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„Ein absoluter Antisemit“ – Friedman rechnet in Bayreuth mit Wagner ab
Am Vormittag nach der Festspieleröffnung ist im Bayreuther Festspielhaus gesagt worden, was hier lange nicht gesagt wurde: Richard Wagner sei ein „leidenschaftlicher, brutaler Antisemit“ gewesen. Bei der Gedenkveranstaltung „Verstummte Stimmen“ zum 150-jährigen Bestehen der Festspiele erinnerte Michel Friedman an jüdische Künstlerinnen und Künstler, die durch Wagners Erbe und den Nationalsozialismus verfolgt wurden – und mahnte eindringlich, die Demokratie nicht als selbstverständlich hinzunehmen.
Festspielleiterin Katharina Wagner eröffnete die Feierlichkeiten und machte von Beginn an klar: Die Geschichte der Festspiele ist nicht nur eine Erfolgsgeschichte. Sie ist ebenso mit den dunkelsten Kapiteln Deutschlands verbunden. Der Tag stand im Zeichen des Gedenkens an jene Künstlerinnen, Künstler und Mitarbeitenden, die ihre Anstellung und teilweise auch ihr Leben verloren haben, weil sie Juden waren. Als Ehrengast begrüßte Wagner den jüdischen Publizisten Michel Friedman, dessen Worte an diesem Ort besonderes Gewicht hatten.
Erster Besuch auf dem Grünen Hügel – auf persönliche Einladung
Noch vor der eigentlichen Festrede besuchten Friedman und Wagner gemeinsam den Gedenkort „Verstummte Stimmen“ unterhalb des Festspielhügels. Für Friedman war es der allererste Besuch des Grünen Hügels überhaupt – eingeladen hatte ihn Katharina Wagner persönlich. Bei diesem gemeinsamen Gang wurde bereits deutlich, wie eng sich beide inzwischen verstehen: Friedman bezeichnete Wagner als Freundin.
„Wir sind frisch befreundet.“
— Michel Friedman, Publizist
Friedmans Sicht auf die Familie Wagner
Friedman bedankte sich bei Katharina Wagner dafür, dass sie die Kultur der Erinnerung in Bayreuth aktiv verändere und sich der Geschichte stelle.
„Richard Wagner war ein brutaler, leidenschaftlicher Antisemit.“
— Michel Friedman, Publizist
Wagners Familie habe Adolf Hitler aus Überzeugung unterstützt und dessen Musik für die Propaganda des SS-Regimes missbrauchen lassen, so Friedman. Scharf kritisierte er auch Wieland und Wolfgang Wagner, die 1951 politische Debatten auf dem Grünen Hügel untersagt hatte, um die Festspiele „reibungslos“ durchzuführen. Man dürfe Wagners Musik – und auch Wagner selbst – durchaus genießen, stellte Friedman klar. Aber nur mit dem nötigen Wissen um die Hintergründe und den Geist des Komponisten.
Von Schuld, Verantwortung und Oskar Schindler
Ein zentraler Gedanke seiner Rede: Die heutige Generation trage keine Schuld an Auschwitz. Aber sie habe die Verantwortung dafür, dass sich eine solche Geschichte niemals wiederholt.
„Wir sind verantwortlich für unsere Gegenwart.“
— Michel Friedman, Publizist
Friedman erzählte von seiner eigenen Familiengeschichte: Seine Eltern und seine Großmutter wurden von Oskar Schindler gerettet. Deshalb weigere er sich, pauschal von „den Deutschen“ zu sprechen – Schindlers Beispiel zeige, dass auch Einzelne unter Lebensgefahr Mut beweisen können. Zugleich reflektierte er über das Schweigen in vielen deutschen Familien nach 1945, das er als „schwarzes Loch“ der Erinnerungskultur bezeichnete, da Biografien oft weißgewaschen worden seien.
„Nicht diejenigen, die an etwas erinnern, sind das Problem, sondern diejenigen, die sich nicht erinnern wollen.“
— Michel Friedman, Publizist
Die Fähigkeit, Fragen zu stellen und das Wort „Warum“ zu benutzen, sei die größte Bedrohung für jeden Autokraten – und der Kern menschlicher Emanzipation, so Friedman.
Warnung vor einer „gelangweilten“ Demokratie
Friedman zeigte sich besorgt, dass viele Bürgerinnen und Bürger zu „gelangweilten“ oder „dekadenten“ Demokraten geworden seien, die Freiheit als selbstverständlich hinnehmen. Hass sei keine Meinung, sondern eine strafbare Handlung, wenn er Menschen bedrohe – geistige Brandstiftung führe oft zu realen Taten.
„Judenhass ist keine Meinung, sondern ein gefährliches Gefühl, das strafbar geahndet werden muss, wenn es Menschen bedroht.“
— Michel Friedman, Publizist
Er rief dazu auf, die Demokratie aktiv zu verteidigen, statt nur über den Zustand des Landes zu klagen. Das demokratische System könne innerhalb weniger Jahre kippen, warnte er, wenn die Gesellschaft gegenüber Hass und Ausgrenzung gleichgültig bleibe. Zur Streitkultur mahnte er: In einer Demokratie müsse man aushalten, dass andere eine andere Meinung haben – solange diese nicht in Hass umschlage.
Antisemitismus heute: Die Lage seit dem 7. Oktober
Besonders eindringlich wurde Friedman bei der Gegenwart. Die Situation für jüdische Menschen in Deutschland sei seit dem 7. Oktober 2023 so gefährlich wie nie zuvor seit Kriegsende. Er kritisierte antisemitische Vorfälle an deutschen Hochschulen, unter anderem an der Humboldt-Universität zu Berlin und der Universität Düsseldorf, wo israelische Studierende bedroht und Kooperationen mit Israel infrage gestellt würden.
Eine Doppelmoral prangerte er ebenfalls an: Während bei Kritik an der israelischen Regierung oft die Vernichtung des Staates gefordert werde, geschehe dies bei Regimen wie in Russland oder dem Iran nicht. Jüdische Menschen in Deutschland müssten sich zudem oft erst von der Politik Netanyahus distanzieren, bevor sie in öffentlichen Räumen akzeptiert würden. Dass jüdische und israelische Menschen in Deutschland derzeit kollektiv boykottiert und verfolgt würden, nannte Friedman schlicht skandalös.
„Die Bedingung der Zukunft ist zu lernen.“
— Michel Friedman, Publizist
Friedman schloss mit dem Appell, jeden Tag stolz auf die Freiheit zu sein und für sie zu kämpfen – die Zivilisation sei eine dünne, zerbrechliche Schicht. Konkret riet er dazu, öfter das Grundgesetz zu lesen, insbesondere die ersten zwanzig Artikel, aktiv das Gespräch mit Nachbarn zu suchen und in Bildungseinrichtungen wie Familien eine gesunde Streitkultur zu fördern statt Unangenehmes zu verschweigen.
Warum diese Rede in Bayreuth so viel Gewicht hat
Dass ausgerechnet Friedman an diesem Ort sprach, ist keine Selbstverständlichkeit. Erst Mitte Juni hatten die Festspiele die Gedenkveranstaltung kurzfristig offiziell aus Sicherheitsgründen abgesagt, was bundesweit scharfe Kritik auslöste – auch von Friedman selbst, der die Absage öffentlich als demokratiegefährdend bezeichnete. Erst nach einer persönlichen Entschuldigung Katharina Wagners, die gegenüber der Süddeutschen Zeitung von einer „fatalen Fehleinschätzung“ sprach, sagte Friedman erneut zu. Die Details zur wiederhergestellten Veranstaltung hatten die Festspiele wenig später öffentlich bestätigt.
Der Ort selbst trägt schwer an seiner Geschichte: Wagner veröffentlichte 1850 die antisemitische Schrift „Das Judenthum in der Musik“, seine Schwiegertochter Winifred leitete die Festspiele von 1930 bis 1944 als überzeugtes NSDAP-Mitglied, und Hitler zählte über Jahre zu den gern gesehenen Gästen auf dem Grünen Hügel. Ob sich Wagners Antisemitismus auch in seinen Werken selbst niederschlägt, ist bis heute Gegenstand der Forschung – der Musikwissenschaftler Anno Mungen etwa sieht ihn unter anderem im „Ring des Nibelungen“ wiedergespiegelt. Warum Wagners Antisemitismus uns bis heute beschäftigt, hat auch Michael Christensen im Gespräch mit dem Kulturwissenschaftler Frank Piontek zu ergründen versucht.
Häufige Fragen
Was war die Gedenkveranstaltung „Verstummte Stimmen“ bei den Bayreuther Festspielen?
Eine Gedenkveranstaltung zum 150-jährigen Bestehen der Bayreuther Festspiele, die am 26. Juli 2026 im Festspielhaus an jüdische Künstlerinnen und Künstler erinnerte, deren Wirken durch Hass, Verfolgung und Mord beendet wurde. Michel Friedman hielt die Gedenkrede.
Warum war Michel Friedmans Auftritt in Bayreuth zunächst umstritten?
Die Festspiele hatten seinen Auftritt Mitte Juni offiziell aus Sicherheitsgründen abgesagt, was bundesweit als Rückzieher vor der eigenen Geschichte kritisiert wurde. Nach einer persönlichen Entschuldigung von Katharina Wagner sagte Friedman erneut zu.
War Michel Friedman schon einmal auf dem Grünen Hügel?
Nein, der Besuch des Gedenkorts „Verstummte Stimmen“ und der Festspiele am 26. Juli 2026 war Friedmans allererster Besuch auf dem Grünen Hügel. Katharina Wagner hatte ihn persönlich eingeladen.
Was sagte Michel Friedman über Richard Wagner?
Friedman bezeichnete Wagner als brutalen, leidenschaftlichen Antisemiten, dessen Familie Adolf Hitler unterstützt und dessen Musik für NS-Propaganda missbraucht wurde. Man könne Wagners Musik trotzdem hören, aber nur mit Wissen um diese Hintergründe.
Was meinte Friedman mit der Warnung vor einer „gelangweilten“ Demokratie?
Er beschrieb damit Bürgerinnen und Bürger, die Freiheit als selbstverständlich hinnehmen, statt sie aktiv zu verteidigen. Diese Gleichgültigkeit könne die Demokratie innerhalb weniger Jahre gefährden.
Wie beschrieb Friedman die Lage jüdischer Menschen in Deutschland seit dem 7. Oktober 2023?
Er nannte sie so gefährlich wie nie zuvor seit Kriegsende und verwies unter anderem auf antisemitische Vorfälle an der Humboldt-Universität Berlin und der Universität Düsseldorf.












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