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Lockdown

Gärtner aus Bayern fordern die umgehende Öffnung ihrer Betriebe – Video wird Internethit

Corona-Krise: Gartenbaubetriebe und Floristikgeschäfte appellieren in einem Video an die Politik, ihre Geschäfte umgehend öffnen zu dürfen. 

Nachdem die Kirchehrenbacher Floristin und Inhaberin der Gärtnerei Wolf in Waischenfeld, Christine Kraus, mit ihrem Facebook-Video online ging und damit einen Riesenerfolg erzielt hat, haben sich nun auch 15 Gärtner und Floristen aus ganz Bayern unter der Federführung der Gößweinsteiner Gärtner- und Floristmeisterin Anna-Lena Wiedow zusammengetan und am Mittwochabend in Facebook ein gemeinsames Video als „Hilferuf an unsere Bevölkerung und Politik“ veröffentlicht. Vor Kurzem ging ein Video eines Brauers aus Oberfranken viral, der gegen die Corona-Politik der Regierung wütete. 

Gärtner aus ganz Bayern fordern die umgehende Öffnung ihrer Betriebe – Video wird Internethit

Seitdem wurde das Video bereits fast 800 Mal geteilt und unzählige Male aufgerufen. Aus der Fränkischen Schweiz und unserer Region wirken in diesem Video die Gärtnereibetriebe und Floristikfachgeschäfte Wiedow und Schrüfer aus Gößweinstein, Kraus aus Waischenfeld, Blumen Schmidt aus Heiligenstadt, Blumen Betz aus Forchheim, Meisterblümchen aus Ebermannstadt, Naturnah aus Kirchehrenbach, Blumen Schleicher aus Heroldsbach und Gartenbau Dechant aus Bamberg mit. Weiterhin die Gärtnereien Benkert aus Waigolshausen, Gramsch aus Marktredwitz, Irrgang Erlebnis Grün aus Schwandorf, Kunstmann aus Weismain, Meer aus Reichenschwand und Boesner aus Fürstenzell.

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Sie alle appellieren vor allem an die Politik, ihre Gartenbaubetriebe und Floristikgeschäfte umgehend zu öffnen. Christian Kunstmann von der gleichnamigen Gärtnerei in Weismain, der oberfränkischer Obermeister der Gärtnerinnung ist, sagt: „Liebe Politiker, denken sie an die Öffnung unserer Betriebe, denn bei der Wahl von Ihnen haben wir Ihnen das Vertrauen geschenkt – bitte schenken sie uns jetzt Ihr Vertrauen dass wir verantwortungsvoll umgehen und sämtliche Hygieneregeln einhalten.“

Gärtner und Floristen haben „Vertrauen in Politik etwas verloren“

„Es ist verständlich, dass wir Gärtner und Floristen das Vertrauen in die Politik in den letzten Wochen etwas verloren haben“, betont auch der Marktredwitzer Gärtnermeister Martin Gramsch, der oberfränkischer Bezirksvorsitzender des Bayerischen Gärtnerei-Verbands ist. Was Gramsch und seine Berufskollegen besonders ärgert ist dass der Lebensmitteleinzelhandel den Blumenverkauf enorm ausgeweitet hat, seit die Gärtnereien und Blumenfachgeschäfte geschlossen sind.

„Dort drängeln sich die Leute um die Waren, die eigentlich wir verkaufen – ohne Abstand und Hygienevorschriften. Wir können das besser“, macht Oberfrankens Obergärtner seinem Ärger Luft. „Wir sind die Branche, die am meisten garantieren kann, dass am wenigsten Ansteckungsgefahr bei uns herrscht, weil wir riesige Flächen haben“, so auch Christian Irrgang von „Irrgangs Erlebnis Grün“ aus dem oberpfälzischen Schwandorf.

Wieso Gärtnereien nicht systemrelevant ein sollen, kann er nicht verstehen. Schließlich biete man auch Salat- und Kräuterpflanzen an, die man gerade in dieser Jahreszeit in der Küche braucht. „Die Situation ist für alle schwierig, aber uns fehlt komplett die Perspektive, wie es mit uns weitergeht“, so Katja Schmidt von „Blumen Schmidt“ in Heiligenstadt. Gärtnermeister Rupert Benkert aus Waigolshofen steht inmitten seiner Primeln und Frühlingsblüher und hofft, dass er sie diesmal vor Ostern verkaufen kann.

Deshalb ist Call & Collect keine Option

Schon letztes Jahr durfte er das wegen Corona nicht und musste alles auf den Kompost schmeißen. Monika Kraus von „Naturnah“ aus Kirchehrenbach ist zwar rund um die Uhr telefonisch, per Mail oder über soziale Medien für ihre Kunden erreichbar, aber es reicht einfach nicht. Was ihr am meisten stinkt, ist die Tatsache, dass sie nach einer Bestellung über Call & Collect keine Zuverkäufe machen darf, wenn der Kunde zum Abholen kommt und ihm noch eine Blume gefällt und das sie ihren kontaktlosen Selbstbedienungstisch nicht mehr aufstellen darf.

„Call & Collect ist für uns keine Option, weil wir nicht einmal zehn Prozent des Umsatzes damit schaffen“, gibt ihr der Gößweinsteiner Gärtnermeister David Schrüfer recht. Schrüfer fordert die Politik zum umgehenden Handeln auf und eine faire Behandlung der kleinen Unternehmen gegenüber den großen ein. „Unsere Kunden möchten regional einkaufen, doch durch die Schließung verweigert ihnen die Politik diesen regionalen Einkauf, sagt Franzsika Boesner von der gleichnamigen Gärtnerei aus Fürstenzell. Dies gefährdet die Betriebe, Arbeits- und Ausbildungsplätze, so die Gärtnermeisterin.

Appell an die Politik: Die Lage ist dramatisch

Phlipp Dechant von Gartenbau Dechant aus Bamberg steht ebenfalls in seinem Blumenmeer und betont, dass er den Platz nun eigentlich für die Folgekulturen dringend bräuchte. Er hofft auf die baldige Öffnung seines Gartencenters, um seine Frühlingsblüher doch noch rechtzeitig vor Ostern verkaufen zu können.

Konrad Hofstätter von „Blumen Betz“ in Forchheim appelliert an die Politik und betont, dass die Lage dramtisch sei. „Stellt euch vor die ganzen Gemüsepflanzen, alles, was der Gärtner anbietet, sollen im Supermarkt gekauft werden, weil die Gärtner keine Möglichkeit haben zu planen, wie viele sie davon brauchen und zum anderen nicht wissen, wie viele sie überhaupt davon verkaufen können“, so Hofstätter, der betont, dass man schon seit dem letzten Frühjahr ein ausgezeichnetes Hygienekonzept bei „Blumen Betz“ habe.

Auch Kunden empfinden die Situation als „sehr belastend“

Gärtnermeister Felix Meer aus Reichenschwand ruft die Regierung auf, die „grüne Branche“ generell wieder zu öffnen und Betram Schleicher von „Blumen Scheicher“ aus Heroldsbach betont, dass auch seine Kunden, die nicht in seinen Laden dürfen, die Situation als „sehr belastend“ empfinden. Obermeister Christian Kunstmann verweist auch darauf, dass auch viele der Zulieferfirmen enorm unter der Schließung der Gärtnereien und Floristik-Fachgeschäfte leiden. Auch deren Existenzgrundlage sei dadurch bedroht, so Kunstmann.

„Wir müssen endlich aufsperren dürfen, es kann so nicht weitergehen, die Menschen brauchen ihre Blumen und Pflanzen“, so Gärtnermeisterin Anna-Lena Wiedow die das Video geschnitten und online gestellt hat. „Wir wollen endlich wieder verkaufen und für unsere Kunden da sein und sie beraten“, gibt ihr Nadine Graßer von „Meisterblümchen“ aus Ebermannstadt recht und Christine Kraus fordert am Ende des sechsminütigen Clips die Öffnung ihrer Waischenfelder Gärtnerei Lieblingsstücke Wolf noch vor dem 1. Februar.

Blumen müssen zu den Kunden, nicht auf den Kompost

Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hatte in seiner Aschermittwochsrede zwar angekündigt, dass die Gärtnereien mit die ersten Betriebe sein sollen, die wieder öffnen dürfen. Einen konkreten Zeitpunkt nannte er jedoch nicht. Wenn es nach seinem Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW) geht, aber so schnell wie möglich. Gestern hatte Aiwanger auf seinem Facebook-Profil ein Bild von einem Blumenmeer einer Gärtnerei mit den Worten gepostet: „So schaut’s bei den Gärtnern aus. Spätestens Anfang März muss das zu den Kunden, nicht auf den Komposthaufen!“


Text und Bilder: Thomas Weichert

Bayreuther Tagblatt - Redaktion

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