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Einsatz gegen den Mähtod – Unterwegs mit der Kitzrettung
Wenn im Mai und Juni die Mähsaison beginnt, startet für die Kitzrettung Oberfranken e.V. die wohl wichtigste Zeit des Jahres. Mit moderner Drohnentechnik, viel ehrenamtlichem Einsatz und einem ausgeklügelten Ablauf retten die Helfer Rehkitze vor einem oft tödlichen Schicksal in den Wiesen der Region.
Wir haben die Kitzretter/innen bei einem Einsatz begleitet und erlebt, wie Hightech, Naturschutz und Landwirtschaft Hand in Hand arbeiten. Dabei zeigt sich: Hinter einer erfolgreichen Rettung steckt jede Menge Koordination und persönlicher Einsatz
Warum Rehkitze gerettet werden müssen
Für Rehkitze wird die Zeit der ersten Mahd jedes Jahr zur Gefahr. Genau dann, wenn Landwirte ihre Wiesen mähen, setzen Rehgeißen ihre Jungtiere häufig im hohen Gras ab. Die Natur hat die Tiere eigentlich gut geschützt: Die Kitze sind hervorragend getarnt und bleiben bei Gefahr regungslos liegen.
Genau dieser Schutzmechanismus wird ihnen jedoch zum Verhängnis. Während ältere Tiere fliehen, drücken sich junge Kitze bei Gefahr auf den Boden. Vor einem herannahenden Mähwerk flüchtet das Tier also nicht, sondern bleibt an Ort und Stelle liegen. Ohne Hilfe endet das für viele Tiere tödlich oder mit schweren Verletzungen.
So läuft eine Kitzrettung ab
Es ist 5 Uhr morgens. Eine Wiese in der Nähe von Mainleus, im Landkreis Kulmbach. Die Sonne ist noch nicht über den umliegenden Hügeln aufgegangen, aber wir haben schon ausreichend Tageslicht. Die Einsätze müssen so früh stattfinden, denn nur in den kühlen Morgenstunden hebt sich die Körperwärme der Tiere deutlich von der Umgebung ab und kann zuverlässig erkannt werden.
Alles ist noch taufrisch, die Luft ist recht kühl, aber es sieht ganz danach aus, dass es ein heisser Tag wird. Ich habe mich mit dem Verein Kitzrettung Oberfranken e.V. verabredet, um die Helferinnen und Helfer bei einem ihrer Einsätze zu begleiten. Vor Ort sind Drohnenpilot Toni, sowie die zwei Helferinnen Pia und Daniela. Die Begrüßungen untereinander sind herzlich, wenn auch etwas kurz. Man merkt allen Beteiligten die frühe Uhrzeit an. Wir verlieren nicht viel Zeit. Kurz wird über den Einsatzplan gesprochen, dann ist auch schon die Drohne in der Luft und wir warten ab. Dann heisst es:
„Da, zwei Kitze. ca. 5 Meter auseinander.“
Hat der Dronenpilot beim Überflug Kitze im Gras entdeckt, schnappen sich die Helfer/innen die Transportboxen und machen sich auf den Weg. Die Drohne bleibt am Himmel über dem Kitz stehen und dient als erster Orientierungspunkt. Sind die Helfer/innen in der nähe des Kitz angekommen, werden sie metergenau per Walkie-Talkie vom Drohnenpilot geführt.
„Zwei Meter rechts von Euch, 11 Uhr“
höre ich Toni Schleicher aus dem Walkie Talkie sagen. Helferin Daniela Scholze, die mich durch den Einsatz führt, erklärt mir:
„Es schaut in diese Richtung, also gehen wir einmal im Halbkreis drum herum, dann können wir es von hinten greifen.“
Und genau so macht sie es mir vor. Mit einen riesigen Büschel Gras in den Händen, schleicht sie gekonnt um das Kitz herum und greift in das fast mannshohe Gras. Ich bekomme das Tier nur kurz zu sehen, und schon verschwindet es in der bereitgestellten, großzügig mit Gras ausstaffierten Transportbox.
Diese stellen wir anschließend an einem ruhigen schattigen Ort am Waldrand ab und decken sie noch zusätzlich mit Gras zu, damit das kleine Kitz darin auch seine Ruhe hat. Wichtig dabei: Die Tiere sollen möglichst wenig mit menschlichem Geruch in Kontakt kommen.
Deshalb arbeiten die Helfer mit Handschuhen und reichlich Gras. Es dient als Polster in den Boxen, wird als natürliche Barriere zwischen Mensch und Tier genutzt und hilft dabei, Fremdgerüche zu minimieren. Die Sorge dahinter: Nimmt die Mutter ihr Jungtier nach der Rettung nicht mehr an, ist das de facto ein Todesurteil für das kleine Reh.
Während das Kitz sicher in der Box wartet, kann der Landwirt die Wiese mähen. Nach Abschluss der Arbeiten informieren die Landwirte die Helfer, die das Tier anschließend wieder freilassen. Die Rehgeiß hält sich in der Regel in der Nähe auf und findet ihr Junges wieder.
Sonderfall: „Flitz-Kitz“
Nicht jedes Tier lässt sich problemlos sichern. Die Helfer treffen auf Kitze unterschiedlichen Alters. Manche bleiben regungslos liegen, andere springen bereits auf und flüchten einige Meter oder sogar mehrere hundert Meter weit. In solchen Fällen versuchen die Helfer, die Tiere gezielt in angrenzende Waldstücke oder andere sichere Bereiche zu treiben. Auch das ist bei unserem Einsatz vorgekommen.
Besonders bei älteren Kitzen kommt es vor, dass sie während eines Einsatzes ihren Standort wechseln. Dann ist Erfahrung gefragt – sowohl bei den Läufern am Boden als auch beim Drohnenpiloten.
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Die Technik hinter der Rettung
Digitale Einsatzplanung über die Cloud
Die Kitzrettung Oberfranken setzt auf eine digitale Plattform namens POlCloud. Dort können Landwirte ihre Felder eintragen und direkt Anfragen für Überflüge stellen. Die Helfer sehen dadurch Größe, Lage und Zeitpunkt der geplanten Mahd und können ihre Einsätze effizient planen.
Nach der Anmeldung eines Feldes erhalten die Ehrenamtlichen eine Benachrichtigung und prüfen, ob genügend Piloten und Helfer verfügbar sind. Nach erfolgreichem Einsatz wird das Feld in der digitalen Karte als bearbeitet markiert. Der Landwirt sieht damit sofort, dass die Fläche kontrolliert wurde und gemäht werden kann.
Mit viel Know-How und starker Software
Bei der Suche nach Rehkitzen kommt eine Wärmebildkamera zum Einsatz. Die Piloten nutzen dabei meist den sogenannten White-Hot-Modus. In dieser Darstellung erscheinen warme Objekte hell, kältere Bereiche dunkel.
Der Vorteil: Das menschliche Auge kann in Schwarz-Weiß feine Kontraste besser erkennen als in farbigen Wärmebildern. Dadurch lassen sich kleine Temperaturunterschiede auf den Wiesen leichter erkennen. Allerdings können warme Objekte wie Straßen, Silageballen oder andere Wärmespeicher das Bild beeinflussen und die Suche erschweren.
Die Flugrouten können von der Software automatisch berechnet werden. Anhand vorgegebener Parameter wie Flughöhe und Geschwindigkeit erstellt das System eine Route, mit der die Fläche vollständig abgescannt werden kann. Dennoch bleibt Erfahrung wichtig, denn an Waldrändern oder unter Baumkronen müssen Piloten immer wieder manuell eingreifen.
Kein Kavaliersdelikt
Die Arbeit der Kitzrettung steht im direkten Zusammenhang mit dem Gedanken des Tierschutzes. Das deutsche Tierschutzgesetz verfolgt das Ziel, Tiere vor vermeidbaren Schmerzen, Leiden und Schäden zu schützen. Zwar sind Landwirte nicht gesetzlich verpflichtet, jede Wiese vor der Mahd mit einer Drohne abzusuchen, dennoch haben sie die Verantwortung den Mähtod der Wildtiere zu verhindern.
In dem Fall, dass die Wiese vor der Mahd nicht ausreichend kontrolliert wurde, kennt das Gesetz (§ 17 & 18 TierSchG) den Fall des „bedingten Vorsatzes“. Das bedeutet, der Tod oder die Verletzung der Wildtiere wird durch das Unterlassen von Schutzmaßnahmen billigend in Kauf genommen. Die kann eine Anzeige nach dem Tierschutzgesetz, sowie Geld- oder Freiheitsstrafen nach sich ziehen.
Die Suche nach Rehkitzen vor der Mahd gilt als wirksame Möglichkeit, Tierleid zu verhindern. Deshalb arbeiten Landwirte, Lohnunternehmer und ehrenamtliche Kitzretter/innen zunehmend zusammen. Die Kombination aus moderner Technik und freiwilligem Engagement trägt dazu bei, zahlreiche Wildtiere vor schweren Verletzungen oder dem Tod zu bewahren.
Vollkommen Ehrenamtlich
Die Kitzrettung Oberfranken e.V. arbeitet vollkommen ehrenamtlich. Die durchaus kostspielige Technik, die zum Einsatz kommt, wird allein aus Spenden finanziert. Den Landwirten wird für den Service keine Rechnung gestellt.
FAQ
Warum werden die Wiesen früh morgens kontrolliert?
In den kühlen Morgenstunden hebt sich die Körperwärme der Rehkitze besonders deutlich von der Umgebung ab. Dadurch können Wärmebildkameras die Tiere leichter erkennen.
Warum dürfen Rehkitze möglichst nicht mit bloßen Händen angefasst werden?
Die Helfer versuchen, menschlichen Geruch am Tier zu vermeiden. Deshalb arbeiten sie mit Gras, Handschuhen und speziellen Transportboxen.
Was passiert nach dem Mähen mit den geretteten Kitzen?
Nach Abschluss der Mäharbeiten werden die Tiere wieder freigelassen. Die Mutter hält sich meist in der Nähe auf und findet ihr Junges anschließend wieder.











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