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Zuletzt aktualisiert am 14. März 2026 | 19:27

Industrie

Industrie in Oberfranken unter Druck: Mehr als 15.000 Arbeitsplätze seit 2019 verloren

von Katharina Müller-Sanke

Die Industrie in Oberfranken verliert weiter an Boden. Seit 2019 sind in der Region 15.252 Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe verschwunden. Das ist ein Rückgang von 11,1 Prozent. Allein zwischen 2024 und 2025 gingen 3.764 Stellen verloren.

Abbrucharbeiten für das IHK Ausbildungszentrum in der Schiller-Straße beginnen. Foto: IHK für Oberfranken Bayreuth
IHK-Präsident Dr. Michael Waasner (Mitte), Hauptgeschäftsführer Wolfram Brehm (rechts) und Stv. Hauptgeschäftsführer Tobias Hoffmann freuen sich über den planmäßigen Start der Abbrucharbeiten.. Fot: IHK für Oberfranken Bayreuth

Für Dr. Michael Waasner, Präsident der IHK für Oberfranken Bayreuth, ist das ein alarmierendes Signal. Seine Diagnose fällt deutlich aus:

„Die Deindustrialisierung Oberfrankens schreitet ungebremst voran.“

Beschäftigung auf historischem Tiefstand

Die Folgen sind messbar: Mit 121.545 Beschäftigten hat die Industrie in Oberfranken laut IHK einen historischen Tiefstand erreicht.

Damit sind die Befürchtungen der regionalen Wirtschaftskammer eingetreten. Noch vor wenigen Jahren galt Oberfranken mit seinen zahlreichen mittelständischen Betrieben als stabile Industrieregion, geprägt von Maschinenbau, Kunststoffverarbeitung und Automobilzulieferern.

Heute zeigt sich ein anderes Bild: Werksschließungen, Stellenabbau und Kurzarbeit prägen zunehmend die Schlagzeilen.

Zahlen, die eine ganze Stadt verschwinden lassen

Um die Dimension greifbar zu machen, zieht die IHK einen drastischen Vergleich.

Der Verlust von 15.252 Industriearbeitsplätzen entspricht in etwa der Einwohnerzahl ganzer Städte wie:

  • Kronach (rund 16.600 Einwohner)
  • Selb (rund 14.700 Einwohner)
  • Pegnitz (rund 13.700 Einwohner)
  • Hirschaid (rund 12.400 Einwohner)

Zusätzlich gingen seit 2019 1.406 Arbeitsplätze im Bereich wirtschaftliche Dienstleistungen verloren auch weil viele Dienstleister stark von Aufträgen aus der Industrie abhängig sind.

Drei Hauptgründe für den Abwärtstrend

Nach Einschätzung der IHK lassen sich die aktuellen Entwicklungen vor allem auf drei Faktoren zurückführen:

1. Schwierige Standortbedingungen in Deutschland

Hohe Arbeitskosten, steigende Energiepreise, hohe Steuer- und Abgabenlast sowie umfangreiche Bürokratie gelten aus Sicht vieler Unternehmen als Wettbewerbsnachteil.

2. Unsichere internationale Märkte

Geopolitische Spannungen, Handelskonflikte und schwankende Absatzmärkte erschweren langfristige Investitionsentscheidungen.

3. Krise der Automobilindustrie

Besonders hart trifft es Oberfranken wegen seiner mehr als 200 Automobilzulieferer. Die Transformation der Branche – etwa durch Elektromobilität und sinkende Produktionszahlen – schlägt direkt auf die Region durch.

Wachstum in anderen Branchen – aber zu wenig

Gleichzeitig entstehen in anderen Wirtschaftsbereichen neue Arbeitsplätze.

Seit 2019 gab es laut IHK Zuwächse unter anderem in:

  • der öffentlichen Verwaltung (+5.741 Beschäftigte)
  • dem Gesundheits- und Sozialwesen (+3.342)
  • Verkehr und Logistik (+2.566)
  • Erziehung und Unterricht (+2.557)
  • freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen (+2.134)
  • Diese Zuwächse können den industriellen Stellenabbau jedoch nicht ausgleichen.

Insgesamt ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zwischen 2019 und 2025 nur leicht um 4.224 Stellen (1 Prozent) gestiegen. Im vergangenen Jahr gingen sogar 1.858 Arbeitsplätze insgesamt verloren.

Forderung nach Reformen in Berlin und Brüssel

Für IHK-Präsident Waasner ist klar: Ohne politische Gegenmaßnahmen droht eine dauerhafte Schwächung der Industrieregion.

Er fordert deshalb grundlegende Reformen:

  • niedrigere Arbeitskosten
  • geringere Steuer- und Abgabenlast
  • weniger Bürokratie
  • mehr Planungssicherheit für Unternehmen
  • höhere Investitionen in Infrastruktur.

Berlin habe zwar erste Schritte eingeleitet, doch aus Sicht der Wirtschaft reichen diese nicht aus.

Erinnerung an die Agenda 2010

Waasner verweist auf eine historische Parallele: die Reformpolitik Anfang der 2000er Jahre.

Mit der Agenda 2010 sei es damals gelungen, Deutschland vom „kranken Mann Europas“ wieder zu einer wirtschaftlichen Lokomotive zu machen. Auch Oberfranken habe davon profitiert; mit sinkender Arbeitslosigkeit und steigender Beschäftigung.

Auch Kommunen in der Verantwortung

Der IHK-Präsident richtet seinen Appell nicht nur an Bund und Länder, sondern auch an die kommunale Politik.

Gerade nach den jüngsten Kommunalwahlen müssten Städte und Gemeinden wirtschaftliche Auswirkungen stärker berücksichtigen, etwa bei Infrastruktur, Gewerbeflächen oder Genehmigungsverfahren.

„Noch mehr als bisher müssen bei jeder politischen Entscheidung die Auswirkungen auf den Standort und die Wirtschaft mitgedacht werden.“

Forderung nach einer „Agenda 2030“

Angesichts geopolitischer Veränderungen, zunehmenden internationalen Wettbewerbs und des demografischen Wandels fordert Waasner einen neuen wirtschaftspolitischen Kraftakt.

Sein Vorschlag: eine „Agenda 2030“ für Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit.

„Die Lage ist so ernst wie selten zuvor. Unsere Unternehmen brauchen wieder eine verlässliche Zukunftsperspektive – und zwar jetzt.“

Fazit:

Oberfranken steht wirtschaftlich an einem Wendepunkt. Während Verwaltung, Logistik und soziale Berufe wachsen, verliert die Region ihre industrielle Basis. Die zentrale Frage lautet deshalb: Kann die Politik rechtzeitig gegensteuern oder wird der Strukturwandel schneller sein als die Reformen?

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