche Star am Grünen Hügel?
Manchmal offenbart ein vor 24 Jahren geführtes Gespräch mehr über Bayreuth als jede aktuelle Pressemitteilung. Passend zum Jubiläumsjahr „150 Jahre Bayreuther Festspiele“, in dem die ganze Stadt zum Gesamtkunstwerk werden soll, lohnt sich der Blick zurück auf eine der spektakulärsten Episoden der Festspielgeschichte: das Scheitern des Ringdirigenten von 1983.
Der Journalist Raymond Tholl zeichnete seit 1984 über zwei Jahrzehnte hinweg Gespräche mit Wolfgang Wagner auf, dem Enkel Richard Wagners und langjährigen Festspielleiter. Eines davon, entstanden am 3. August 2002, drehte sich um einen der größten Namen der Dirigentenwelt: Sir Georg Solti – und um dessen einzige, folgenreiche Saison am Grünen Hügel.
Kurzes Gastspiel von Sir Georg Solti
Solti, geboren 1912 in Budapest, gestorben 1997, galt als einer der prägendsten Dirigenten des 20. Jahrhunderts. Seine Ring-Einspielung mit den Wiener Philharmonikern in den 1960er Jahren, unter anderem mit Birgit Nilsson, Wolfgang Windgassen und Gottlob Frick, gilt bis heute als Referenzaufnahme. Werbewirksam ließ ihn seine Plattenfirma bereits 1982 in Bayreuth als „den Ring-Dirigenten unserer Zeit“ auf Plakaten ankündigen.
Genau dieser Ruf wurde ihm 1983 in Bayreuth zum Verhängnis. Nach jahrzehntelangem Werben – schon Wolfgang Wagners Bruder hatte ihn seit Ende der 1950er Jahre vergeblich eingeladen – kam Solti schließlich doch an den Grünen Hügel. Gemeinsam mit Regisseur Peter Hall und Bühnenbildner William Dudley übernahm er die Neuinszenierung der Tetralogie.
Warum scheiterte der Dirigent 1983 an Wagners Ring?
Im Gespräch mit Tholl benennt Wolfgang Wagner die Gründe unverblümt. Solti habe seine eigene Leistungsfähigkeit überschätzt und die Aufgabe unterschätzt, den kompletten Ring im Bayreuther Probenrhythmus neu zu erarbeiten – anders als im Studio, wo sich beim Schallplatten-Dirigat alles korrigieren lasse, verzeihe die Bühne keine Fehler.
Hinzu kamen handfeste Konflikte um die Probenplanung: Solti habe verlangt, acht Tage vor der Premiere das gesamte Festspielhaus exklusiv für sich zu bekommen – unmöglich, da parallel andere Werke gespielt wurden. Auch mit dem Bühnenbildner sei er „sehr präpotent“ umgegangen, mit Regisseur Peter Hall habe die Kommunikation nicht funktioniert, sodass dessen Konzept nie richtig zur Wirkung kam.
„Schauen Sie Herr Solti, etwas müssen Sie berücksichtigen, der Star in Bayreuth ist kein Dirigent, kein Regisseur, kein Sänger, sondern es ist Richard Wagner.“
— Wolfgang Wagner, damaliger Festspielleiter, im Gespräch mit Raymond Tholl
Diesen Satz habe er Solti damals direkt gesagt, erinnert sich Wagner – für den selbstüberzeugten Dirigenten ein Schock. Die Produktion, in der Fachwelt später als „English Ring“ bekannt, lief statt der üblichen fünf nur vier Jahre; Solti selbst dirigierte lediglich die Premierensaison 1983 und sagte seine Rückkehr 1984 ab.
Was unterscheidet Bühne und Schallplatte?
Ein zweiter roter Faden des Gesprächs: die Frage, ob sich Wagners „Ring“ überhaupt rein akustisch, am Mischpult zusammengesetzt aus einzelnen Fragmenten, in seiner vollen Tiefe erfassen lässt. Wolfgang Wagner verneint das im Interview klar. Richard Wagner sei „ein Vollblut-Theatermensch“ gewesen, dessen Werk auf den lebendigen Menschen auf der Bühne angewiesen sei – die „Konservenmusik“ könne diese Lebendigkeit nicht ersetzen, so seine Einschätzung, auch wenn die klangliche Qualität einer Studioaufnahme durchaus überzeugen könne.
Warum ist das Gespräch heute noch relevant?
Anlass für das Interview 2002 war eine CD-Geschenkkassette mit sechs Solti-Wagner-Opern, die zu den Festspielen jenes Jahres im Beisein von Lady Solti vorgestellt wurde. Zwei Jahrzehnte später, im Jubiläumsjahr 2026, zeigt das Gespräch exemplarisch, wie hart selbst Weltstars an den besonderen Bedingungen des Grünen Hügels scheitern konnten – und wie kompromisslos Wolfgang Wagner den künstlerischen Anspruch seines Großvaters gegen große Namen verteidigte.
Häufige Fragen
Wer war Sir Georg Solti?
Ein 1912 in Budapest geborener, 1997 gestorbener Dirigent, der vor allem für seine Ring-Einspielung mit den Wiener Philharmonikern in den 1960er Jahren berühmt wurde und 1983 einmalig den „Ring des Nibelungen“ bei den Bayreuther Festspielen dirigierte.
Warum scheiterte Soltis Ring-Inszenierung 1983 in Bayreuth?
Laut Wolfgang Wagner überschätzte Solti seine Fähigkeit, die komplette Tetralogie im Bayreuther Probenrhythmus zu erarbeiten, stellte unerfüllbare Forderungen zur Probenplanung und geriet in Konflikt mit Bühnenbildner William Dudley und Regisseur Peter Hall.
Wer war der Regisseur des Rings von 1983?
Peter Hall inszenierte gemeinsam mit Dirigent Georg Solti und Bühnenbildner William Dudley die Neuproduktion, die später als „English Ring“ bekannt wurde.
Wie lange leitete Solti den Ring in Bayreuth?
Nur eine Saison: Solti dirigierte 1983 die Premiere, sagte seine geplante Rückkehr 1984 aber ab.
Was hat das Gespräch mit dem Festspieljubiläum 2026 zu tun?
Es zeigt, wie anspruchsvoll und konfliktreich Bayreuth selbst für internationale Stardirigenten war – ein Rückblick, der im Jubiläumsjahr „150 Jahre Bayreuther Festspiele“ die Geschichte des Grünen Hügels lebendig macht.












Spieleautomaten. Symbolfoto: Pixabay
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